1. Teil: Das Internet – wahr, gelogen oder wahrgelogen?


Der Cyberspace, die Welt der Gerüchte

Liebe Leser, nichts ist wahr an meiner Meldung „Extraterrestrisches Leben entdeckt“ und der nachfolgenden Meldung „Außerirdisches Leben wird immer wahrscheinlicher„. Auch wenn ich nun einige von Ihnen verärgert habe und in anderen von Ihnen Ängste und möglicherweise sogar Hoffnungen geweckt haben sollte, was den Glauben an außerirdisches Leben fernab unseres eigenen Sonnensystems betrifft. Die Meldung ist schlichtweg erfunden. Allerdings muß ich sagen, und ich hoffe, dies gestehen auch Sie mir zu, ich habe sie wunderbar in ein Feld von Wahrheiten und Wahrhaftigkeiten gepackt. Wahr ist, daß es das System des Gliese 581 tatsächlich gibt. Es handelt sich hierbei um einen ca. 20 Lichtjahre von uns entfernten Stern im Sternbild Waage, mehr weiß ich aber auch schon nicht mehr über diesen Stern zu berichten. Ich habe ganz einfach im Cyberspace, den meisten unter Ihnen als Internet bekannt, gegoogelt und mich dann spontan für diesen Stern entschieden. Mag sein, daß mich dabei der Name besonders angesprochen hat, wohl eher wollte ich mich aber möglichst für einen Stern entscheiden, welcher relativ schnell von anderen Usern bei entsprechender Neugierde im Internet gefunden wird und vor allem bereits gesicherte Ergebnisse liefert. Sprich, meine fiktive Pressemeldung musste auf festen Füssen stehen.

Weiterhin entspricht es der Wahrheit, dass es auch die im Artikel benannte Forschergruppe tatsächlich gibt. Auch hier musste ich eine entsprechende Vertrauensbasis schaffen, um auch die letzten Zweifel aus der Welt zu räumen. Wer hat nicht schon einmal von der altehrwürdigen Freien Universität Berlin gehört und wer würde dementsprechend daran zweifeln, daß die tatsächlich ins Leben gerufene Emmy-Noether-Forschungsgruppe, noch dazu mit Forschungsgeldern ausgestattet, nicht wirklich der Existenz ausserirdischen Lebens auf dem Stern Gliese 581 nachginge.

Ich möchte nun bereits vorab sagen, daߠdie nun folgenden ziemlich ausschweifenden und vielleicht auch nicht einfach zu lesenden Artikel, welche ich des besseren Verständnisses wegen in drei Teile gegliedert habe, keine Rechtfertigung für mein Tun und Handeln darstellen soll. Und doch sah ich eine Notwendigkeit ganz im Sinne von Jean-Paul Sartre: „Wichtig für mich ist, daß ich getan habe, was zu tun war. Gut oder schlecht, darauf kommt es nicht so sehr an, Hauptsache, ich habe es versucht.“ Denn in Zeiten, in denen Menschen und elektronische Medien, wie es besonders das Internet in seiner heutigen Form darstellt, bereits untrennbar miteinander verbunden sind, der Name Netz als Synonym für Internet impliziert meines Erachtens nämlich genau das, was es ist, ein feinmaschiges digitales Instrument ohne die Möglichkeit des Entkommens, müssen wir uns mehr denn je mit den Gefahren auseinanderzusetzen versuchen, welche durch diese für jederfrau (jedermann) Möglichkeit manipulativen Verhaltens drohen. Weiterhin liegt es mir fern, das Internet als genius malignus zu verdammen, einen virtuellen Gaukler, Spielball und Spieler in einer einzigen imaginären Gestalt, welcher dank seiner schier unbegrenzten Fangarme den Menschen täuschen kann, ganz wie es ihm beliebt. Seit Menschengedenken ist die Wahrheit untrennbar mit der Lüge verbunden, denn erst die Konfrontation mit der Lüge macht es möglich, die Wahrheit zu erkennen bzw. schafft sie zumindest die Prämisse, Informationen auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu bewerten, wenngleich hier immer eine subjektive Bewertung zugrunde liegt. Sprich, Lüge und Wahrheit können niemals entweder nur schwarz als Symbol der Lüge und weiß als Zeichen für Wahrheit gesehen werden, sondern sie lassen sich in beliebig viele Grautöne unterteilen, jede noch so kleine Schattierung, der geringste Farbunterschied, jede Nuance steht dabei für das Wahrheitsempfinden des Einzelnen. Aussagen oder auch Handlungen, welche für ein Individuum also noch als plausibel, legitim und dementsprechend als moralisch vertretbar erscheinen, sich umgangssprachlich „im Rahmen des Erlaubten“ bewegen, werden von anderen bereits als Unrecht oder eben als Unwahrheit empfunden und stehen auf dieser Farbskala bereits jenseits des Vertretbaren, sozusagen auf der schwarzen Liste. Oder wie es Nietzsche im Zarathustra ausdrückt, dieser verzweifelten fixen Idee, der Suche nach dem Übermenschen, jenem Antipoden zum Tier, zwischen dessen beiden Endpunkten der Mensch als Bindeglied auf einem Seil über dem Abgrund balanciert: „Wer nicht lügen kann, weiß nicht, was Wahrheit ist.“      

