Majak – das Tschernobyl vor Tschernobyl 5



Der Kyschtym-Unfall, geheimer Super-GAU im Jahre 1957

Der Super-GAU im Atomkraftwerk Tschernobyl liegt nun bereits fast ein Viertel Jahrhundert zurück. Für all jene, welche mich nun grammatikalischer Unwissenheit bezichtigen: GAU steht für „Grösster Anzunehmender Unfall“ und dementsprechend wäre ein Super-Grösster Anzunehmender Unfall folglich ausgeschlossen, aber andererseits ist die Dummheit der Atomkraft-Befürworter auch grenzenlos, deshalb nehme ich dieses Recht der Grenzenlosigkeit ebenfalls für mich in Anspruch.

Rückblickend betrachtet ein Horror-Szenario, welches sich 1986 vor unseren Augen in der heutigen Ukraine ereignete. Doch war Tschernobyl wirklich das Non plus ultra atomarer Unfälle, das Nec plus ultra nuklearer Katastrophen, abgesehen von Hiroshima und Nagasaki, welche vor einigen Tagen, genauer gesagt am 06. und 09.08.2010 ihr trauriges 65-jähriges Jubiläum begingen?

Es ist seltsam! Am 29.09.1957 ereignete sich in der damaligen UdSSR, genauer gesagt im Atom- und Chemiekombinat Majak ein atomarer Unfall unvorstellbaren Ausmasses und keiner spricht darüber. Der Super-Gau in der kerntechnischen Anlage von Majak 1957, auch als Kyschtym-Unfall bezeichnet, geht in den Annalen unserer immer länger werdenden Liste an atomaren Unglücken vollkommen unter. Ein Super-GAU, der keiner war? Ein atomares Desaster, welches niemals stattfand? Auch heute noch finden sich erst nach intensiver Recherche wirklich greifbare Informationen, abgesehen von den sich ähnelnden Berichten im Internet, über jenes Tschernobyl des Jahres 1957, welches unweit der russischen Stadt Tscheljabinsk die Katastrophe des Jahres 1986 weit in den Schatten stellt.

Warum dann nicht Tscheljabinsk-Unfall, sondern Kyschtym-Unfall? Schlicht und einfach: Tscheljabinsk oder Tscheljabinsk 40, später Tscheljabinsk 65 oder das heutige Osjorsk gab es einfach nicht. Tscheljabinsk war so geheim, dass die Stadt auf keiner Landkarte verzeichnet war.  

Selbst Wikipedia führt auf der Liste der Unfälle in kerntechnischen Anlagen Tschernobyl als einzigen Kernreaktor-Unfall der Stufe 7 auf der Bewertungsskala nach INES (International Nuclear Event Scale), der Internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse. Nun, ich gebe weder Wikipedia hierfür die Schuld noch soll hieraus ein Vorwurf entstehen, alleine es erstaunt doch sehr. Wenn ich mir die INES-Skala und die verwendeten Beispiele auf Seite 2 der INES-Publikation für die verschiedenen Dringlichkeitsstufen oder Schweregrade der Störungen von 1-7 ansehe, wird unter Stufe 6 (Schwerer Unfall), also der zweithöchsten bzw. zweitgefährlichsten Stufe, die kerntechnische Anlage Majak aufgeführt. Also kein katastrophaler Unfall der Stufe 7 wie Tschernobyl, sondern eben „nur“ ein schwerer Unfall.  

Dann wäre meine Sorge um die Strahlenzone also völlig unbegründet und die derzeitigen Waldbrände rund um die Umgebung der Stadt Kyschtym eine Naturkatastrophe wie so viele andere auch. Nein, ganz so einfach ist es nicht. Doch wie begann die atomare Katastrophe von Majak?

