Rosa rosiges Fleisch – die grau(sig)e Realität 1



Sauerstoff, unser wichtigstes Lebenselixier

Nein, nicht für uns Menschen, sondern für Industrie und Handel natürlich, was dachten Sie denn? Wobei in diesem Falle die Behandlung von Fleisch mithilfe von hochkonzentriertem Sauerstoff gemeint ist. Im Fachjargon heisst dieses Verfahren dann auch Schutzatmosphäre-Verpackung, Schutzgasverpackung oder Aromaschutzverpackung. Und wer es englisch liebt, spricht vom sogenannten Modified Atmosphere Packaging oder kurz und bündig von der MAP-Verpackung.

Vier unterschiedliche Begriffe mit ein und demselben Resultat: Während des Abpackprozesses der Lebensmittel wird die in der Verpackung enthaltene Umgebungsluft abgesaugt und durch ein Schutzgas oder meist Schutzgas-Gemisch ersetzt. Ziel dieser „lebenserhaltenden“ Massnahme ist die Aufrechterhaltung der Qualität sowie die Verlängerung der Haltbarkeit der Lebensmittel.

So weit, so gut! Keine schlechte Idee. Es stellt sich immer nur die Frage: Was macht Industrie und Handel daraus? Und hier sind unsere Produzenten und Lieferanten sehr kreativ, erfinderisch und vor allem sehr verschwiegen. Überhaupt dann, wenn es um die Aufklärung der Verbraucher geht.

Sie marschieren also durch die endlos langen Reihen und Regale voller Konsumbeglückung und Verbraucherbefriedigung, gemeinhin als Supermarkt, Lebensmittelkette oder Discounter betitelt. Ihnen steht der Sinn nach einem saftigen Stück Fleisch. Also steuern Sie die Kühlregale an, schließlich ist abgepacktes Fleisch billiger und sieht genauso appetitlich rosarot wie beim Fleischer Ihres Vertrauens aus. Richtig, sieht so aus!

Wenn Sie allerdings auf jenem begehrlichen saftig rosigen Stückchen Fleisch, welches Sie in Ihr verbrauchergläubiges Auge gefasst haben, den Hinweis „Unter Schutzgasatmosphäre verpackt“ lesen, sollte Ihnen die Umgebungsluft zumindest für einen kurzen Augenblick wegbleiben. Denn dann haben Sie es mit Fleisch (gilt aber auch für andere Lebensmittel) zu tun, welches z.B. im Sinne des für Deutschland gültigen § 9 Abs. 7, Satz 1 und 2 der Zusatzstoff-Zulassungsverordnung (ZZulV) verpackt wurde. Die Kennzeichnung, welches Gas bzw. welches Gasgemisch dabei in welcher Menge zum Einsatz kommt, ist jedoch für die Hersteller nicht verpflichtend (weiterführend dazu Lebensmittelindustrie Sonderdruck: Die Lebensmittelindustrie gibt Gas).

Warum aber all diese Mühen und Kosten für ein Stückchen rosafarbenes Fleisch? Foodwatch bringt es auf den einfachen Nenner: Frische-Illusion mit Nebenwirkungen. Nicht das Wohlbefinden des Konsumenten steht im Vordergrund, sondern die Gesundheit der Bilanzen, Bankkonten und Portokassen von Industrie und Handel. Durch die Schutzgas-Verpackung sollen chemische Reaktionen (Oxidation, Verfärbung des Fleisches) verlangsamt sowie der mikrobielle und enzymatische Verderb eingeschränkt werden. Oder etwas weniger wissenschaftlich ausgedrückt: Die attraktive rote, hellrote oder rosige Farbe des Fleisches bleibt über einen längeren Zeitraum erhalten. Und da bekanntermaßen das Verbraucher-Auge mitisst, wird dem Konsumenten-Gehirn durch Beigabe eines erhöhten Sauerstoffgehaltes frisches Fleisch vorgegaukelt. So einfach ist das!

Bliebe dies nun der einzige Nachteil von schutzgas-verpacktem Fleisch, könnten wir dies noch als weitere von unzähligen Verbraucherlügen und Konsumentenverhöhnung durchgehen lassen. Aber dem ist nicht so. Sogenannte Cholesteroloxidationsprodukte (COP) bilden sich, wenn Sauerstoff mit Cholesterol (Cholesterin) in Kontakt kommt und in weiterer Folge reagiert. Die Menge der dabei gebildeten COP hängt dabei von verschiedenen Faktoren wie etwa Länge der Lagerzeit und Höhe der Lagertemperatur, Reifezeit des Fleisches in der Umgebungstemperatur oder auch vom Grad des Fettsäuregehaltes ab.

