Asche zu Asche? Asche zu Vinyl! 1


Der Tod macht die Musik

Sie können sich sicher noch erinnern? In meinem letzten Artikel „Das Gemüse macht die Musik“ habe ich Ihnen die in Wien beheimatete Künstlergruppe „The Vegetable Orchestra“ vorgestellt, welche aus Gemüse Musik machen. Doch nun hat Wien, die unbestrittene und ungekrönte Hochburg des gepflegten Sterbens und der sprichwörtlich „scheenen Leich“, Konkurrenz bekommen. Ob Sie es glauben oder nicht, der bisherige Innovationsort in Sachen „Nur ein toter Mensch ist ein glücklicher Mensch“ soll als Hort des finalen Nulllinien-Happy Ends und der Asystolie-Melancholie abgelöst werden. Es ist traurig, aber nur allzu wahr. Die globale „Es lebe hoch, was endlich sinkt“ Hochburg Wien soll in den Niederungen der gewöhnlichen Sterblichkeit versinken. Hatte ich Ihnen noch vor wenigen Tagen die sogenannte Aquamation nahegebracht und schmackhaft gemacht, um Ihre Leichensäfte nach Ihrem Ableben in die richtigen (dunklen) Kanäle zu lenken, bin ich heute schon wieder einen Schritt weiter am Abgrund. 

Sie werden nun entgeistert und leise röchelnd aufschreien: „Das darf nicht sein! Nur ein toter Wiener ist ein echter Wiener!“ Ich bin ebenso entsetzt wie Sie und pflichte Ihnen mit einem protestierenden Herzstillstand bei, meine Damen und Herren der gepflegten Leichenblässe. Und das Schändlichste an der ganzen Sache ist, dass der Sargnagel ausgerechnet aus Großbritannien zu uns herüberkommt. Stellen Sie sich vor, die Briten wollen uns vormachen, was „Schöner Sterben“ in Zukunft bedeutet. Haben nicht einmal den Euro eingeführt, aber wollen uns erzählen, was lebenswertes Sterben ausmacht. Darf denn so etwas wahr sein? Essen jeden Tag Fish and Chips, ein Grund an sich, das Zeitliche zu segnen, aber wollen einem echten Wiener Schnitzel erklären, wie es final paniert wird. Ist denn das die Möglichkeit? Haben einen Prinzen, der nicht König werden kann, weil die Queen immer noch auf dem Thron sitzt, aber wollen dem einzig wahren Exitus letalis Hochadel die Krone streitig machen. Ist denn das zu fassen? 

And Vinyly: Machen Sie aus Ihrem toten Körper eine Langspielplatte. Asche zu Asche oder Asche zu Vinyl.Sie werden denken: „Ja, red doch endlich, sonst sitzen wir noch bis in alle Ewigkeit hier. Oder noch besser. Wir sitzen, obwohl wir eigentlich schon liegen sollten.“ Also, es gibt eine britische Firma samt seinem britischen Firmenbetreiber Jason Leach und mit dem völlig unverfänglichen Namen „And Vinyly„. Hört sich im ersten Moment harmlos an, ich weiss. Aber die haben es faustdick hinter der abgenagten Schädeldecke und den toten Augenhhlen. Die wollen doch tatsächlich die Asche toter Menschen auf Schallplatten pressen. Die Technik dazu haben sie schon, sagen sie. Wer stirbt, wird verbrannt und danach auf Vinyl gepresst. Können Sie sich das vorstellen? Ihr schöner Körper soll den putzigen Würmern vornthalten werden, nur weil sich jemand einbildet, sie sollten auch aus dem Jenseits weiterhin grosse Töne spucken. Stellen wir uns gemeinsam folgende Situation vor.

Ihre Frau sitzt zwei Wochen nach Ihrer Einäscherung und anschließenden Verpressung mit dem Langzeitgeliebten im wohlig warmen Wohnzimmer und sagt: „Du Schatz, leg doch mal den alten Deppen auf. Ich möchte wissen, ob der noch was zu sagen hat oder ob er schon unrund ist!“ Und dann greift der neue Alte ins Regal, zieht eine flache schwarze Scheibe mit der Aufschrift „Schon zu Lebzeiten ein Leichnam“ heraus und fragt mitfühlend: „Welche Seite möchtest Du denn hören, mein Schatz?“ Und sie flötet zärtlich zurück: „Ist doch ganz egal. Der hatte sowieso nur langweilige Seiten.“ Und dann kratzt die Nadel furchtbar kreischend über Ihre verbrannten Gedärme, bohrt sich lustvoll in die zu Asche gewordene Männlichkeit und von dort wandert sie leicht eiernd und schlingernd weiter Richtung gewesenem Kleinhirn. Immer und immer wieder. Schlingernd durch die Gedärme, eiernd über die Eier, drehend durchs Kleinhirn. Was für eine Vorstellung, nicht wahr?

Und während Sie mit 33⅓ rpm durch die Landschaft katapultiert werden, flüstert Ihre Ex zu Ihrem Nachfolger, welcher zu Lebzeiten schon Ihr Vorgänger war: „Du, ich glaub, da ist ein Kratzer in der Rille.“ Und er sagt darauf: „Aber Du hast doch immer gesagt, dass bei dem sowieso alles hängt.“ Mitleidiges Gelächter macht sich im Zimmer breit, während die Nadel gerade die Rille Ihres ehemaligen Hinterteils verlässt, um sich zügig auf den Weg nach vorne zu machen. Dorthin, wo Ihre schwarze Witwe den Hänger vermutet. Und Sie? Sie drehen sich weiter im Kreis. Genauso wie zu Ihren besseren Zeiten, aber das wissen Sie ja selbst.

Auch auf die Gefahr hin, dass Sie nun Schlechtes von mir denken. Aber ich habe mir doch schon ernsthaft überlegt, ob ich mich nicht auch als Langspielplatte verewigen soll. Erstens könnte ich dann weiterhin meinen Mitmenschen auf die Nerven gehen. Mit 33 und einer Drittel Umdrehung pro Minute sicherlich eine lohnenswerte Überlegung. Zweitens würde mich brennend interessieren, ob ich, während ich mich so vor mich hin drehe, kotzen muss, weil mir vom Karussell fahren immer schlecht wurde. Und drittens wäre es interessant zu hören, wie ich mit einer Lautstärke von 180 db klingen würde. Am besten natürlich in Dolby Surround.

Das einzige Problem bei meinen Phantastereien ist dabei meine Körpergrösse. Ich wurde von Charles Darwin gerade einmal mit 173 cm ausgestattet. Und wenn ich annehmen muss, dass, wie in einem Technik-Forum nachgelesen, die Gesamtlänge an Rillen (oder möglicherweise auch nur einer einzigen Rille) etwa 500 Meter beträgt, habe ich leichte Zweifel, ob ich mit meiner Körperlänge einen halben Kilometer Vinyl überhaupt ausfüllen kann. Ganz zu schweigen von dem abscheulich großen Platz um die vielen (oder nur eine?) Rillen herum. Was bleibt mir also? Entweder ich stelle mich als Maxi-Single in das häusliche Regal, das müsste sich mit 173 cm doch irgendwie ausgehen. Oder ich wähle einen anderen Weg, um meinen Hinterbliebenen gehörig auf die Nerven zu gehen. Ich dachte dabei an die Möglichkeit, mich als kaltgepresstes Salatöl zur Verfügung zu stellen. Ein Schluck und … . Sie wissen schon, so wie mit dem Karussel fahren.            



Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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