Die hai(le) Welt der Haie?


Der Hai – eine Erfolgsgeschichte der Evolution versinkt in den Tiefen der Meere

Ich saß letzten Sonntag mit meinem Nachbarn (herzlichen Dank für die Anregung, lieber Gerhard) auf unserer kleinen Terrasse, also sozusagen nahe der Natur im grünen Bereich oder eben im Garten Eden des Mittelstandes. Ich muß voranschicken, dass wir beide sehr leidenschaftliche Taucher sind. Und so kamen wir, natürlich neben vielen anderen Dingen, unweigerlich auch auf unser gemeinschaftliches Hobby, das Tauchen zu sprechen. Und selbstverständlich gaben wir auch unserer Besorgnis Ausdruck, wie es mit dem größten Räuber der Meere, sei es nun der sagenumwobene und von vielen Menschen leider vollkommen zu Unrecht gefürchtete Weisse Hai, der von der Verhaltensforschung fast noch völlig vernachlässigte Tigerhai oder der sowohl in Süß- als auch in Salzwasser lebende Bullenhai, wohl in Zukunft weitergehen wird, um jetzt nur die drei bekanntesten Haiarten aus einer Reihe von geschätzten 500 bis 600 (noch) vorkommenden Haifischarten herauszunehmen.

Die Tatsache, dass Haifischflossen immer noch eine Delikatesse in vielen Ländern dieser Erde ist, dürfte vielen Menschen bekannt sein. Die englischsprachige OCEANA-Statistik 2008 (bitte etwas Geduld beim Laden) über den Export von Haifischflossen nach Hongkong, den Hauptabnehmer für Haifischflossen, spricht eine eindeutige Sprache. Nahezu 10 Millionen Kilogramm (kein Druckfehler!) Haifischflossen werden dort bzw. in China zu jener fragwürdigen Spezialität verarbeitet, welcher, vollkommen zu Unrecht natürlich, aphrodisierende Wirkung nachgesagt wird.

So ganz nebenbei: Wussten Sie eigentlich, dass Spanien nicht 2010 Weltmeister wurde, sondern bereits 2008? Sie werden möglicherweise nun sagen, dass ich dies mit dem Gewinn der Europameisterschaft 2008 in Wien verwechsle. Nein, leider ist dies mein blutiger Ernst. Spanien exportierte im Jahr 2008 mehr als 2,6 Millionen Kilogramm Haifischflossen nach Hongkong und stand damit unangefochten auf Platz 1 dieser blutigen Rangliste, einsam und verlassen weit vor Singapur (1,2 Millionen) und Taiwan mit einer knappen Million Kilogramm Haifischflossen. Mit Verlaub, liebe Fussball-Weltmacht Spanien, aber es gibt in meinen Augen wichtigere Dinge als dieses Spiel zwischen zwei Mannschaften, deren Protagonisten in punkto Vermarktung und Geldgier schon eher das Fressverhalten eines Weissen Hais an den Tag legen als eben dieses wunderschöne und hochspezialisierte Geschöpf der Weltmeere.

Nun, leider bestimmt die Nachfrage nach Haifischflossen das Angebot. Und hier steht besonders die aufstrebende Wirtschaftsmacht China im Zentrum meiner Kritik. Ich bin mir meiner Ohnmacht bewusst, mit einem Artikel wie diesem nicht gegen die Interessen des neuen chinesischen Mittelstandes ankämpfen zu können. Doch wer glaubt, Dekadenz sei nur ein vorherrschendes Problem westlicher Konsumgesellschaften, muß auch diese Illusion genommen werden. Wer etwas auf sich hält im chinesischen Society-Leben, kredenzt seinen Gästen Haifischflossen-Suppe. Nicht, weil diese besonders vitamin- und nährstoffreich ist geschweige denn nach irgendetwas schmeckt, Haifischflossen bestehen eigentlich nur aus Knorpeln und nehmen nach tagelangem Köcheln nur den Geschmack der Brühe an, nein gegessen wird in China´s Mittelschicht, was auf den Teller kommt, Hauptsache, der Preis stimmt. Zu zeigen: „He, schaut her, ich kann mir Haifischflossen-Suppe leisten!“, lautet die Devise.