Ich habe also einen realen Ort, eine real existierende Institution gewählt, um eine Nachricht in das allmächtige Internet einzuspeisen, welche jeglicher Grundlage entbehrt. Denn gerade dadurch, nein eigentlich nur durch diesen Umstand, daß ich scheinbar vertrauensvolle und über jeden Zweifel erhabene Quellen benannt habe, verleihe ich dieser brisanten Meldung jene Authentizität, um ein eingestreutes Gerücht als Wahrheit zu verkaufen. Ich stelle mich in diesem Falle sogar als diejenige Vertrauensperson dar, welche nicht abseits des Geschehens nur aus dem Blickwinkel eines Betrachters fungiert, sondern gebe vielmehr vor, Informationen aus erster Hand zu besitzen, deren Glaubwürdigkeit als gesichert gelten. Diese scheinbare Bereitwilligkeit, meine Informationen uneingeschränkt mit anderen zu teilen, unterscheidet mich jedoch grundlegend von den unzähligen anonymen Gerüchten, welche tagtäglich im Medium Internet kursieren und von uns meist ohne unser willentliches Zutun aufgenommen werden. Und doch bin ich in weiterer Folge selbst nur Informant, als Mittelsmann von Informationen, nicht als Produzent, möchte ich in Erscheinung treten, in dem ich vorgebe, daß ich auf etwas Interessantes im Internet gestossen bin. Nicht ich bin es, welcher für deren Echtheit verantwortlich ist, ich bin nur derjenige, der es für notwendig erachtet, mein scheinbares und anscheinend gesichertes Wissen mit anderen zu teilen. Gerade diese Reputation, welche ich genieße, erlaubt es mir, als Knotenpunkt einer mir bekannten, da selbst produzierten, für andere jedoch unbekannten Quelle aufzutreten, ohne mich aber für deren Authentizität verbürgen zu müssen. Je mehr Glaubwürdigkeit also der Informationsgeber bereits besitzt, unabhängig wie abstrus und unmöglich der Wahrheitsgehalt der Information auch erscheinen mag, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, daß das Gerücht als Wahrheit akzeptiert wird. Wichtig ist jedoch eines! Erst wenn es mir gelingt, die einzelnen Elemente an Wahrheiten, Halbwahrheiten und Unwahrheiten, an Illusionen, Täuschungen, fiktiven Bestandteilen und möglicherweise auch unbeabsichtigten Irrtümern so zu einer umfassenden Einheit zu komponieren, daß aus diesen Einzelteilen eine glaubwürdige Lüge entsteht, kann erfolgreiche Desinformation, Falschinformation, Fehlinformation oder welche Intention auch immer damit verbunden war, entstehen. Lässt sich eine dieser „kleinen Lügen“ nicht mehr stimmig in das Gesamtbild der Gesamtlüge einpassen, d.h. wird ein Element als Lüge enttarnt, bricht über kurz oder lang die Konstruktion dieser ganzheitlichen Lüge in sich zusammen.

Es sei hierbei noch eines angemerkt. Ich weiß, daß mich nun viele Philosophen darauf aufmerksam machen werden, daß ich keine klare Abgrenzung und schon gar keine Definition bezüglich der verschiedenen Begrifflichkeiten zwischen Illusion, Täuschung, Fiktion usw. treffe. Aber dies würde nun einerseits wirklich den Rahmen des hier Vorgestellten sprengen, andererseits finde ich jedoch auf diese Fragestellung keinen bisher befriedigenden Lösungsansatz, welcher sich in einigen wenigen Sätzen niederschreiben ließe. So unterscheide ich der Einfachheit halber diese Termini nicht und substituiere sie je nach Bedarf, wissend, daß ich die dadurch die entstehenden Fragen unbeantwortet lasse.

Der 2. Teil: Ohne Lüge keine Wahrheit folgt in Kürze, allerdings finden Sie die Fortsetzung auf meinem zweiten Blog Freie Zeit. Bis dahin wünsche ich allen eine gute Nacht. Sie glauben mir nicht?


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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