UN-Klimakonferenz in Tianjin: Der goldene Schuss


In China fällt ein Reissack um und keinen stört´s! 

Jetzt ist die Zeit gekommen, die Suche nach Gemeinsamkeiten zu beschleunigen.“ Mit diesen Worten eröffnete die Chefin des UN-Klimasekretariats, Christiana Figueres, die Vorgespräche für die im Dezember 2010 im mexikanischen Cancún stattfindende Weltklima-Konferenz. Auf den ersten Blick keine schlechte Aussage, wäre da nur nicht der Nachsatz: „Es muss verhindert werden, das anhaltende Meinungsverschiedenheiten zu nicht akzeptabler Untätigkeit führen.“

Die Weltklima-Konferenz in Cancún 2010 wird uns wohl deshalb auch jene Resultate liefern, welche wir bereits nach dem Klimagipfel 2009 in Kopenhagen präsentiert bekamen. Unüberbrückbare Differenzen zwischen den führenden Industrienationen und den aufstrebenden neuen Wirtschaftsmächten, allen voran der neue grösste Klimasünder China. Und dazwischen stehen die sogenannten Schwellenländer und Entwicklungsländer, welche auf jene Milliarden der EU und der USA hoffen, die aber bisher genauso zäh fliessen wie ein gemeinsamer Konsenz hinsichtlich verbindlicher Richtlinien und Begrenzungen des Kohlendioxid-Ausstosses oder dem so dringend benötigten Nachfolgeabkommen für das 2012 auslaufende Kyoto-Protokoll.

Eigentlich ist der Weltklimagipfel in Mexiko bereits schon Geschichte, noch bevor er überhaupt begonnen hat. Einzig und allein Schadensbegrenzung lautet die primäre Vorgabe. Oder, um mit den Worten von Christiana Figueres zu sprechen, werde es bei den jetzigen Vorgesprächen und insbesondere beim anschliessenden Klimagipfel lediglich darum gehen, „Eckpunkte“ für die Zukunft zu finden. Wie diese Eckpunkte auszusehen haben, bleibt allerdings ebenso im Dunkel wie ein klar umrissenes Datum für ein neuerlich bindendes Abkommen sämtlicher Mitgliedsstaaten.

Versprechen sind dazu da, um gebrochen zu werden. Im Falle des Kyoto-Abkommens war dies jedoch in den meisten Fällen nicht einmal notwendig, da es einfach zu viele Schlupflöcher gab, welche den Nationen zu viel Spielraum bei der Umsetzung oder eben Nichteinhaltung der gemeinsam erarbeiteten und ratifizierten Gesetze und Vorgaben ließ. Christiana Figueres sieht deshalb als dringlichste Massnahme die Erarbeitung verschiedener Säulen, welche sozusagen als Fundament und tragende Elemente für eine in ferner Zukunft liegende Deckenkonstruktion namens „Kyoto neu“ oder welchen Namen auch immer dieses ungetaufte Kind tragen wird, dienen sollen. Dass diese Konstruktion jedoch unter den gegenwärtigen Voraussetzungen der Unvereinbarkeit der Verhandlungspartner kaum das Licht der Erde erblicken dürfte, sollte aber allen Beteiligten klar sein.

Poltert doch China sogleich mit der „Verletzung nationaler Souveränität“, wenn es um den steigenden Energiebedarf aufgrund der wirtschaftlichen Expansion geht, welcher durch (vollkommen überalterte) Kohlekraftwerke (Asche aus Kohlekraftwerken ist für enorme Umweltverschmutzungen verantwortlich) gedeckt wird. Und die westlichen Industrienationen? Die oberste Klimahüterin ortet zwar ein „Gefühl der Dringlichkeit“ bei der Umsetzung eines neuen Weltklimavertrages, doch inwiefern der in Kopenhagen gefertigte „goldene Schlüssel“, die versprochenen finanziellen Hilfeleistungen für die Entwicklungsländer und die Bekämpfung der durch den Klimawandel entstandenen negativen Auswirkungen, auch in die vorgefertigten Schlösser passen wird, darf in Frage gestellt werden.

Neben diesen zugesagten Finanzspritzen nennt Christiana Figueres als wichtige weitere Säulen einen schnelleren Transfer von (Umwelt)Technologien, die Gründung des lange schon über den Häuptern der Verantwortlichen schwebenden Klimafonds und desweiteren eine Entscheidung über den Schutz der Wälder und ihrer Bewohner.

Eine Entscheidung über den Schutz der Wälder und ihrer Bewohner? Welche Bewohner werden von wem in welchen Wäldern zum schützenswerten Gut ernannt? Sprechen wir hier von den indigenen Völkern, welche zur Durchsetzung ihrer Landrechte das Land zuerst einmal selbst vermessen und kartografieren müssen. Doch wer übernimmt die Kosten für die dafür notwendigen GPS-Systeme, woher kommt das dafür dringend benötigte Personal, wer gewährleistet die langfristige Finanzierung, wer übernimmt die Vertretung der Dorfbewohner in rechtlichen Fragen? Die traurige Wahrheit ist vielerorts, dass Ureinwohner von geplanten Projekten erst dann erfahren, wenn die Bulldozer vor der eigenen Hütte stehen.

Wer entscheidet über den Erhalt der Regenwälder Süd- und Mittelamerikas? Sind es internationale Organisationen, welche erst dann geeignete Massnahmen treffen können, wenn politisches Fehlverhalten die Grundlage dieser Massnahmen, nämlich mehr als drei Viertel des ursprünglichen Regenwaldes, bereits zerstört haben. Endlose Schneisen und Trassen für dringend benötigte Stromleitungen werden in Venezuela in die Wälder gefräst, durch Indianergebiete gepflügt. Malaysia widmet immer grössere Waldflächen in Ölpalmplantagen und papierverarbeitende Betriebe um. Illegaler Holzeinschlag, staatlich geduldete Wildfischerei, die willkürliche Vergabe von Bohrlizenzen und Schürfrechten. Grossgrundbesitzer, die unentwirrbaren Verflechtungen von Politik und Wirtschaft, Minengesellschaften und Ölmultis haben das Zepter des Geldes fest in ihrer Hand.

Die Forderungen und Wünsche von Frau Christiana Figueres hören sich an wie jene(r) einsame RuferIn im (Regen)Wald. Löblich mögen ihre Zielsetzungen sein. Doch Tianjin wird nur eine weitere Tafelrunde bleiben. Und der Klimagipfel 2010 in Mexiko? Höchstwahrscheinlich eine Schwafelrunde. Und allerhöchstens eine weitere Schwefelrunde, fein ziseliert mit dem unsichtbaren Gestank von noch mehr Kohlendioxid, auferstanden aus den Selbstbeweihräucherungen anwesender PolitikerInnen. Der so propagierte „goldene Schlüssel“ wird zum „goldenen Schuss“ für die Umwelt.  




Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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