Bio Natur - Der Weblog

16.10.2010

Landliebe von Campina - ohne Gentechnik

Abgelegt unter: Was nirgends reinpasst — Paul Boegle @ 22:53

Es geht auch anders, sprich ohne Gentechnik

Es gibt durchaus vernünftige Alternativen zu “Alles Müller oder was?” und andere Produzenten, welche uns ihre Lebensmittel mit gentechnisch veränderten Rohstoffen versüssen. Sei es durch die zunehmende direkte Perversion gentechnischer Verschmutzung wie im Falle Syngenta oder Monsanto oder durch gentechnische veränderte Futtermittel, welche dann die Grundlage für indirekt genmanipulierte Lebensmittel bilden.

Deshalb ist es auch unumgänglich, nicht nur zu tadeln und anzuklagen, sondern lobenswerte Beispiele jener Produzenten und Hersteller publik zu machen, welche sich dem Grundsatz “ohne Gentechnik” verschrieben haben. Ich darf voranstellen, dass ich für diesen Artikel weder bezahlt werde noch andere Vorteile daraus ziehe. sondern alleine aus der Intention der Informationsweitergabe schreibe.

Landliebe ohne GentechnikCampina, eine der führenden deutschen Molkereien hat nun bekanntgegeben, seine mit 2008 begonnene “Ohne Gentechnik”-Kampagne (siehe Greenpeace: Landliebe - ohne Gentechnik) auf weitere Produkte auszuweiten. Die Erweiterung der “Ohne Gentechnik”-Produktpalette, welche mit Frischmilch und H-Milch den Weg in die Verkaufsregale fand, wird nun unter anderem durch ”Ohne Gentechnik” Käse und Joghurt aufgemotzt.

Campina garantiert den VerbraucherInnen dabei, dass die Zulieferer, hier natürlich besonders die Landwirte, die verwendete Milch völlig ohne Verwendung von genmanipuliertem Soja produzieren. Die neue Strategie bestätigt sich auch in steigenden Umsatzzahlen, wobei wir hier zu den Schattenseiten kommen. Ich möchte im folgenden die Gründe von abgespeist.de wiedergeben, welche unter Kann denn Liebe Lüge sein? aufgeführt sind.

Grundsätzlich stimmt abgespeist.de mit der ”Ohne Gentechnik”-Schiene von Campina und den angebotenen Landliebe-Produkten überein. Aber, und hier dürfte sicherlich noch Erklärungsbedarf vorhanden sein, wer sich ein Marktmonopol geschaffen hat, möchte auch davon profitieren. Doch hier stellt sich eben immer die Frage: Auf wessen Kosten? Zitat abgespeist.de: “Die Entscheidung für die Landliebe-Milch ist allerdings eine teure, denn sie kostet pro Liter bis zu 50 Cent mehr als andere Milch. Bei den Bauern kommt nur ein winziger Bruchteil des satten Preisaufschlages an. Kein Wunder, denn Verbraucher bezahlen den Mehrpreis vor allem für eines: ausgebufftes Marketing.” Und weiter heisst es: “Aber so viel Gefühl gibt es natürlich nicht umsonst – Landliebe kostet pro Liter etwa so viel wie Bio-Milch. Im Gegensatz zu dieser aber unterliegt Landliebe-Milch keinen speziellen, gesetzlich verankerten Richtlinien, deren Einhaltung ein Prüfsiegel bestätigt. Nachprüfbare Belege für die angeblich hohe Qualität der Milch liefert Campina nicht. Gefühle statt Fakten – so beschert Landliebe Campina 300 Millionen Euro Umsatz pro Jahr, Tendenz steigend.”

Es folgen noch weitere Gründe, welche nach Meinung von abgespeist die Markenpolitik von Campina in Frage stellen. Die Ambivalenz ist nachvollziehbar. Auf der einen Seite steht ein Vorreiter in Sachen “ohne Gentechnik”, aber andererseits wiederum wird diese derzeitige Monopolstellung des Profits wegen ausgenutzt. Doch ich sehe bei all diesen negativen Aspekten die guten Seiten. Die Vorbildfunktion der Landliebe-Produkte schafft sicherlich durch den publizierten Umsatzwachstum Anreizfunktion. Und da bekanntlich die Konkurrenz niemals schläft, werden in naher Zukunft gerade auf dem Sektor gentechnikfreier Lebensmittel “Nachahmungstäter” ihr Werk beginnen. Und da sich Erfolg in unserer heutigen Zeit eben am Umsatz orientiert, sollte der Markt unter dem Dach des “Ohne Gentechnik”-Siegels sich dementsprechend auch öffnen. Und dann wiederum wird (hoffentlich) der zu erwartende Konkurrenzdruck die Preise auch wieder verbraucherfreundlich regulieren.

Der Hinweis von Gentechnik-Expertin Heike Moldenhauer vom BUND, ”… dass eine gentechnikfreie Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion in Zukunft nur gesichert werden kann, wenn auch große Supermarktketten wie Edeka, Aldi und Lidl mit ihren Eigenmarken folgen“ wird meiner Meinung auch den gewünschten Erfolg mit sich bringen, nämlich gentechnikfreie Produkte zu vernünftigen Preisen.