1957 wurden in der Wiederaufbereitungsanlage von Majak die entstandenen radioaktiven Abfälle in grossen konventionellen Tanks gelagert. Durch den radioaktiven Zerfall entsteht Wärme, ein Phänomen, welches keines ist, aber scheinbar auch heutige Kriegtreiber nicht davon abhält, Atombomben zu bauen. Die Temperatur in den Tanks wurden mittels Kühlwasser geregelt, welches durch Kühlleitungen zu den Tanks gepumpt wurde. Im Laufe des Jahres 1956 wurde eine dieser Kühlleitungen undicht und deshalb wurde der Kühlkreislauf abgeschaltet. Andere Stimmen sagen, der Ausfall des Kühlaggregates blieb vollkommen unbemerkt. Resultat dieser fatalen Entscheidung oder eben Nichtbemerkens war, dass die radioaktiven Inhalte zu Trocknen begannen und Nitratsalze bildeten. Ein einziger Funken eines internen Messgerätes genügte, um diese entstandenen Nitratsalze zur Explosion zu bringen. Auch hier gibt es wiederum andere Meinungen, welche die Hitze, entstanden durch die internen chemischen Reaktionen, als originäre Ursache der Explosion ansehen. Wie auch immer: Riesige Mengen radioaktiver Stoffe wurden freigesetzt, Experten sprechen von der doppelten bis sogar sechsfachen Belastung, wie sie in Tschernobyl gemessen wurde.

1957 herrschte Kalter Krieg zwischen den einstigen Kriegsverbündeten USA und UdSSR und da sich die Strahlenbelastung des leckgeschlagenen Tanks auf den unter sowjetischer Herrschaft stehenden Ural beschränkte, kroch die Kontamination bodennah dahin, ohne von westlichen Messgeräten entdeckt zu werden. Die Sowjets starteten daraufhin eine beispiellose Vertuschungsaktion, um eine Panik innerhalb der Bevölkerung zu verhindern. Die entstandene Explosion und der über Hunderte von Kilometern entstandene leuchtende Schein wurde der russischen Bevölkerung als Wetterleuchten bzw. Nordlicht plausibel zu erklären versucht.   

Warum wurde Tschernobyl so schnell entdeckt und Kyschtym konnte nahezu 30 Jahre lang vor der Öffentlichkeit geheimgehalten werden? Hier spielen wohl einige Faktoren mit. Die in den Reaktorkernen von Tschernobyl verwendeten Graphitblöcke führten zu einem sogenannten Graphitbrand, welcher grosse Mengen der verseuchten Radionuklide in die Atmosphäre beförderte und dort im wahrsten Sinne des Wortes in alle Himmelsrichtungen blies. Im Gegensatz dazu sorgte die fehlende Thermik in Majak dafür, dass sich das radioaktive Material in Bodennähe sammelte und nur eine geringe Fläche kontaminierte. Der konstant über mehrere Tage schwache Südwest-Wind machte es Moskau möglich, aus Majak jahrzehntelang ein Staatsgeheimnis zu machen. Der Fallout breitete sich auf einer ca. 300 Kilometer langen und etwa 50 Kilometer breiten nadelförmigen Fläche aus, der sogenannten „Uralspur“.

Doch Majak stand bereits seit 1949 unter strengster Geheimhaltung, diente das Forschungszentrum der Erforschung, Entwicklung und Herstellung von Plutonium und damit gleichbedeutend der Atombombe. Was Amerika bereits hatte und „eindrucksvoll“ an Hiroshima und Nagasaki bewiesen hatte, wollte Stalin ebenfalls in seine verseuchten Finger bekommen. Die hochgradig verseuchten Plutonium-Abfälle wurden geradewegs in den Fluss Tetscha geleitet, aus welchem die umliegende Bevölkerung ihr Trinkwasser bezog und Fischfang betrieb. „Wenn das Blut die Farbe von rot nach weiss wechselt, kann einem keiner mehr helfen.“ Leukämie war jedoch nur eine von vielen rätselhaften Krankheiten, welche die Bevölkerung plötzlich heimsuchte. Eine andere in direktem Zusammenhang mit dem Kyschtym-Unfall auftretende Erkrankung ist heute unter dem Namen Tscheljabinsk-Aids bekannt.

Diese Probleme blieben jedoch selbst Moskau nicht verborgen und so kam die sowjetische Führung auf die Idee, die radioaktiven Abfälle im eigens dafür angelegten künstlichen Karatschai (Katschai)-See (siehe z.B. Die schleichende Atomkatastrophe) zu entsorgen. Doch auch diese Entscheidung sollte sich zehn Jahre nach dem Atomunglück als fatale Entscheidung herausstellen. Ein trockener und heisser Sommer ließ das Wasser des Sees fast gänzlich verdunsten. Die Winde bliesen den kontaminierten Staub über das Land. Doch wieder stand der Teufel Pate. Wie zehn Jahre zuvor blies ein Südwest-Wind den radioaktiven Staub in dieselbe Richtung. Vor einigen Jahren wurde dieser Karatschai-See zugeschüttet. Was allerdings nicht bedacht wurde: Die radioaktive Verseuchung des Nordmeeres über den Umweg des Grundwassers.  

