Wale vor der Isla del Caño 1


08.02.2011: Show der Superlative in Costa Rica

Nachdem dem gestrigen Tag, welchen wir wie Tarzan und Jane mit einer Canopy-Tour durch die Dächer des Sekundär- und Primär-Regenwaldes verbrachten, wissen wir heute mit unserer Zeit nichts anzufangen. Die verschiedenen Vögel haben ihre nächtlichen Lager in den nahen Baumwipfeln bereits verlassen, der singende und pfeifende frühmorgendliche Lärm unserer gefiederten Nachbarn ist verstummt. Schmetterlinge flattern geschäftig durch das hohe sonnenverbrannte Gras, immer dicht überhalb der bräunlichen Gräser fliegen sie einzeln oder tanzen in kleinen Gruppen durch die beginnende Hitze des Tages.Helekonia: Benannt nach Helecon, dem griechischen Berg und Sitz der griechischen Musen.

Das tiefe Brummen eines Kolibris kündigt seinen morgendlichen Besuch an, lange bevor er in Sichtweite kommt. Wie jeden Tag macht er Halt an einer riesigen Helekonia-Staude. Für einige Sekunden bleibt er in der Luft stehen, sucht den Sitz der Musen (Helicon = griechischer Berg und Sitz der Musen) nach Nektar ab und bestäubt nebenbei die Blüten der farbenprächtigen Blütenstände. Unser tägliches Spiel beginnt. Ich höre das tiefe Brummen, greife nach der Kamera und lege mich auf die Lauer. Heute beschließe ich, mich auf der rechten Seite für den Schnappschuss bereit zu machen. Fiebrig sucht mein Zeigefinger den Auslöser, kurze Verschlusszeit wird gewählt, der brummende kleine Vogel braucht nur noch in mein Blickfeld zu kommen und abdrücken. Das Summen wird lauter, meine Anspannung steigt, das rechte Auge klebt förmlich am Sucher. Der Kolibri kommt von links, bleibt für Sekunden in der Luft stehen und sucht die Helekonia nach Nektar ab. Perfekt! Allerdings nur für den Kolibri. Denn der kommt heute von der linken Seite angeflogen. Noch bevor ich mich neu positionieren kann, sucht er bereits wieder das Weite.

Kolibri: Tieftönendes Brummen auf der Suche nach Nektar.Morgen beginnt das Spiel von vorne, die Karten werden neu gemischt. Ich hatte insgesamt 13 Tage Zeit, den kleinen gefiederten Genossen digital abzulichten. Eine wirklich befriedigende Aufnahme gelang mir dabei nicht. Entweder hatte ich die Kamera nicht bei der Hand, der Kolibri kam wie beschrieben von der „falschen“ Seite angeflogen oder ich lag gerade faul in der Hängematte undKolibri: Hochleistung bei der Nahrungsaufnahme. war selbst zu träge zum Fotografieren. Aber schließlich haben auch andere Mütter schöne Töchter und stellvertretend für meinen widerspenstigen Freund sollen die beiden nebenstehenden Kolibris ihre wunderbare Spezies vertreten, deren Aufnahme mir bei einem Ausflug zum Vulkan Poas gelangen, allerdings unter künstlichen Bedingungen. Aber auch ich darf nicht immer wählerisch sein.

So planen wir für den heutigen Tag, hinunter nach Agujitas an den Strand zu spazieren und trotz der nicht sehr einladenden Atmosphäre im Pazifik zu baden. Einer meiner Fehler bei unserer Reiseplanung. Wer sich mit dem Gedanken trägt, in Costa Rica einen Badeurlaub einzuplanen, sollte genau und vor allem mit Bedacht wählen. Trotz der mehrere Tausend Kilometer langen Küstenlinie sowohl am Pazifik als auch am Atlantik sind wirklich badetaugliche Strandabschnitte rar gesät. Die Karibik- oder eben Atlantikküste bietet sicherlich einige gute Strandabschnitte, desweiteren der Nordwesten auf der Pazifikseite, die Halbinsel Nicoya und die Gegend um den Nationalpark Manuel Antonio. Doch da diese aufgrund ihrer Beliebtheit sehr stark frequentiert sind, sind sie dementsprechend überlaufen und in weiterer Folge die Unterkünfte übermäßig teuer.

