Chau Doc – Wasserspiele und Wasserhyazinthen 1


20.01.2010 Von Chau Doc nach Saigon

Der Regen, welcher die ganze Nacht unablässig monoton lieblos gegen die mit Klebeband abgedichteten Scheiben unseres Zimmers klopfte, hat sein Klagelied eingestellt. Mekong-Delta: Gegessen wird, was unter dem Tisch (daher)kommt!Vorläufig begnügt sich der Himmel damit, uns von oben herab sein frühmorgendliches missmutiges wolkenverhangenes Antlitz zu präsentieren. Das nasse Grau der Strassen vermischt sich mit dem lichten faltenreichen Grau des Himmels, mühsam zwängt sich der Tag an der eben zu Ende gegangenen Nacht vorbei, ohne wirklich die Herrschaft zu erlangen.Mekong-Delta: In voller Fahrt

Wieder sitzen wir auf kleinen Plastiksesseln, trotz der fehlenden Sonne, oder vielleicht gerade deswegen, sind die Temperaturen bereits zu dieser frühen Morgenstunde angenehm, hier in Chau Doc, an der Grenze des Vietnams zu Kambodscha. Wir geniessen die Stille, welche in den engen Gassen herrscht. Unsere abendliche Begegnung mit der Hausratte ist vergessen, bis, ja bis wir uns die auf dem Tisch liegende Speisekarte anschauen. Die Ratte gewinnt wieder an Form. Nur eine tote Ratte ist eine gut(schmeckende) Ratte, andere Länder, andere Sitten. Mich hätte es schon gereizt, so ein kleines Stückchen Rattenfleisch, doch die allerbeste Ehefrau der Welt hatte aus mir unerfindlichen Gründen etwas dagegen. Und so sprach sie zu mir: „Seinesgleichen isst man nicht!“ Nun gut, so begnüge ich mich mit einem Baguette, zumindest die Form lässt mich an das Objekt meiner Begierde denken.Mekong-Delta bei Chau Doc: Festgefahrene Situation

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Der Fluss ruft uns erneut und wieder folgen wir seinem gebieterischem Drängen. Wieder schultern wir unsere Habseligkeiten, spazieren durch das verschlafene Chau Doc, um uns am Wasser in ein überdachtes Sampan zu setzen, welches die dichte Oberfläche der Wasserhyazinthen mühsam teilt. Nasse rote Flaggen mit dem gelben Stern Vietnams hängen leblos an Masten am Ufer, andere flattern im Fahrtwind der Boote, deren misstrauische Augen die Wasseroberfläche beäugen. Schwärme kleiner Vögel schiessen tief über das Braun des Stromes, auf der Jagd nach kleinen Insekten vollführen sie waghalsige Manöver. Vor den Häusern, welche auf einem Gewirr hoher Holzpfähle in die schmierig seifig dreckig schmutzige UferMekong-Delta bei Chau Doc: Im Trüben fischenböschung gebaut sind, treiben in langsamer Fahrt schwimmende Hausboote. Auf blauen Fässern, welche ihnen den notwendigen Auftrieb verschaffen, werden sie von kleinen Kähnen durch das Wasser gezogen, erinnern an den ersten Ausflug einer Gänsemutter mit ihren Küken.Mekong-Delta bei Chau Doc: Muster

Ein Mann sitzt am Ufer, das Fischernetz gleitet durch seine Hände, um es auf Schäden zu untersuchen. Andere Männer tanzen auf ihren auf dem Fluss treibenden Holzschalen, ziehen die ausgeworfenen Netze, in denen sich zappelnde Fische verfangen haben, über die Reling. Ein kleiner Vietnamese steht neben seiner Mutter, sein rostrotes Haar fängt meinen Blick auf, unnatürlich wirkt er in einer Welt aus schwarzhaarigen Menschen. Männer waten im knietiefen Wasser, versuchen die im Schlamm festgefahrenen Boote wieder frei zu bekommen. Wir schauen interessiert zu, bis auch wir in einem kleinen Kanal auf Grund laufen. Der Motor heult immer wieder auf, wir hören das knirschende Geräusch der im Schlamm wühlenden Schraube. Unser Bootsführer springt kurzentschlossen in das tiefbraune Wasser, dirigiert uns alle nach vorne, um die Schraube zu entlasten. Sein sehniger ausgemergelter Körper bewegt das Boot Zentimeter für Zentimeter nach vorne, immer wieder rutscht er im schlammigen Grund aus. Nach unzähligen Versuchen hat er unseren Sampan aus dem Morast befreit. Mitreisende klatschen Beifall, ich schäme mich, schaue mir meine trockenen sauberen Stiefel an.