Wenngleich Kyschtym nicht aufgrund einer Nuklearexplosion, sondern durch eine chemische Kettenreaktion zum Super-Gau führte, die Resultate blieben die gleichen. Langlebige radioaktive Isotope wie Strontium-90, Cäsium-137 und Plutonium-239 mit Halbwertzeiten von 29, 30 und 24110 Jahren, Sie lesen richtig, mehr als 24000 Jahre, werden noch lange für eine strahlende Zukunft sorgen.

Atomkraft: Nein danke!

Doch die wirkliche Initialzündung für das Publikwerden des Kyschtym-Unfalls war ein Mann mit Namen Schores Alexandrowitsch Medwedew, welcher 1976 einen ersten Artikel in der Wissenschaftszeitung New Scientist (weiterführend dazu New Scientist 14.07.1990: Soviet Medvedev) veröffentlichte und drei Jahre später mit seinem Buch „Nuclear Desaster in the Urals“, welches im selben Jahr unter dem deutschen Titel „Bericht und Analyse der bisher geheimgehaltenen Atomkatastrophe in der UdSSR“ publiziert wurde, an die Öffentlichkeit ging. Medwedew sollte ursprünglich im Auftrag des kommunistischen Russlands im strahlenverseuchten Gebiet rund um die Stadt Tscheljabinsk an einem streng geheimen Forschungsprojekt teilnehmen, verweigerte jedoch seine Kooperation. Desweiteren zog Medwedew sich den Zorn der russsichen Führung durch ein weiteres kritisches Buch über die sowjetische Genetik zu und wurde daraufhin in eine psychiatrische Klinik eingeliefert. Erst auf Intervention seines Zwillingsbruders, welcher den Fall an die Öffentlichkeit brachte, wurde Medwedew wieder entlassen. 1973, er weilte gerade in London, wurde ihm die sowjetische Staatsbürgerschaft entzogen. Ein sehr ausführlicher Bericht unter dem Titel „Das Menetekel von Majak“ von Henning Sietz findet sich auf Zeit online.  

Er wurde im Westen mit offenen Armen empfangen und es wurde ihm zu seinem Mut gratuliert? Weit gefehlt! Der Biologe erreichte genau das Gegenteil. Die mächtige Atomlobby wurde auf ihn aufmerksam. Negativschlagzeilen wie die Berichterstattung über einen weiteren Super-Gau in Osteuropa waren höchst unwillkommen in der von Atomkraftwerken strotzenden westlichen Welt. Die Tatsachen des 1957 stattgefundenen atomaren Unfalls in Majak wurde auf das Schärfste dementiert und als vollkommen haltlos zurückgewiesen. Was die Atomlobby jetzt nicht brauchen konnte, war ein Mann namens Medwedew, welcher die weitreichenden Interessen atomarer Aufrüstung sowohl in politischer als auch wirtschaftlicher Sicht untergräbt. Die Unfälle von Windscale (Grossbritannien) und im US-amerikanischen Kerntechnischen Zentrum von Hanford saßen den Menschen wie Spukgespenster in den Köpfen, eine weitere atomare Katastrophe in der Öffentlichkeit publik zu machen, musste unter allen Umständen verhindert werden.

Selbst Augenzeugenberichte über den russischen Super-Gau wurden als Hirngespinste abgetan. Lew (Lev) Tumerman, ein 1972 nach Israel emigrierter Wissenschaftler, welcher 1960 mit dem Auto entlang des verstrahlten Gebietes auf der Chelyabinsk-Sverdlovsk-Schnellstrasse  unterwegs war, beschreibt seine Eindrücke in veröffentlichten Leserbriefen mit der Jerusalem Post und der London Times folgendermaßen:

About 100 kilometres from Sverdlovsk, a highway sign warned drivers not to stop for the next 20 or 30 kilometres and to drive throughat maximum speed. On both sides of the road, as far as one could see, the land was ‚dead‘: no villages, no towns, only the chimneys of destroyed houses, no cultivated fields or pastures, no herds, no people nothing.

