Bio Natur - Der Weblog

14.1.2011

Dendrochronologie: Auf dem Holzweg

Abgelegt unter: Was nirgends reinpasst — Paul Boegle @ 23:44

Von der Auswertung der Jahresringe der Bäume

Dendrochronologie: Vom Zählen der Jahresringe.

Bildquelle: Würmeiszeit 

Dendrochronologie! Welch Wortschatz wissenschaftlicher Sprache. Klingt fast so schön wie Anthropozän. Vielleicht sogar noch etwas lieblicher, aber ganz einfach sensationell. Und was bedeutet dieses Wort? Eigentlich nichts anderes als das Zählen der Jahresringe von Bäumen, das anschließende Auswertung derselben und endgültig das Ziehen von Rückschlüssen.

Besonders uralte Bäume wecken dabei die begehrlichen Finger von Forschern wie Kurt Nicolussi vom Institut für Geographie an der Universität Innsbruck. Besonders jene hölzernen Zeugen unserer Vergangenheit sind für die Wissenschaftler von großem Interesse, welche in Mooren, Gletschern oder Gewässern dem nagenden Zahn der Zeit ein kleines Schnippchen schlagen konnten und oftmals unbeschadet nun wieder wie Phoenix aus der Asche, eigentlich ein Sakrileg im Zusammenhang mit brennbaren Materialien, unverhofft zur detaillierten Klimaentwicklung der letzten Jahrtausende beitragen. Sehr interessant dazu: Kurt Nicolussi: Alpine Dendrochronologie – Untersuchungen zur Kenntnis der holozänen Umwelt- und Klimaentwicklung.

Da sich Bäume und die zugrundeliegenden Indikatoren der Jahresringe allerdings nur im Sommer in die Breite bewegen, störte die Wissenschaftler dabei kaum, da es kaum einen signifikanten Unterschied zwischen Sommer- und Jahresmittelwerten gibt. Kalte Sommertemperaturen bedeuten also einen geringeren Wachstum der Ringe und aus dieser Erkenntnis konnte Nicolussi Rückschlüsse auf die damaligen Temperaturen ziehen.

“Proxies” nennen die Forscher diese Indikatoren oder gespeicherten Klimaarchive, welche Aufschlüsse über Klima und Temperaturen lange vor unserer Zeit zulassen. Einer Zeit, als Messdaten und hochempfindliche Instrumente noch fernab jeglicher Zivilisation in der Natur gefangen wurden und bis zu ihrer Revitalisation schlummerten. Und dank Tropfsteinhöhlen, Korallenriffen, Ozeansedimenten, Pollen oder Bohrungen im leider nicht mehr “ewigen Eis” lässt sich weit in unserer Zeit zurückschauen. Es fragt sich nur, wie lange wir noch diesen roten Faden der Geschichte aufrollen können.

Auch eine sehr kurzweilige Lektüre: Archive des Klimas       


12.1.2011

Strasse der Ölsardinen

Abgelegt unter: Was nirgends reinpasst — Paul Boegle @ 15:45

Was gibt es Neues bei British Petroleum (BP)

Kennen Sie eigentlich die Strasse der Ölsardinen? Nein, ich möchte jetzt nicht schon wieder polemisch werden und auf BP rumhacken und schon gar nicht zum Boykott gegen die englischen Benzinbrüder aufrufen. Nein, mir liegt es völlig fern, schon wieder einen Tropfen Öl ins Feuer im Golf von Mexiko zu giessen (BP: Zaster trotz Desaster). Aber nein, das habe ich doch schon zur Genüge getan. Ich frage Sie ohne den kleinsten Hintergedanken: “Kennen Sie die Strasse der Ölsardinen?”

Es ist ein wunderbares Buch von John Steinbeck. Zumindest finde oder besser fand ich es herrlich amüsant. Damals, als ich es las. Also so ca. vor 500 Jahren oder so ähnlich. Oder gab es zu dieser Zeit noch gar keine Bücher? Doch, gab es natürlich schon. Aber möglicherweise noch nicht in gedruckter Form, so wie wir oder zumindest einige von uns sie kennen. Doch, schließlich starb Gutenberg im Jahre 1468, um genau zu sein, am 03. Februar jenes Jahres, also vor, lassen Sie mich nachrechnen, ja so vor etwa, nun mit Sicherheit vor mehr als 500 Jahren, um ganz genau zu sein.