Mekong-Delta bei Chau Doc: Männer im StromWieder setzt der Regen ein. Stakkatoartig öffnen sich für ein paar Sekunden die Pforten des Himmels, um sich fast ebenso schnell Mekong-Delta bei Chau Doc: Über-Brückenwieder lautlos zu schliessen. Das nasse Braun des Wassers vereint sich mit dem schmatzenden Braun des Ufers. Über einen schmalen Holzsteg betreten wir eine kleine Insel. Mit Wasser vollgesogene Holzboote liegen links und rechts, in allen stehen grosse Pfützen. Kahle kleine Sträucher und abgestorbene Äste ragen aus dem Dreck, während das satte Grün des Schilfes einen unnatürlichen Kontrast zu den beherrschenden Brauntönen bildet. Eine schwarze Henne ist mit ihren drei schutzbefohlenden flaumigen Jungen unterwegs, unentwegt picken sie im nassen aufgeweichten Boden nach Würmern.

Ein schmaler unbefestigter Pfad führt uns entlang an bebauten kleinen Gemüsefeldern zu einer Ansiedlung der Cham, einer Minderheit in einem Land voller Minderheiten. Unter hohen Bäumen ducken sich die armseligen Hütten kraftlos in die Schatten der Blätterdächer. Eine Familie sitzt auf grob behauenen niederen Holzbänken vor ihrer Mekong-Delta bei Chau Doc: Gelandet, gestrandetHütte, lässt sich auch von den Fremden nicht beim gemeinsamen Frühstück stören. Eine junge Frau sitzt im Halbdunkel einer Hütte hinter ihrem Webstuhl. In langen bunten Reihen hängen fertige Tücher zum Verkauf, auf wackeligen Tischen liegen Armbänder aus Korallen, Halsketten aus Perlmutt. Fast beschämt bieten die Frauen ihre Waren den reichen Touristen an.Mekong-Delta bei Chau Doc: Holzkreuze

Wir stehen unschlüssig da, Fremde in einer fremden Welt. Fremde Armut gepaart mit fremdem Stolz. Für den Moment so nah, doch auf Dauer nicht greifbar, nicht fassbar, nicht wirklich. Wir gehen, sie bleiben. Mitleid? Nicht angebracht! Mit-leiden? Nicht möglich! Mitten im Leiden? Nur für einen kurzen Moment! Dann gehen wir wieder unserer Wege. Hinaus aus ihrer Welt voller Wasser, voller Schmutz, voller Dreck, hinein in unsere Welt voller Geld, voller Schmutz, voller Dreck. Nur dicke braune schmierige schmatzende Klumpen kleben an unseren Schuhen, abbröckelnd mit jedem Schritt, den wir uns entfernen, bis nichts mehr bleibt ausser der Erinnerung. Eine Frau sitzt in einem schmalen Boot, neben sich einen Berg nasser Wäsche, welchen sie in einer orangenen Plastikschüssel, tief über das Boot gebeugt, im Fluss gewaschen hat. Ein Mann kauert in einem anderen Holzboot, mit einem kleinen weissen Plastikeimer schöpft er unermüdlich das stehende Wasser vom Boden, die nackten Füsse bis zu den Knöcheln im Wasser, das nasse T-Shirt klebt an seinem Körper, zeichnet seine schmalen Konturen nach. Wir bewegen uns Mekong-Delta bei Chau Doc: Hindernissemit vorsichtigen Schritten, auf Zehenspitzen sorgsam darauf bedacht, den vielen Wasserlachen auszuweichen und den Saum unserer Hosen nicht dreMekong-Delta bei Chau Doc: Schlammschlachtckig zu machen. 

