Bioplastik und Biokunststoff: Schierlingsbecher der Werbewirtschaft


Marketing macht´s möglich: Plastik wird zum Öko-Renner

Der sogenannte Plastikbecher betrat mit der EM 2008 in der Schweiz und Österreich die grosse Bühne unserer neuen heilen (Öko)Welt. Bioplastik und in diesem speziellen Fall Getränkebecher aus Maisplastik war plötzlich in aller umweltbewussten Munde. Im wahrsten Sinne, denn hatten unsere Schweizer Nachbarn und wir uns damit doch gleich zum grössten Umwelt-Europameister aller Zeiten gekürt. Nun, so mochten sich erfolgreichere Fussballnationen denken: „Wenn die beiden schon im Fussball „nichts reissen“, sollen sie wenigstens Europameister der grünen Herzen werden!“ (Dazu auch: Öko-Bluff mit Bioplastik – Trinkgefäße aus nachwachsenden Rohstoffen sollen die Umwelt schonen)

Sagen wir einmal so: „Kalorien tanken und der Umwelt danken!“ war sicherlich ganz im Sinne der damaligen Hauptsponsoren. Wurde das schwarze klebrig-süsse Getränk aus Amerika mit der ach so geheimen Geheimformel doch damit auf einen Schlag auf die nicht mehr zu bremsende Öko-Schiene gesetzt, welche seither mit Volldampf und ungebremst nicht nur durch unser kleines Land seine grünen Spuren zieht.

Konnte doch den VerbraucherInnen damit weiterhin ein Einwegsystem schmackhaft gemacht werden, welches sich mit dem Deckmäntelchen grüner Interessen schmückte. Lästige Mehrwegsysteme und wiederverwendbare Pfandflaschen und -becher? Nein, brauchen wir nicht! Wir haben schliesslich den Öko-Becher aus Mais. Und Mais macht bekanntlich keinen Mist. Und wenn, dann selbstverständlich nur recycelbaren Müll.

Die Europameisterschaft 2008 ist längst Geschichte. Europameister wurde auch irgendwer, Österreich war´s nicht, glaube ich. Geblieben ist die Marketingstrategie Bioplastik oder etwas allgemeiner ausgedrückt Biokunststoff. Lese ich mir die Einleitung zu einer der grössten Marktstudien über Biokunststoffe durch, so erhalten auf den ersten Blick unzählige Argumente für den verstärkten Einsatz von Biokunststoff ihre Berechtigung. Fastfood-Geschirr, welches nach dem Verzehr der Nahrungsmittelergänzung, denn von Nahrungsmitteln kann man wohl seit Sally Davies` Langzeitexperiment „Happy Meal Project“ nicht mehr sprechen, einfach in die grüne Tonne wandert. Einkaufssackerln aus grünem Bioplastik, welche nach Gebrauch im eigenen Garten auf dem Komposthaufen ihre weiteren nützlichen Dienste leisten, Autoteile, die auf wundersame Weise anstatt in der Schrottpresse im ökologischen Kreislauf der Wiederverwertbarkeit versinken. Schöne neue grüne Plastik-Welt!

Wir lösen unsere riesigen Abfallhaufen einfach auf und Kleinbauern profitieren wirtschaftlich an der riesigen Nachfrage dieser neuen Rohstoffe. Industrie und Handel erhalten endlich ihr lange ersehntes Image als Sauberfrauen und Saubermänner der Nationen, welche zum Wohle des Klimaschutzes und ganz im Zeichen der erfolgreichen Substitution fossiler Energieträger ein Zeitalter des neu erwachten Öko-Gewissens einläuten. Schöne neue grüne Plastik-Welt!

Die alles zerfressende globale Wirtschaftskrise ist dank Bioplastik endgültig Geschichte. Polymere, welche biologisch abbaubar sind, verdrängen die teuflische Petrochemie und verhelfen den meist unterentwickelten Agrarländern zu einem unerhofften und nie dagewesenen Aufschwung, neuer Blüte und Reichtum durch die niemals versiegenden, weil ewig nachwachsenden Rohstoffe. In dieselbe grüne Öko-Kerbe schlägt, wen wundert´s, der Verein „European Bioplastics„. Der Branchenverband der industriellen Hersteller, Verarbeiter und Anwender von Biokunststoffen und biologisch abbaubaren Werkstoffen (BAW) sowie daraus hergestellter Produkte in Europa, wie sich der Gralshüter für Biokunststoffe langatmig selbst beschreibt, schreibt sogar auf der eigenen Webseite bedeutungsschwanger: „… Kunststoffe gelten allgemein und nicht zu Unrecht als vergleichsweise „umweltfreundliche“ Materialien.“