Wenn Sie nun glauben, dass ich Ihnen etwas mehr über jene “Cannery Row” oder eben “Strasse der Ölsardinen” erzählen möchte, liegen Sie allerdings falsch und ich liege dementsprechend in jener Lache Ihrer Enttäuschung und suhle mich genüsslich darin. Eigentlich wollte ich Ihnen nur meine neueste Kreation zu BP vorstellen. Und da sich im Moment kein passender Aufhänger als Rettungsanker griffbereit in meiner Nähe befand, nahm ich eben jenen Titel jenes Buches von jenem John Steinbeck zu Hilfe. Mehr gibt es eigentlich schon nicht mehr zu sagen. Aber das habe ich zumindest in vielen Punkten mit BP gemeinsam.

Ölsardinen: Killed and manufactered by BP.   


9.1.2011

Seltene Erden auf Mutter Erde

Abgelegt unter: Garten — Paul Boegle @ 20:27

Künstliche Verknappung von Metallen

Gar Seltsames las ich wieder einmal über China. Nein, liebe LeserInnen, die künstliche Verknappung der Menschenrechte im Reich der Mitte war nicht Inhalt und schon gar nicht Gegenstand und überhaupt kein Thema des Artikels, denn diese sind auch ohne weiteres Zutun eine gedrosselte Ressource. “China verknappt wichtige Metalle“ war darin zu lesen.

Hochtechnologie-Metalle aus China sind gefragt. Heute mehr denn je. In Europa, den USA und Japan heiß begehrt. Für die Herstellung und die Produktion von Laptops, Handys oder Smartphones und iPhones werden diese sogenannten Seltenen Erden dringend benötigt. Die Welt will miteinander kommunizieren und China steht als wichtigstes Bindeglied, als Hüter dieser Schätze namens Yttrium, Scandium, Lanthan und seinen zugehörigen Lanthanoiden, zwischen meinen Gesprächspartnern und mir. Ich nehme an, bei Ihnen wird es sich ähnlich verhalten? (Sehr ausführlich dazu: Daniel Mehl: “Seltene Erden Metalle Von der Lagerstätte bis zur Verwendung“). Seltene Erden oder speziell Seltene Metalle finden ihre Verwendung übrigens auch in der Auto- bzw. Rüstungsindustrie, aber dies sei hier nur von nebensächlicher und vollkommen untergeordneter Bedeutung, schließlich wollen wir alle gemeinsam keine Kriege führen und schon gar nicht mobil zu jenen Kriegsschauplätzen gebracht werden.

Seltene Erden: Weltproduktion von Ytterium, Scandium oder Lanthan. China beherrscht den Weltmarkt.

Stern.de: Weltweite Vorkommen der seltenen Erden

Und so glühen dementsprechend die Drähte zwischen China und dem Rest der Welt. Die einen haben die Seltenen Metalle, die anderen benötigen diese dringend. Und was Begehrlichkeiten weckt, hat eben seinen Preis. Und je weniger auf den Märkten zu bekommen ist, desto höher steigen die Preise. So ist dies eben in modernen Volkswirtschaften. Die Nachfrage bestimmt den Preis. Ein Postulat der Mikroökonomie. Nicht neu, aber immer noch effektiv. Sozusagen “ceteris paribus“, in den meisten Fällen zumindest. Und je seltener die ohnehin schon Seltenen Metalle, desto astronomischer die Summen, die dafür hingeblättert werden. Egal ob nun japanischer Yen, europäischer EURO oder amerikanischer Dollar. Hauptsache, der Rubel rollt.

Dass allerdings China nun diese künstliche Verknappung der Ressourcen, immerhin kontrolliert das Land mehr als 90 Prozent des Weltmarktes, im Zusammenhang mit strengeren Umweltschutzauflagen in Verbindung bringt, ist natürlich in den Augen eines grünen Bloggers eine löbliche Maßnahme. Sollte Peking doch tatsächlich sein grünes Herz im Sinne der Umwelt entdeckt haben und sich nach der UN-Klimakonferenz von Tianjin auf zu neuen Ufern machen?

