Nietzsche und die katholische Kirche


Gott ist tot!

So grotesk es klingen mag, aber für mich steht die römisch-katholische Kirche auf einer Stufe mit dem grossen Philosophen und Vorreiter des Existentialismus, dem altehrwürdigen Friedrich Nietzsche. Wobei ich anmerken muss, dass ich Nietzsche durch diesen Vergleich nicht verunglimpfen möchte. Vielmehr soll hierbei meiner Bewunderung Ausdruck verliehen werden, dass Friedrich Nietzsche´s „Gott ist tot!“, welches er seinem Protagonisten Zarathustra gleich zu Anfang seines Hauptwerkes, oder sollte ich sagen, eines seiner Hauptwerke, dem bis in die heutige Zeit viel diskutierten „Also sprach Zarathustra“, so bedeutungsschwanger sagen lässt, an Weitsichtigkeit und Aktualität kaum zu überbieten ist.

„Wohin ist Gott? rief er, ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet, – ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder![…] Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder?“ Nietzsche greift dieses zentrale Thema seines Denkens nicht nur im 1883 begonnenen Zarathustra auf, in seinem 1882 verfassten Werk „Die fröhlichen Wissenschaften“ im Aphorismus 125 mit dem Titel „Der tolle Mensch“ beobachtet er bereits eine Entwicklung, welche in unserem Heute und Jetzt ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht hat, zumindest wenn es um die Institution Kirche geht. Nietzsche hat beobachtet, genau beobachtet, und er hat daraus seine Schlüsse gezogen. Und Nietzsche wird auf Grund seiner Aussagen (leider) oftmals falsch interpretiert. Er hat nie in Zweifel gestellt, dass Gott niemals existent war, im Gegenteil: „Gott ist tot!“ im Imperativ meint sehr wohl, dass es einen Gott gegeben hat, aber diese Institution, dieser Kunstgriff menschlicher Existenzängste, hat ausgedient, muss durch neue Werte umgewertet werden. „Neue Werte auf neue Tafeln“, für mich letztendlich die Aufforderung, endgültig mit den zehn Geboten der christlichen Glaubenslehre zu brechen. Wohlgemerkt, ich breche nicht mit den Inhalten dieser in Stein gehauenen Grundsätze, moralisch entsprechen sie durchaus dem, was der aufgeklärte Mensch der Neuzeit als für erstrebenswert erachten sollte. „Du sollst nicht töten!“, „Du sollst nicht ehebrechen!“, „Du sollst nicht stehlen!“, diesen Grundsätzen fühle ich mich wie die meisten Menschen verpflichtet.

Doch dazu bedarf es keines Naheverhältnisses zur Kirche, des unnahbaren Vertuschungs-Verleumdungs-Verleugnungs-Verlogenheits-Räderwerks namens römisch-katholische Kirche in ihrem Ist-Zustand. Diesen moralischen Grundsätzen fühle ich mich aus Respekt und Achtung vor meinem Nächsten verpflichtet. Ich bin bereits vor Jahren aus dieser verstaubten Glaubensgemeinschaft ausgetreten (ohne jedoch mit diesen moralischen Grundsätzen zu brechen), einem Staat im Staate, welcher sich für mich jenseits jeder Gerichtsbarkeit bewegt und sich selbst in den finstersten Abgründen menschlicher Unverantwortlichkeit befindet. Nicht ich habe Gott getötet, die Kirche selbst hat dieses Werk ohne mein Zutun erledigt. Doch wie steht es dementsprechend um meine Dankbarkeit? Muss, soll ich mich für etwas bedanken, was sich, da selbst kein Mitglied der Glaubensgemeinschaft mehr, meiner Verantwortlichkeit entzieht? Oder bin ich sogar um so schuldiger, da ich mich durch meinen Austritt meiner Verantwortung entzogen habe und trotzdem meine stillschweigende Einverständniserklärung durch mein Stillschweigen gegeben habe. Sind vielleicht wir, die christlichen Outlaws, die Hauptverantwortlichen für den Gottesmord? Müssen wir möglicherweise jeden Tag aufs Neue „Mea culpa!“ in den Ich weiss etwas, was Du nicht wissen darfst-Spiegel schreien, weil gerade wir diejenigen sind, die wissentlich, aber wider unserer besseren Vernunft, die Lügen akzeptiert haben, ohne uns gegen sie aufzulehnen und uns zu wehren.  

Im zweiten Teil des „Also sprach Zarathustra“ mit dem Titel „Von grossen Ereignissen“ nimmt Nietzsche das vorweg, was mittlerweile fast zu einer allgemeingültigen Formel geworden ist: „Kirche? antwortete ich, das ist eine Art von Staat, und zwar die verlogenste.“ Die realistische Feststellung einer fiktiven Figur, geschrieben vor mehr als 125 Jahren. Mit einem kleinen Unterschied: Zarathustra zieht sich mit 30 Jahren in eine Höhle zurück, um die Lehre vom Übermenschen zu entwickeln, um dann wieder zu den Menschen herabzusteigen. Doch genau diesen letzten, diesen finalen Schritt hat die Kirche verabsäumt. Sie steht weit oben auf dem Gipfel ihrer selbstherrlichen Einsamkeit. Isoliert, abgekapselt und abgenabelt von allem Irdischen und Weltlichen, hinaufgestiegen vor hunderten von Jahren auf den Ölberg voller Hexenverbrennungen, hineingestiegen in die Höhle vollgepflasterter Ablassbriefe, aber niemals wiedergekehrt aus den dicht gewobenen Verliesen der peccatum mortiferum, der Todsünde, welche ich Verleugnen nenne.

„Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch – ein Seil über einem Abgrunde.“ Nietzsche nimmt sich meines Erachtens hierbei die Evolutionstheorie von Charles Darwin zum Vorbild. Nicht der heutige Mensch oder im Falle von Nietzsche der Mensch des späten 19. Jahrhunderts ist die Krönung der Schöpfung. So wie sich aus dem Frühmenschen, dem Australopithecus africanus der Homo erectus entwickelt und dieser in einem unendlich langen Prozess vom heutigen Homo sapiens abgelöst wurde, so werden auch wir möglicherweise nicht die Spitze der menschlichen Evolution darstellen. Wer weiss, vielleicht folgt in einigen Jahrtausenden ein Homo superior, jener von Nietzsche propagierte und sogar herbeigesehnte Übermensch. Doch im Gegensatz dazu sehe ich die römisch-katholische Kirche als Seiltänzer ohne dazugehöriges Seil, als Drahtseilakt mit der Schlinge um den vatikanischen Hals. Der Brückenschlag ist vollkommen misslungen, die Versprechungen sind im Getöse der neuzeitlichen Posaunen von Jericho untergegangen, eingestürzt unter dem Ballast eines Konstrukts aus Vertuschungen und inzüchtlerischer Selbstbeweihräucherung.

Was ehemals ein Bindeglied zwischen heilssuchenden Menschen und einem heilsversprechenden übermächtigen Monopol war, hängt nun, losgelöst über dem Abgrunde patriachalischer Willkür, zwischen Versagen und antiquiertem Zölibat.

„Gott ist tot!“ Hinabgerissen von den Klagemauern selten gelebter Enthaltsamkeit, erschlagen von Petrus, auf dessen Felsen sich die Kirche gütlich niedergelassen hatte. Lange schon stand die Kirche vor dem Abgrund, nun ist sie wahrlich einen Schritt weiter. Der Weg zurück ist versperrt durch die selbst auferlegten verstaubten Moralvorstellungen und unüberbrückbar türmt sich davor die amoralische skrupellose Heiligkeit auf. Doch gerade diese Dignität, stehe ich auf der Seite des Guten oder befinde ich mich bereits auf der anderen Seite, verschmilzt in jener Institution namens Kirche zu einer nicht mehr zu definierenden, weil unentwirrbaren Seilschaft von Glaubensbrüdern ohne Glauben. Die Kirche hat sich abgenutzt, innerlich ausgehöhlt, zerfressen vom immerwährenden Kampf gegen die eigenen Lügen. Diese Ambivalenz zwischen Unfehlbarkeit nach aussen und permanentem Fehlverhalten im inneren Kern hat letztendlich dazu geführt, dass dieses zweischneidige Schwert nun auf beiden Seiten stumpf und farblos auf dem Petersplatz in Rom liegt, mit den eigenen Waffen geschlagen, durch die eigenen Waffen vernichtet.

Nichts ist verwerflicher für das moralische Empfinden des Menschen als die Lüge! Ich zitiere im folgenden aus Philosophie des verbotenen Wissens von Konrad Paul Liessmann, einem in höchstem Masse lesenswerten und sehr spannenden Buch, welches eine Philosophie entwickelt, welche nicht um das Wahre, Gute und Schöne kreist, sondern in dem sich der Autor, angeregt durch Notizen aus dem Nachlass von Friedrich Nietzsche, mit der Frage beschäftigt, was es bedeutet, etwas zu wissen, was ich eigentlich nicht wissen darf. Liessmann rückt dabei die Ästethik des Unschönen, die Theorie des Unwahren und vor allem die Ethik des Bösen in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen. Für all jene, welche glauben, schon alles über Nietzsche zu wissen bzw. Interessantes von Liessmann lesen wollen, sei deshalb dieses Buch ans philosophische Herz gelegt.

„Kein Anderes von Wahrheit vermag das moralische Empfinden so sehr zu mobilisieren wie die Lüge. Weder das Falsche noch die Fälschung, schon gar nicht der Irrtum oder das Ungenaue, auch nicht die Täuschung gehen so nah wie die Lüge. Man mag den Menschen manche Untaten verzeihen oder gar zubilligen, man mag theoretisch die Lüge verteidigen, man mag selbst nicht nur hin und wieder, sondern immer, wenn es einem geboten erscheint, lügen: Trotzdem erachten nicht nur Belogene die Lüge oft für ein schlimmeres Übel als die durch diese Lüge kaschierten Vergehen oder Verbrechen.“ (aus: Konrad Paul Liessmann, Philosophie des verbotenen Wissens, Friedrich Nietzsche und die schwarzen Seiten des Denkens, 2000 Paul Zsolnay Verlag Wien, genehmigte Lizenzausgabe für Nikol Verlagsgesellschaft mbH&Co.KG, Hamburg 2009, Seite 49).

Was bleibt mir zum Schluss noch zu sagen? Den Kreis wieder schliessen, die römisch-katholische Kirche auf ein und dieselbe Stufe zu erheben wie Friedrich Nietzsche. Doch wie soll dies bewerkstelligt werden? Wie soll ich Nietzsche mit der Kirche vergleichen, ohne mir den Zorn des Philosophen zuzuziehen? Nietzsche starb am 25. August 1900, mehr als ein Jahrzehnt litt er an Wahnvorstellungen, ein geistiger Zusammenbruch auf Raten sozusagen. Genie und Wahnsinn, eine oftmals strapazierte Umschreibung, auf Nietzsche mag sie sicherlich zutreffen. Nietzsche beklagte sich oft, vollkommen einsam und verlassen dazustehen, von innerer Leere geprägt. Ob dies nun auch auf die römisch-katholische Kirche zutrifft, darf der Leser selbstverständlich für sich entscheiden.

Nietzsche ist tot! Leider! Gott ist tot! Sei´s drum!          


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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