Bio Natur - Der Weblog

15.11.2010

Pfanner haut uns weiter in die Pfanne

Abgelegt unter: Verkehrte Welt — Paul Boegle @ 22:49

Der Gelbe Zitrone-Physalis mutiert zur goldenen Zitrone

Anscheinend dürfte die Firma Pfanner über den zweiten Platz bei der Wahl zum Goldenen Windbeutel 2010 so enttäuscht gewesen sein, dass die Verantwortlichen nun mit aller Macht versuchen, sich im nächsten Jahr auf Pfanner komm raus auf Platz 1 der Bestenliste zur dreistesten Werbelüge zu katapultieren.

Gelbe Zitrone-Physalis Tee von Pfanner: Aus 47 Stück Würfelzucker werden 44 Stück Würfelzucker.Ich muss ehrlich gestehen, dass ich doch etwas konsterniert war, als ich heute unter der Überschrift Der Physalis-Trick - Wie Pfanner dreist die Kunden zum 2.Mal verschaukelt lesen musste, wie Pfanner den Gelbe Zitrone-Physalis den VerbraucherInnen schmackhaft macht, wobei das Wort “schmackhaft” doch eher als Hilfsadjektiv zu betrachten ist: ”Der “Gelbe Zitrone-Physalis” enthält jetzt statt 47 “nur noch” 44 Stück Würfelzucker pro Verpackung, die Werbetexte auf der Verpackung sehen ein bisschen anders aus und Pfanner setzt dem Tee nun neben Aroma nun tatsächlich etwas Physalissaft zu.” Und der nächste Satz ist noch kurioser: ”Allerdings nur eine winzige Menge. So winzig, dass sie nicht einmal deklariert werden muss.”

Möglich macht dies wieder einmal ein Schlupfloch im Gesetz, welches Pfanner nicht dazu verpflichtet, den konkreten Gehalt einer namensgebenden Zutat anzugeben, in diesem Falle also “Physalis”, wenn dieser nur in einer geringen Menge enthalten ist. Pfanner würzt also seinen Marketing-Zaubertrank gerade mit soviel Physalissaft, dass jene Grenze der Deklarationspflicht nicht überschritten wird.

Machen Sie sich doch einfach den Spaß, wobei dies nicht ernstzunehmen ist (welch Doppeldeutigkeit, ganz im Sinne von Pfanner) und besuchen Sie die Lobpreisungen zum Zitrone-Physalis auf der Pfanner-Firmenseite. Dort finden Sie unter “Der Gelbe” folgende Lobeshymnen: “Fruchtiger Zitronen- und Physalissaft, sowie ein Zitronen-Physalis-Aroma verleihen dem Teegetränk seinen erfrischend vollmundigen Geschmack. … Gut zu wissen: Pfanner “Der Gelbe” enthält mehr als 30% weniger Zucker, als herkömmliche mit Zucker gesüßte Softdrinks!”

Was die KonsumentInnen allerdings nicht “gut zu wissen” bekommen, ist die Tatsache, dass eine Zweiliter Kalorienbombe von Pfanner genau soviele Stücke Würfelzucker enthält:

Ein Stück WürfelzuckerEin Stück WürfelzuckerEin Stück WürfelzuckerEin Stück WürfelzuckerEin Stück WürfelzuckerEin Stück WürfelzuckerEin Stück WürfelzuckerEin Stück WürfelzuckerEin Stück WürfelzuckerEin Stück WürfelzuckerEin Stück WürfelzuckerEin Stück WürfelzuckerEin Stück WürfelzuckerEin Stück WürfelzuckerEin Stück WürfelzuckerEin Stück WürfelzuckerEin Stück WürfelzuckerEin Stück WürfelzuckerEin Stück WürfelzuckerEin Stück WürfelzuckerEin Stück WürfelzuckerEin Stück WürfelzuckerEin Stück WürfelzuckerEin Stück WürfelzuckerEin Stück WürfelzuckerEin Stück WürfelzuckerEin Stück WürfelzuckerEin Stück WürfelzuckerEin Stück WürfelzuckerEin Stück WürfelzuckerEin Stück WürfelzuckerEin Stück WürfelzuckerEin Stück WürfelzuckerEin Stück WürfelzuckerEin Stück WürfelzuckerEin Stück WürfelzuckerEin Stück WürfelzuckerEin Stück WürfelzuckerEin Stück WürfelzuckerEin Stück WürfelzuckerEin Stück WürfelzuckerEin Stück WürfelzuckerEin Stück WürfelzuckerEin Stück WürfelzuckerPfanner Zitrone Physalis: 3 Stück weniger Würfelzucker.Pfanner Zitrone Physalis: 3 Stück weniger Würfelzucker.Pfanner Zitrone Physalis: 3 Stück weniger Würfelzucker.

Sollten Sie nun nicht nachzählen wollen: Es sind genau 44 Stück Würfelzucker. Ursprünglich waren es sogar drei mehr, also 47 Stück Würfelzucker. Dies war aber auch schon die einzige Maßnahme zur Erhöhung des von Pfanner propagierten “erfrischend vollmundigen” Geschmacks.

Sie sind der Meinung: Pfanner, so geht´s nicht! Dann sagen Sie Pfanner die Meinung!



14.11.2010

“Beziehungs-weise”: Aufbruch in 36 Raten

Abgelegt unter: Reisen — Paul Boegle @ 15:22

Blog Marketing Dies ist ein durch hallimash vermittelter, honorierter Eintrag

Abschied bedeutet Aufbruch

Ein Innehalten und Atemholen mit Christian Mewes oder Gedichte, Balladen und Beobachtungen, die einer schrieb, bevor er sich weiter auf seinen Weg machte.

Der Begriff “Aufbruchstimmung” beinhaltet zwei Wörter. “Aufbruch” und “Stimmung“. Ein Aufbruch impliziert oftmals die Notwendigkeit, aus der Alltäglichkeit aufzubrechen, vielleicht sogar auszubrechen, ohne dabei jedoch den Alltag aus den Augen zu verlieren. Aufbrechen bedeutet aber auch, alte Strukturen aufzulösen, Grenzen neu zu definieren, neue Standortbestimmungen zu finden. “Standortbestimmungen“, ein weiteres verbales Konglomerat, oftmals unbedacht ausgesprochen, ohne sich der Bedeutung klar zu sein, bewusst zu werden, welchen Standort es zu bestimmen gilt.

