Geo-Engineering – eine unendliche Geschichte


Verpressung von Kohlendioxid 

Nachdem ich ursprünglich zum Thema Geo-Engineering einen einzigen Artikel unter dem Titel „Geo-Engineering: Moderne Ruinenbaumeister“ verfassen wollte, sitze ich nun, nach Veröffentlichung des zweiten Teils „Geo-Engineering, das Märchen geht weiter„, bereits vor dem dritten und (vielleicht) letzten Teil. Mag es daran liegen, dass die Materie doch umfangreicher ist als es auf den ersten Blick schien, vielleicht aber auch daran, dass sich mit der Beantwortung einer Frage weitere Abgründe auftun, welche zu erkunden es gilt. Ich habe im angesprochenen zweiten Teil die ersten beiden Lösungsansätze kurz umrissen, mit welchen die Wissenschaft den steigenden CO2-Gehalt durch die bereits angeführten Carbon Dioxide Removal (CDR) Methoden (sehr interessant dazu: Geoengineering? Nur wenn es nicht anders geht!) bekämpfen möchte. Politik und bestimmte Teile der Industrie haben allerdings andere Pläne.       

 

3. Carbon Capture and Storage (CCS)

Das Einlagern von Kohlendioxid in unterirdischen Speichern wird als sogenanntes CCS-Verfahren auf der großen Spielwiese Geo-Engineering bezeichnet. Hierbei handelt es sich um jene Technologien, welche CO2 in unter der Erde liegende ausgebeutete Eröl- und Erdgas-Lagerstätten pumpen soll, um diese dort dauerhaft unter den Gesteinsschichten zu lagern. Die deutsche Bundesregierung hat sich sogar entschlossen, die Ernsthaftigkeit dieser Möglichkeit durch einen entsprechenden Gesetzesentwurf zu unterstreichen (Brüderle und Röttgen: CCS-Gesetz wichtiger Schritt für eine Zukunftstechnologie).

Bildquelle: Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR)

Der deutsche Bundesumweltminister in der Pressemitteilung wörtlich: „Mit diesem Gesetzentwurf wird ein rechtlicher Rahmen für die Erprobung der CCS-Technologie geschaffen. Dies ist ein wichtiger Beitrag für mehr Klimaschutz am Industriestandort Deutschland. Wir gehen dabei schrittweise vor und nehmen die Sorgen der Bevölkerung äußerst ernst.“

Was er möglicherweise nicht ganz ernst nimmt, sind z.B. die Ausführungen des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie GmbH. Das Institut hat im Auftrag des BMU selbst eine Studie namens „Regenerative Energien (RE) im Vergleich mit CO2-Abtrennung und -Ablagerung (CCS): ein Update“ (Download des kompletten Endberichts unter Update und Erweiterung der RECCS-Studie) veröffentlicht, welche zu folgenden Kernaussagen kommt:

 

  • Die großtechnische Verfügbarkeit der Technologiekette ist aufgrund der realen Entwicklungsdynamik möglicherweise erst nach 2025 zu erwarten – ohne schnellere Entwicklungsfortschritte verliert der Einsatz von CCS für Kraftwerke zunehmend die ihm zugeschriebene Brückenfunktion für erneuerbare Energien.

  • Die klimaschutzbedingte Nachfrage nach CCS-Kraftwerken lässt bei einem politisch gewollten, deutlichen Ausbau von erneuerbaren Energien, einer signifikanten Erhöhung der Energieproduktivität und einem stetig steigenden Anteil von Kraft-Wärme-Kopplung in der deutschen Stromversorgung zunehmend nach. Dieser Effekt würde durch eine Laufzeitverlängerung bei Kernkraftwerken verstärkt werden.

  • Die resultierenden Stromgestehungskosten fossiler Kraftwerke unter Einschluss von CCS und Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien nähern sich an. Bei weiterem Ausbau von erneuerbaren Energien im Stromsektor und den damit verbundenen Lernkurveneffekten dürften zahlreiche erneuerbare Energietechnologien möglicherweise in 10 bis 15 Jahren bereits kostengünstiger Strom bereitstellen können als CCS-Kraftwerke.

