Atomkraft? Nej tack


Atomkraft? Nein danke strahlt seit 35 Jahren

Das wohl bekannteste Logo unseres jahrzehntelangen Widerstandes gegen Atomkraft hat die ersten 35 Jahre auf dem Buckel. Und immer noch strahlt es mit den Atomkraftwerken um die Wette, lächelt gequält über die Laufzeitverlängerungen der AKWs in Deutschland, freut sich aber wiederum über jede(n) ErdenbürgerIn, welche sich unserem Protest anschliesst.

Atomkraft? Nej tack Atomkraft? Nein danke

Die lachende Sonne des „Atomkraft? Nej tack„-Logos ging zum ersten Mal über Dänemark auf, geboren von einer dänischen Bürgerinitiative, welche sich gegen die Atomkraft im dänischen Aarhus stellte. Und wer lieferte die Idee? Es war eine 21-jährige dänische Studentin namens Anne Lund. Doch reich geworden ist sie nicht mit ihrem „Nej tack„-Slogan. Lizenzierte Artikel mit Verkaufszahlen im zweistelligen Millionenbereich, doch Anne Lund hat sämtliche Rechte schon damals abgetreten. Einnahmen, welche wieder und immer wieder in die Anti-Atomkraft Bewegung gesteckt werden. Und von Dänemark trat schliesslich das weltbekannte Emblem seinen Siegeszug durch die Welt an.

Ich bin über einen Artikel in der Süddeutschen gestolpert. Unter der Überschrift „Prüder zur Sonne„, das harte „P“ ist kein Druckfehler, stellt sich und wohl auch uns Petra Steinberger die Frage, ob diese 35 Jahre ewigen Protestes und Protestierens wohl an der ursprünglichen Botschaft oder sogar an der Aussagekraft genagt haben?

Brauchen wir neuen Schwung? Oder vielmehr: Braucht unser im Laufe der Zeit so lieb gewordenes Logo womöglich einen neuen Look, um sich neu zu positionieren? Hat der Zahn der (Atom)Zeit seine Spuren derart in die roten Umrisse der ewig strahlenden Sonne gefressen, dass neuere Generationen dies für Biss- oder Gebrauchsspuren halten könnten? Hat das Gelb, bedingt durch den enervierenden und aufreibenden Kampf gegen die allmächtige Atomlobby, seine Leuchtkraft eingebüßt und im Laufe der Jahre an Glanz verloren? Ist der Zeitpunkt gekommen, dass auch wir uns aufmachen, den immer drastischeren Wegen und rigoroseren Methoden unserer Gegner mit ebensolch schonungsloser Härte zu begegnen? Sollen wir uns auf unsere damaligen Wurzeln besinnen und den verstärkten Weg des Strassenkampfes gegen Politik und Atomwirtschaft wieder aufnehmen? Müssen wir uns wirklich auf jenes niveaulose Niveau der Pro-Atom-Lobbyisten begeben, um in den Fangarmen der Justiz zu landen, nur weil wir der Argumentationslosigkeit und den ewigen Phrasen mit Idealismus und spontanen oder geplanten Aktionen entgegenstehen?

So stellt Petra Steinberger bereits zu Anfang ihres Artikels fest: „Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke? Das gilt auch für den Widerstand. Es wird also Zeit, über ein neues Design für ein altes Protestbild nachzudenken.“ Wobei ich mir bereits hier die Frage stelle, ob das Entwerfen eines neuen Designs auch den damit erhofften Aufschwung des Widerstandes nach sich zieht. Implizieren neue Formen und Farben auch diesen gewünschten Effekt oder brauchen wir nicht erst die notwendigen Handelnden dazu, um dann Rückschlüsse auf mögliche gestalterische Veränderungen althergebrachter Symbolik in Form von Vektoren und Bildern zu ziehen. Bedeutet das symbolische Übermalen und Verändern von Bildern im Sinne von Arnulf Rainer, dass durch diesen Schaffensprozess auch der damit gewünschte Erfolg eintritt. Entstehen dadurch wirklich neue Kunstwerke oder verbirgt sich unter dieser aufgebrachten Hochglanzschicht nicht doch nur der innewohnende Geist früherer Generationen. Aber auch ich lasse mich gerne eines Besseren belehren und folgedessen wurde der Typograph Erik Spiekermann (Spiekerblog) damit beauftragt, der Anti-Atomkraft-Sonne neuen Schwung zu verleihen. Herausgekommen sind dabei folgende neu gestalteten Logos des Grafikers (siehe auch Süddeutsche: Protest vom Designer).

