Bauxitschlamm begräbt Menschenrechte 1


Ungarn sagt „Nem!“ zu geplanter Protestkundgebung

Das ungarische Wörtchen „Nem“ bedeutet schlicht und einfach „Nein„. Am 4. Oktober brachen alle Dämme, symbolisch gesprochen für jenen Damm des Auffangbeckens in der Aluminiumfabrik Aluminium-AG MAL. Roter, mit giftigen Schwermetallen angereicherter Bauxitschlamm begrub unter anderem die ungarischen Ortschaften Devecser und Kolontar unter sich. Zehn Menschen starben, 150 durch Verätzungen teilweise schwer verletzte AnwohnerInnen, mehr als 350 zerstörte Häuser, Dutzende Quadratkilometer verseuchte Erde ließ die Lawine zurück.

Den Menschen wurde selbstverständlich sofortige Hilfe durch die ungarische Regierung zugesagt. Schadensersatzforderungen der betroffenen BürgerInnen wurden gestellt, die Hoffnung auf baldige Besserung bis heute genährt, doch nicht erfüllt. „Nem!“ sagen die Verantwortlichen bis zum heutigen Zeitpunkt. Und morgen, am 17. November 2010 wollten die in ihrer Gesundheit, ihren Eigentumsrechten und nicht zuletzt in ihrem Stolz Verletzten auf die Strasse, sprichwörtlich auf die Strasse, um ihrem Unmut über die Verweigerung.

Sie wollten sich auf de Fernverkehrsstrasse Devecser niedersetzen, zumindest halbseitig dort niederlassen, um gegen dieses Unrecht aufzustehen. Die kleine Frau von der Strasse, der kleine Mann auf der Strasse wollten protestieren, auf jener Strasse demonstrieren gegen Willkür und Ungerechtigkeit. Und die ungarische Regierung? „Nem!“ sagt sie zu dieser bodenlosen Frechheit der kleinen Leute. „Es herrsche immer noch Katastrophennotstand in der betroffenen Region um Devecser“ lautet die Begründung, welche wohl zurecht von MenschenrechtsschützerInnen angezweifelt wird.

Bis zum Austritt Ungarns aus der sogenannten Doppelmonarchie Österreich-Ungarn am 31. Oktober 1918 wäre dies alles noch verständlich oder womöglich sogar begreiflich gewesen. Schließlich gab es bis zu diesem Datum jene Monarchie, welche den bis dato in ihrem Denken und Handeln unselbständigen BürgerInnen den Weg wies. Doch seither hat sich (nicht nur) in Europa viel verändert. Die Republik Ungarn wurde ausgerufen, seit dem 1. Mai 2004 ist jene Republik sogar Mitglied der Europäischen Union. Aber möglicherweise ist diese neue Lage des politischen Systems noch nicht bis in die hintersten Winkel der ungarischen VolksvertreterInnen durchgedrungen. Oder sollte es nur daran liegen, dass sich Ungarns PolitikerInnen der unsäglichen Götterdämmerung des französischen Sonnenkönigs Louis XIV noch immer verplichtet fühlen, welcher mit seinem „L’état c’est moi“ den Zeitgeist der damaligen prärevolutionären Ohnmacht im Allmachtstaat Frankreich diktierte.

Geza Csenki, seines Zeichens Sprecher und Organisator der Bürgerinitiative, ruft deshalb trotzdem oder besser gesagt gerade deshalb zum Protest und zivilen Ungehorsam auf: „Wenn sie uns daran hindern wollen zu protestieren, werden wir zivilen Ungehorsam leisten. Sie haben unser Leben ruiniert, jetzt wollen sie uns auch noch unsere Rechte wegnehmen. Sollen sie doch auf uns schießen!“

Legen es Ungarns PolitikerInnen wirklich darauf an, einen weiteren Prager Frühling heraufzubeschwören. Und dies mitten im November. 



Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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