Unseren eigenen Standort? Oder unseren Standpunkt? Bis hierher und nicht weiter? Oder doch einen Schritt darüberhinaus? Die Standpunkte unserer Gesprächspartner ausloten? Die Standorte unserer Geschäftspartner zu unseren Gunsten verschieben? Das Gewicht und die Last unseres Lebens je nach Gegebenheit zu verlagern oder nur der Bequemlichkeit wegen gleichmäßig zu verteilen?   

Christian Mewes: Beziehungs-weise. Gedichte, Balladen und Beobachtungen. Eine CD aus Zufälligkeiten und Alltäglichem.Christian Mewes verwebt seine Beobachtungen alltäglicher Szenen unseres Lebens, denen wir selbst immer und immer wieder begegnen, ohne uns jedoch dieser meist bewusst zu werden, in seiner CD Beziehungs-weise zu einem gesprochenen und musikalischen Klangteppich. Er erfasst Banalitäten mit dem Auge des Außenstehenden, einerseits neutraler Beobachter, dann wieder involvierter Betrachter. Einmal rezipiert er die Unzufriedenheit des Angestellten des Supermarktes, ein anderes Mal folgt er dem Blick des an der Bar Sitzenden, welcher sein Gegenüber erfasst und mit wenigen Worten beschreibt, was er sieht. 

Doch immer stellt Christian Mewes die Beziehungen verschiedener Menschen in den Kontext seiner kurzen Abrisse. Nachbarschaftliche Konflikte, ausgelöst durch den lärmenden Aufbau eines Schrankes. Der stressgeplagte Geschäftsmann, plötzlich völlig gefangen und heimlich verzückt vom unbedachten Plappern des kleinen Kindes, welches aufgeregt über die Erlebnisse im Kindergarten berichtet. Geschehnisse werden in wenigen Zeilen zusammengefasst, auf das Wesentliche reduziert, um sich auf diese Weise dem Zuhörer, dem Zuhörenden durch diese komprimierte Form gleich darauf zu öffnen. Doch bevor sie ihre Wirkung zur Gänze entfalten können, werden sie schon wieder durch Neues abgelöst und aufgelöst.

Die CD Beziehungs-weise folgt dem Rhythmus unserer Empfindungen und Eindrücke. Schnell aufeinanderfolgende Situationen und Sequenzen, welchen wir permanent ausgesetzt sind und die es zu verarbeiten gilt, was aber in den seltensten Fällen gelingt, da sie spurlos und unbemerkt an uns vorübergehen und im stetigen Rieseln fortschreitender Zeit verschwinden. Meist leise unmerkliche Momentaufnahmen, derer wir jedoch kaum habhaft werden können, weil schon im nächsten Augenblick neue Alltäglichkeiten sich in den Vordergrund drängen und unsere Aufmerksamkeit beanspruchen, wenngleich meist nur für einen Sekundenbruchteil, um durch weitere Zeit-Punkte ersetzt zu werden.  

Es ist deshalb lohnenswert, sich die Texte immer wieder anzuhören. Denn man wird jedes Mal neue Details entdecken, mit anderen Kleinigkeiten belohnt, bisher ungehörte Nuancen lassen sich finden. Die Anthologie zwischen eigenen Kompositionen und jenen berühmter DichterInnen folgt dabei keinem starren Muster, sondern lädt die Zuhörenden zu einer Entdeckungsfahrt ein. Diese sprachliche Reise von Mewes wird dabei durch seine drei musikalischen Begleiter Gerhard Wagner (Saxophon, Flöte), Felix Occhionero (Gitarre) und Adjiri Odametey (Percussion) je nach Anekdote oder Situation erweitert oder in bestimmten Fällen sogar verstärkt. Spannungen werden erzeugt, Konflikte auf improvisierten Klangebenen ausgetragen. Zarte figurale musikalische Hintergrundbilder vermischen sich mit den Gedichten und bilden verschiedene Schichten, überlagern sich gegenseitig, um sich aber sofort wieder aufzulösen und Platz sowie Raum für neue Assoziationen zu schaffen.

Besonders interessant wird die CD übrigens, wenn sie zufällig wiedergegeben wird. Und wer die Möglichkeit hat, die CD auf seinem Computer durch ein entsprechendes Wiedergabeprogramm durch visuelle Effekte “sichtbar” zu machen, sollte diese vollkommen neue Betrachtungsweise auf alle Fälle in Erwägung ziehen und natürlich ausprobieren. Gerade der Titel ”Enger Supermarkt” ist geradezu prädestiniert für einen Ausflug in solch visuell-akustische Sphären, da durch die Einbeziehung solch optischer Reize die anfängliche Freundlichkeit und Rücksichtnahme der Mitmenschen durch die folgende Aggression des Mitarbeiters noch deutlicher zum Tragen kommt.                         

Lieber Christian, Deine CD Beziehungs-weise ist wunderschön geworden. Möglicherweise gibt es eine Fortsetzung. Vielleicht folgen weitere alltägliche Beobachtungen in lyrischer und musikalisch vertonter Form, welche Du durch Goethe, Hofmannsthal oder Rilke unterbrichst, um diese Fragmente wiederum zu einer Einheit zusammenzusetzen. Und für diesen zweiten Teil hätte ich eigene Wünsche und Anregungen.

Ich habe vor ziemlich genau einem Jahr, es war am 8. November 2009, auf meinem Blog eines meiner Lieblingsgedichte meinen LeserInnen mit auf den Weg gegeben. Du kennst es natürlich: Der Panther von Rainer Maria Rilke. Ich freue mich jetzt schon darauf, wie es sich “anfühlen” wird, wenn Du dieses geknechtete Lebewesen als Symbol des Gefangenseins auf Deiner (hoffentlich) folgenden CD interpretierst. Und ich würde mich freuen, wenn ich weiterhin die grossen weiblichen Vertreterinnen aus Prosa, Lyrik und Gedichten auf einer Nachfolge-CD finden würde. Denken wir gemeinsam an Annette von Droste-Hülshoff, Bettina von Arnim, Marie von Ebner-Eschenbach (”Grabschrift” ist einfach herrlich) oder die von mir so geliebte Friederike Mayröcker. Aber dies ist selbstverständlich nur ein verschwindend geringes Exzerpt aus einer unendlich langen Liste.

Einen lieben Gruß aus Wien sendet Paul.   


