Homo urbanus: Stadtmensch statt Stadtflucht


Zukunft Stadt statt Zukunft?

Nachdem ich selbst ein Mensch unser seinesgleichen bin, welcher dem Begriff Homo sapiens sehr viel abgewinnen kann, aber gleichzeitig als „Homo homini lupus est“ am grossen Zerfleischungsprozess derselben Art tagtäglich teilnehme, bin ich nun über den Menschen der Zukunft gestolpert. Nicht jenen Homo superior meine ich, sondern den Stadtmenschen der nahen Zukunft, gemeinhin als Homo urbanus bezeichnet.

Saigon oder Ho Chi Minh Stadt: Urbanes Zentrum des Vietnam.

Bild: Paul Bögle 

Die Zukunft gehört dem Homo urbanus“ lautet eine Schlagzeile. Und diese beschriebene und prognostizierte Zukunft liegt nicht fern. Leben heute bereits 3,3 Milliarden jener den NeandertalerInnen nachfolgender Wesen in urbanen Ballungszentren oder eben Städten, werden sich im Jahre 2030 schon fünf Milliarden innerhalb immer schneller wachsender Stadtgrenzen niedergelassen haben.

Sehen wir uns die Weltbevölkerungsuhr an, so haben wir am 02.01.2011 ca. 20:30 Uhr, jener Zeitpunkt, an welchem ich gerade an diesem Artikel schreibe, etwa 6.934.727.331 Menschen auf dem Zähler stehen, Tendenz natürlich im Sekundentakt steigend. Nebenbei gesagt: Diese fiktive Weltbevölkerungsuhr zählt natürlich nicht tatsächlich die Menschen auf Mutter Erde, also Plus für die Neugeborenen und Minus für die Gestorbenen, sondern es handelt sich hierbei um eine statistische Hochrechnung des amerikanischen Population Reference Bureaus (PRB) .

Städte werden sich im wahrsten Sinne zu Hochburgen des Mit- und wohl auch Gegeneinanders entwickeln. Parag Khanna, Experte für Geopolitik an der Denkfabrik der New America Foundation in Washington, beschreibt das Szenario unserer allzu nahen Zukunft folgendermaßen: „Diese neue Welt ist kein globales Dorf, sondern ein Netzwerk aus verschiedenen Dörfern. … Es gibt bereits die ersten Allianzen zwischen diesen Städten, die an die Handels- und Militärmächte des späten Mittelalters erinnern, wie etwa die Hanse im Baltikum. … Städte sind sowohl das Krebsgeschwür als auch die Basis für eine neue Netzwerkwelt, sowohl Virus als auch Antikörper. Vom Klimawandel zur Armut und sozialen Ungleichheit: Städte sind das Problem – und die Lösung.“       

Homo Urbanus Europeanus von Jean-Marc Caracci.Dem Stadtmenschen der Zukunft, nein eigentlich der Gegenwart, hat sich auch ein Künstler gewidmet. Das Projekt Homo Urbanus Europeanus von Jean-Marc Caracci bietet ungewohnte Sichten und Ansichten. Zwei Jahre lang hat der französische Fotograf eine Vielzahl europäischer Städte fernab der ausgetretenen Touristenpfade belichtet, die darin wohnenden Menschen abgelichtet und herausgekommen sind spannende Schwarzweiss-Fotografien zum Thema europäischer Mensch in der Stadt.

Wer sich übrigens dieser Art der Fotograf nähern will, dem gibt Caracci einige gute Tipps mit auf den Weg (Quelle: Jean-Marc Caracci Grenzenlos).

  • Wenn Caracci ein gutes Foto im Kasten hat, kommt er trotzdem wieder, um ein perfektes zu schießen. Einige Regeln setzen die Basis:

  • Caracci vertraut seiner Festbrennweite von 28 Millimetern. Er kennt genau ihren Bildwinkel und kann so den Bildausschnitt intuitiv bestimmen.

  • An einem sonnigen Tag gibt er als Arbeitsblende f8 vor. Diese stellt einen guten Kompromiss dar, da die Schärfentiefe ausreichend ist, aber die Beugungsunschärfen höherer Blendenwerte ausbleiben. Als Lichtempfindlichkeit gibt er ISO 200 vor. Damit hat er ausreichend Spielraum bei den Verschlusszeiten, während das Bildrauschen noch zu vernachlässigen ist.

  • Caracci bevorzugt klare Strukturen, da sie ein Betrachter leichter lesen kann. Diese aufzuspüren ist für ihn der erste Schritt zu einem gelungenen Bild. Der nächste Schritt besteht daraus, Licht, Schatten und die Tonwertabstufungen der Flächen abzuschätzen. Wenn sie nicht harmonieren, kommt er anderntags wieder – falls nötig eine Woche lang. Für Caracci ist der Unterschied zwischen einer leeren und einer bevölkerten Architektur wie der zwischen Erde und Mond. Ob wohnlich oder nicht – es ist wichtig zu begreifen, dass sie von Menschen für Menschen geschaffen wurde.

So, meine lieben Stadtmenschen der Gegenwart und jene Spezies Homo urbanus zukünftiger Generationen. Graue Theorie ist das eine, auch wenn es sich hierbei um Schwarzweiss-Fotos handelt. Aber etwas Grün in unseren Städten hat unsere Umgebung noch niemals unterbelichtet.

Homo Urbanus Europeanus von Jean-Marc Caracci: Vienna Juli 2009 

Bildquelle: Jean-Marc Caracci: Homo Urbanus Europeanus Wien 

Und zum Schluss sei die Überlegung gestattet, wie lange Jean-Marc Caracci in etwa 20 Jahren wohl wird warten müssen, bis ihm solche Schnappschüsse urbaner Friedlichkeit mit einzelnen Individuen gelingen werden oder ob sich verlassene Häuserschluchten mit einzelnen darin wandelnden Menschen im Jahre 2030 nur noch als Rückblick anhand von Fotos reproduzieren lassen.


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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