Ich habe mich mit diesem Artikel sicherlich in den (kostenlosen) Dienst von Campina gestellt, wenn ich auch anmerken darf, dass noch nicht alles Gold ist, was bisher unter dem Deckmantel “ohne Gentechnik” glänzt. Aber hier appeliere ich auch auf die Konsenzbereitschaft von Campina. Im Sinne des Umweltschutzes, zum Wohle der Tiere, als Partner der Landwirte und nicht zuletzt als kritischer Konsument. 

  



12.10.2010

Atomkraft? Nej tack

Abgelegt unter: Verkehrte Welt — Paul Boegle @ 03:41

Atomkraft? Nein danke strahlt seit 35 Jahren

Das wohl bekannteste Logo unseres jahrzehntelangen Widerstandes gegen Atomkraft hat die ersten 35 Jahre auf dem Buckel. Und immer noch strahlt es mit den Atomkraftwerken um die Wette, lächelt gequält über die Laufzeitverlängerungen der AKWs in Deutschland, freut sich aber wiederum über jede(n) ErdenbürgerIn, welche sich unserem Protest anschliesst.

Atomkraft? Nej tack Atomkraft? Nein danke

Die lachende Sonne des “Atomkraft? Nej tack“-Logos ging zum ersten Mal über Dänemark auf, geboren von einer dänischen Bürgerinitiative, welche sich gegen die Atomkraft im dänischen Aarhus stellte. Und wer lieferte die Idee? Es war eine 21-jährige dänische Studentin namens Anne Lund. Doch reich geworden ist sie nicht mit ihrem “Nej tack“-Slogan. Lizenzierte Artikel mit Verkaufszahlen im zweistelligen Millionenbereich, doch Anne Lund hat sämtliche Rechte schon damals abgetreten. Einnahmen, welche wieder und immer wieder in die Anti-Atomkraft Bewegung gesteckt werden. Und von Dänemark trat schliesslich das weltbekannte Emblem seinen Siegeszug durch die Welt an.

Ich bin über einen Artikel in der Süddeutschen gestolpert. Unter der Überschrift “Prüder zur Sonne“, das harte “P” ist kein Druckfehler, stellt sich und wohl auch uns Petra Steinberger die Frage, ob diese 35 Jahre ewigen Protestes und Protestierens wohl an der ursprünglichen Botschaft oder sogar an der Aussagekraft genagt haben?

Brauchen wir neuen Schwung? Oder vielmehr: Braucht unser im Laufe der Zeit so lieb gewordenes Logo womöglich einen neuen Look, um sich neu zu positionieren? Hat der Zahn der (Atom)Zeit seine Spuren derart in die roten Umrisse der ewig strahlenden Sonne gefressen, dass neuere Generationen dies für Biss- oder Gebrauchsspuren halten könnten? Hat das Gelb, bedingt durch den enervierenden und aufreibenden Kampf gegen die allmächtige Atomlobby, seine Leuchtkraft eingebüßt und im Laufe der Jahre an Glanz verloren? Ist der Zeitpunkt gekommen, dass auch wir uns aufmachen, den immer drastischeren Wegen und rigoroseren Methoden unserer Gegner mit ebensolch schonungsloser Härte zu begegnen? Sollen wir uns auf unsere damaligen Wurzeln besinnen und den verstärkten Weg des Strassenkampfes gegen Politik und Atomwirtschaft wieder aufnehmen? Müssen wir uns wirklich auf jenes niveaulose Niveau der Pro-Atom-Lobbyisten begeben, um in den Fangarmen der Justiz zu landen, nur weil wir der Argumentationslosigkeit und den ewigen Phrasen mit Idealismus und spontanen oder geplanten Aktionen entgegenstehen?

So stellt Petra Steinberger bereits zu Anfang ihres Artikels fest: “Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke? Das gilt auch für den Widerstand. Es wird also Zeit, über ein neues Design für ein altes Protestbild nachzudenken.” Wobei ich mir bereits hier die Frage stelle, ob das Entwerfen eines neuen Designs auch den damit erhofften Aufschwung des Widerstandes nach sich zieht. Implizieren neue Formen und Farben auch diesen gewünschten Effekt oder brauchen wir nicht erst die notwendigen Handelnden dazu, um dann Rückschlüsse auf mögliche gestalterische Veränderungen althergebrachter Symbolik in Form von Vektoren und Bildern zu ziehen. Bedeutet das symbolische Übermalen und Verändern von Bildern im Sinne von Arnulf Rainer, dass durch diesen Schaffensprozess auch der damit gewünschte Erfolg eintritt. Entstehen dadurch wirklich neue Kunstwerke oder verbirgt sich unter dieser aufgebrachten Hochglanzschicht nicht doch nur der innewohnende Geist früherer Generationen. Aber auch ich lasse mich gerne eines Besseren belehren und folgedessen wurde der Typograph Erik Spiekermann (Spiekerblog) damit beauftragt, der Anti-Atomkraft-Sonne neuen Schwung zu verleihen. Herausgekommen sind dabei folgende neu gestalteten Logos des Grafikers (siehe auch Süddeutsche: Protest vom Designer).