12.11.2010

Biopiraterie: Moderner Mundraub der Industrie

Abgelegt unter: Verkehrte Welt — Paul Boegle @ 04:22

Die Verwertung genetischer und biologischer Ressourcen 

Biopiraterie: Die skrupellose Verwertung biologischer und genetischer Ressourcen von Entwicklungsländern durch Industrienationen.Bildquelle: Soika: Biopiraterie - oder wie aus Gemeingut Privateigentum wird

Der Begriff der Biopiraterie ist spätestens seit der UN-Artenschutzkonferenz von Nagoya ein Thema geworden. Reiche Industrienationen bereichern sich auf Kosten der Schwellen- und Entwicklungsländer, welche de facto die Grundlage für den wirtschaftlichen Erfolg in ihren Händen halten, genauer gesagt in den leeren Händen. Denn was indigene Stämme, Naturvölker oder Ureinwohner seit Jahrtausenden von Generation zu Generation zum Wohle aller weitergegeben haben, wird ohne Zustimmung und vor allem ohne entsprechende Gewinnbeteiligung der profitierenden Seilschaften, welche diese wertvollen Ressourcen rigoros beanspruchen, gnadenlos verwertet.

Biopiraterie bedeutet nichts anderes als die stillschweigende Enteignung der Nutzungsinhaber. Vollkommen legal selbstverständlich, denn wo keine Patentrechte und gesetzlichen Grundlagen vorhanden sind, da darf auch ungestört und skrupellos gewildert werden. Das wertvolle Wissen wird durch internationale Konzerne ohne Rücksprache angeeignet und ausgeschlachtet. Patente auf biologische und genetische Ressourcen werden angemeldet, um mögliche Ansprüche der rechtmäßigen Eigentümer im Keim zu ersticken.

Verwertungsrechte an Heilpflanzen, welche die Wirkstoffe für ertragreiche Pharmaprodukte und gewinnbringende Medikamente liefern, werden gesichert, ohne die daran Beteiligten am Wertschöpfungsprozes zu beteiligen. Geistiges Eigentum wird an Tieren und Pflanzen mit rechtlichen Mitteln verankert, ohne jedoch nur den geringsten Anspruch darauf zu besitzen. Industrie und Handel, aber selbst Staaten machen nicht vor dieser Entwicklung moderner Wegelagerei und legalem Mundraub halt und annektieren einfach alles, was nicht niet- und nagelfest ist. Was der Öffentlichkeit zugänglich war, wird privatisiert. Was allen unentgeltlich zum Vorteil gereichte, wird nun durch finanzkräftige Biopiraten in Form von Patentrechten enteignet. Der einst positiv besetzte Begriff der grünen Piraterie wie ich das Guerilla Gardening einst bezeichnet habe, erhält eine vollkommen neue Bedeutung.

Wir können zwei grosse Bereiche und heutigen Ausprägungen des Begriffes “Biopiraterie” unterscheiden. Zum einen eben jene angesprochene Form unrechtmäßiger Aneignung von Pflanzen oder den daraus resultierenden Nutzungen in Form von eingereichten Patenten. Was Urvölker bereits vor zig Generationen kannten und unter dem Terminus “traditionelles Wissen” einsetzten, kann und darf nicht Gegenstand von Einzelansprüchen sein, da hierbei weder neue Erkenntnisse geschaffen werden noch bisher nicht dagewesene Güter entstehen. Doch wie in den meisten Fällen liegt die Beweislast beim Betrogenen und diese ist kostenintensiv. Wo die Kontrollmechanismen gegen zu Unrecht ausgestellte Patente versagen, bleibt nur die Möglichkeit der Nachprüfung durch Anwälte. Der Kreislauf schließt sich dann wieder, wenn durch unzureichende Finanzmittel und notwendiges Know-how kein Einspruch möglich ist. Dann heißt es: Stillschweigen bedeutet Zustimmung.

Die zweite Form der Biopiraterie steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der sogenannten Biodiversitätskonvention. Die Kontrolle genetischer Ressourcen wird jenen Staaten und nationalen Gesetzgebungen übereignet, welche Zugang zu diesen genetischen Ressourcen haben. Eine daraus resultierende Wertschöpfung wiederum muss unter den beteiligten Parteien nach fairen und ausgewogenen Gesichtspunkten aufgeteilt werden. Wer also Zugang zu genetischen Resourcen möchte, braucht dafür die Legitimation der ressourcengebenden Partei. Diese Einverständniserklärung muss dabei auf einer Kenntnis der Sachlage begründeten Zustimmung erfolgen, also einer konkreten Policy zur Umsetzung dieses Prinzips der freien, rechtzeitigen und informierten Zustimmung (Prior Informed Consent PIC). Biopiraterie ist dann gegeben, wenn sich eine Institution, sei es ein Staat oder ein Unternehmen, unrechtmäßigen Zugang zu den genetischen Ressourcen verschafft und das damit verbundene Access and Benefit Sharing (ABS) missachtet. 

Nagoya 2010 hat gezeigt, dass sich die teilnehmenden Staaten dem Problem der Biopiraterie zunehmend stellen und gemeinsam an Lösungsvorschlägen arbeiten. Doch genau dieses verzweifelte Suchen gemeinsamer und für alle Beteiligten zufriedenstellender Lösungen hat die UN-Artenschutzkonferenz in ihrer angestrebten Zielsetzung nach allgemeinverbindlichen Richtlinien in Bezug auf Biodiversität enorm schwach aussehen lassen. Ziele wurden zugunsten vorzeigbarer Resultate abgeschwächt, ein konkreter Finanzierungsplan bis zur nächsten Konferenz 2012 verschoben und länderübergreifende Kontrollmechanismen und gesetzliche Bestimmungen weisen im Moment mehr Lücken auf als die ausgestorbenen Arten die nächsten Jahre auf diesem Planeten hinterlassen werden.

Biopiraten versenken, eine BUKO-Kampagne gegen Biopiraterie.   


11.11.2010

Tchibo: Heisses Kaffeewasser dank Ökostrom?

Abgelegt unter: Was nirgends reinpasst — Paul Boegle @ 23:17

Grüner Strom oder heisse Luft von Tchibo?

Nachdem “Öko …” und all jene damit verbundenen und beliebig austauschbaren Endungen und Verbindungen nun endgültig seinen Siegeszug durch die VerbraucherInnen-, HerstellerInnen- und natürlich Werbewelten angetreten hat, fühlt sich auch Tchibo bemüßigt, die braungerösteten Hochglanzschuhe durch grüne Öko-Sandalen zu ersetzen. Und so hat sich der Kaffeeröster Tchibo entschlossen, neben den braunen Bohnen gleich das dazugehörige Kaffeewasser durch bereitgestellten Ökostrom zu erhitzen.