Was höchst seltsam klingt, erklärt Chao Ning, der Sektionschef des chinesischen Handelsministeriums damit, dass sich aufgrund der übermäßigen Ausbeutung in der Vergangenheit und dem damit verbundenen Raubbau an der Natur, den bisher unkontrollierten Grenzwerten der in die Flüsse geleiteten Abwässer und natürlich auch in einer begründeten Angst vor dem zu Neige gehen der so kostbaren Rohstoffe und damit dem Versiegen einer fröhlich plätschernden Geldquelle nun China in der Verpflichtung sieht, zukünftig die alleinige Last von den eigenen Schultern zu nehmen (Financial Times Deutschland: China treibt den Preis für seltene Erden). Wenn dann allerdings ein deutscher Wirtschaftsminister Rainer Brüderle anlässlich des Besuchs des chinesischen Vize-Premierministers Li Keqiang dem chinesischen Staat ob dieser neuen Umweltschutzpolitik Vorhaltungen macht und “die Wichtigkeit der Rohstoffe für den technologischen Fortschritt der Industrienationen” betont, wird wieder einmal mehr als deutlich, welchen Stellenwert manche Politiker dem Umweltschutz beimessen. “China solle seine Haltung zur Einschränkung der Exporte überdenken” kommt da als sanfte und dezente Aufforderung aus Berlin in Richtung Peking. In diesem Falle sogar völlig ohne heisse Drähte, Smartphone oder iPhone. Umwelt hin, Schutz her. Hauptsache, der Rubel rollt.

Dass am Rande der Stippvisite des hohen Funktionärs aus dem Land des Lächelns Unternehmen wie Daimler oder VW leise schaukelnd in den realen und politischen Abwässern mitschwammen, um milliardenschwere Verträge mit chinesischen Partnern zu unterzeichnen, mag vielleicht dazu beitragen und die Entscheidung Chinas erleichtern, die Sache mit den Exportbeschränkungen jener Seltenen Metalle doch noch einmal zu überdenken. Umweltschutz muss ja nicht sofort sein, wenn die Bürden der Mikroökonomie eihnem fast das Kreuz brechen. Natürlich nicht ”ceteris paribus”, denn meine eigenen Annahmen müssen sich nicht unbedingt mit jenen der anderen decken.   

Zum Abschluss noch eines zu jenen Seltenen Metallen. Denn eigentlich ist hierbei der Name nicht unbedingt Programm, weil diese Rohstoffe keine Rarität sind. Beliefert China zwar fast den gesamten Markt, besitzen das Land jedoch nur einen Anteil von 30 Prozent der Bodenschätzen, welcher sich in heimischer Erde versteckt. Die USA selbst könnten 15 Prozent dieser so unerlässlichen Metalle aus dem eigenen amerikanischen Erdreich schürfen. Japan entwickelt nun sogar einen Tauchroboter, welcher vor der eigenen Küste die Rohstoffe an die Oberfläche befördern soll. Und im Vietnam, Südafrika, Kirgistan oder Australien dürfte Ytterium, Scandium oder Lathan auch keine Seltenheit sein. Warum haben sich die führenden Wirtschaftsnationen also bisher auf Gedeih und Verderb in die Abhängigkeit Chinas begeben?

Ganz einfach: Weil dort der Umweltschutz bis zum jetzigen Zeitpunkt bei der Ausbeutung der Seltenen Erden nur von untergeordneter Bedeutung war. Und weil dies eben so war, desto billiger war der Rohstoff zu haben. Irgendwie beisst sich jene ominöse berühmt-berüchtigte Katze wieder einmal selbst in ihren siebenschwänzigen Schwanz.        

     

7.1.2011

Cattelan und die Mailänder Börse

Abgelegt unter: Reisen — Paul Boegle @ 13:31

Ein Stinkefinger als polemischer Fingerzeig?