  • Aufgrund der komplexen Prozesskette ist eine ganzheitliche Bewertung der Umweltwirkungen notwendig. Eine Zusammenstellung neuer Ökobilanzen für CCS im Kraftwerkssektor zeigt, dass mit der CO2-Abtrennung ein erheblicher Mehrverbrauch endlicher Ressourcen mit allen damit verbundenen Folgen einhergeht. Dies führt dazu, dass die Treibhausgas(THG)-Emissionen einer Kilowattstunde Strom von CCS-Kraftwerken der ersten Generation um 68 bis 87 Prozent (in Einzelfällen um 95 Prozent) reduziert werden könnten. Eine Vielzahl anderer Umweltwirkungen (z. B. Sommersmog, Eutrophierung oder Partikelausstoß) steigen jedoch zum Teil erheblich an. Erneuerbare Energien dagegen weisen nur einen Bruchteil der THG-Emissionen von CCS-Kraftwerken auf.

  • Wie die Akteursuntersuchung der Studie zeigt, bestimmt insbesondere die Verfügbarkeit langzeit-stabiler Lagerstätten die Frage der gesellschaftlichen Akzeptanz der CCS-Technologie. Als untere Grenze kann für Deutschland als Ergebnis einer Szenarienanalyse eine effektive Ablagerungskapazität von 5 Mrd. t CO2 in salinen Aquiferen und ausgeförderten Erdgaslagerstätten angenommen werden. Diese konservative Abschätzung ist jedoch – wie alle anderen Abschätzungen auch – mit hohen Unsicherheiten verbunden. Die ermittelte Kapazität würde theoretisch eine Lagerung der gesamten CO2-Emissionen deutscher Punktquellen nur über zwölf Jahre ermöglichen. In der Praxis wird jedoch nur ein Teil der Gesamt-Emissionen abgeschieden werden können. Geht man von einem „realistischen“ Szenario aus, summieren sich die abgetrennten Emissionen bis zum Jahr 2050 auf 1,2 Mrd. t CO2. Diese könnten vollständig in deutschen Lagerstätten untergebracht werden, ohne über die Landesgrenzen hinweg gehen zu müssen.

  • Ein wesentlicher Faktor für die Geschwindigkeit der Einführung von CCS ist eine entsprechende CCS-Gesetzgebung. Das geltende deutsche Recht ist bisher kaum geeignet, um die verschiedenen Verfahrensschritte der CCS-Prozesskette zu erfassen. Die größten Probleme ergeben sich dabei im Bereich der CO2-Ablagerung mit dem alleinigen Ziel der dauerhaften Beseitigung des CO2. Angesichts der Wissensdefizite und Unsicherheiten sollte ein CCS-Gesetz vorläufig nur FuE- und Demonstrationsvorhaben mit anschließendem Review ermöglichen.

Der gesamte Text findet sich unter Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie GmbH: RECCS plus Projektdetails. Es mutet irgendwie seltsam an, wenn eine in Auftrag gegebene Studie zu den fatalen Schlüssen kommt, dass CCS eigentlich keine Zukunftsperspektiven besitzt, aber der Auftraggeber dennoch beschließt, wider aller Vernunft zu handeln. Es muss deshalb die Frage erlaubt sein, ob die Verpressung von Kohlendioxid in geeignete Bodenschichten im Vordergrund steht oder womöglich die Erpressung von Kohlekraftwerken in geeignete Kapitalschichten?

 

Ich sage kurz und bündig: Nein danke! Wollen wir neue Mittel und Wege finden, um den Klimawandel effektiv zu bekämpfen oder wollen wir den ursprünglichen Weg der Nutzung fossiler Brennstoffe so weiter gehen wie bisher? Mit diesem CCS-Gesetzentwurf hofiert die deutsche Bundesregierung genau jene Energielieferanten, welche letztendlich für einen Großteil der heutigen Probleme verantwortlich sind.