Tchibo: Heisses Kaffeewasser dank Ökostrom?

Die Stiftung Warentest ist naturgemäß wieder einmal schwer begeistert, wobei dies nicht unbedingt als Indikator für qualitative hochwertigen und grünen Tchibo-Strom angesehen werden sollte. Liest man sich auf der Webseite unter Punkt Stromherkunft die Brandrede des Kaffeerösters durch, hört sich dies auf den ersten Blick nicht schlecht an:

Unser Grüner Strom aus erneuerbaren Energiequellen in Norwegen wird aus Wasserkraft gewonnen. Stromerzeugung aus Wasserkraft gilt als eine der klimaverträglichsten Möglichkeiten, um Strom zu produzieren. Bei der Stromerzeugung wird der Ausstoß von CO2 vermieden.
Ausgezeichnet mit dem ok-power Label garantiert der Grüne Strom von Tchibo eine umweltschonende Stromversorgung. Gleichzeitig stellt das ok-power Label sicher, dass kontinuierlich neue Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energien errichtet werden. Damit fördert es den weiteren Ausbau von klimaverträglich erzeugtem Strom.” 

Das ok-power Label ist sicherlich ein sehr brauchbares und seriöses Gütesiegel auf dem inflationären Markt heutiger Gütesiegel und wird im Regelfall nur dann an Ökostrom-Anbieter vergeben, wenn gewährleistet ist, “… dass die mit dem Gütesiegel ausgestatteten Produkte zu einem “zusätzlichen Umweltnutzen” führen.” Und um dies sicherzustellen und natürlich vor allem transparent darzustellen, lässt sich die Stromherkunft der untersuchten und “als für gut” befundenen Ökostrom-Anbieter auch nachlesen. Wer also wissen möchte, welcher zertifizierte Stromanbieter mit welcher Stromherkunft gekoppelt ist, schaut unter EnergieVision: Alle zertifizierten Produkte nach.

Jetzt lassen wir uns also die abrufbaren Informationen für Tchibo anzeigen. Wir möchten also wissen, welche Windkraftanlagen, Speicherkraftwerke, Laufwasserkraftwerke oder sanierten Druckspeicherkraftwerke an welchem Standort wieviel zum Energie-Portfolio beitragen von Tchibo. Und was finden wir unter “Tchibo direct GmbH” und dem unter dem Namen ”Tchibo Grüner Strom” vertriebenen Ökostrom? Leere Zeilen öffnen sich unseren neugierigen Blicken.

Anteil am Bezugsportfolio: Ein leeres Feld

Energiequelle und Anlagentyp: Ein leeres Feld

Name der Anlage: Ein leeres Feld

Standort: Ein leeres Feld

Leistungsklasse: Ein leeres Feld

Tchibo hat sicherlich den richtigen Weg eingeschlagen, sowohl umweltpolitisch als natürlich auch und besonders aus betriebswirtschaftlicher Sicht. Aber mit leeren Feldern lassen sich weder heutige VerbraucherInnen überzeugen und schon gar nicht lässt sich damit eine Vertrauensbasis schaffen. Deshalb wären die bei Tchibo für die Sparte Ökostrom Verantwortlichen gut beraten, im eigenen und in erster Linie in unser aller Interesse im Hinblick auf Transparenz und Informationsbedürfnis bei der Stromherkunft ordentlich und auch bald nachzubessern. Ansonsten bleibt neben dem aromatischen Kaffeeduft immer ein trügerischer Hauch von ärgerlichem Unwissen und Misstrauen in der Luft zurück.    

Siehe dazu auch: Der Klima-Lügendetektor “Tchibo: Grüner Strom mit einem Fragezeichen”       



10.11.2010

Schmutzige Geschäfte mit Clean Label

Abgelegt unter: Verkehrte Welt — Paul Boegle @ 23:53

Saubere Etiketten auf dreckigem Inhalt

Begibt man sich, so wie ich es tat, auf Spurensuche bzw. nach einer griffigen Definition des Begriffes “Clean Label”, führen einen die Suchmaschinen, man glaubt es kaum, an erster Stelle auf die ”Plattform für ehrliche Lebensmittel-Rohstoffe”. Und diese heißt? Natürlich Clean Label. Nun gut, hier fühlt man sich gleich verstanden, so denke ich. Wenn ich etwas Wissenswertes über die Schlagworte “Keine Konservierungsstoffe”, “Ohne Geschmacksverstärker” oder “Frei von Aromastoffen” erfahren möchte, dann ja wohl auf der “Clean Label”-Seite.

Ich sage Ihnen gleich: “Die Mühe lohnt sich (bis jetzt) nicht!” Außer Allgemeinplätzen im Sinne von “Die offene Deklaration wird für Lebensmittelproduzenten immer wichtiger. Der Anspruch des Endkunden zu wissen, was sich in den Produkten befindet, die er konsumiert, wird zukünftig steigen.” finde ich weder nützliche Clean Label Produkte noch hilfreiche Informationen über den letzten Stand der “Clean Label”-Kennzeichnung. Irgendwie wirkt die Seite genauso inhaltsreich wie die vorherrschenden Praktiken der Hersteller und Anbieter, welche sich mit ihren kurz formulierten Verzichtserklärungen auf ihren Produkten den VerbraucherInnen als grüne HeilsbringerInnen darstellen wollen. Also, sehr geehrter Herr Messemer, hier besteht noch erheblicher Nachholbedarf. Selbstverständlich schaue ich zu gegebener Zeit wieder auf Ihrer Seite vorbei, um mich von möglichen Fortschritten zu überzeugen.

Ich wandere also weiter in der virtuellen Welt Internet. Doch scheinbar dürften sich bisher weder klare Richtlinien und schon gar keine gesetzlichen Bestimmungen hinsichtlich des “Clean Label”-Begriffes durchgesetzt haben. Die österreichische Fachzeitschrift für Lebensmittelindustrie und -Forschung schreibt dazu in Ausgabe 2009/4 auf Seite 96, wobei sie besonders auf die durch ihren exzessiven Einsatz von künstlichen Aromen und Geschmacksstoffen oder Verdickungsmittel hervorstechende Süßwarenwirtschaft abzielt: “Der Begriff steht fur das Engagement der Hersteller, im Bestreben nach möglichst natürlichen Produkten bei den Rezepturen auf Inhaltsstoffe mit E-Nummern zu verzichten und diese durch natürliche Inhaltsstoffe, beispielsweise natürliche Farben und Aromen zu ersetzen.”