Einige von Ihnen werden mir jetzt entgegenhalten: „Zum Baden fährt man sowieso nicht nach Costa Rica.“ Das stimmt selbstverständlich, aber bei 30 Grad und mehr ist es manches Mal nicht schlecht, sich eine kleine Abkühlung zu gönnen. Doch gerade in Costa Rica sind Unterströmungen (Rip-Strömungen) sowohl am Atlantik als auch am Pazifik eine Gefahr, welche nicht zu unterschätzen ist und vor der leider oftmals nicht einddringlich genug gewarnt wird. Aber Atmosphäre hin und Strömung her, unser Entschluss für heute steht fest. Wir machen uns auf den täglichen Weg von unserem Bungalow hinunter in das 300 Seelen-Dorf Agujitas und wollen uns eine Erfrischung im Pazifik genehmigen.          

Auf den Strassen von Costa Rica.Auf den Weg bedeutet in unserem Fall 2,5 Kilometer Fussmarsch über eine staubige und von Schlaglöchern übersäte Strasse. Busse? Gute Idee, aber leider nicht in dieser Gegend. U-Bahn? Fährt in ganz Costa Rica keine. Strassenbahn? Müssten erst die Schienen verlegt werden. Also Taxi? Das kann hier dauern. Also freut sich die allerbeste Ehefrau dieser Welt wie jeden Tag auf ihre reichliche Dosis Bewegung in glühender Hitze, auf staubtrockener Strasse und inmitten extremer Luftfeuchte.

Wir sind noch keine 500 Meter weit gekommen, als uns langsam schaukelnd ein Auto entgegenkommt. Vorsichtig weicht es den tiefen Löchern aus, langsam umfährt es die grossen Steine, welche links, rechts und mitten auf der Strasse liegen, tastet sich Meter für Meter den Berg hinauf. Auf unserer Höhe angekommen, kurbelt der Fahrer, ein junger Mann, das Fenster herunter. Das gesprochene Englisch deutet unverkennbar auf die deutsche Muttersprache hin. Neugierig beugt sich auf dem Beifahrersitz seine junge Freundin nach vorne, beobachtet mich aus dem Hintergrund.

Die beiden haben sich auf der Suche nach einer Tankstelle verfahren, wobei die Suche nach stationären Benzinspendern in dieser Gegend, wie wir sie in Europa kennen, sowieso vergebliche Liebesmühe ist. Benzin wird hier im Süden des Landes per Schnellboot in großen Kanistern oder Fässern an die Drake Bay gebracht und an zentraler Stelle per Trichter in die Autotanks oder Motorboote geschüttet. Doch wo befindet sich solch ein Benzindepot? Auch wir wissen es nicht. Am besten zurück, den Berg hinunter und noch einmal fragen. Wir wandern weiter, der Wagen fährt noch ein kleines Stückchen bergauf, um eine Stelle zum Wenden zu suchen. Eine Idee kommt uns. Wir haben in Agujitas Martina Wegener kennengelernt, eine Deutsche, welche seit etwa zwei Jahren ihr Domizil in Costa Rica aufgeschlagen hat und selbst Touren für Touristen organisiert. Und ganz nebenbei betreibt sie noch mit einer costaricanischen Köchin eine kleine Pension mit angeschlossenem Restaurant. Natürlich nicht nach europäischen Maßstäben, aber Casado con pollo oder ein frischer Red Snapper schmecken unter freiem Himmel einfach besser als in geschlossenen Wänden. So, liebe Martina, wenn Du diese Zeilen liest, lass mir Deinen Leguan im Garten schön grüssen und wir bleiben über Facebook in Kontakt. Und wer in der Drake Bay oder eben genauer gesagt in Agujitas auf der Suche nach einer gut betreuten Tour oder einem guten Essen ist, Martina ist eigentlich überall bekannt. 