Anti-Atomkraft Logos von Erik Spiekermann

Aus dieser Grundidee des ersten Bildes von Anne Lund entwickelt Erik Spiekermann neue gestalterische Konzepte. In Anlehnung an den publizierten Artikel, welcher die heutige Generation der Atomkraftgegner einerseits als konservativ darstellt, andererseits dieses konservative Verhalten aber wiederum durch neue Formen und subtilere Möglichkeiten der Protestierenden gleichzeitig in Frage gestellt wird, entwirft Spiekermann dementsprechende Logos, welcher dieser Intention und Grundhaltung gerecht werden (können).

Ich darf voranstellen, dass mir die Grundidee von Anne Lund trotz der innovativen Leistungen und der Fortschrittlichkeit, mit welcher Spiekermann dem möglichen neuen Bedürfnis nach Identifikation und Auffrischung verstaubter Ideale Rechnung trägt, immer noch am besten gefällt. Die Kritiker werden naturgemäß darauf antworten, dass ich mich aufgrund meines fortgeschrittenen Alters vor Veränderung fürchte oder gar den Anforderungen revolutionärer Ideen und neuzeitlicher Denkweisen nicht mehr gewachsen bin. Nun gut, dies mag sicherlich seine Berechtigung haben, wenngleich sie sicherlich falsch ist.

Ich kann jedoch der Argumentation nicht folgen, dass es sich beim Original um ein rotes Ding handelt, welches “eine Mischung aus fröhlichem Männlein und besoffenem Blatt” ist. Diese Reduktion auf das Wesentliche bestimmt in meinen Augen genau jenen Protest, welcher zu Beginn der Bewegung gegen die Atomkraft die Antriebsfeder für uns war. Auf die Strasse gehen, Lärm machen, Blockaden errichten, lautstarke Unzufriedenheit und Frust gegen “die da oben”, welche uns kein Gehör schenkten. Das Internet war damals noch in weiter Ferne, von Mobiltelefonen war noch keine Rede, die Berichterstattung in den Medien beschränkte sich auf einige wenige Programme, welche selektiv und oftmals unkritisch das übernehmen mussten, was ihnen die Quellen lieferten.

Widerstand war oftmals unorganisiert, Mundpropaganda ein probates Mittel, alte Telefone mit Wählscheiben bildeten eine effektive Informtionskette, welche aber nicht reissen durfte. Wer gegen die Atomkraft war, trug stolz den kleinen Button an der ausgebleichten Jeansjacke. Die rote lächelnde Sonne war unsere Hoffnung auf eine Zukunft ohne Atomkraftwerke. “Atomkraft? Nein danke” wurde zum Synonym des erwachenden Verstandes, des selbständigen Handelns und einer eigenen und vor allem freien Meinung. Nicht das Symbol stand im Vordergrund, sondern die damit verbundene Symbolkraft. Wir waren Kinder und Jugendliche, welche nicht den dramatischen Zuständen heutiger Reizüberflutung ausgeliefert waren und deshalb sicherlich auch in den Protestmärschen und Kundgebungen gegen Atomkraft Abwechslung suchten. Aber immer schwang die Ungewissheit mit. Angst vor Atomkriegen, welche durch die Omnipräsenz des Eisernen Vorhangs allgegenwärtig war, welcher Ost und West gnadenlos in Gut und Böse teilte. Die damaligen Proteste gegen die Atomkraft richteten sich deshalb auch nicht vordergründig gegen die Atomkraftwerke alleine, sondern es stand immer eine mögliche Bedrohung durch Nuklearwaffen als atomares Damoklesschwert über unseren Köpfen.   

Tschernobyl lag noch in weiter Ferne, schlummerte als schlafender strahlender Riese seinen Dornröschenschlaf des zukünftigen radioaktiven Fallouts. Das österreichische Zwentendorf, Kaiseraugst in der Schweiz, Wyhl, Kalkar und Wackersdorf, Greifswald in der ehemaligen DDR und natürlich die Katastrophe von Three Mile Island boten genug Diskussionsstoff und schürten unsere Ängste vor dem plötzlichen Aus.

Heutige Demonstranten sind konservativer” mag durchaus seine Richtigkeit haben, aber muss dann damit auch gleichzeitig unser altes Emblem der roten gutmütig lächelnden Sonne und dem Imperativ “Nein danke!” mit auf die grosse Müllhalde Menschheit geworfen werden? Natürlich bieten die Entwürfe von Spiekermann neue Ansätze für unsere möglicherweise überholten Vorstellungen von Protest gegen Atomkraft. Aber in meinen Augen beschränken sich die beiden mittleren Symbole mit den schwarz gehaltenen Atomkraftwerken eben nur auf das, was in dieser Botschaft enthalten ist, nämlich jene Gefahr, welche von AKWs ausgeht. Alle anderen Gefahren, welchen ich mich noch immer gedanklich, bedingt durch die Erfahrungen meiner Kindheit, stellen muss, werden meiner Meinung nach ausgegrenzt. War für uns früher Atomkraft gleichbedeutend mit Atomwaffen, Atombomben, Nuklearwaffen, Atomstrom, Wiederaufbereitung, Schnelle Brüter, Endlagerung, so reduziert sich für mich die permanente Gefahr in jenen neu geschaffenen Bildern rein auf die Aussage: “Protestieren wir gegen Atomkraftwerke!”

