Saigon – der erste Abschied 1


21.01.2010 Der Kreis schliesst sich

Durch die geschlossenen Fenster, noch leicht schläfrig, hören wir die gewohnten Geräusche Saigons. Wohlig räkeln wir uns unter blütenweissen Laken, während die Klimaanlage fröhlich vor sich hin summt. Unsere Stimmung gleicht sich derjenigen der Klimaanlage an, allerdings nur bis zu dem Zeitpunkt, bis aus meinem Summen ein fröhliches Liedchen wird. Hier zeigt sich wieder einmal, wer Chef(in) im ehelichen Ring ist. Ein kleiner Tipp am Rande: Ich bin es nicht. 

Saigon: Ho Chi Minh City-Museum

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Ein Blick auf die Uhr und wir stellen mit Erschrecken fest: Wir haben den halben Tag verschlafen! Es ist bereits nach acht Uhr. Ein zweiter Blick aus dem Fenster. Strahlend blauer Himmel, wie von Zauberhand sind die Regenwolken des letzten Tages weggewischt. Trockene Strassen, nur noch vereinzelt zeugen kleine dunkle nasse Flecken im Schatten der Häuser vom Regen des gestrigen Tages. Doch auch diese werden innerhalb kürzester Zeit von den Gummiprofilen der Mopedreifen praktisch im Vorbeifahren mitgenommen.

Unser letzter Tag in Saigon bricht an, vorerst zumindest, denn wir kommen wieder. Kein Versprechen, sondern eine Feststellung. Der Kreis schliesst sich unmerklich. Was als Albtraum unter dem oft strapazierten Titel „Good morning, Vietnam“ begann, entpuppt sich nun, nach einer Woche Vietnam als betörendes aufregendes beeindruckendes unbeschreibliches atemraubendes Abenteuer. Und heute heisst es dementsprechend Luft holen, zu Atem kommen, zur Ruhe kommen, slow down.

Gemütlich frühstücken, die unvermeidliche Pho genüsslich schlürfen, ein Baguette essen. Geistig verabschieden wir uns schon von der quirligen Metropole, nun steht uns der Saigon: Lese-GenussSinn nach ruhigeren vietnamesischen Gefilden, zumindest wäre dies unser Wunsch für die nächsten Tage. Relaxen, entspannen, ein gutes Buch lesen, und natürlich in der Sonne liegen, baden und einfach nur faulenzen. Doch bis es soweit ist, wollen wir uns noch einmal in den Strassen und Gassen von Ho Chi Minh City treiben lassen. Der Weg ist das Ziel, und für den heutigen Tag ist unser Ziel bis dato noch vollkommen unbekannt.

Wir spazieren die Cao Thang entlang, anfangs gewählte Orientierungspunkte werden jetzt nur noch flüchtig wahrgenommen. Die Tankstelle steht immer noch da, wo sie schon vor einer Woche stand, die grosse Strassenkreuzung, welche vor einer Woche so aussah wie jede andere, ist gar nicht so gross. In der Bäckerei herrscht wie immer Hochbetrieb, am Abend werden wir sicherlich vorbeischauen und uns eine Kleinigkeit holen. Die schon vertraute alte Frau sitzt wieder mit ihren Hemden an der Strasse, Vietnamesen sind gar nicht so gleich, wie es für uns Europäer immer scheint.

Es ist ziemlich ruhig auf den Strassen Saigons, jetzt nach einer Woche. Ein Moped zischt haarscharf an uns vorbei, als wir auf die andere Strassenseite wechseln, wen stört´s, jetzt nach einer Woche in Saigon. Andere folgen hupend im Schlepptau, jaja, ist schon gut, jetzt nach einer Woche in Saigon. Galant schlängeln wir uns durch die motorisierte Armada, jetzt nach einer Woche Saigon.

Am Van Hoa Park entlang schlendern wir die breite Nguyen Thi Minh Khai nach Norden, lassen den ersten und zweiten Teil des Parkes rechter Hand liegen, um uns Saigon: Mobile Tankstelle für durstige Vietnam-Touristendann Richtung Stadt zu wenden. Der Wiedervereinigunspalast liegt versteckt hinter hohen Bäumen, ältere Menschen sind mit Gymnastikübungen beschäftigt, junge Burschen spielen gekonnt Federfussball oder Badminton.