Wissen Sie, wieviel Haileben dies pro Jahr fordert? An die 100 Millionen Haie verenden elendiglich pro Jahr, nur weil sich der Mensch nicht satt essen kann. Shark finning lautet diese mörderische Prozedur. Dem Hai wird bei lebendigem Leib die Rückenflosse vom Rumpf abgetrennt, der unbrauchbare Rest, denn von einem funktionsfähigen Hai können wir leider nicht mehr sprechen, wird galant im so unergründlich tiefen Ozean entsorgt. Dem Tier bleiben nun zwei Möglichkeiten. Da es nicht mehr schwimmen kann, sinkt es langsam auf den Meeresgrund und erstickt dort jämmerlich. Oder es kommt gar nicht bis zum Meeresgrund, sondern wird von anderen Fleischfressern, angelockt durch das Blut, bei lebendigem Leib aufgefressen.

Haie stehen an der Spitze der Nahrungskette, d.h. je geringer der natürliche Bestand an Haien, desto größer die Anzahl der Beutetiere. Am auffälligsten ist dieses Phänomen anhand der Populationen des Kuhnasenrochens zu beobachten, ein beliebtes Beutetier der großen Haiarten wie Tigerhai, Bullenhai oder Hammerhai. Pro Jahr vermehrt sich diese Rochenart um Prozentpunkte im möglicherweise nun schon zweistelligen Bereich. Doch auch Kuhnasenrochen leben nicht von Salzwasser und Liebe allein. Austern und Jakobsmuscheln stehen wiederum auf deren Speiseplan. Doch eben durch dieses rasche Zunahme der Kuhnasenrochen können sich die Austern- und Jakobsmuschelbänke ebenfalls nicht mehr erholen, werden förmlich abgegrast. Die Haie werden aussterben. Doch sie hinterlassen ein kaskadenartiges Erbe an weiteren aussterbenden Arten in den einst reichen Weltmeeren. Das ökologische Gleichgewicht wankt bereits bedenklich, doch je mehr Haifischflossen auf den vergoldeten Tellern der Menschheit schwimmen, um so weniger andere Arten, wohlgemerkt neben den Haien, werden in den zukünftigen Meeren unserer Kinder und Kindeskinder schwimmen.

Und all jenen, welche sich immer noch nicht durch diese Zeilen überzeugen lassen, möchte ich nun schadenfroh ins feiste Gesicht lachen und folgendes Szenario mit auf den Weg geben. Der Mensch benötigt, zumindest glaubt er diese, Quecksilber (siehe dazu z.B. meinen Artikel über den Export von Elektroschrott nach Ghana). Nun, und wohin mit dem ganzen Quecksilber aus Industrie und Adel. Richtig, rein in die Flüsse und ab ins Meer damit. Dieses anorganische Quecksilber hat jedoch eine unangenehme Eigenschaft respektive Bakterien und Algen haben die unangenehme Eigenschaft, aus dem anorganischen Quecksilber eine unangenehme Eigenschaft zu machen. Sie wandeln es nämlich in hochgiftiges organisches Mono- und Dimethylquecksilber um. Und jetzt kommt wieder der Hai als Spitze der Nahrungskette ins grausame Spiel. Denn jetzt bewahrheitet sich der dümmliche Slogan „Haie sind für Menschen tödlich“ wirklich, allerdings mit der Anmerkung „wenn man sie isst!“ „Haie sind für Menschen tödlich, wenn man sie isst“ haben Forscher der Uni Mainz nachgewiesen. Bereits fünf Gramm Haisteak enthalten die für den Menschen zulässige Tageshöchstgrenze an Methylquecksilber (dazu weiterführend z.B. Nicht nur Haie sind bedroht. Die Überfischung der Weltmeere.). Wer der Meinung ist, nicht isst, dass Quecksilber im Hai ja wohl nicht wirklich in rauhen Mengen vorkommt, möge bitte die Statistik des Forschungsprojektes „Methylquecksilber in Fischen“ des LAVES erfolgreich abgeschlossen betrachten, sozusagen als kleiner Appetitanreger.