Ich habe bei meinen Recherchen eine „schöne“ Pressemeldung auf der InterMopro-Webseite mit dem Titel „Keine Gefährdung durch unter Sauerstoff-Schutzgas verpacktes Frischfleisch“ gefunden. Nun gut, die InterMopro bezeichnet sich selbst als Messe für internationale Einkäufer sowie Marketing- und Vertriebsprofis und steht demzufolge möglicherweise etwas abseits der Konsumentenbedürfnisse und Verbraucherinteressen. In der Mitteilung heisst es dabei unter anderem: „… Das Bundes-institut für Risikobewertung … kommt zum Schluss, dass Verbraucherinnen und Verbraucher über derartige Produkte nach dem gegenwärtigen Stand der Erkenntnis mit hoher Wahrscheinlichkeit nur geringe Mengen an Cholesteroloxidationsprodukten zusätzlich aufnehmen. Von unter Schutzatmosphäre ver-packtem Fleisch geht daher kein erkennbares Gesundheitsrisiko aus.“ Weiterführend dazu die bereits angeführte Quelle Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) mit dem veröffentlichten Fragenkatalog „Ausgewählte Fragen und Antworten zu Fleisch, welches unter Schutzatmosphäre mit erhöhtem Sauerstoffgehalt verpackt wurde„.

Weshalb das Verbraucherministerium jetzt trotz dieser scheinbaren Nichtgefährdung in aller Eile einen runden Tisch zur Lösung des Sauerstoff-Fleisches in den an allen Ecken und Enden stinkenden Raum stellen möchte (BfR bestätigt: Sauerstoff macht Fleisch ranzig und zäh), demnach also doch ein Erklärungs- und Handlungsbedarf besteht, sei dahingestellt. In ein weiteren Stellungnahme des BfR vom 05.08.2010 (Keine Gefährdung des Verbrauchers durch COP aus verpacktem Fleisch) steht nun plötzlich zu lesen: „… Gleichzeitig sorgt der erhöhte Sauerstoffanteil aber offenbar dafür, dass die Fleischqualität beeinflusst wird, da es schneller reift und damit auch schneller verderben kann, weil das Fett oxidiert und damit ranzig wird. Ein ranziger Geruch und Geschmack kann also früher eintreten als bei herkömmlich gelagertem Fleisch….“ Also doch nicht alles Friede, Freude, Fleisch?

Noch kritischer Stellung zum Einsatz von Schutzgas bei Lebensmitteln bezieht Prof. Dr. Gerhard Rechkemmer, seines Zeichens Präsident des Max-Rubner-Instituts (MRI). In seinem Brief an foodwatch vom 24.02.2010 zeigt Professor Rechkemmer unmissverständlich die Nachteile und Gesundheitsrisiken von Schutzgas-Verpackungen auf und führt eine Reihe von Untersuchungsergebnissen an, welche seine Aussage bestätigen.

In dieselbe Kerbe schlägt der Lebensmittelhygieniker und Vizepräsident des Deutschen Verbandes Unabhängiger Prüflaboratorien Dr. Gero Beckmann: „Besonders dann, wenn die notwendigen Kühltemperaturen nicht gehalten werden, kommt es teilweise auch schon vor dem Erreichen des ausgewiesenen Verbrauchsdatums nachweislich zu gefährlichen Erhöhungen der Keimzahl.“ (VUP.de: Frischfleisch in „Schutzgas-Verpackungen“)

Denken Sie also bei Ihrem nächsten Einkauf daran: „Unter Schutzgasatmosphäre verpackt“ bedeutet nicht, dass Sie als Verbraucher und Konsument Frischfleisch in Händen halten, selbst wenn es verführerisch rosa und rosig durch die Schutzgas-Verpackung grinst. Und wenn Sie Hersteller und Händler in Zukunft sagen hören: „Sauerstoff ist für uns lebenswichtig!„, dann verstehen Sie womöglich den tieferen Sinn dieser Aussage.

In diesem Sinne grüsst Sie der um Atem ringende Fleischtiger Paul Bögle.




Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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