Nachdem ich unlängst bereits einen kleinen Ausflug in die futuristische Zukunft des legitimen Nachfolgers des Homo sapiens (Homo urbanus: Der neue Stadtmensch) gemacht habe, kehre ich heute wieder in die Gegenwart und gleichzeitig auf den Boden der Tatsachen zurück.

Stinkefinger von Maurizio Cattelan provoziert vor Mailänder Börse.Wir schreiben also das Jahr 2011. In Österreich genauso wie in Italien. Und in Rom ebenso wie in Mailand. Und vor dem Mailänder Dom wie ebenfalls an der Mailänder Börse. Und dort steht er: Nicht der Fingerzeig Gottes, sondern der Stinkefinger des Künstlers Maurizio Cattelan. Ursprünglich einmal eine vollständige Hand mit fünf Fingern, hat Cattelan jene vier Finger links und rechts jenes symbolträchtigen Mittelfingers abgesägt und daraus eine “Geste der Liebe” gemacht, wie er selbst bekundet (siehe Maurizio Cattelan provoziert in Mailand).

Nun, der Präsident der Mailänder Börse, der ehrenwerte Signore Raffaele Jerusalmi, versteht bei solcherlei Gesten der Liebe allerdings keinen Spaß. Ganz im Gegenteil: Der Stinkefinger wirke nicht nur äusserst deplaziert vor jenem Gebäude des heutigen Finanzadels, welches damals vom noch wesentlich ehrenwerteren Benito Amilcare Andrea Mussolini, auch kurz und bündig im faschistischen Italien der Vergangenheit liebevoll “Duce” genannt, gebaut wurde. Nein, welch Frevel, dieser Stinkefinger sei sogar “respektlos antikapitalistisch” und die Mitarbeiter der Borsa Italiana müssen auf ihrem tagtäglichen Weg zu ihren Arbeitsplätzen sogar um die Schockskulptur herumgehen, anstatt zielgerichtet den direkten Weg in die geheiligten Hallen des Kapitalismus ansteuern zu können.

Lange Rede, kurzer Sinn: Der Stinkefinger müsse daher sofort weg. Und so macht Herr Jerusalmi dementsprechend auch Druck auf die amtierende Bürgermeisterin der lombardischen Metropole. Doch Signora Letizia Moratti zeigt sich unbeeindruckt vom Begehren des sittsamen Moralapostels monetärer Transaktionen und Gralswächters des italienischen Kapitalismus. Sollte die Statue und Geste der Liebe eigentlich nur für wenige Tage ihre unmoralischen Dienste vor der Mailänder Börse verrichten, hat nun der Gemeinderat beschlossen, dass der Finger weiterhin als anitkapitalistisches Mahnmal, zumindest wenn es nach Herrn Jerusalmi geht, für weitere neun Monate vor sich hin stinken darf.

Ich möchte keinesfalls der Intention von Maurizio Cattelan eine ungeahnte Wendung geben, aber eine eigene Interpretation seines Werkes sei mir doch erlaubt. Da der Stinkefinger vor dem Eingang nicht Richtung Börse zeigt, sondern ganz gegenteilig in die andere Richtung, wäre es doch durchaus denk- und vorstellbar, dass es sich hierbei nicht um ein respektlos anitkapitalistisches Kunstwerk handelt, sondern vielmehr darum, dass das Kapital dem gemeinen Volke seinen respektlosen Stinkefinger Tag für Tag zeigt. Und dann hätte der monumentale Finger durchaus seine Berechtigung, für immer an diesem Standort zu stehen. Ich finde, es hätte keine bessere Platzwahl geben können. Denn solch einer Geste der Liebe, jener Liebe zum Geld, muss doch Ausdruck verliehen werden.      


