Klimawandel und Generationengerechtigkeit


Die Erde: Leihgabe unserer Nachfahren

Cancun rückt näher. Und mit ihm der UNO-Klimagipfel 2011. Wie schon im Vorjahr, als Kopenhagen sich in puncto Klimaschutz, Emissionsvorgaben, Begrenzung des Kohlendioxid-Ausstosses, erneuerbare Energien, Ernährungsprobleme und was weiss ich noch alles zu einem regelrechten Nullsummenspiel entwickelte und auch dementsprechend endete, liegen die Erwartungen trotzdem hoch. Grund für den vorsichtigen und verhaltenen Optimismus, dass das Kyoto-Protokoll doch einen adäquaten Nachfolger findet, war die nicht ganz ergebnislose UN-Artenschutzkonferenz im chinesischen Tianjin.

Der an der Grazer Karl Franzens Universität lehrende Lukas H. Meyer, Professor für praktische Philosophie, widmet sich dem Klimawandel unter dem Gesichtspunkt der Gerechtigkeit. Einerseits steht bei ihm jene Ungerechtigkeit des Verursacherprinzips im Vordergrund, d.h. jene Länder ziehen die grössten Vorteile aus dem Klimawandel, welche aber am wenigsten davon betroffen sind. Oder im Umkehrschluss: Am schlimmsten wirken sich schädliche Emissionen auf jene Regionen und die dort lebenden Menschen aus, welche am wenigsten dafür können und zu den Verschmutzungen dazu beitragen. Aber andererseits, und dies ist ein sehr interessanter Ansatz von Lukas H. Meyer, sieht er die Emissionen der heute lebenden Generationen im Kontext zu den zukünftigen, erst nach unserem Tod geborenen Generationen. Inwiefern wirken sich also jene von uns geschaffenen Lebensbedingungen auf die Existenz nachfolgenden menschlichen Lebens aus.

Welche Konsequenzen implizieren also die gegenwärtigen Ideen von Gerechtigkeit, wenn wir diese auf zukünftig lebende Menschen (ZLM) beziehen und fiktiv übertragen? Meyer kommt zu dem Schluss, dass hierbei vollkommen andere Machtstrukturen herrschen als jene Merkmale zwischen ZeitgenossInnen auftreten. Und diese nicht änderbare absolute Machtasymmetrie hat einen gravierenden Nachteil für bisher noch nicht gelebtes Leben: Die Unmöglichkeit der Kooperation zwischen uns und eben diesen erst nach unserem eigenen Tode Geborenen. Dies wiederum bedeutet dann aber, dass durch diese Konstellation der gegenwärtige Mensch das Leben der nachfolgenden Menschen und deren Lebensbedingungen unmittelbar und mittelbar beeinflussen kann, ohne dass wir jedoch für dieses Handeln zur Verantwortung gezogen werden können. Übertragen auf die Problematiken des Klimawandels heißt dies nichts anderes als ein entstehendes Abhängigkeitsverhältnis, ohne aber dafür Rechenschaft ablegen zu müssen.

Der Konflikt der Generationengerechtigkeit

Meyer stellt dabei die theoretische Frage auf, ob dann überhaupt Gerechtigkeit möglich ist. Wenn, so wie von anderen Theoretikern behauptet, Gerechtigkeit nur in Verbindung mit Kooperationsbeziehungen zu sinnvollen Interpretationen führen kann, würde sich aufgrund der fehlenden Bindungen zu den ZLM diese Frage der Aufteilung gemeinschaftlich erwirtschafteter Güter gar nicht stellen. Generationengerechtigkeit ist demnach nur dann möglich und auch exekutierbar, wenn die Identitäten zum gleichen Zeitpunkt existieren.