Doch wo beginnt die Grenzziehung zwischen Natürlichkeit und Kunstprodukt im Sinne von Zusatzstoffen, E-Stoffen, Farbstoffen, künstlichen Aromastoffen etc.? Dass sich KonsumentInnen durch das erwachende Gesundheitsbewusstsein im Sinne von “natürlich, gesund und frei von …” mittlerweile die Verpackungen und die darauf abgedruckten Inhaltstoffe genauer ansehen, ist natürlich auch bis zu den Anbietern vorgedrungen. Und selbst Brüssel fängt schön langsam an, sich außer der Genehmigung von gv-Maislinien mit der Zulassung von Lebensmittelzusätzen (EU-Richtlinie 94/36/EG) zu beschäftigen.

Bereits 2009 hat New Nutrition Business mit dem Report zur Trendforschung für den Lebensmittelmarkt (siehe 10 Key Trends in Food, Nutrition and Health) herausgearbeitet, dass nur jene Unternehmen die zukünftigen Märkte erfolgreich beherrschen werden, welche sich diesen Verbraucherwünschen nicht nur stellen, sondern auch dementsprechend befriedigen werden. Wir VerbraucherInnen müssen in Zukunft umdenken und vor allem eines lernen. Nicht die Hersteller dürfen unsere Wünsche und unser Verlangen bestimmen, sondern wir haben den unschätzbaren Vorteil, den Anbietern unsere Bedürfnisse aufzudrängen. Ob dies nun mit der sogenannten Ampelkennzeichnung LebensmittelAmpelkennzeichnung zum Erfolg führt oder durch ein anderes verpflichtendes Kennzeichnungssystem in die Wege geleitet wird, mögen andere entscheiden. Aber die Politik ist nun gefordert, sich endlich für ein allgemeingültiges Kennzeichnungssystem durchzuringen.

Dass diese Regelung wiederum zu Marketingzwecken missbraucht wird, ist fast schon vorprogrammiert. Denn selbst ein verständliches und in erster Linie transparentes Clean Label wird auch in naher Zukunft den schwammigen und nebulösen Begriff “natürliche Produkte” nicht zu aller Zufriedenheit auflösen. Ganz im Sinne der Industrie selbstverständlich. Aber wenn PolitikerInnen, und in diesem Fall liegt das Gewicht leider auf den …Innen, keine klare Stellungnahme beziehen wollen oder können, liegt der Verdacht nahe, dass die offensichtlichen und unmissverständlich geäußerten Verbraucherwünsche nach authentischen Produkten und verständlichen Produktkennzeichnungen zugunsten von Industrie und Handel kastriert werden.   



6.11.2010

Biorama: Magazin für nachhaltigen Lebensstil

Abgelegt unter: Was nirgends reinpasst — Paul Boegle @ 04:20

Wir leben jetzt bewusst

hat sich das Magazin Biorama auf die eigene Fahne oder besser gesagt auf das Cover geschrieben. Ich muss gestehen, ich kannte Biorama bis dato selbst nicht. Aber, und ich hoffe, dies freut die Verantwortlichen rund um den Herausgeber Thomas Weber, ich bin sehr angetan und muss dieses Lob und meine Freude dementsprechend durch eine Erwähnung auf meinem Blog kundtun.

Biorama: Magazin für nachhaltigen Lebensstil

Blättere ich in der aktuellen Ausgabe 12 vom Oktober 2010, so steht auf Seite 5 rechts unten geschrieben: “Biorama ist ein unabhängiges, kritisches Magazin, das sich einem nachhaltigen Lebensstil verschreibt. Die Reportagen, Interviews, Essays und Kolumnen sind in Deutschland, Österreich und der ganzen Welt angesiedelt. Sie zeigen Möglichkeiten für ein Leben mit Qualität für Mensch und den Planeten Erde. Ohne dabei den Zeigefinger zu erheben.”

Hört sich doch fürs erste nicht schlecht an. Der Themenschwerpunkt der aktuellen Biorama-Ausgabe ist für alle Rindvieher gedacht. Auch nicht schlecht, fühle ich mich doch gleich verstanden und unter meinesgleichen. Und so folgt das Magazin auch gleich den Kuhpfaden und bietet mit dem Interview mit Bernhard Kathan, dem Autor des Buches “Schöne neue Kuhstallwelt” sogleich interessante Ansätze bezüglich der Vergleichbarkeit der heutigen menschlichen Gesellschaft mit jenen Mechanismen, Strukturen und vor allem lange praktizierten Automatismen heutiger hochmoderner Kuhställe. Kathan erklärt in seinem Buch, warum der Mensch durch seine selbst gewählte, weil bequeme Knechtschaft in einem ähnlichen Martyrium gefangen ist wie es die vierbeinigen kuhäugigen (natürlich, was denn sonst) Milchlieferanten in ihren spezialisierten Kuhställen sind.

Und wenn sich Biorama schon mit Rinder beschäftigt, darf dementsprechend die künstlerische Sicht nicht außen vor gelassen werden. “Das Rindvieh im Zeitalter seiner technischen Reduzierbarkeit aufs Wirtschaftliche …” (Biorama Ausgabe 12 Oktober 2010 S. 24 f.) klingt nicht nur spannend, sondern ist es auch. Die Euterskizzen der Vorarlbergerin Barbara Husar reduzieren sich auf das Wesentliche, nämlich auf den betriebswirtschaftlichen Aspekt der Milchdrüse.

Doch bei aller Kuhlastigkeit und Kuhlasterhaftigkeit finden selbstverständlich auch jene Themen in Biorama ihren Platz, welche sich mit Lifestyle of Health and Sustainability oder marketingstrategisch kürzer LOHAS beschäftigen.

Ich möchte jetzt nicht weiter auf Biorama eingehen, sondern empfehle diesbezüglich, doch am besten selbst einmal auf der Webseite Biorama vorbeizuschauen. Zwei abschliessende Kritikpunkte oder besser geschrieben Anregungen seien hier zum Schluss angemerkt. Natürlich interessiert es mich schon, wer hinter solch einem Magazin steckt. Und da ich eingangs geschrieben habe, “rund um den Herausgeber Thomas Weber“, so habe ich natürlich bei meinen Recherchen im Netz Milo Tesselaar als den eigentlichen Gründer von Biorama gefunden. Weiter heisst es dazu in einer von Milo Tesselaar an Fr.Jona&son gerichteten Email: “Als Gründer, Chefredakteur und Herausgeber von Biorama teile ich hiermit mit, dass ich mich aus persönlichen und strategischen Gründen vom “Projekt” BIORAMA und damit allen diesbezüglichen
Tätigkeiten zurückgezogen habe….”