Anti-Atomkraft Logos von Erik Spiekermann

Aus dieser Grundidee des ersten Bildes von Anne Lund entwickelt Erik Spiekermann neue gestalterische Konzepte. In Anlehnung an den publizierten Artikel, welcher die heutige Generation der Atomkraftgegner einerseits als konservativ darstellt, andererseits dieses konservative Verhalten aber wiederum durch neue Formen und subtilere Möglichkeiten der Protestierenden gleichzeitig in Frage gestellt wird, entwirft Spiekermann dementsprechende Logos, welcher dieser Intention und Grundhaltung gerecht werden (können).

Ich darf voranstellen, dass mir die Grundidee von Anne Lund trotz der innovativen Leistungen und der Fortschrittlichkeit, mit welcher Spiekermann dem möglichen neuen Bedürfnis nach Identifikation und Auffrischung verstaubter Ideale Rechnung trägt, immer noch am besten gefällt. Die Kritiker werden naturgemäß darauf antworten, dass ich mich aufgrund meines fortgeschrittenen Alters vor Veränderung fürchte oder gar den Anforderungen revolutionärer Ideen und neuzeitlicher Denkweisen nicht mehr gewachsen bin. Nun gut, dies mag sicherlich seine Berechtigung haben, wenngleich sie sicherlich falsch ist.

Ich kann jedoch der Argumentation nicht folgen, dass es sich beim Original um ein rotes Ding handelt, welches „eine Mischung aus fröhlichem Männlein und besoffenem Blatt“ ist. Diese Reduktion auf das Wesentliche bestimmt in meinen Augen genau jenen Protest, welcher zu Beginn der Bewegung gegen die Atomkraft die Antriebsfeder für uns war. Auf die Strasse gehen, Lärm machen, Blockaden errichten, lautstarke Unzufriedenheit und Frust gegen „die da oben“, welche uns kein Gehör schenkten. Das Internet war damals noch in weiter Ferne, von Mobiltelefonen war noch keine Rede, die Berichterstattung in den Medien beschränkte sich auf einige wenige Programme, welche selektiv und oftmals unkritisch das übernehmen mussten, was ihnen die Quellen lieferten.

Widerstand war oftmals unorganisiert, Mundpropaganda ein probates Mittel, alte Telefone mit Wählscheiben bildeten eine effektive Informtionskette, welche aber nicht reissen durfte. Wer gegen die Atomkraft war, trug stolz den kleinen Button an der ausgebleichten Jeansjacke. Die rote lächelnde Sonne war unsere Hoffnung auf eine Zukunft ohne Atomkraftwerke. „Atomkraft? Nein danke“ wurde zum Synonym des erwachenden Verstandes, des selbständigen Handelns und einer eigenen und vor allem freien Meinung. Nicht das Symbol stand im Vordergrund, sondern die damit verbundene Symbolkraft. Wir waren Kinder und Jugendliche, welche nicht den dramatischen Zuständen heutiger Reizüberflutung ausgeliefert waren und deshalb sicherlich auch in den Protestmärschen und Kundgebungen gegen Atomkraft Abwechslung suchten. Aber immer schwang die Ungewissheit mit. Angst vor Atomkriegen, welche durch die Omnipräsenz des Eisernen Vorhangs allgegenwärtig war, welcher Ost und West gnadenlos in Gut und Böse teilte. Die damaligen Proteste gegen die Atomkraft richteten sich deshalb auch nicht vordergründig gegen die Atomkraftwerke alleine, sondern es stand immer eine mögliche Bedrohung durch Nuklearwaffen als atomares Damoklesschwert über unseren Köpfen.   

Tschernobyl lag noch in weiter Ferne, schlummerte als schlafender strahlender Riese seinen Dornröschenschlaf des zukünftigen radioaktiven Fallouts. Das österreichische Zwentendorf, Kaiseraugst in der Schweiz, Wyhl, Kalkar und Wackersdorf, Greifswald in der ehemaligen DDR und natürlich die Katastrophe von Three Mile Island boten genug Diskussionsstoff und schürten unsere Ängste vor dem plötzlichen Aus.