Zu deutsch: Rund 100 Kilometer von Sverdlowsk entfernt warnte ein Verkehrsschild die Autofahrer, auf den nächsten 20 bis 30 Kilometern nicht anzuhalten, sondern mit Höchstgeschwindigkeit weiterzufahren. Zu beiden Seiten der Straße, soweit das Auge reichte, war das Land tot: Keine Dörfer, keine Städte, nur die Schornsteine von zerstörten Häusern, keine bestellten Felder oder Weiden, keine Viehherden, keine Menschen… rein gar nichts.

In weiteren Ausführungen und Briefwechseln mit Diane M. Soran und Danny B. Stillman vom Los Alamos National Laboratory, veröffentlicht in ihrer Studie „An Analysis of the alleged Kyshtym Desaster“ (siehe dazu Seite 4 und 5 des Berichtes, den Link „View Document“ klicken) schreibt Tumerman:

What I saw personally, was a large area in the vicinity of Sverdlovsk (no less than 100 to 150 sq. km and probably much more), in which any normal human activity was forbidden, people were evacuated and villages razed, evidently to prevent inhabitants from returning, there was no agriculture or live-stock raising, fishing and hunting were forbidden…
Medwedew und Tumerman sprachen aus, was eigentlich niemand hören wollte. Majak forderte mindestens 200 Menschenleben sofort, zehntausende Anwohner wurden radioaktiv verstrahlt. Die kontaminierten Dörfer wurden dem Erdboden gleichgemacht, um der evakuierten Bevölkerung die Chance auf eine Rückkehr zu verwehren. Obwohl die Fakten auf ihrer Seite waren, standen sie einer breiten und vor allem mächtigen Front gegenüber.

Die russische Ärztin Nina Afonina, mehrere Monate nach dem atomaren Unfall in das Strahlengebiet beordert, erinnert sich in einem Interview mit der russsischsprachigen Wochenzeitung „Argumenty i Fakty“ (AiF) an das gesamte Ausmass der Katastrophe: „The people in the contaminated zone were failing and dying. Especially children were dying… Many of the young victims could no longer stand, their hair had fallen out and they were wasting away. I now know what the apocalypse looks like. It is dozens of bleeding and dying children whom you cannot help.“ (Siehe Russia Now: The Mayak nuclear disaster: 50 years on)

Nina Afonina hat viele Menschen in der verseuchten Zone sterben sehen. Dutzende blutender und sterbender Kinder, welche hilflos dahinsiechten. Nina Afonina weiss, wie der Weltuntergang aussieht, hat die Apokalypse aus nächster Nähe gesehen. Doch auch sie wird einer möglichen weiteren Katastrophe nicht mehr entkommen können. Nina Afonina ist mittlerweile krebskrank, Nina Afonina ist an den Rollstuhl gefesselt.

Der 29.09.1957 begann in Majak als ein Tag wie so viele andere auch. Doch um 12:20 Uhr, an einem Sonntag im September, änderte sich mit einem einzigen (Atom)Schlag vieles. Doch auch heute noch findet in Majak die Wiederaufbereitung von Brennelementen aus Kernkraftwerken statt. Auftraggeber aus den USA, Frankreich, Deutschland oder Grossbritannien schätzen die zuverlässigen Lieferungen von Radionuklidpräparaten und radioaktiven Wärme- und Strahlungsquellen (siehe Heinz-Jörg Haury: Die Spur von Majak).

Schluss mit Atomkraft

Nachtrag: Durch den Kommentar von Kernschmelze5, für welchen ich mich ganz herzlich bedanken möchte, findet Ihr unten den Link zum ersten von sieben Teilen mit dem Titel Chelyabinsk: The Most Contaminated Spot on the Planet. Nach 0:38 Minuten sagt dabei eine alte Frau: „I can´t live, I can´t die. All I do is suffer.“ Doch wen kümmert´s, Hauptsache die Tantiemen stimmen!

Nachtrag 03. April 2011: Nachdem leider das Video auf Youtube entfernt wurde, verlinke ich auf ein nicht minder gutes Video von Greenpeace Russia mit dem Titel „Majak halflife„.   


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.