Vielleicht besteht die Möglichkeit, in einer der nächsten Biorama-Ausgabe etwas detaillierter Stellungnahme zu diesem Wechsel zu beziehen, da sich scheinbar auch andere Menschen die Frage stellten, warum es zu diesem Sinneswandel kam. Und zu guter Letzt habe ich eines vermisst, wobei zu guter Letzt die Sache sehr gut trifft. Leser wie ich sind furchtbar neugierig. Und deshalb wollen Leser wie ich furchtbar viel wissen. Z.B. wäre es interessant zu wissen, was denn so alles für die nächste Ausgabe geplant ist. Also ein kleines Nachwort, welche Schwerpunkte für die nächste Ausgabe ins nachhaltige Auge gefasst werden, sofern dies zum jeweiligen Zeitpunkt des Drucks bereits feststeht.

Bleibt mir nun wie immer bei solchen Artikeln (siehe etwa meine Schlussworte bei “Der Wildstauden-Virus der Patricia Willi“) noch eines anzumerken. Dies ist weder ein bezahlter Beitrag noch ziehe ich sonstige Vorteile aus der Veröffentlichung dieses Artikels. Natürlich bin auch ich Belohnungen und Aufträgen jeder erdenklichen Form nicht abgeneigt, aber diese werden dann am Anfang der Beiträge gekennzeichnet. Und da dies in diesem speziellen Fall nicht so ist, können Sie ganz beruhigt und entspannt bis zum Ende lesen.

Wobei, das Ende ist eigentlich erreicht. Es kommt jetzt nichts mehr. Nein, wirklich! Jetzt hören Sie endlich auf zu lesen. Definitiv. Aus. Ende. Schluss für heute. 



5.11.2010

BP: Zaster trotz Desaster

Abgelegt unter: Verkehrte Welt — Paul Boegle @ 01:06

Herzliche Gratulation an BP

BP schreibt wieder schwarze ZahlenTrotz der vorläufigen kolportierten 40 Milliarden Dollar, welche dem britischen Ölriesen aufgrund der havarierten Deepwater Horizon bisher an Folgekosten entstanden sind, dürfte das dritte Quartalsergebnis für die Aktionäre Erfreuliches mit sich bringen. Nachdem bereits im Juli 32 Mrd. Dollar ihren Weg in die ölverpesteten Tiefen des Golfs von Mexiko gefunden hatten, musste BP nun noch einmal nachbessern und zusätzlich fast acht Milliarden Dollar in die Pipelines aus Gier und Unverantwortlichkeit pumpen. Doch man höre und staune: Börsennews schreibt doch tatsächlich, dass “BP im dritten Quartal wieder profitabel” ist.

Gestiegene Ölpreise lassen BP, aber auch die direkten Konkurrenten Shell, Exxon oder Total jubeln und übertönen mit lautem Getöse die längst schon vergessene Explosion, welche sich am 20. April 2010 auf der Ölplattform Deepwater Horizon ereignete. Ich befürchte diesbezüglich aber, dass unser aller Vergessen mehr für die Steigerung der BP-Gewinne verantwortlich ist als die steigenden Preise der fossilen und doch so modernen schwarzen Pest.

Wo sind die kämpferischen Ansagen gegen BP nach der Apokalypse hingekommen? Vielleicht schon im ölverschmierten Gefieder der unzähligen toten Meeresvögel erstickt. Wer erinnert sich noch an die Boykott-Aufrufe gegen BP? Möglicherweise schwimmen auch diese bereits weit unter der Meeresoberfläche mit den Meeresschildkröten vereint gegen einen qualvollen Tod? Wo sind die Zugeständnisse von BP, der amerikanischen Regierung und Mitbewerbern, zukünftige Lizenzvergaben für Erdölbohrungen in der Tiefsee strengstens zu überprüfen und dafür notwendige neue Sicherheitsstandards zu schaffen? Durchaus denkbar, dass sie mit den 11 Toten, welche bei der Explosion damals ums Leben kamen, still und heimlich begraben wurden. Passend dazu die Aussage “Es wäre nicht besonders feinfühlig von uns, als erster die Hand zu heben und uns mit den ersten Lizenzen zu hetzen“ des neuen Kapitäns Bob Dudley auf der Kommandobrücke des leckgeschlagenen BP-Supertankers. Dudley übernahm von Tony Hayward mit Oktober das BP-Ruder übernahm, welcher nach selbst für Briten katastrophalen Entscheidungen und “Not amused”-Aussagen den Vorstandsvorsitz räumen musste (Ölpest wird für BP 40 Milliarden Dollar teuer).

Der Satz des neuen BP-Vorstandsvorsitzenden kommt zum jetzigen Zeitpunkt nicht von ungefähr. Und darüberhinaus beinhaltet er eine leicht nachzuvollziehende Logik. Der amerikanische “Yes, we can”-Präsident Barack Obama aus dem Lager der Demokraten wurde bei den eben zu Ende gegangenen Midterm elections, den US-Kongresswahlen ordentlich “abgewatscht”. Die Gründe sind sicherlich vielfältig, die Ergebnisse bezüglich der bisherigen und zukünftigen Ölpolitik Amerikas dagegen wie immer einzigartig vorhersehbar. Der Sieg der in ihrer Grundhaltung sehr Pro-Erdöl eingestellten Republikaner wird die Genehmigungsverfahren für Erdölbohrungen vor der amerikanischen Haustüre wohl wieder immens vereinfachen und die Lizenzen damit wieder in greifbare Reichweite der Ölkonzerne rücken.