Heutige Demonstranten sind konservativer“ mag durchaus seine Richtigkeit haben, aber muss dann damit auch gleichzeitig unser altes Emblem der roten gutmütig lächelnden Sonne und dem Imperativ „Nein danke!“ mit auf die grosse Müllhalde Menschheit geworfen werden? Natürlich bieten die Entwürfe von Spiekermann neue Ansätze für unsere möglicherweise überholten Vorstellungen von Protest gegen Atomkraft. Aber in meinen Augen beschränken sich die beiden mittleren Symbole mit den schwarz gehaltenen Atomkraftwerken eben nur auf das, was in dieser Botschaft enthalten ist, nämlich jene Gefahr, welche von AKWs ausgeht. Alle anderen Gefahren, welchen ich mich noch immer gedanklich, bedingt durch die Erfahrungen meiner Kindheit, stellen muss, werden meiner Meinung nach ausgegrenzt. War für uns früher Atomkraft gleichbedeutend mit Atomwaffen, Atombomben, Nuklearwaffen, Atomstrom, Wiederaufbereitung, Schnelle Brüter, Endlagerung, so reduziert sich für mich die permanente Gefahr in jenen neu geschaffenen Bildern rein auf die Aussage: „Protestieren wir gegen Atomkraftwerke!“

Die Welt ist härter geworden, der Umgangston rauher. Und genau dies spiegelt sich in diesen beiden Logos wider. Keine Frage, eine Aussage, welche treffender nicht sein könnte. Ein Totenkopf fletscht seine Zähne, schaut aus toten und leeren Augen aus dem Reaktor heraus. Eine Botschaft, aggressiv, kompromisslos und rigoros schonungslos. Und doch kann ich mich nicht damit anfreunden. Es fehlt mir einfach der Ansporn, mich dagegen aufzulehnen. Ich möchte wissen, für was ich kämpfe. Der Totenkopf gibt mir aber ein Gefühl der Ohnmacht, der Erniedrigung, der Verzweiflung, sogar der Ausichtslosigkeit und der Kapitulation. Hier lohnt sich der Widerstand einfach nicht mehr. Die Sonne hat ihren Platz geräumt, übrig bleibt verzweifelte Endzeitstimmung.

Ganz anders bewerte ich dagegen das traurige Gesicht im Kernkraftwerk. Sofern diese Intention der Traurigkeit damit verbunden ist. Ich sehe einfach nur Langeweile. Heruntergezogene Mundwinkel, ein desinteressierter Blick aus schmalen Augen schaut mich an. Es fehlt an Ausdruckskraft. Atomkraft macht mir Angst, Atomkraft stellt für mich eine nicht greifbare, unbegreifbare Bedrohung dar. Aber hier vermisse ich die Schreckensbotschaft. Wir dürfen ein AKW nicht mit Langeweile verbinden. Das Symbol muss aufrütteln, muss mich bewegen, muss mir zeigen, dass ich mich vor Atomstrom in Acht nehmen muss, dass ich mit aller Macht dagegen ankämpfen muss.

Die letzte Variante ist sicherlich noch die akzeptabelste. Verzeihung, wenn ich diesen Ausdruck gebrauche, aber ich finde ad hoc keine andere Beschreibung dafür. Die Kernaussage orientiert sich am grossen Vorbild, die Farbgebung hält sich in groben Zügen an das Original. Und doch ist mir die Gestaltung „zu rund“. Ich möchte Ecken und Kanten sehen, Unregelmässigkeiten und ungleiche Proportionen. Die rote Sonne muss sich mehr einbringen, nicht gleichmässig und wohlgefällig kugelrund scheinen. Sie soll Strukturen aufbrechen, mit ihren lodernden Strahlen den Gegner auffressen und verbrennen. Es muss mehr Leben hinein, mehr dreidimensionales Denken und Handeln. Auch der Faktor Zeit bleibt in meinen Augen unberücksichtigt. Jene begrenzte Zeit, welche uns die Erfordernisse und die Dringlichkeit für den sofortigen Ausstieg aus der Atomkraft näherbringen muss.      

Liebe Petra und ganz besonders lieber Erik! Lassen wir doch „unser“ altes Logo so, wie wir es seit nun mehr 35 Jahren kennen. Wichtig ist, dass wir gemeinsam gegen die Atomkraft antreten. Ziehen wir gemeinsam an einem Strang unter dem lächelnden Dach einer Mischung aus fröhlichem Männlein und besoffenem Blatt. Und heissen wir die neue Generation willkommen, egal ob nun konservativ oder (leicht) chaotisch wie wir damals. Denn der Widerstand gegen Atomkraft betrifft uns alle und muss weitergehen. Auch wenn Sie, sehr geehrte Frau Angela Merkel, Ihr Bundeskanzleramt mit Atomstrom heizen sollten. Aber scheinbar ist heisse Luft in der deutschen Regierung ein gern gesehener und höchst willkommener Gast.               




Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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