Cattelan und die Mailänder Börse 1


Ein Stinkefinger als polemischer Fingerzeig?

Nachdem ich unlängst bereits einen kleinen Ausflug in die futuristische Zukunft des legitimen Nachfolgers des Homo sapiens (Homo urbanus: Der neue Stadtmensch) gemacht habe, kehre ich heute wieder in die Gegenwart und gleichzeitig auf den Boden der Tatsachen zurück.

Stinkefinger von Maurizio Cattelan provoziert vor Mailänder Börse.Wir schreiben also das Jahr 2011. In Österreich genauso wie in Italien. Und in Rom ebenso wie in Mailand. Und vor dem Mailänder Dom wie ebenfalls an der Mailänder Börse. Und dort steht er: Nicht der Fingerzeig Gottes, sondern der Stinkefinger des Künstlers Maurizio Cattelan. Ursprünglich einmal eine vollständige Hand mit fünf Fingern, hat Cattelan jene vier Finger links und rechts jenes symbolträchtigen Mittelfingers abgesägt und daraus eine „Geste der Liebe“ gemacht, wie er selbst bekundet (siehe Maurizio Cattelan provoziert in Mailand).

Nun, der Präsident der Mailänder Börse, der ehrenwerte Signore Raffaele Jerusalmi, versteht bei solcherlei Gesten der Liebe allerdings keinen Spaß. Ganz im Gegenteil: Der Stinkefinger wirke nicht nur äusserst deplaziert vor jenem Gebäude des heutigen Finanzadels, welches damals vom noch wesentlich ehrenwerteren Benito Amilcare Andrea Mussolini, auch kurz und bündig im faschistischen Italien der Vergangenheit liebevoll „Duce“ genannt, gebaut wurde. Nein, welch Frevel, dieser Stinkefinger sei sogar „respektlos antikapitalistisch“ und die Mitarbeiter der Borsa Italiana müssen auf ihrem tagtäglichen Weg zu ihren Arbeitsplätzen sogar um die Schockskulptur herumgehen, anstatt zielgerichtet den direkten Weg in die geheiligten Hallen des Kapitalismus ansteuern zu können.

Lange Rede, kurzer Sinn: Der Stinkefinger müsse daher sofort weg. Und so macht Herr Jerusalmi dementsprechend auch Druck auf die amtierende Bürgermeisterin der lombardischen Metropole. Doch Signora Letizia Moratti zeigt sich unbeeindruckt vom Begehren des sittsamen Moralapostels monetärer Transaktionen und Gralswächters des italienischen Kapitalismus. Sollte die Statue und Geste der Liebe eigentlich nur für wenige Tage ihre unmoralischen Dienste vor der Mailänder Börse verrichten, hat nun der Gemeinderat beschlossen, dass der Finger weiterhin als anitkapitalistisches Mahnmal, zumindest wenn es nach Herrn Jerusalmi geht, für weitere neun Monate vor sich hin stinken darf.

Ich möchte keinesfalls der Intention von Maurizio Cattelan eine ungeahnte Wendung geben, aber eine eigene Interpretation seines Werkes sei mir doch erlaubt. Da der Stinkefinger vor dem Eingang nicht Richtung Börse zeigt, sondern ganz gegenteilig in die andere Richtung, wäre es doch durchaus denk- und vorstellbar, dass es sich hierbei nicht um ein respektlos anitkapitalistisches Kunstwerk handelt, sondern vielmehr darum, dass das Kapital dem gemeinen Volke seinen respektlosen Stinkefinger Tag für Tag zeigt. Und dann hätte der monumentale Finger durchaus seine Berechtigung, für immer an diesem Standort zu stehen. Ich finde, es hätte keine bessere Platzwahl geben können. Denn solch einer Geste der Liebe, jener Liebe zum Geld, muss doch Ausdruck verliehen werden.      



Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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