In zwei Jahren finden die nächsten Wahlen zum mächtigsten Präsidentenamt dieser Welt statt. Barack Obama wird sich der mächtigen Wirtschaftslobby inklusive den weitreichenden Verflechtungen und Beziehungen der erdölproduzierenden und -verarbeitenden Industrie wohl kaum verschließen können, sollte er eine weitere Legislaturperiode im Weissen Haus anstreben. Und spätestens dann wird er jene Kompromisse eingehen müssen, welche ihm die notwendigen Stimmen bringen. Auch wenn er Ende April 2010 und den gesamten Mai hindurch voller Anteilnahme die ölverseuchten Strände und Feuchtgebiete rund um das betroffene Mississippidelta als Anlass zu einem “No, we can not” hinsichtlich der Geschäftspraktiken und Vergabeverfahren zwischen Regierung und Erdöllobby genommen hat. Sein “Yes, we can” wird wohl deutlich schwächer ausfallen und wohl um die stillschweigende Formulierung “but with petroleum we can it better” erweitert   

Wenn nun Bob Dudley sagt, die ölverschmierte Hand nicht als erster heben zu wollen, bedeutet dies eigentlich nur, den strategischen Nachteil und im wahrsten Sinne schwarzen Peter den direkten Mitbewerbern in die Schuhe zu schieben. Sollen die sich zuerst mit der Öffentlichkeit auseinandersetzen und damit auch in die Negativschlagzeilen geraten. Ich bin mir sicher, dass die seit langer Zeit abgesteckten Ölreviere als morastiger Teppich auf den Weltmeeren der Politik und Wirtschaft treiben. Ob nun Mr. Dudley seine Hand als erster hebt oder verschämt solange unter dem Tisch hält, bis sich andere erdreisten, um Bohrlizenzen anzufragen, spielt dabei wohl nur eine untergeordnete Rolle. 

Die USA waren und werden wohl immer vom schwarzen Gold Erdöl abhängig sein. Und mit dieser Tradition werden sie kaum brechen können geschweige brechen wollen, selbst wenn die Möglichkeiten vorhanden wären. Die propagierte Feinfühligkeit von BP wird deshalb wohl nur eine Frage einer sehr (begrenzten) Zeit sein. Und spätestens dann werden die Briten wieder nahtlos dort anschließen, wo sie nach Deepwater Horizon eigentlich nicht wirklich aufgehört haben. Alleine schon der Druck der Aktionäre und die damit verbundenen Forderungen nach ertragreichen Dividenden werden in einem Jahr über die Sicherheitsgedanken nach Deepwater Horizon den Mantel des Schweigens und Vergessens breiten.       

Die UN-Artenschutzkonferenz 2010 im japanischen Nagoya hat klare Zahlen auf den Tisch gelegt: Durch Großkonzerne wie BP werden jährlich Umweltschäden von umgerechnet 1,7 Billionen Euro laut UNO-Umweltchef Steiner verursacht. Doch solange sich die Verantwortlichen mit geradezu lächerlichen Summen auch in Zukunft freikaufen können, bedeutet dies im Umkehrschluss, dass wir alle noch nicht bereits sind, uns aktiv unserer gemeinsamen Aufgabe und Verantwortung stellen zu wollen.

BP schreibt Ende 2010 also wieder schwarze Zahlen. Eigentlich und vor allem bei näherer Betrachtung keine grosse Kunst. War es doch nur notwendig, die roten Zahlen der vergangenen Periode lange genug in das über drei Monate ausströmende Erdöl des unverschlossenen Bohrlochs zu halten und mit jenen 780 Millionen Litern Erdöl, welche ungehindert aus den Tiefen des Ozeans strömten, reinzuwaschen.            


4.11.2010

Bioplastik und Biokunststoff: Schierlingsbecher der Werbewirtschaft

Abgelegt unter: Verkehrte Welt — Paul Boegle @ 03:11

Marketing macht´s möglich: Plastik wird zum Öko-Renner

Der sogenannte Plastikbecher betrat mit der EM 2008 in der Schweiz und Österreich die grosse Bühne unserer neuen heilen (Öko)Welt. Bioplastik und in diesem speziellen Fall Getränkebecher aus Maisplastik war plötzlich in aller umweltbewussten Munde. Im wahrsten Sinne, denn hatten unsere Schweizer Nachbarn und wir uns damit doch gleich zum grössten Umwelt-Europameister aller Zeiten gekürt. Nun, so mochten sich erfolgreichere Fussballnationen denken: “Wenn die beiden schon im Fussball “nichts reissen”, sollen sie wenigstens Europameister der grünen Herzen werden!” (Dazu auch: Öko-Bluff mit Bioplastik - Trinkgefäße aus nachwachsenden Rohstoffen sollen die Umwelt schonen)

Sagen wir einmal so: “Kalorien tanken und der Umwelt danken!” war sicherlich ganz im Sinne der damaligen Hauptsponsoren. Wurde das schwarze klebrig-süsse Getränk aus Amerika mit der ach so geheimen Geheimformel doch damit auf einen Schlag auf die nicht mehr zu bremsende Öko-Schiene gesetzt, welche seither mit Volldampf und ungebremst nicht nur durch unser kleines Land seine grünen Spuren zieht.

Konnte doch den VerbraucherInnen damit weiterhin ein Einwegsystem schmackhaft gemacht werden, welches sich mit dem Deckmäntelchen grüner Interessen schmückte. Lästige Mehrwegsysteme und wiederverwendbare Pfandflaschen und -becher? Nein, brauchen wir nicht! Wir haben schliesslich den Öko-Becher aus Mais. Und Mais macht bekanntlich keinen Mist. Und wenn, dann selbstverständlich nur recycelbaren Müll.

Die Europameisterschaft 2008 ist längst Geschichte. Europameister wurde auch irgendwer, Österreich war´s nicht, glaube ich. Geblieben ist die Marketingstrategie Bioplastik oder etwas allgemeiner ausgedrückt Biokunststoff. Lese ich mir die Einleitung zu einer der grössten Marktstudien über Biokunststoffe durch, so erhalten auf den ersten Blick unzählige Argumente für den verstärkten Einsatz von Biokunststoff ihre Berechtigung. Fastfood-Geschirr, welches nach dem Verzehr der Nahrungsmittelergänzung, denn von Nahrungsmitteln kann man wohl seit Sally Davies` Langzeitexperiment “Happy Meal Project” nicht mehr sprechen, einfach in die grüne Tonne wandert. Einkaufssackerln aus grünem Bioplastik, welche nach Gebrauch im eigenen Garten auf dem Komposthaufen ihre weiteren nützlichen Dienste leisten, Autoteile, die auf wundersame Weise anstatt in der Schrottpresse im ökologischen Kreislauf der Wiederverwertbarkeit versinken. Schöne neue grüne Plastik-Welt!

Wir lösen unsere riesigen Abfallhaufen einfach auf und Kleinbauern profitieren wirtschaftlich an der riesigen Nachfrage dieser neuen Rohstoffe. Industrie und Handel erhalten endlich ihr lange ersehntes Image als Sauberfrauen und Saubermänner der Nationen, welche zum Wohle des Klimaschutzes und ganz im Zeichen der erfolgreichen Substitution fossiler Energieträger ein Zeitalter des neu erwachten Öko-Gewissens einläuten. Schöne neue grüne Plastik-Welt!