Die Welt ist härter geworden, der Umgangston rauher. Und genau dies spiegelt sich in diesen beiden Logos wider. Keine Frage, eine Aussage, welche treffender nicht sein könnte. Ein Totenkopf fletscht seine Zähne, schaut aus toten und leeren Augen aus dem Reaktor heraus. Eine Botschaft, aggressiv, kompromisslos und rigoros schonungslos. Und doch kann ich mich nicht damit anfreunden. Es fehlt mir einfach der Ansporn, mich dagegen aufzulehnen. Ich möchte wissen, für was ich kämpfe. Der Totenkopf gibt mir aber ein Gefühl der Ohnmacht, der Erniedrigung, der Verzweiflung, sogar der Ausichtslosigkeit und der Kapitulation. Hier lohnt sich der Widerstand einfach nicht mehr. Die Sonne hat ihren Platz geräumt, übrig bleibt verzweifelte Endzeitstimmung.

Ganz anders bewerte ich dagegen das traurige Gesicht im Kernkraftwerk. Sofern diese Intention der Traurigkeit damit verbunden ist. Ich sehe einfach nur Langeweile. Heruntergezogene Mundwinkel, ein desinteressierter Blick aus schmalen Augen schaut mich an. Es fehlt an Ausdruckskraft. Atomkraft macht mir Angst, Atomkraft stellt für mich eine nicht greifbare, unbegreifbare Bedrohung dar. Aber hier vermisse ich die Schreckensbotschaft. Wir dürfen ein AKW nicht mit Langeweile verbinden. Das Symbol muss aufrütteln, muss mich bewegen, muss mir zeigen, dass ich mich vor Atomstrom in Acht nehmen muss, dass ich mit aller Macht dagegen ankämpfen muss.

Die letzte Variante ist sicherlich noch die akzeptabelste. Verzeihung, wenn ich diesen Ausdruck gebrauche, aber ich finde ad hoc keine andere Beschreibung dafür. Die Kernaussage orientiert sich am grossen Vorbild, die Farbgebung hält sich in groben Zügen an das Original. Und doch ist mir die Gestaltung “zu rund”. Ich möchte Ecken und Kanten sehen, Unregelmässigkeiten und ungleiche Proportionen. Die rote Sonne muss sich mehr einbringen, nicht gleichmässig und wohlgefällig kugelrund scheinen. Sie soll Strukturen aufbrechen, mit ihren lodernden Strahlen den Gegner auffressen und verbrennen. Es muss mehr Leben hinein, mehr dreidimensionales Denken und Handeln. Auch der Faktor Zeit bleibt in meinen Augen unberücksichtigt. Jene begrenzte Zeit, welche uns die Erfordernisse und die Dringlichkeit für den sofortigen Ausstieg aus der Atomkraft näherbringen muss.      

Liebe Petra und ganz besonders lieber Erik! Lassen wir doch “unser” altes Logo so, wie wir es seit nun mehr 35 Jahren kennen. Wichtig ist, dass wir gemeinsam gegen die Atomkraft antreten. Ziehen wir gemeinsam an einem Strang unter dem lächelnden Dach einer Mischung aus fröhlichem Männlein und besoffenem Blatt. Und heissen wir die neue Generation willkommen, egal ob nun konservativ oder (leicht) chaotisch wie wir damals. Denn der Widerstand gegen Atomkraft betrifft uns alle und muss weitergehen. Auch wenn Sie, sehr geehrte Frau Angela Merkel, Ihr Bundeskanzleramt mit Atomstrom heizen sollten. Aber scheinbar ist heisse Luft in der deutschen Regierung ein gern gesehener und höchst willkommener Gast.               



10.10.2010

Arsen ohne Spitzenhäubchen in Ungarn

Abgelegt unter: Verkehrte Welt — Paul Boegle @ 23:03

Kolontar - wenn alle Dämme brechen

Aluminium-AG MAL in Kolontar: Giftschlamm aus dem Dammbruch des Rückhaltebeckens

Bildquelle: FAZ.Net: Kolontar aus Angst vor neuer Schlammwelle evakuiert

Was war die Welt früher einfach. Wir schalteten den Fernseher ein und ließen uns von den beiden Schwestern Abby und Martha Brewster samt deren Neffe Mortimer, gespielt von Cary Grant, in “Arsen und Spitzenhäubchen” ganz gewaltig hinters Licht führen. Zwei liebenswerte alte Damen in einem liebenswerten alten Film. Irrungen und Wirrungen mit dem obligatorischen Happy-End.