Ein kleiner ruhiger Park in der Nähe des Ho Chi Minh City-Museums an der Ly Tu Trong lädt zum Verweilen ein. Wir trinken einen cà phê đá (Eiskaffee), schauen einer Mutter mit ihren beiden Kleinkindern zu, wie sie diese im öffentlichen Brunnen wäscht. Ein Mann geht ruhig seiner Wege, über der rechten Schulter an einer langen hölzernen Stange eisgekühlte Kokosnüsse bsamt der dazugehörigen Milch balancierend. Ein anderer liegt unter einem schattenspendenden mächtigen Baum, die ausladenden Luftwurzeln schützen ihn vor allzu neugierigen Blicken, während er seine Zeitung liest. Gelbe und rote Farbtupfer der Blüten bilden einen neckischen Kontrast zum hellen Grün der kunstvoll mit der Heckenschere bearbeiteten Bäumchen, welche in mit Drachenmotiven verzierten Keramikschalen überall am Wegesrand stehen. Spatzen sitzen auf niedrigen roten Mauereinfassungen davor, schimpfen auf alles und mit jedem, der es wagt, nur in ihre Nähe zu kommen.

Saigon: Wer mit Kanonen auf Spatzen schiesst, erntet natürlich Schimpf-KanonadenAuf der anderen Seite des Parks, hinter dichten Kabelsträngen, welche in einem wirren Geflecht über der Strasse hängen, sind Teile der grauen Fassade des Museums zu erkennen. Die frühere Residenz des einstigen französischen Generalgouverneurs von Saigon könnte ebenso gut in Paris stehen, imposant und pompös wirkt die dem Mittelteil vorgelagerte Kolonnade mit den reich verzierten Säulen, welche von ionischen Kapitellen gekrönt sind. Doch heute steht uns nicht der Sinn nach Kultur, wir wollen einfach nur dem Treiben der Stadt zuschauen. Mein Versuch, ein fröhliches Liedchen anzustimmen, scheitert an den schon bekannten Machtverhältnissen.

Nur wenige Meter entfernt lädt uns, besser gesagt die allerbeste Ehefrau der Welt, der Ben Thanh Markt zum Bummeln, Schauen und, seltsamerweise, auch Kaufen ein. Ich bin leider nicht eingeladen, also bleibe ich draussen, geniesse das bunte Treiben vor der Markthalle, fröne meinem voyeuristischen Hobby und fotografiere so lange, bis der Auslöser meiner Kamera heisser als die vietnamesische Mittagssonne ist. Immer wieder blinzelt die allerbeste Ehefrau der Welt verstohlen ums Eck, sieht wohlwollend, dass der Voyeur in mir immer noch die Oberhand hat und begibt sich vergnügt wieder ins finstere Reich des Bummelns, Schauens und, seltsamerweise, auch Kaufens zurück. So frönen wir dahin, getrennt und doch in trauter Zweisamkeit. „Ich liebe meine allerbeste Ehefrau der Welt!“ So, dies musste auch einmal gesagt sein, mir war gerade danach. Doch irgendwann hat selbst das schönste Frönen eSaigon: Eitel Sonnenschein auf der Dachterrasse des Rex-Hotelsin Ende. Was nun? Was tun?