Meyer hingegen geht einen Schritt weiter. Alleine der Umstand, dass wir die Möglichkeit haben, die ZLM schädigen oder auch begünstigen zu können, genügt, um durch dieses Wissen dafür Sorge zu tragen, zukünftigen Schaden zu vermeiden und im Schadensfall durch geeignete Maßnahmen diesen Schaden zu kompensieren. Für den Philosophen besitzen also zukünftige Menschen bereits jetzt schon grundlegende Rechte, etwa das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Obwohl es sich hierbei nur um ein theoretisches Konstrukt handelt, sieht Meyer durch unser Zuwiderhandeln eine Verpflichtung heutiger Generationen darin begründet, diese Menschenrechte durch dieses Wissen und Handeln nicht zu verletzen. Übertragen auf die von uns verursachten Emissionen, welche das Klima der Zukunft beeinflussen und deren Tragweite uns bewusst ist, bedeutet dies, dass ein Höchstmaß erlaubter Emissionen wie Kohlendioxid unter den heute Lebenden aufzuteilen sind, um die Existenz der ZLM nicht zu gefährden.

Um nun diesen Begriff der schädigenden Rechtsverletzung neu zu denken und wohl auch neu zu definieren, bedarf es einer gemeinschaftlichen Einigung in Bezug auf den Ausstoß von Emissionen. Der einfachste Weg wäre dabei, dass jeder Mensch im Laufe seines Lebens gleich viel Emissionen verursachen darf. Ein Ding der Unmöglichkeit. Denn Meyer kommt zu dem Schluss, dass erwachsene Menschen in den reichen OECD-Staaten schon jetzt schon überproportional hohe Emissionen verursacht haben als eben jene in den sogenannten Entwicklungs- und Schwellenländern. Und weiterhin stehen wir vor dem möglicherweise noch grösseren Problem, dass jener zukümftige Klimawandel, welchen die ZLM zu meistern haben, aus heutiger Sicht schon nicht mehr aufzuhalten geschweige denn zu vermeiden ist.

Dann aber stellt sich die Frage: „Warum soll ich als heute lebender Mensch für die Schäden meiner Vorfahren verantwortlich gemacht werden? Bin ich nicht genauso ein ZLM, welcher die Toten nicht mehr zur Rechenschaft ziehen kann.“ Wer also soll für die Kosten dieser Schäden aufkommen? Meyer begibt sich zur Beantwortung dieser sicherlich noch schwierigeren Fragestellung in Dimensionen der historischen Gerechtigkeit. Die Verpflichtung, für frühere Schäden aufzukommen, also normative Konsequenzen als Resultat vergangener Handlungen, leitet er dabei aus dem Postulat der kompensatorischen Gerechtigkeit ab. Dies bedeutet, dass die Konsequenzen der Handlungen früherer Lebender die Bedingungen so geändert haben, welches ein Überdenken unseres jetzigen und zukünftigen Umgangs miteinander notwendig macht und aus dieser Notwendigkeit heraus eine Neubewertung und Neudefinition dieser Umstände nach sich zieht.

Meyer vergleicht diese Problematik mit jener „unserer“ NS-Vergangenheit und versteht sich dabei, und hier stimme ich ihm uneingeschränkt zu, als Teil einer transgenerationellen Gemeinschaft, welche in der Pflicht steht, all jenen Kompensationsleistungen zu erbringen, welche immer noch unter den Folgen dieser Verbrechen leiden müssen. Wobei hierbei Meyer aus Sicht der moralischen Verwerflichkeit zwischen NS-Verbrechen und Klimawandel durchaus differenziert. Während die Nationalsozialisten durchaus in der Lage waren, jenes moralische und ethische Tun als falsch anzusehen, können unseren Vorfahren in vielen Fällen die negativen Konsequenzen ihrer Emissionen nicht angelastet werden und in weiterer Folge darf ihnen dadurch auch kein Unrechtbewußtsein unterstellt werden.