4.1.2011

Niki Lauda: 3-facher Nähmaschinen-Weltmeister

Abgelegt unter: Verkehrte Welt — Paul Boegle @ 22:02

Tapferes Schneiderlein Formel 1

Ich bin, wie Sie bereits aus meinem Artikel “Formel 1: Mit Vollgas zur Formel Grün” wissen, ein glühender, was sage ich, ein geradezu fanatischer Anhänger dieser Sportart im Freien. Was gibt es denn Schöneres als im trauten Kreise der großen Motorsport-Familie an der frischen benzingeschwängerten Luft zu sitzen und 135 Runden mit dem Bierglas im Anschlag in 90 Minuten oder bei Regen gerne auch mehr auf die Zielflagge der 2,8 Promille-Grenze zuzusteuern? Den Kopf immer links und rechts mit den Fahrern hart an der Schallgrenze der Fliehkräfte ruckartig hin- und wieder herbewegend, schaut man sich an, was man sowieso nicht sieht. Mit 450 km/h oder bei Regen gerne auch mehr rauschen die sich nur durch die Werbung unterscheidenden Boliden nacheinander im Windschatten an einem vorüber und verschwinden ebenso schnell wieder von der Bildfläche wie sie gekommen sind.

Aber glücklicherweise hört man sie wenigstens wesentlich länger als sie sich im Sichtfeld der Biergläser befinden. Zumindest bis zum Jahre 2013. Egal ob nun die Sonne scheint oder ob es in Strömen regnet. Und dann? Nun, die Formel 1 möchte aus Kostengründen, für die Natur und Umwelt wird es sicherlich auch nicht von Nachteil sein, kleinere Motoren einsetzen. Irgendetwas mit 4 Zylindern und so weiter, so genau kenne ich mich auch nicht aus, da müssen Sie bitte Niki Lauda, Bernie Ecclestone oder jenen geilen Ferrari-Chef namens Luca di Montezemolo (Vierzylinder für Monte­zemolo nicht sexy genug) fragen.

Niki Lauda: Formel 1 Motoren klingen ab 2013 wie Nähmaschinen.Aber genau diese Regeländerung stellt uns, also besonders jene drei letztgenannten Herren, vor ungeahnte Probleme. Denn was bisher so geil war, nämlich der geile Sound der geilen Männer in ihren geilen Kisten oder eben auch andersrum die geilen Kisten mit darin sitzenden geilen Männern, ist ab 2013 vollkommen ungeil. Denn dann kommen die Formel 1-Motoren ins Stottern, bekommen sozusagen riesige Potenzprobleme. Denn dann klingen die Geschosse nicht mehr wie richtige Männer-Fahrzeuge, sondern nur noch wie kastrierte Frauen-Nähmaschinen.

In der “Bild am Sonntag” macht sich dementsprechend Niki Lauda “Sorgen um den Sound, der die Formel 1 so einzigartig macht. Hoffentlich bleibt da nicht nur ein leises Brummen übrig …”. Und Bernie Ecclestone sieht dieselben Gedanken im kleinen Rückspiegel an sich vorbeiziehen: “Mir ist es egal, ob es 1,6 oder 1,8-Liter-Motoren sind. Ich mache mir um den Sound Sorgen.” (Motoren ab 2013: Geht der Sound verloren?)

Da fällt mir eigentlich nur noch jener vielzitierte Slogan ein: “Ihre Sorgen möchten wir haben!”

Unbearbeitete Bildquelle: Bruno Naumann Nähmaschine


3.1.2011

Klimaforschung vor der Klimaforschung

Abgelegt unter: Was nirgends reinpasst — Paul Boegle @ 20:39

Apokalypse Now oder Schnee von gestern

Svante Arrhenius: Treibhauseffekt Ende des 19. Jahrhunderts entdeckt.

Bildquelle: Nobelprize.org 

Die Reduzierung oder der Anstieg von atmosphärischem Kohlendioxid um etwa 40% mag Rückkopplungen steuern, die für das Voranschreiten oder den Rückzug der Eiszeiten verantwortlich sind.”

Sie glauben, dieser Satz entstammt einem x-beliebigen Bericht eines x-beliebigen Instituts oder einer x-beliebigen Forschungseinrichtung zur Erklärung, Problematik oder Untermauerung des fortschreitenden Klimawandels? Könnte selbstverständlich so sein, ist es aber nicht. Denn dieser Satz stammt von Svante Arrhenius, seines Zeichens Chemiker und Physiker aus Schweden. Und jener Herr Arrhenius lebte von 1859 bis 1927, also zu einer Zeit, als Treibhaus, Klimakatastrophen und vor allem der Klimawandel für die Mehrheit der Menschen unbeachtet ante portas standen. Svante Arrhenius sprach diesen Satz im Jahre 1895 aus, als sich die Menschheit gerade auf den mühsamen Weg machte, der Industriellen Revolution und all ihren unabsehbaren Folgen die eigene rußgeschwärzte Seele auf Gedeih und Verderb zu verkaufen. Mit Erfolg natürlich, wie wir rückblickend feststellen können.