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5 Gedanken zu “Majak – das Tschernobyl vor Tschernobyl

  • kernschmelze5

    habe mir das buch von medwedew gekauft und gelesen. es wurde vertuscht und gelogen und – es hat funktioniert. ich wäre nicht ohne ein gewisses „special interest“ darauf gekommen. und der großteil der leute weiß es bis heute nicht… ich empfehle jedem den es interessiert auch noch die doku von slawomir grünberg „the most contaminated spot on the planet“ aus dem jahr 1994.

    mfg kernschmelze

  • Paul Boegle Beitragsautor

    Liebe(r) kernschmelze5. Perfekt! So muss Aufklärung funktionieren. Die Doku kannte nämlich selbst ich noch nicht. Habe deshalb gleich den ersten Teil dank Dir mit auf meinem Artikel eingebaut. Wäre es unverschämt, wenn Du mir noch mitteilen könntest, warum Du ein „special interest“ an dieser Geschichte hast? Vielleicht helfen mir Deine Informationen noch weiter und ich kann mich selbst noch tiefer in dieses Thema eingraben, von dessen Existenz die wenigsten Menschen bisher überhaupt etwas mitbekommen haben.
    Ich danke Dir deshalb ganz besonders für die hilfreiche Information und würde mich freuen, wenn noch andere mit entsprechenden Kommentaren an die Öffentlichkeit gehen.

  • kernschmelze5

    ich lese ja jetzt erst, dass es eine reaktion auf meinen kommentar gab. etwas verspätet. ich habe vor einigen jahren eine seite einer motorradfahrerin entdeckt die durch das gebiet gefahren ist und tlw. fotos von nachts leutenden laub an bäumen veröffentlicht hat, seitdem durchforste ich gelegentlich das web nach derartigen infos. nach tschernobly fahren mittlerweile reisebusse. eigentlich ist so ein katastrophentourismus traurig und doch, auf eine negative art und weise interessant. mich fasziniert das buch von medwedjew immernoch: da hat jemand ein paar sehr kluge und absoulut verständliche rückschlüsse gezogen, und das ganze ist so geschrieben dass es auch ein laie versteht. habe es schon mehreren familienmitgliedern und freunden empfohlen bzw. zum lesen gegeben und sie alle wussten davor NICHTS von alledem…

  • Paul Boegle Beitragsautor

    Deshalb ist es auch sehr schade, dass das ursprünglich auf Youtube veröffentlichte Video „Chelyabinsk: The Most Contaminated Spot on the Planet“ jetzt nicht mehr öffentlich zugänglich ist. Aus welchen Gründen auch immer dies geschehen ist oder möglicherweise geschehen musste fehlt damit wieder eine wichtige Informationsquelle, um die Öffentlichkeit auf solche Dinge aufmerksam zu machen und in Zeiten von Fukushima zu sensibilisieren.
    Nun ja, wenn ich mir die Beschreibung eines Reiseveranstalters ansehe, welcher solch einen Reise in die Vergangenheit anbietet, stellt sich eigentlich nur die Frage, wann Japan zur gewinnträchtigen Destination erklärt wird. „Transfers und Rundreise in bequemem Reisebus“, „Diese einmalige Reise verbindet … gesellschaftspolitische Erkenntnisse, berührende Begegnungen und kulturelle Höhepunkte.“ macht den abenteuerlustigen TouristInnen doch so richtig schmackhaft, dass Tschernobyl eine Reise wert sein muss. Hier gewinnt der Begriff Hochglanzprospekt doch wahrlich eine vollkommen neue Bedeutung. Und die Verpflegung mit einem einfachen Lunch unterstreicht doch mehr als deutlich die gelebte Teilnahme mit den dort lebenden Menschen. Nur keine Dekadenz nach außen hin zeigen, schließlich muss die Betroffenheit der reiselustigen Gesellschaft doch deutlich zum Ausdruck kommen. Sozusagen die Henkersmahlzeit des Henkers. Aber die Sightseeing-Tour durch die altehrwürdige Stadt Kiew am nächsten Tag bringt die TeilnehmerInnen hoffentlich wieder auf andere Gedanken. Ich weiss nicht, ob Green Cross und andere Hilfsorganisationen mit solchen Reisen den richtigen Weg einschlagen. Denn dieses Mittel zum Ziel hat in meinen Augen doch kafkaeske Züge.