Als Teilzeit-Vietnamesen wussten wir, wer Zeit hat, teilt diese, und am besten mit einem cà phê đá. Und da unser letzter Eiskaffee nun doch schon eine Weile zurück lag und das dekante Rex Hotel nur ein paar Schritte vor uns lag, was lag da näher als das bereits Zurückliegende mit dem vor uns Liegenden zu verbinden. Sie verstehen, was ich meine? Die Dachterasse des altehrwürdigen Tempels irdischer Freuden weckte neue Begehrlichkeiten in uns. Wer meinen Artikel Erschöpfungszustände noch in Erinnerung hat, wird mitleidsvoll an mein Zwicken und Zwacken zurückdenken. Andererseits geben mir natürlich meine Erschöpfungen wiederum neue Kraft, ich bin quasi ein Perpetuum mobile der Erschöpfung. Je erschöpfter ich bin, desto schöpferischer schöpfe ich neue Kräfte aus meiner Erschöpfung, unglaublich unbegrenzt und uSaigon: Blick von der Dachterrasse des altehrwürdigen Hotel Rexnheimlich unerreicht. Und glauben Sie mir eines: In punkto Erschöpfung bin ich der allerbeste Ehemann der Welt, fragen Sie allerbeste Ehefrau der Welt.

So sitzen wir also wieder hier, ein weiterer Kreis schliesst seine Pforten, fast eine Woche, nachdem wir zum ersten Mal die herrliche Aussicht von der sonnigen Dachterrasse über einen kleinen Teil Saigons genossen haben. Wieder steht Eiskaffee und Kokosnussmilch vor uns, die Gedanken schweifen ab, rekapitulieren, was war, spekulieren, was sein wird, artikulieren, was gerade ist. Ein kleines Liedchen will meinen Lippen entfleuchten, bleibt nach einem einzigen Blick des scheinbar hierarchisch doch weit über mir stehenden Eheweibchens dort stecken, wo es gerade herkommen wollte, nämlich in meinem Hals.Saigon: Der Ben Thanh Markt, Konsumtempel und Garten Eden auf wenigen Quadratmetern

Die unverwechselbare Krone des Rex-Hotels leuchtet weithin sichtbar, von der Mittagssonne beschienen steht sie altehrwürdig und erhaben über den von Lärm erfüllten Strassen der Stadt. Davor, auf einer kleinen Bühne, steht ein grauer Elefant aus Plastik, artig hebt er die beiden vorderen Füsse, ja auch in Saigon ist das ganze Leben ein Zirkus. Überall weht die Fahne Vietnams, gelber Stern auf rotem Grund grüsst den lichtblauen Himmel über der Stadt. Kleine Volieren schaukeln träge über unseren Köpfen, wiegen sich im leisen Takt des plätschernden Brunnens in der Terrassenmitte. Minute für Minute tickt sich die Zeit aus unserem vorläufig letzten Tag auf dem Festland. Schon steht die Sonne wieder auf der westlichen Seite, hat bereits die Hälfte ihres nachmittäglichen Tagespensums zurückgelegt. Auch uns zieht es weiter.Gemächlich schlendern wir die vielbefahrene Le Loi in Richtung Ben Thanh Markt nach Süden, auf der anderen Strassenseite locken die Händler mit unzähligen Elektroartikeln. Hier sei allerdings angemerkt: Wer darauf spekuliert, bezüglich Fotoapparaten oder anderen elektronischen Artikeln ein Schnäppchen machen zu können, vergessen Sie dies! Die Preise für diese Saigon: Buntes Treiben in einer bunten StadtLuxusgüter haben westliches Niveau, selbst Speicherkarten sind in Saigon nicht billiger. So lassen wir uns weiter nach Süden treiben, passieren den farbenprächtigen Mariamman-Hindu-Tempel an der Strassenkreuzung Truong Dinh und Le Thanh Ton. Am grossen Kreisverkehr, uns kann er natürlich nicht mehr erschüttern, eine Woche härtet ab, gehen wir weiter in südlicher Richtung in die Nguyen Trai.

Eine Strasse wie viele. Auf der Strasse Stossstange an Stossstange Taxis und Lenker an Lenker Zweiräder, neben der Strasse zu Saigon: Schuhe, Schuhe, Schuhebeiden Seiten dicht gedrängt Handtaschen, Kleidung und Schuhe. Oder vielleicht war die Reihenfolge auch Kleidung, Schuhe und Handtaschen. Möglicherweise liege ich aber auch richtig, wenn ich sage, dass erst Schuhe, dann die Handtaschen und zum Schluss die Kleider kamen. Obwohl, nach kurzer Rücksprache mit der allerbesten Shopping-Ehefrau der Welt muss ich meine Meinung nun wieder revidieren. Es waren Handtaschen, Kleider und Schuhe, nicht nacheinander, sondern miteinander, übereinander, beieinander und untereinander. Tut mir leid, wirklich, ganz ehrlich, dass ich nicht daran gedacht habe.