Erstaunlich, dass sich schon Ende des 19. Jahrhunderts ein fortschrittlicher Geist wie der schwedische Chemiker Gedanken über die Wirkung von Kohlendioxid machte, abseits von Computern und fernab von Klimamodellen. Er vermutete, dass die Kohleverfeuerung und der damit verbundene Ausstoß von Kohlendioxid mindestens zu einer Verdoppelung der Konzentration dieses klimawirksamen Spurengases in der Atmosphäre führen könnte. Als Folge davon befürchtete er einen Anstieg der bodennahen Weltmitteltemperatur um ungefähr 6 °C. (Weiterführend dazu WechselWirkung 139 Seite 15: ”Weltproblem Klimawandel Was wissen wir? Was müssen wir tun? Von Christian-Dietrich Schönwiese, Frankfurt/M.”).

Dass Arrhenius den Treibhauseffekt mit den eher angenehmen Seiten verband, ist dabei nicht von der Hand zu weisen: “Der Anstieg des CO2 wird zukünftigen Menschen erlauben, unter einem wärmeren Himmel zu leben.” Auch die Prämissen, um seine These zu untermauern, wie etwa eine gefrorene Schicht Kohlendioxideis, welche wie ein Glasdach wirke, wurde durch die moderne Wissenschaft überholt und richtiggestellt. Aber es bleibt trotz alledem festzuhalten, dass vielen Klimaskeptikern, welche diese Hypothese nun als fadenscheiniges Argument nehmen, um daraus eine Klimalüge zu basteln, nur ein Bruchteil an Weitsicht zu wünschen wäre, wie es ein Mann des ausgehenden Fin de siècle wie Svante Arrhenius an den Tag legte.

   

 

2.1.2011

Homo urbanus: Stadtmensch statt Stadtflucht

Abgelegt unter: Was nirgends reinpasst — Paul Boegle @ 21:08

Zukunft Stadt statt Zukunft?

Nachdem ich selbst ein Mensch unser seinesgleichen bin, welcher dem Begriff Homo sapiens sehr viel abgewinnen kann, aber gleichzeitig als “Homo homini lupus est” am grossen Zerfleischungsprozess derselben Art tagtäglich teilnehme, bin ich nun über den Menschen der Zukunft gestolpert. Nicht jenen Homo superior meine ich, sondern den Stadtmenschen der nahen Zukunft, gemeinhin als Homo urbanus bezeichnet.

Saigon oder Ho Chi Minh Stadt: Urbanes Zentrum des Vietnam.

Bild: Paul Bögle 

Die Zukunft gehört dem Homo urbanus” lautet eine Schlagzeile. Und diese beschriebene und prognostizierte Zukunft liegt nicht fern. Leben heute bereits 3,3 Milliarden jener den NeandertalerInnen nachfolgender Wesen in urbanen Ballungszentren oder eben Städten, werden sich im Jahre 2030 schon fünf Milliarden innerhalb immer schneller wachsender Stadtgrenzen niedergelassen haben.

Sehen wir uns die Weltbevölkerungsuhr an, so haben wir am 02.01.2011 ca. 20:30 Uhr, jener Zeitpunkt, an welchem ich gerade an diesem Artikel schreibe, etwa 6.934.727.331 Menschen auf dem Zähler stehen, Tendenz natürlich im Sekundentakt steigend. Nebenbei gesagt: Diese fiktive Weltbevölkerungsuhr zählt natürlich nicht tatsächlich die Menschen auf Mutter Erde, also Plus für die Neugeborenen und Minus für die Gestorbenen, sondern es handelt sich hierbei um eine statistische Hochrechnung des amerikanischen Population Reference Bureaus (PRB) .