Wenn jemand weiss, wo es den heissbegehrten Sprit gibt, dann wohl Martina. Also schlagen wir den beiden einen Handel vor. Wir dürfen im Auto mitfahren und im Gegenzug bringen wir sie zu Martina. Also rein ins Auto, runter den Berg und bei Frau Wegener vorbeischauen. Ich will die Sache abkürzen. Alles hat bestens funktioniert, danach sitzen wir zu viert noch bei einem Kaffee und erzählen den beiden, dass wir jetzt schwimmen gehen wollen. Am Nebentisch sitzt eine junge Französin mit ihrem Freund aus Israel. Wie dies nun einmal so ist bei Gesprächen am Nebentisch: Man hört zu. Und da die junge Dame aus Paris auch etwas Deutsch spricht, versteht sie, was die allerbeste Ehefrau und ich uns für heute vorgenommen habe.

Ich gebe nun ihr Statement nicht im Wortlaut, aber sinngemäß wieder. Die beiden jungen Menschen sind mit den gleichen Plänen wie wir in den Tag gestartet. Doch dasAmerikanisches Spitzkrokodil im Corcovado Nationalpark bei San Pedrillo, Costa Rica. Baden ist ihnen vergangen. Der Grund dafür war etwa vier Meter lang und sah im Wasser aus wie ein treibender Baumstamm. Allerdings handelte es sich nicht um einen solchen, sondern um ein amerikanisches Spitzkrokodil, neben dem Krokodilkaiman (Brillenkaiman) das grösste in Costa Rica lebende Reptil. Sehen wir einmal von der Boa constrictor, der tödlichen Buschmeister, dem grünen Leguan, der Lederschildkröte oder der in ihrem Bestand sehr gefährdeten grünen Meeresschildkröte ab.

Die (nicht abschließende) Aufzählung soll Ihnen bereits einmal einen Vorgeschmack auf den Artenreichtum des kleinen mittelamerikanischen Landes geben, wobei angemerkt werden muss, dass bestimmte Arten auch ganz bestimmte Lebensräume innerhalb des Landes beanspruchen und natürlich ein Aufeinandertreffen sehr selten ist. Einen kleinen Vertreter unserer heutigen „Problem“ traf ich dann im Corcovado Nationalpark bei San Pedrillo. Wobei auch dieser es vorzog, sich ganz friedlich im Wasser Eine Boa constructor in ihrem Baumversteck.treiben zu lassen, anstatt sich um mich zu kümmern, obwohl ich einen nahegelegenen Fluss bis zum Bauchnabel im Wasser stehend durchqueren musste. Ähnliches widerfuhr oder widerfuhr mir eben nicht mit einer ganz entzückenden jungen Boa, welche sich in Strandnähe ein gemütliches Plätzchen in einem Baumloch suchte anstatt mich mit Haut und Haaren oder in meinem Falle besser mit Haut und Glatze zu verschlingen.  

Aber zurück zu unseren Plänen für den heutigen Tag, welche sich allerdings von einem Moment auf den anderen auf wundersame Weise verflüchtigt hatten. Oder anders ausgedrückt: Die allerbeste Ehefrau der Welt wollte plötzlich nicht mehr im Meer schwimmen. Zur Ehrenrettung des amerikanischen Krokodils muss aber ganz klar gesagt werden, dass es sich dabei um kein angriffslustiges Krokodil wie etwa dem australischen Leistenkrokodil handelt. Aber vier Meter Rumpflänge sind doch ein beeindruckendes Argument, um die eigenen Entscheidungen noch einmal gründlich zu überdenken. Und genau dieses taten wir dann auch.

Und überdenken muss ich nun auch die Länge meines Artikels. Wie ich sehe, nimmt er schön langsam die Ausmaße einer ausgewachsenen Boa constructor bzw. eines stattlichen amerikanischen Krokodils an. Und weil ich ein ebenso friedliches Wesen bin und mit Ihnen in keine Konflikte kommen möchte, verziehe ich mich lieber in meine eigene kleine Höhle. Aber weil Sie natürlich so tapfer bis hierher durchgehalten haben, sollen auch Sie einen kleinen Leckerbissen bekommen. Es folgt zum Schluss der erste Teil unserer Walbeobachtung. Aber seien Sie nicht enttäuscht, wenn Sie in meinem Video noch nicht viel von den grössten Säugetieren unserer Meere zu Gesicht bekommen. Denn erstens haben es uns und besonders Evaristo, unserem ausdauernden Kapitän, die Wale am 08.02.2011 auch nicht leicht gemacht und zweitens möchte ich Sie zum Wiederkommen bewegen.      



Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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