Braun- und Steinkohle sind in Deutschland auch mittelfristig für die Stromerzeugung unverzichtbar.“ Dieser Satz vom Mittwoch, den 14.07.2010 stammt von der deutschen Bundesregierung. „Für eine sichere, bezahlbare und umweltverträgliche Stromerzeugung wird Kohle in Deutschland weiterhin gebraucht.“ Dieser Satz stammt von Herrn Dr. Heinz Scholtholt, Mitglied des Vorstands der Steag AG, deren Kerngeschäft die Stromerzeugung mit Kohlekraftwerken ist (Kohle ist unverzichtbar). „Es läuft bisher sehr gut. Die Großkraftwerke nehmen weiterhin sehr viel Kohle ab. Die industrielle Erholung bemerken wir beispielsweise beim Absatz von Braunkohlenstaub.“ Dr. Joachim Geisler, Vorsitzender der Geschäftsführung der Mitteldeutschen Braunkohlegesellschaft mbH auf die Frage: „2010 wird ein gute Jahr für Ihr Braunkohlenunternehmen?“ (Geisler: „Wenn wir abschalten, gehen die Lichter aus„). Drei Aussagen dreier verschiedener Herren dreier verschiedener Interessensgemeinschaften, aber ein gemeinsamer Tenor. Politik und Wirtschaft bewegen sich auf dem gleichen dünnen Eis, aber dies Hand in Hand und mit traumwandlerischer Sicherheit.

Geo-Engineering auf Grundlage dieses CCS-Gesetz bedeutet in meinen Augen nichts anderes als sich ohne Wenn und Aber unter das Diktat einer Energiepolitik zu stellen, deren Ablaufdatum schon lange erreicht ist. Doch es impliziert auch ein kräftiges „Weiter so!“ der deutschen Bundesregierung in Richtung dieser Dinosaurier, welche förmlich zum Abbau der Kohlelager aufgefordert werden, um diese dann für die CO2-Verpressung nutzen zu können. Der BUND Landesverband Nordrhein-Westfalen spricht in dem von der Bundesregierung geplanten CCS-Gesetz von einem ökologischen Feigenblatt. Und besonders drastisch bewertet das „Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim deutschen Bundestag (TAB)“ die derzeitigen Erfolgschancen. Im Bericht von Reinhard Grünwald „CO2-Abscheidung und -Lagerung bei Kraftwerken“ finden sich die folgenden unmißverständlichen Worte unter VII. Handlungsbedarf auf Seite 115: „Beim derzeitigen Wissensstand, wie er in den vorstehenden Kapiteln dargestellt wurde, und bevor die technische und wirtschaftliche Machbarkeit der sicheren geologischen Lagerung von CO2 nachgewiesen ist, ist diese Einschätzung notwendigerweise mit Unsicherheiten behaftet. Daher sollten gezielte Anstrengungen unternommen werden, die Wissensbasis zu verbreitern und kritische Wissenslücken zu schließen, um die Bewertung der Potenziale und Risiken der CCS-Technologie auf eine solidere Grundlage zu stellen.“ 

 

Seite 10 der Zusammenfassung bringt die primären Gründe für eine Forcierung von CCS auf den Punkt: „Die CCS-Technologie könnte besonders attraktiv für Länder sein, die Klimaschutzmaßnahmen bislang skeptisch gegenüberstanden (z. B. USA) und/oder ihre heimische fossile Primärenergiebasis (v. a. Kohle) weiter nutzen wollen (z. B. China, Indien).“ Der Klimaschutz als Ergebnis einer knallharten Kosten-Nutzen Analyse. Welche Rolle dabei den einzelnen Staaten zukommt, welche CCS als Allheilmittel gegen den stetigen Klimawandel sehen und welche Motive und Beweggründe hinter den Aktivitäten stecken, CCS in den Vordergrund zu stellen, anstatt die Reduktion von Emissionen anzustreben, zeigt das folgende Schaubild recht deutlich.

Globale Treiber der CCS-Technologien: Motive und Beweggründe für CCS.

Bildquelle: Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie GmbH „Carbon Capture and Storage“

Ich hatte wohlweislich zu Anfang dieses Artikels geschrieben, dass es sich „vielleicht“ um den dritten und letzten Teil zum Thema Geo-Engineering handeln möge. Diesem Versprechen kann ich nun definitiv nicht nachkommen. Und so bleibt mir zum Ende nur zu sagen, dass es einen vierten Teil und (vielleicht) letzten Teil unter der Überschrift „Geo-Engineering und Nathan Myhrvold“ geben wird. Bis zur Fertigstellung wandle ich weiter auf den architektonischen Ruinen unserer Zeit und hoffe inständig, nicht von den Verschiebungen der virtuellen Kontinentalplatten verschlungen zu werden. 

Weitere Beiträge zu CCS: klima-media: Unsicheres CCS-Gesetz soll schmutzigem Kohlestrom sauberes Image verschaffen, Geo-Engineering: Keine Ausflüchte mehr


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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