Und heutzutage? Die Welt ist immer noch einfach. Korruption bestimmt das alltägliche Wirtschaftsgebaren. Unendlich lange Seilschaften, mit dem Band der Profitgier mit- und untereinander untrennbar verknüpft, im Falle von Kolontar und der dortigen Aluminiumfabrik Aluminium-AG MAL buchstäblich über Leichen gehend. Wir schalten den Fernseher ein und zwei gutgelaunte Männer namens Zoltan Bakonyi und Lajos Tolnay begegnen uns auf der Mattscheibe und in schnell zusammengezimmerten Pressekonferenzen. Und, genau wie die beiden Schwestern, welche ihre Opfer aus lauter Mitleid dem Schöpfer näher bringen, führen uns diese beiden Wirtschaftsbosse gewaltig hinters Licht. Mit dem einzigen Unterschied: Jene Menschen, welche durch die Schlammwelle aus ätzendem Giftschlamm getötet wurden, sind keine Schauspieler. Der giftige Schlamm forderte echte Opfer. Kolontar und Umgebung sind weder schwarz noch weiss, sondern in unzähligen Grautönen aus Korrumpierung, Profitgier und Menschenverachtung gehalten.

Hieß es früher in einem Lied der Gruppe Gänsehaut: “Karl, der Käfer wurde nicht gefragt”, werden heute jene Nachfahren von Karl mitsamt der Bevölkerung unter einem Teppich und alles vernichtenden Brei aus Geld und Umweltgiften förmlich erstickt, ungefragt und mitleidslos. Wer zahlt, schafft an! Und wer bezahlt wird, darf keine Fragen stellen, will keine Fragen stellen. Gesetze sind dazu geschaffen, gebrochen zu werden. Geld funktioniert dabei als brachiales Brecheisen, öffnet jene so sicher geglaubten Bunker und Festungen mit Namen Umweltschutz, Umweltstandards und Sicherheitsvorschriften.

Die Abklärung der unmittelbaren Ursachen für die Katastrophe stehe nun im Vordergrund. Zumindest wenn es nach den mit dem Fall betrauten Experten geht. Ob dabei jedoch auch die restlose Aufklärung erwünscht ist, bleibt bis auf Weiteres wohl unter dem roten Giftschlamm verborgen. Zwei Wochen vor dem Dammbruch sei der Damm von den zuständigen Umweltbehörden von Veszprem geprüft und für gut und unbedenklich befunden worden. Möglicherweise könne ein Konstruktionsfehler am Desaster von Kolontar schuld sein. Aber auch ein Erdbeben muss mittlerweile schon als Ursache herhalten. Gespräche finden allenthalben statt, alleine reden möchte keiner der Beteiligten. Wen wundert es da, wenn plötzlich Akos Redey, der Rektor der in Veszprem beheimateten Pannon-Universität, welche für die Ausbildung der Bergbau- und Industrie-Ingenieure der Region zuständig ist, eine Nachrichtensperre verhängt und seinen Professoren und Assistenten den berühmten Maulkorb umhängt. 

Peter Lenkei von der Umweltschutzorganisation Levegö Munkacsoport (Arbeitsgruppe Saubere Luft) wird da schon konkreter: “Das EU-Recht wurde präzise ins Ungarische übersetzt, aber die Ausführung ist sehr schwach” umschreibt er die Korruptionsvorwürfe, bevor er dann doch deutlicher wird. “Eine Hand wäscht die andere, selbst umweltbewusste Fachleute geraten unter die Räder” fasst er die Misere anhand jenes Staatsbeamten zusammen, welcher 2006 für die Betriebsbewilligung zuständig war. Und jener Fachmann für Umweltfragen sitzt heute ganz weit oben im ungarischen Umweltministerium und schmückt sich mit dem Posten des Staatssekretärs für Wasserfragen.

Und Brüssel? Die dortige EU-Umweltkommission hält sich ebenso bedeckt wie die Verantwortlichen. Ein Verfahren gegen den 2004 beigetretenen EU-Mitgliedstaat werde im Falle verletzter Normen und Prozeduren geklärt. Natürlich nur dann, falls sich herausstellen sollte, dass die vor sechs Jahren, also zum Zeitpunkt des EU-Beitritts von Ungarn, genehmigte Bewilligung des Aluminiumwerkes gegen Vorschriften und Auflagen verstossen haben sollte. Doch der damaligen Beitritt wurde unter der Federführung einer sozialistischen Regierung bewerkstelligt, während zum heutigen Zeitpunkt des Unglücks von Kolontar die Rechtsliberalen bzw. der rechtsnationale Bürgerbund “Fidesz” die Geschicke des Landes lenken. Und wie es der Zufall will, wurde mit dem EU-Beitritt Ungarns durch Umwidmung der bis dato als Gefahrengut deklarierte Bauxit-Schlamm plötzlich zum Allerweltsschlamm, natürlich im Einklang mit damals geltenden EU-Richtlinien. Von einem Moment verlor also der rot gefärbte Giftschlamm seinen Sonderstatus. “Aus rot mach weiss!” So einfach geht das.

Cary Grant flog am Ende von “Arsen und Spitzenhäubchen” mit seiner frisch vermählten Gattin in den Urlaub. Begleitet wurde er von der Versicherung seiner beiden mordenden Tanten, den Wahnsinn seiner vermeintlichen Verwandtschaft nicht geerbt zu haben. Und die beiden Herren Zoltan Bakonyi und Lajos Tolnay, ihres Zeichens verantwortliche Manager der Aluminium-AG MAL? Werden wohl auch ihren wohlverdienten Urlaub angetreten haben. Weit weg von Arsen, Bauxit, giftigem roten Schlamm und ätzender Natronlauge. Und noch viel weiter entfernt von jenen Menschen, deren Lebensraum dem Erdboden gleichgemacht wurde.