Sie möchten sich trotzdem ein Haifischsteak oder eine delikate Haifischflossen-Suppe so richtig auf der Zunge zergehen lassen. Kein Problem, aber denken Sie daran: Methylquecksilber kann die sogenannte Blut-Hirn-Schranke überwinden, nistet sich dann dort ein und wird für sehr lange Zeit gespeichert. Wer Depressionen, Kopfschmerzen und Gedächtnisschwierigkeiten als notwendiges Übel in Kauf nehmen möchte, wünsche ich „Guten Appetit!“ Und wer mit dem Gedanken spielt, Kinder in diese zukünftige Welt ohne Haie zu setzen, bedenken Sie bitte eines. Methylquecksilber überwindet die Plazenta und welche Schäden Ihr Nachwuchs dadurch nehmen kann, fragen Sie bitte Ihren Apotheker oder Arzt Ihres Vertrauens.

Ich weiß selbstverständlich, dass ich im Moment all meine LeserInnen mit meinen Anschuldigungen anspreche. Ich bitte diese Rigorosität zu entschuldigen, aber es ist einzig und allein meine Intention, Aufklärungsarbeit zu leisten. Und dies erfordert mitunter eben auch drastische Maßnahmen. Es geht hierbei nicht um den Gewinn irgendeines Titels einer unbedeutenden Sportart wie Fußball, sondern um den Erhalt einer Spezies, welche ihren Ursprung bereits vor 300 bis 400 Millionen Jahren im Zeitalter des Devon hatte. Der Homo sapiens und seine Vorfahren können auf eine Erfolgsgeschichte von einigen wenigen Millionen Jahren zurückblicken, ein verschwindend geringer Zeitraum im Vergleich zu den Haien. Der Mensch betrachtet sich (fälschlicherweise) als Krone der Schöpfung. Den Haien gegenüber verhält er sich jedoch als bestialisches und rücksichtsloses Raubtier, welches diesen scheuen, neugierigen und vor allem intelligenten Wesen die Dornenkrone der Vernichtung aufsetzt.

Mein Plädoyer zum Schutz der Haie ist immer noch nicht fertig. Wussten Sie, dass Haifischleberöl bzw. Haifischlebertran reich an sogenannten Squalen ist. Diese Squalen werden in der Kosmetikindustrie unter anderem in Feuchtigkeitscremes oder in Kapseln zur Erhöhung der Lebensqualität verarbeitet. Doch Squalen bedeutet Qualen. Denn die Kosmetikindustrie hätte vielfach andere Alternativen, welche auf Basis pflanzlicher Extrakte gewonnen werden können. Ich habe bereits Stephen Spielberg an den Pranger gestellt. Doch auch ein Großer der Weltliteratur mit Namen Ernest Hemingway hat mit seinem Klassiker „Der alte Mann und das Meer“ dem Hai keinen Gefallen erwiesen. Sein im Buch so bezeichnetes „shark liver oil“ als Wunderwaffe gegen Erkältung und grippale Infekte? Ein weiterer Irrglaube der Menschheit, welcher unbewiesen durch die Köpfe der Menschen geistert.

Es gäbe noch so vieles zu schreiben, doch lassen wir zum Schluߠdie Bilder in Form eines Videos mit dem bezeichnenden Titel „Sharkwater – wenn Haie sterben“ sprechen. Opfern Sie also bitte drei Minuten Ihrer Zeit, nicht mir, sondern einem schützenswerten Wesen namens Hai und lassen Sie sich in die grausame und blutige Welt, Shark finning genannt, entführen. Und wer dann immer noch Lust auf Haifischsteak oder Haifischflossen-Suppe hat, dem kann niemand mehr helfen. Für diese Menschen hätte ich eine Hauptrolle in Stephen Spielberg´s „Der Weisse Hai“ zu vergeben, allerdings wird sich kein Hai an solchen Individuen seine Zähne schmutzig machen.            


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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