Städte werden sich im wahrsten Sinne zu Hochburgen des Mit- und wohl auch Gegeneinanders entwickeln. Parag Khanna, Experte für Geopolitik an der Denkfabrik der New America Foundation in Washington, beschreibt das Szenario unserer allzu nahen Zukunft folgendermaßen: “Diese neue Welt ist kein globales Dorf, sondern ein Netzwerk aus verschiedenen Dörfern. … Es gibt bereits die ersten Allianzen zwischen diesen Städten, die an die Handels- und Militärmächte des späten Mittelalters erinnern, wie etwa die Hanse im Baltikum. … Städte sind sowohl das Krebsgeschwür als auch die Basis für eine neue Netzwerkwelt, sowohl Virus als auch Antikörper. Vom Klimawandel zur Armut und sozialen Ungleichheit: Städte sind das Problem – und die Lösung.”       

Homo Urbanus Europeanus von Jean-Marc Caracci.Dem Stadtmenschen der Zukunft, nein eigentlich der Gegenwart, hat sich auch ein Künstler gewidmet. Das Projekt Homo Urbanus Europeanus von Jean-Marc Caracci bietet ungewohnte Sichten und Ansichten. Zwei Jahre lang hat der französische Fotograf eine Vielzahl europäischer Städte fernab der ausgetretenen Touristenpfade belichtet, die darin wohnenden Menschen abgelichtet und herausgekommen sind spannende Schwarzweiss-Fotografien zum Thema europäischer Mensch in der Stadt.

Wer sich übrigens dieser Art der Fotograf nähern will, dem gibt Caracci einige gute Tipps mit auf den Weg (Quelle: Jean-Marc Caracci Grenzenlos).

  • Wenn Caracci ein gutes Foto im Kasten hat, kommt er trotzdem wieder, um ein perfektes zu schießen. Einige Regeln setzen die Basis:

  • Caracci vertraut seiner Festbrennweite von 28 Millimetern. Er kennt genau ihren Bildwinkel und kann so den Bildausschnitt intuitiv bestimmen.

  • An einem sonnigen Tag gibt er als Arbeitsblende f8 vor. Diese stellt einen guten Kompromiss dar, da die Schärfentiefe ausreichend ist, aber die Beugungsunschärfen höherer Blendenwerte ausbleiben. Als Lichtempfindlichkeit gibt er ISO 200 vor. Damit hat er ausreichend Spielraum bei den Verschlusszeiten, während das Bildrauschen noch zu vernachlässigen ist.

  • Caracci bevorzugt klare Strukturen, da sie ein Betrachter leichter lesen kann. Diese aufzuspüren ist für ihn der erste Schritt zu einem gelungenen Bild. Der nächste Schritt besteht daraus, Licht, Schatten und die Tonwertabstufungen der Flächen abzuschätzen. Wenn sie nicht harmonieren, kommt er anderntags wieder – falls nötig eine Woche lang. Für Caracci ist der Unterschied zwischen einer leeren und einer bevölkerten Architektur wie der zwischen Erde und Mond. Ob wohnlich oder nicht – es ist wichtig zu begreifen, dass sie von Menschen für Menschen geschaffen wurde.

So, meine lieben Stadtmenschen der Gegenwart und jene Spezies Homo urbanus zukünftiger Generationen. Graue Theorie ist das eine, auch wenn es sich hierbei um Schwarzweiss-Fotos handelt. Aber etwas Grün in unseren Städten hat unsere Umgebung noch niemals unterbelichtet.

Homo Urbanus Europeanus von Jean-Marc Caracci: Vienna Juli 2009 

Bildquelle: Jean-Marc Caracci: Homo Urbanus Europeanus Wien 

Und zum Schluss sei die Überlegung gestattet, wie lange Jean-Marc Caracci in etwa 20 Jahren wohl wird warten müssen, bis ihm solche Schnappschüsse urbaner Friedlichkeit mit einzelnen Individuen gelingen werden oder ob sich verlassene Häuserschluchten mit einzelnen darin wandelnden Menschen im Jahre 2030 nur noch als Rückblick anhand von Fotos reproduzieren lassen.

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