Man wäre versucht zu denken, dass Abby und Martha Brewster ihren Weg von der Leinwand nach Ungarn angetreten haben. Ausgebrochen aus den Kinosälen, mitten hinein in den Sumpf aus Macht, Geld, Gier und Unbarmherzigkeit. 

Weiterführend zu diesem Thema etwa Profil online: Ungarn: “Nach der Giftschlamm-Katastrophe stehen korrupte Seilschaften am Pranger”, NZZ online: “Im Schlamm der Korruption” oder Zeit online: “Salamitaktik in Ungarn”        

6.10.2010

Aldi (Österreich: Hofer) informiert

Abgelegt unter: Verkehrte Welt — Paul Boegle @ 03:43

I Shop Fair: Konsumkritik gegen Aldi

Am 07.10.2010 ist es wieder einmal, genauer gesagt zum dritten Mal so weit: Der Welttag für menschenwürdige Arbeit (WFMA 2010) findet statt. Natürlich leider weitgehend unbeachtet. Und pünktlich dazu hat sich das Netzwerk I Shop Fair und die Christliche Initiative Romero (CIR) entschlossen, eine Adbusting-Kampagne der besonderen Art gegen den Discounter Aldi (bei uns in Österreich Hofer) zu lancieren.

Das Aldi-Adbust ist dabei ganz im Stil der Werbeprospekte von Aldi gehalten. Doch wer genauer hinschaut, wird doch kleinere Unterschiede beim Flyer von CIR entdecken. Unter den Aldi-typischen Produkten stehen dann jene menschen- und arbeitsrechtlichen Aspekte, auf welche der Discounter den Verbraucher wohlweislich nicht hinweist.

Aldi Adbuster-Kampagne von CIR und I Shop Fair

Das komplette vierseitige Aldi-Plagiat gibt es als PDF-Datei nach Klicken auf das Bild. Aber seid bitte schnell, denn Aldi hat bereits juristische Schritte gegen die Christliche Initiative Romero eingeleitet (ALDI will Kritikern Maulkorb verpassen lassen / Discounter-Riese geht gegen christliche Entwicklungsorganisation vor). Wer weiss, wie lange es noch dieses Schmuckstück gibt. Und falls Ihr Interesse habt, vielleicht den dazugehörigen Flyer an Freunde, Bekannte zu verteilen oder womöglich still und heimlich bei irgendeinem Discounter aufzulegen, dann lasst Euch doch ein paar oder natürlich auch ein paar mehr Flyer kostenlos zusenden. Sollte ich gerade zu einer Straftat aufgerufen haben, bitte ich meine Unwissenheit zu entschuldigen. Dann selbstverständlich nur an Freunde und Bekannte verteilen. Aber bitte schnell verteilen, denn auch dies könnte möglicherweise bald eine Straftat darstellen.    

Also weiterhin Hungerlöhne bezahlen und die Kritik und Kritiker gegen solche Verstösse der Menschen- und Arbeitsrechte mit Rechtsanwälten aushungern? Manchmal ist scheinbar auch ein Discounter bereit, über seinen Schatten zu springen und gutes Geld für gute Anwälte und teure Juristen zu bezahlen. Hauptsache, der Maulkorb passt!

Deshalb noch einmal der Aufruf von CIR im ganzen Wortlaut:

Kein Maulkorb für KritikerInnen!
Die CIR verbreitet  aktuell eine Persiflage eines ALDI-Prospektes. In dieser weist das Netzwerk auf menschenrechtlich und arbeitsrechtlich bedenkliche Aspekte der von ALDI angebotenen Billigangebote hin. Die Kritik an ALDI: Durch seine Billigpreis-Politik fördere das Unternehmen Ausbeutung in Produktionsländern im globalen Süden, etwa in Form von Hungerlöhnen.

Statt sich um diese grundlegenden Probleme der Geschäftspolitik des Discounters zu kümmern, setzten Aldi die KritikerInnen nun juristisch unter Druck. Wir fordern das Unternehmen daher auf:
• Stellen Sie unverzüglich alle juristischen Maßnahmen gegen die Christliche Initiative Romero (CIR) ein.
• Setzen Sie den Verhaltenskodex der Kampagne für Saubere Kleidung bei Ihren Zulieferern um und lassen Sie dies durch eine externe unabhängige Instanz kontrollieren.
• Verändern Sie Ihre Einkaufspraktiken, so dass Ihre Lieferanten Sozialstandards einhalten können.
• Stellen Sie Transparenz her: Nennen Sie Ihre Lieferanten in den  Produktionsländern und berichten Sie regelmäßig über die unternommenen Schritte zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen.
• Sozialstandards müssen in Produktion (z.B. in Bangladesch) und Verkauf (bei uns) eingehalten werden.