Die alles zerfressende globale Wirtschaftskrise ist dank Bioplastik endgültig Geschichte. Polymere, welche biologisch abbaubar sind, verdrängen die teuflische Petrochemie und verhelfen den meist unterentwickelten Agrarländern zu einem unerhofften und nie dagewesenen Aufschwung, neuer Blüte und Reichtum durch die niemals versiegenden, weil ewig nachwachsenden Rohstoffe. In dieselbe grüne Öko-Kerbe schlägt, wen wundert´s, der Verein “European Bioplastics“. Der Branchenverband der industriellen Hersteller, Verarbeiter und Anwender von Biokunststoffen und biologisch abbaubaren Werkstoffen (BAW) sowie daraus hergestellter Produkte in Europa, wie sich der Gralshüter für Biokunststoffe langatmig selbst beschreibt, schreibt sogar auf der eigenen Webseite bedeutungsschwanger: “… Kunststoffe gelten allgemein und nicht zu Unrecht als vergleichsweise “umweltfreundliche” Materialien.”

Wer hier als allgemein bezeichnet wird, bleibt allerdings ungeklärt. Und weiter heisst es salbungsvoll: “Biokunststoffe bringen als zusätzlichen Vorteil die Nutzung nachwachsender, also erneuerbarer Ressourcen ein. Dies muss nicht zwangsläufig zu einem Vorteil gegenüber konventionellen Kunststoffen führen. Es ist aber in vielen Fällen von Vorteil, wenn man Ressourcenschonung und Klimaschutzaspekte als Bewertungskriterien heranzieht. Durch die Nutzung von Agrarrohstoffen sind außerdem regionale Kreislaufwirtschaften möglich. Umweltvorteile sollten anhand anerkannter Kriterien, z.B. Ökobilanzen, belegt werden.”

Alle Achtung! Hier wird der Wiener Konjunktiv endlich einmal richtig angewandt. Vor lauter ”… wenn man …”, “… sind … möglich“, “… sollten … werden …” und “… muss nicht zwangsäufig …” gewinnt die Bedeutungslosigkeit dieser Eventualitäten erst so richtig an Bedeutung. Eines haben die werten Damen und Herren der neuen Marktlücke Bioplastik allerdings vergessen. Nämlich jene Studien zu erwähnen, welche den auf Pflanzenbasis hergestellten Kunststoffen ihre Umweltverträglichkeit gegenüber erdölhaltigen Kunststoffen streitig machen.

Eine nun veröffentlichte Studie der University of Pittburgh mit dem Titel “Plant-Based Plastics Not Necessarily Greener Than Oil-Based Relatives“ kommt zum folgenschweren Schluss, dass eben diese auf Pflanzenbasis hergestellten Kunststoffe nicht notwendigerweise “grüner” sind als Kunststoffe aus Erdöl. Zwar räumen die Forscher ein: “Biopolymers trumped the other plastics for biodegradability, low toxicity, and use of renewable resources.” Biokunststoffe sind bezüglich biologischer Abbaubarkeit sicherlich im Vorteil, auch weniger toxisch und verwenden dankenswerterweise erneuerbare Rohstoffe. Aber was ihre gesamte Ökobilanz in Grund und Boden stampft, wird erst ersichtlich, wenn man die Nachhaltigkeit des Materials als auch den Lebenszyklus der dafür benötigten Ressourcen als Grundlage mit einbezieht, wie es die Forscher in ihrer in der Fachzeitschrift Environmental Science Technology veröffentlichten Publikation Sustainability Metrics: Life Cycle Assessment and Green Design in Polymers getan haben.

Dabei wurden zwölf verschiedene Polymere untersucht, deren Grundlage Zucker, Maisstängel und Maiskörner bildeten bzw. Erdöl (PVC, PC, HDPE, PET, LDPE) oder Propengas enthielten und desweiteren ein spezielles Hybridplastik, welches sowohl auf Erdöl als auch Pflanzen basiert (B-PET). Eine 30 Gramm schwere Kugel des jeweiligen Polymers wurde eingehend hinsichtlich der Faktoren Umwelt, Gesundheit, Energieeinsatz, zugrundeliegende Rohmaterialien und natürlich auch der im Produktionsprozess verwendeten Chemikalien untersucht. Und genau jener Herstellungsprozess lässt die Illusion vom neuen Wundermitel Bioplastik wie eine grüne Seifenblase platzen. Was die Landwirtschaft durch den Einsatz von Unmengen an Pestiziden und Düngemitteln in Gang bringt, setzt die anschliessende Verarbeitung der Ausgangsstoffe zum Endprodukt durch energieintensive Prozesse und umwelt- und gesundheitsschädliche Chemikalien konsequenterweise fort.

Die Gruppe unter der Leitung von Michaelangelo Tabone kam zu dem Ergebnis, dass sämtliche eingesetzten Polymere sowohl die Böden überdüngen als auch die Ozonschicht zerstören. Versäuerung der Umwelt durch zwei Maisvarianten, Verschwendung beträchtlicher Mengen an fossilen Brennstoffen bei den Maiskörner-Produkten, krebserrregende Inhaltsstoffe. Die Forscher stellen der Innovation Bioplastik ein verheerendes Zeugnis aus.

Und trotzdem findet der teure Ersatz bereits Verwendung in Lebensmittelverpackungen, aber auch der Autoindustrie. Der ökologische Nutzen, welcher in der biologischen Abbaubarkeit gesehen wird, steht dabei in keinem Verhältnis zum benötigten Aufwand. Vielleicht wäre es angebracht, sich anstatt auf die Suche nach dem am wenigsten umweltschädlichen Plastik vielmehr auf Spurensuche und Entdeckungsreise effizienter Abfallvermeidung und ein schon lange gefordertes Mehrwegsystem zu begeben. Im menschlichen Körper abbaubare Implantate auf Basis von Bioplastik sind sicherlich ein nicht von der Hand zu weisendes Argument, aber die Fussball-Europameisterschaft 2008 in Österreich und der Schweiz wäre auch ohne Maisbecher über die Bühne gegangen.

Richtig, bevor ich es vergesse. Damals wurde Spanien Europameister. Hätte ich aber eigentlich wissen sollen. Schließlich sind die Spanier auch Europameister und sogar Weltmeister im Exportieren von Haifischflossen. Aber dies ist natürlich wieder ein ganz ein anderes Thema.                  

                


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