Das übliche Procedere beginnt. Die Allerbeste hinter den Schaufenstern, der Kettenhund mit dem Fotoapparat davor. Dong Saigon: Schweiss-treibendwechseln bündelweise die Besitzer, dafür wechseln Schuhe paarweise in das andere Lager. Noch mehr Dong wandern auf die andere Seite, doch im Gegenzug finden sich auf wundersame Weise weitere Schuhe bei den bereits gekidnappten Schuhen. Erinnert mich auf seltsame Weise an den Checkpoint Charly, Sie wissen schon, diese herrlichen Agentenfilme, wo sich amerikanische und sowjetische Spione zum Austausch Saigon: Die Nguyen Trai, eine Strasse wie jede andere in Saigonvon Gefangenen trafen. Aber wer braucht den eisernen Vorhang, wenn es auch ohne geht? Köstlich finde ich dabei, dass sich das Ganze in einem kommunistischen Land abspielt.Ein Sicherheitsbeamter hat mich mittlerweile zu seinem Gesprächspartner auserkoren. Wir unterhalten uns angeregt, er auf Vietnamesisch, ich versuche mich in Englisch, irgendwo in der Mitte treffen wir uns. Habe ich das mit Ost-Berlin und West-Berlin und dem Checkpoint Charly eigentlich schon erwähnt, ich glaube schon? Auf alle Fälle haben wir weder Gefangene noch machen wir solche, ich fotografiere ihn, er lädt mich im Gegenzug zum Essen ein. Stillschweigend habe ich für mich beschlossen, zurück in Wien stelle ich mich auf die Strasse, fotografiere irgendwelche Menschen und erwähne dann ganz beiläufig, dass ich Hunger habe. Mal sehen, was sich machen lässt.

Meine hochgradig vom Shopping-Virus befallenen allerbeste Ehefrau der Welt hat ein probates Gegenmittel gefunden. Gegen weitere Dong werden weitere Schuhe zu den Saigon: Das Rex Hotel, ein Stern an Saigons Hotel-HimmelSchuhen, welche bereits bei den anderen Schuhen in bester Gesellschaft sind, gepackt. Besserung ist in Sicht, meine Frau hat schon eine wunderbar gesunde Gesichtsfarbe bekommen. Ich verabschiede mich von meinem neuen Freund, so macht Einkaufen sogar mir Spass.

Saigon Le Loi Strasse: Nachts sind (nicht) alle Katzen grauDer Abend wirft bereits lange Schatten in die engen Gassen, ein letztes Mal an wohlbekannten Orten vorbei, unzählige Stimmen wispern und raunen „Chào tạm biệt“. Wir antworten „Auf Wiedersehen!“, während sich ein letztes Mal die Sonne vor Saigon, vor uns verneigt.

Und morgen? Ein neues Abenteuer beginnt. Phu Quoc, eine kleine Perle im Südchinesischen Meer, 50 Kilometer lang, maximal 25 Kilometer breit, 80 000 Menschen über die ganze Insel verteilt, alleine 60 000 Einwohner dabei in der Hauptstadt Duong Dong lebend.Doch bis dahin geniessen wir ein weiteres köstliches Essen, unser vietnamesisches Abendmahl sozusagen. Und jetzt heisst es erst einmal schlafen, von weissen Saigon: Der letzte Vorhang ist gefallen!Sandstränden, dem Rauschen des Meeres und blauem Meer träumen. Aber wie wird es wirklich werden?

Das, liebe Leser, ist wieder eine ganz eine andere Geschichte. Doch auch sie wird geschrieben werden, Sie wissen schon, wenn es heisst: Fortsetzung folgt!

Bis dahin grüsst Sie Paul, das Perpetuum mobile der Erschöpfung.   


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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