Wenn auch Sie diese Forderung stützen, schicken Sie die folgende Protestmail an ALDI Nord unter http://www.ci-romero.de/ccc

Pressekontakt:
André Hagel
Referat Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Christliche Initiative Romero (CIR)
Breul 23
D - 48143 Münster
Deutschland / Alemania
Fon ++49 - (0)2 51 - 8 95 03
Mobil ++49 - (0) 1 60 - 97 68 95 03
Fax ++49 - (0)2 51 - 8 25 41
E-Mail: hagel@ci-romero.de
   


4.10.2010

UN-Klimakonferenz in Tianjin: Der goldene Schuss

Abgelegt unter: Was nirgends reinpasst — Paul Boegle @ 22:42

In China fällt ein Reissack um und keinen stört´s! 

Jetzt ist die Zeit gekommen, die Suche nach Gemeinsamkeiten zu beschleunigen.” Mit diesen Worten eröffnete die Chefin des UN-Klimasekretariats, Christiana Figueres, die Vorgespräche für die im Dezember 2010 im mexikanischen Cancún stattfindende Weltklima-Konferenz. Auf den ersten Blick keine schlechte Aussage, wäre da nur nicht der Nachsatz: ”Es muss verhindert werden, das anhaltende Meinungsverschiedenheiten zu nicht akzeptabler Untätigkeit führen.”

Die Weltklima-Konferenz in Cancún 2010 wird uns wohl deshalb auch jene Resultate liefern, welche wir bereits nach dem Klimagipfel 2009 in Kopenhagen präsentiert bekamen. Unüberbrückbare Differenzen zwischen den führenden Industrienationen und den aufstrebenden neuen Wirtschaftsmächten, allen voran der neue grösste Klimasünder China. Und dazwischen stehen die sogenannten Schwellenländer und Entwicklungsländer, welche auf jene Milliarden der EU und der USA hoffen, die aber bisher genauso zäh fliessen wie ein gemeinsamer Konsenz hinsichtlich verbindlicher Richtlinien und Begrenzungen des Kohlendioxid-Ausstosses oder dem so dringend benötigten Nachfolgeabkommen für das 2012 auslaufende Kyoto-Protokoll.

Eigentlich ist der Weltklimagipfel in Mexiko bereits schon Geschichte, noch bevor er überhaupt begonnen hat. Einzig und allein Schadensbegrenzung lautet die primäre Vorgabe. Oder, um mit den Worten von Christiana Figueres zu sprechen, werde es bei den jetzigen Vorgesprächen und insbesondere beim anschliessenden Klimagipfel lediglich darum gehen, “Eckpunkte” für die Zukunft zu finden. Wie diese Eckpunkte auszusehen haben, bleibt allerdings ebenso im Dunkel wie ein klar umrissenes Datum für ein neuerlich bindendes Abkommen sämtlicher Mitgliedsstaaten.

Versprechen sind dazu da, um gebrochen zu werden. Im Falle des Kyoto-Abkommens war dies jedoch in den meisten Fällen nicht einmal notwendig, da es einfach zu viele Schlupflöcher gab, welche den Nationen zu viel Spielraum bei der Umsetzung oder eben Nichteinhaltung der gemeinsam erarbeiteten und ratifizierten Gesetze und Vorgaben ließ. Christiana Figueres sieht deshalb als dringlichste Massnahme die Erarbeitung verschiedener Säulen, welche sozusagen als Fundament und tragende Elemente für eine in ferner Zukunft liegende Deckenkonstruktion namens “Kyoto neu” oder welchen Namen auch immer dieses ungetaufte Kind tragen wird, dienen sollen. Dass diese Konstruktion jedoch unter den gegenwärtigen Voraussetzungen der Unvereinbarkeit der Verhandlungspartner kaum das Licht der Erde erblicken dürfte, sollte aber allen Beteiligten klar sein.

Poltert doch China sogleich mit der “Verletzung nationaler Souveränität”, wenn es um den steigenden Energiebedarf aufgrund der wirtschaftlichen Expansion geht, welcher durch (vollkommen überalterte) Kohlekraftwerke (Asche aus Kohlekraftwerken ist für enorme Umweltverschmutzungen verantwortlich) gedeckt wird. Und die westlichen Industrienationen? Die oberste Klimahüterin ortet zwar ein “Gefühl der Dringlichkeit” bei der Umsetzung eines neuen Weltklimavertrages, doch inwiefern der in Kopenhagen gefertigte “goldene Schlüssel”, die versprochenen finanziellen Hilfeleistungen für die Entwicklungsländer und die Bekämpfung der durch den Klimawandel entstandenen negativen Auswirkungen, auch in die vorgefertigten Schlösser passen wird, darf in Frage gestellt werden.

Neben diesen zugesagten Finanzspritzen nennt Christiana Figueres als wichtige weitere Säulen einen schnelleren Transfer von (Umwelt)Technologien, die Gründung des lange schon über den Häuptern der Verantwortlichen schwebenden Klimafonds und desweiteren eine Entscheidung über den Schutz der Wälder und ihrer Bewohner.