Lösungen und Alternative

Was aber vielfach vergessen wird, ist die Tatsache, dass wir durch das Handeln unserer toten Vorgänger Nutznießer und Begünstigte sind. Wenn wir also sagen und darauf hinweisen, dass wir für die Missstände, Missetaten und Fehler unserer Altvorderen nicht in die Verantwortung genommen werden können, sollten wir immer bedenken, dass wir gerade durch diese Aktivitäten jene Vorteile und Güter geerbt haben, denen wir nicht mehr abschwören wollen. Und damit stellt sich uns wieder jenes Problem der kompensatorischen Gerechtigkeit, gekoppelt mit jenem Verursacherprinzip aus der historischen Gerechtigkeit heraus.

Lukas H. Meyer hät es deshalb für denkbar, die Emissionsrechte als fiktives Gut zu betrachten, welches global frei handelbar ist. In einer noch zu vereinbarenden Übergangsfrist könnten somit reiche Industriestaaten, welche für eine Überproduktion von Emissionen verantwortlich sind, von ärmeren Ländern, deren Emissionen unter dem vereinbarten Limit liegen, deren Kapazitäten zukaufen. Allerdings verweist Meyer explizit auf die Begrenztheit dieser Methode, da langfristig nur eine bestimmte Reduktion der Emissionswerte zielführend sein kann. Als weiteren Vorteil dieses Bonus-Malus-Systems sieht Meyer darin eine gewisse Art von Entwicklungshilfe, da die ärmeren Staaten aufgrund ihrer wirtschaftlichen Verhältnisse die ihnen zustehenden Rechte gar nicht umsetzen könnten und zumindest auf diesem Weg eine Art Ausgleichszahlung erhielten.

Auch wenn der Philosoph theoretische Ansätze für ein weltweit funktionierendes Kozept liefert, bleibt er Realist. Die Konferenz von Kopenhagen 2009 hat deutlich gezeigt, dass eine weltweite Einigung der am Verhandlungstisch sitzenden Partner in naher Zukunft zustande kommt. Deshalb seien brauchbare Alternativen gefragt. Und diese lassen sich vielleicht am ehesten auf nationaler Ebene umsetzen. Erste Anpassungen an den nicht vermiedenen und absehbar nicht vermeidbaren Klimawandel lasse sich dementsprechend nur innerhalb der eigenen Ländergrenzen wirkungsvoll vollziehen. Wenn schon die kollektive Unvereinbarkeit das wahrscheinlichste Szenario der Zukunft ist, muss der Staat zumindest seiner Fürsorgepflicht gegenüber den Bürgern dahingehend nachkommen, dass Lebensbedingungen zu aller Zufriedenheit geschaffen werden. Was er dabei nicht verschweigt: Diese Anpassungen zum Schutz der eigenen Bürger ist in OECD-Ländern viel leichter zu bewerkstelligen als in Entwicklungsländern.

Dass wir alle gezwungen sind, unsere Lebensweisen zu ändern, in neue Umwelttechnologien zu investieren und umweltfreundliche Stromkonzepte zu realisieren, ist sicherlich nicht neu. Dass wir verpflichtet sind, diese neuen Erkenntnisse mit anderen zu teilen und bereitzustellen, wird nicht überraschen. Dass wir diese Erde nur von unseren Kindern geliehen haben, ist eine altbekannte Floskel. Doch woher wir gemeinsam schnellstmöglich effektive Lösungen hernehmen sollen, daran scheitert wohl auch Lukas H. Meyer. Nebenbei gesagt, ich selbstverständlich auch. Aber die Frage der Generationengerechtigkeit hinsichtlich des Klimawandels ist mit Sicherheit sehr spannend und wirft natürlich weitere Fragen auf.

Die drängendste aus meiner Sicht lautet dabei: Lässt sich der von Meyer angesprochene Konflikt asymmetrischer Machtverteilung zwischen heute lebenden Menschen und zukünftig lebenden Menschen in geregelte Bahnen lenken respektive wie werden eben jene bis dato ungelebten Existenzen mit diesem Machtvakuum umgehen? Ich fühle mich auf seltsame Weise an das altbekannte spieltheoretische Problem des Gefangenendilemmas erinnert. Kooperation ist für alle besser. Doch die Auszahlungsmatrix spricht leider meist eine andere Sprache.                            



Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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