Arsen ohne Spitzenhäubchen in Ungarn


Kolontar – wenn alle Dämme brechen

Aluminium-AG MAL in Kolontar: Giftschlamm aus dem Dammbruch des Rückhaltebeckens

Bildquelle: FAZ.Net: Kolontar aus Angst vor neuer Schlammwelle evakuiert

Was war die Welt früher einfach. Wir schalteten den Fernseher ein und ließen uns von den beiden Schwestern Abby und Martha Brewster samt deren Neffe Mortimer, gespielt von Cary Grant, in „Arsen und Spitzenhäubchen“ ganz gewaltig hinters Licht führen. Zwei liebenswerte alte Damen in einem liebenswerten alten Film. Irrungen und Wirrungen mit dem obligatorischen Happy-End.

Und heutzutage? Die Welt ist immer noch einfach. Korruption bestimmt das alltägliche Wirtschaftsgebaren. Unendlich lange Seilschaften, mit dem Band der Profitgier mit- und untereinander untrennbar verknüpft, im Falle von Kolontar und der dortigen Aluminiumfabrik Aluminium-AG MAL buchstäblich über Leichen gehend. Wir schalten den Fernseher ein und zwei gutgelaunte Männer namens Zoltan Bakonyi und Lajos Tolnay begegnen uns auf der Mattscheibe und in schnell zusammengezimmerten Pressekonferenzen. Und, genau wie die beiden Schwestern, welche ihre Opfer aus lauter Mitleid dem Schöpfer näher bringen, führen uns diese beiden Wirtschaftsbosse gewaltig hinters Licht. Mit dem einzigen Unterschied: Jene Menschen, welche durch die Schlammwelle aus ätzendem Giftschlamm getötet wurden, sind keine Schauspieler. Der giftige Schlamm forderte echte Opfer. Kolontar und Umgebung sind weder schwarz noch weiss, sondern in unzähligen Grautönen aus Korrumpierung, Profitgier und Menschenverachtung gehalten.

Hieß es früher in einem Lied der Gruppe Gänsehaut: „Karl, der Käfer wurde nicht gefragt“, werden heute jene Nachfahren von Karl mitsamt der Bevölkerung unter einem Teppich und alles vernichtenden Brei aus Geld und Umweltgiften förmlich erstickt, ungefragt und mitleidslos. Wer zahlt, schafft an! Und wer bezahlt wird, darf keine Fragen stellen, will keine Fragen stellen. Gesetze sind dazu geschaffen, gebrochen zu werden. Geld funktioniert dabei als brachiales Brecheisen, öffnet jene so sicher geglaubten Bunker und Festungen mit Namen Umweltschutz, Umweltstandards und Sicherheitsvorschriften.

Die Abklärung der unmittelbaren Ursachen für die Katastrophe stehe nun im Vordergrund. Zumindest wenn es nach den mit dem Fall betrauten Experten geht. Ob dabei jedoch auch die restlose Aufklärung erwünscht ist, bleibt bis auf Weiteres wohl unter dem roten Giftschlamm verborgen. Zwei Wochen vor dem Dammbruch sei der Damm von den zuständigen Umweltbehörden von Veszprem geprüft und für gut und unbedenklich befunden worden. Möglicherweise könne ein Konstruktionsfehler am Desaster von Kolontar schuld sein. Aber auch ein Erdbeben muss mittlerweile schon als Ursache herhalten. Gespräche finden allenthalben statt, alleine reden möchte keiner der Beteiligten. Wen wundert es da, wenn plötzlich Akos Redey, der Rektor der in Veszprem beheimateten Pannon-Universität, welche für die Ausbildung der Bergbau- und Industrie-Ingenieure der Region zuständig ist, eine Nachrichtensperre verhängt und seinen Professoren und Assistenten den berühmten Maulkorb umhängt. 

Peter Lenkei von der Umweltschutzorganisation Levegö Munkacsoport (Arbeitsgruppe Saubere Luft) wird da schon konkreter: „Das EU-Recht wurde präzise ins Ungarische übersetzt, aber die Ausführung ist sehr schwach“ umschreibt er die Korruptionsvorwürfe, bevor er dann doch deutlicher wird. „Eine Hand wäscht die andere, selbst umweltbewusste Fachleute geraten unter die Räder“ fasst er die Misere anhand jenes Staatsbeamten zusammen, welcher 2006 für die Betriebsbewilligung zuständig war. Und jener Fachmann für Umweltfragen sitzt heute ganz weit oben im ungarischen Umweltministerium und schmückt sich mit dem Posten des Staatssekretärs für Wasserfragen.

Und Brüssel? Die dortige EU-Umweltkommission hält sich ebenso bedeckt wie die Verantwortlichen. Ein Verfahren gegen den 2004 beigetretenen EU-Mitgliedstaat werde im Falle verletzter Normen und Prozeduren geklärt. Natürlich nur dann, falls sich herausstellen sollte, dass die vor sechs Jahren, also zum Zeitpunkt des EU-Beitritts von Ungarn, genehmigte Bewilligung des Aluminiumwerkes gegen Vorschriften und Auflagen verstossen haben sollte. Doch der damaligen Beitritt wurde unter der Federführung einer sozialistischen Regierung bewerkstelligt, während zum heutigen Zeitpunkt des Unglücks von Kolontar die Rechtsliberalen bzw. der rechtsnationale Bürgerbund „Fidesz“ die Geschicke des Landes lenken. Und wie es der Zufall will, wurde mit dem EU-Beitritt Ungarns durch Umwidmung der bis dato als Gefahrengut deklarierte Bauxit-Schlamm plötzlich zum Allerweltsschlamm, natürlich im Einklang mit damals geltenden EU-Richtlinien. Von einem Moment verlor also der rot gefärbte Giftschlamm seinen Sonderstatus. „Aus rot mach weiss!“ So einfach geht das.

Cary Grant flog am Ende von „Arsen und Spitzenhäubchen“ mit seiner frisch vermählten Gattin in den Urlaub. Begleitet wurde er von der Versicherung seiner beiden mordenden Tanten, den Wahnsinn seiner vermeintlichen Verwandtschaft nicht geerbt zu haben. Und die beiden Herren Zoltan Bakonyi und Lajos Tolnay, ihres Zeichens verantwortliche Manager der Aluminium-AG MAL? Werden wohl auch ihren wohlverdienten Urlaub angetreten haben. Weit weg von Arsen, Bauxit, giftigem roten Schlamm und ätzender Natronlauge. Und noch viel weiter entfernt von jenen Menschen, deren Lebensraum dem Erdboden gleichgemacht wurde.

Man wäre versucht zu denken, dass Abby und Martha Brewster ihren Weg von der Leinwand nach Ungarn angetreten haben. Ausgebrochen aus den Kinosälen, mitten hinein in den Sumpf aus Macht, Geld, Gier und Unbarmherzigkeit. 

Weiterführend zu diesem Thema etwa Profil online: Ungarn: „Nach der Giftschlamm-Katastrophe stehen korrupte Seilschaften am Pranger“, NZZ online: „Im Schlamm der Korruption“ oder Zeit online: „Salamitaktik in Ungarn“        


Über Paul Boegle

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