Eine Entscheidung über den Schutz der Wälder und ihrer Bewohner? Welche Bewohner werden von wem in welchen Wäldern zum schützenswerten Gut ernannt? Sprechen wir hier von den indigenen Völkern, welche zur Durchsetzung ihrer Landrechte das Land zuerst einmal selbst vermessen und kartografieren müssen. Doch wer übernimmt die Kosten für die dafür notwendigen GPS-Systeme, woher kommt das dafür dringend benötigte Personal, wer gewährleistet die langfristige Finanzierung, wer übernimmt die Vertretung der Dorfbewohner in rechtlichen Fragen? Die traurige Wahrheit ist vielerorts, dass Ureinwohner von geplanten Projekten erst dann erfahren, wenn die Bulldozer vor der eigenen Hütte stehen.

Wer entscheidet über den Erhalt der Regenwälder Süd- und Mittelamerikas? Sind es internationale Organisationen, welche erst dann geeignete Massnahmen treffen können, wenn politisches Fehlverhalten die Grundlage dieser Massnahmen, nämlich mehr als drei Viertel des ursprünglichen Regenwaldes, bereits zerstört haben. Endlose Schneisen und Trassen für dringend benötigte Stromleitungen werden in Venezuela in die Wälder gefräst, durch Indianergebiete gepflügt. Malaysia widmet immer grössere Waldflächen in Ölpalmplantagen und papierverarbeitende Betriebe um. Illegaler Holzeinschlag, staatlich geduldete Wildfischerei, die willkürliche Vergabe von Bohrlizenzen und Schürfrechten. Grossgrundbesitzer, die unentwirrbaren Verflechtungen von Politik und Wirtschaft, Minengesellschaften und Ölmultis haben das Zepter des Geldes fest in ihrer Hand.

Die Forderungen und Wünsche von Frau Christiana Figueres hören sich an wie jene(r) einsame RuferIn im (Regen)Wald. Löblich mögen ihre Zielsetzungen sein. Doch Tianjin wird nur eine weitere Tafelrunde bleiben. Und der Klimagipfel 2010 in Mexiko? Höchstwahrscheinlich eine Schwafelrunde. Und allerhöchstens eine weitere Schwefelrunde, fein ziseliert mit dem unsichtbaren Gestank von noch mehr Kohlendioxid, auferstanden aus den Selbstbeweihräucherungen anwesender PolitikerInnen. Der so propagierte “goldene Schlüssel” wird zum “goldenen Schuss” für die Umwelt.  



1.10.2010

Alles Müller oder was? Einfach Gen-ial!

Abgelegt unter: Was nirgends reinpasst — Paul Boegle @ 04:20

Müller-Milch darf Gen-Milch genannt werden

Alles Müller oder was? Die Müller-Milch darf jetzt Gen-Milch genannt werden.

Nun ist es also amtlich. Sollten Sie in Zukunft Lust verspüren, durch den Supermarkt zu rennen, einen Becher feine Müller-Milch in der Hand haltend und dabei jubelnd “Gen-Milch” Ihren entsetzten Mitbürgern in die Gesichter schleudernd, nicht die Müller-Milch bitte, nur das Wort, dann tun Sie dies nach Herzenslust.

Das Bundesverfassungsgericht hat nun einen Antrag der Alois Müller Molkerei auf Unterlassung des Begriffes “Gen-Milch” durch Greenpeace mangels Erfolgsaussicht nicht angenommen (siehe dazu BVerfG, Beschluss vom 08.09.2010 - 1 BvR 1890/08). Die Verwendung des Wortes “Gen-Milch” im Zusammenhang mit Milch von Kühen, welche mithilfe gentechnisch veränderter Futtermittel gefüttert werden, ist eine gesetzeskonforme Meinungsäusserung.

In der Begründung des Bundesgerichtshofs hieß es unter anderem, dass es sich beim Begriff “Gen-Milch” um ein substanzarmes Schlagwort handle, dessen Bedeutung immer im Kontext gesehen werden müsse. Und da Greenpeace immer deutlich gemacht hat, dass sich der Protest im Zusammenhang mit der kritisierten Müller-Milch gegen den Einsatz gentechnisch veränderter Futtermittel richtet, ist die weitere Verwendung des Begriffs “Gen-Milch” zulässig. Weiterhin begründet wird das Urteil mit der zugrundeliegenden Tatsache, dass die Alois Müller Molkerei eben nicht im gesamten Produktionsprozess auf die Verwendung gentechnischer Verfahren verzichtet. Und genau dies war das Anliegen von Greenpeace: Der Protest gegen Gentechnik in Lebensmitteln. Siehe dazu z.B BVerfG: Greenpeace darf Milch der Müller-Molkerei als «Gen-Milch» bezeichnen oder Schon Gen-Futter macht Milch zu “Gen-Milch”.

Ein klarer Sieg für die Meinungsfreiheit. Schließlich hatte auch die Unternehmensgruppe Müller immer wieder während des Verfahrens betont, dass der Einsatz gentechnisch veränderter Substanzen bei den meisten Milchprodukten “längst Realität” sei. Und als Folgerung dieser Tatsache sprach der Hersteller sogar davon, dass es erwiesen sei, dass dies “keine Auswirkungen auf die Milch hat” und die Milch ungefährlich sei. Nun, lassen wir also dem Konzern Müller dessen freie Meinung und gleichbedeutend sein Recht auf Meinungsfreiheit. Aber schlucken müssen wir die Gen-Milch deshalb noch lange nicht.



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