Wer hier als allgemein bezeichnet wird, bleibt allerdings ungeklärt. Und weiter heisst es salbungsvoll: „Biokunststoffe bringen als zusätzlichen Vorteil die Nutzung nachwachsender, also erneuerbarer Ressourcen ein. Dies muss nicht zwangsläufig zu einem Vorteil gegenüber konventionellen Kunststoffen führen. Es ist aber in vielen Fällen von Vorteil, wenn man Ressourcenschonung und Klimaschutzaspekte als Bewertungskriterien heranzieht. Durch die Nutzung von Agrarrohstoffen sind außerdem regionale Kreislaufwirtschaften möglich. Umweltvorteile sollten anhand anerkannter Kriterien, z.B. Ökobilanzen, belegt werden.“

Alle Achtung! Hier wird der Wiener Konjunktiv endlich einmal richtig angewandt. Vor lauter „… wenn man …“, „… sind … möglich„, „… sollten … werden …“ und „… muss nicht zwangsäufig …“ gewinnt die Bedeutungslosigkeit dieser Eventualitäten erst so richtig an Bedeutung. Eines haben die werten Damen und Herren der neuen Marktlücke Bioplastik allerdings vergessen. Nämlich jene Studien zu erwähnen, welche den auf Pflanzenbasis hergestellten Kunststoffen ihre Umweltverträglichkeit gegenüber erdölhaltigen Kunststoffen streitig machen.

Eine nun veröffentlichte Studie der University of Pittburgh mit dem Titel „Plant-Based Plastics Not Necessarily Greener Than Oil-Based Relatives“ kommt zum folgenschweren Schluss, dass eben diese auf Pflanzenbasis hergestellten Kunststoffe nicht notwendigerweise „grüner“ sind als Kunststoffe aus Erdöl. Zwar räumen die Forscher ein: „Biopolymers trumped the other plastics for biodegradability, low toxicity, and use of renewable resources.“ Biokunststoffe sind bezüglich biologischer Abbaubarkeit sicherlich im Vorteil, auch weniger toxisch und verwenden dankenswerterweise erneuerbare Rohstoffe. Aber was ihre gesamte Ökobilanz in Grund und Boden stampft, wird erst ersichtlich, wenn man die Nachhaltigkeit des Materials als auch den Lebenszyklus der dafür benötigten Ressourcen als Grundlage mit einbezieht, wie es die Forscher in ihrer in der Fachzeitschrift Environmental Science Technology veröffentlichten Publikation Sustainability Metrics: Life Cycle Assessment and Green Design in Polymers getan haben.

Dabei wurden zwölf verschiedene Polymere untersucht, deren Grundlage Zucker, Maisstängel und Maiskörner bildeten bzw. Erdöl (PVC, PC, HDPE, PET, LDPE) oder Propengas enthielten und desweiteren ein spezielles Hybridplastik, welches sowohl auf Erdöl als auch Pflanzen basiert (B-PET). Eine 30 Gramm schwere Kugel des jeweiligen Polymers wurde eingehend hinsichtlich der Faktoren Umwelt, Gesundheit, Energieeinsatz, zugrundeliegende Rohmaterialien und natürlich auch der im Produktionsprozess verwendeten Chemikalien untersucht. Und genau jener Herstellungsprozess lässt die Illusion vom neuen Wundermitel Bioplastik wie eine grüne Seifenblase platzen. Was die Landwirtschaft durch den Einsatz von Unmengen an Pestiziden und Düngemitteln in Gang bringt, setzt die anschliessende Verarbeitung der Ausgangsstoffe zum Endprodukt durch energieintensive Prozesse und umwelt- und gesundheitsschädliche Chemikalien konsequenterweise fort.

Die Gruppe unter der Leitung von Michaelangelo Tabone kam zu dem Ergebnis, dass sämtliche eingesetzten Polymere sowohl die Böden überdüngen als auch die Ozonschicht zerstören. Versäuerung der Umwelt durch zwei Maisvarianten, Verschwendung beträchtlicher Mengen an fossilen Brennstoffen bei den Maiskörner-Produkten, krebserrregende Inhaltsstoffe. Die Forscher stellen der Innovation Bioplastik ein verheerendes Zeugnis aus.

Und trotzdem findet der teure Ersatz bereits Verwendung in Lebensmittelverpackungen, aber auch der Autoindustrie. Der ökologische Nutzen, welcher in der biologischen Abbaubarkeit gesehen wird, steht dabei in keinem Verhältnis zum benötigten Aufwand. Vielleicht wäre es angebracht, sich anstatt auf die Suche nach dem am wenigsten umweltschädlichen Plastik vielmehr auf Spurensuche und Entdeckungsreise effizienter Abfallvermeidung und ein schon lange gefordertes Mehrwegsystem zu begeben. Im menschlichen Körper abbaubare Implantate auf Basis von Bioplastik sind sicherlich ein nicht von der Hand zu weisendes Argument, aber die Fussball-Europameisterschaft 2008 in Österreich und der Schweiz wäre auch ohne Maisbecher über die Bühne gegangen.

Richtig, bevor ich es vergesse. Damals wurde Spanien Europameister. Hätte ich aber eigentlich wissen sollen. Schließlich sind die Spanier auch Europameister und sogar Weltmeister im Exportieren von Haifischflossen. Aber dies ist natürlich wieder ein ganz ein anderes Thema.                  

                



Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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