Der Mekong nimmt uns wieder in seine nassen Arme, trägt uns weiter zu einer Fischfarm. In einem Holzkäfig, welcher in die Planken des Hausbootes eingelassen ist, wuselt es von Pangasius, dem Modefisch der neuen neureichen alteingesessenen gesundheitsbewussten westlichen Zivilisation. Stolz füttert der vietnamesische Fischzüchter die Pangasius-Brut, das Wasser beginnt zu brodeln, schäumt über den Rand des Käfigs, weisse Spritzer wirbeln durch das Halbdunkel. Reiche Beute für den Züchter.

Nein, die Wirklichkeit sieht anders aus. Über den Artikel Pangasius – der traurige Volksfisch aus Vietnam bin ich auf den Bericht Tod eines Fischstäbchens von Barbara Hardinghaus gestossen. Wie so oft, wenn Arm Reich trifft, wenn Arm mit Reich Geschäfte macht, wenn Arm seine Hoffnungen in Reich setzt, wenn Arm am Reichtum von Reich partizipieren will, bleibt Arm auf der Strecke. Parallelen zu Chimbote – Fisch ist gesund siMekong-Delta bei Chau Doc: Platz ist in der kleinsten Hüttend unübersehbar. Doch wer glaubt, dieses Spiel sei zu verstehen, der irrt. Es gibt nichts zu verstehen, es ist ein Spiel zwischen Reich und Reich, Arm dient lediglich als Spielball.

Die Zeit ist gekommen. Langsam heisst es Abschied nehmen vom Mekong-Delta. Ein letztes Mal besteigen wir ein Boot, ein letztes Mal gleiten wir über die Wasseroberfläche des neunköpfigen Drachens, ein letztes Mal riechen wir die nasse Haut von Sông Mê Kông, ein letztes Mal trägt uns einer jener starken Arme von Sông Lớn (siehe auch Von Mekong-Delta bei Chau Doc: Gewebte Tücher in einem Dorf der ChamSaigon nach My Tho). Leise plätschert unser Sampan in langsamer Fahrt Richtung Chau Doc, die Geräusche des Wassers vermischen sich mit den Regentropfen. Die in Reih und Glied stehenden Palmen an der Uferpromenade des Städtchens werden grösser, Männer stehen rauchend am Geländer, schauen auf den Fluss, schauen auf ihren Fluss.
Rege BetriebsamMekong-Delta bei Chau Doc: Fischfarm auf dem Mekongkeit auf den Strassen, die ersten mobilen Garküchen warten auf hungrige Gäste, Frauen schützen ihre Einkäufe mit durchsichtigen Plastiksäcken und schwarzen Müllsäcken vor dem stärker einsetzenden Regen. Unter schwarzen Schirmen leuchten Seidenblumen, junge Menschen fahren achtlos mit dem unvermeidlichen Mundschutz daran vorbei. Die zart rosa orangenen Mauern eines nahegelegenen Tempels werfen ihre warme Farbe in den Vormittag, während wir uns auf den langen Weg zurück nach Saigon machen.

Stunde um Stunde frisst sich unser Bus nach Osten, weg vom Wasser, hin zum Lärm der vietnamesischen Metropole Ho Chi Minh Stadt. Wir werden zurückgespült, der Staub der Strassen weggewischt vom Dauerregen, dreckige Gischt hüllt uns ein, nimmt uns die Sicht auf die grüne Weite des Landes.

Neun Stunden später:

Die Lichter der Stadt lassen langsam die natürlichen Grüntöne der vergangenen Tage verblassen, schieben sich wie eine strahlende imaginäre Mauer zwischen uns und das Mekong-Delta. Das Dauerhupen der Mopeds und Roller überlagert die Geräusche der hunderte Kilometer entfernten Mekong-Delta bei Chau Doc: Fütterung der Pangasius-ZuchtfischeMotorboote, das Glitzern des nassen Asphalts saugt die letzten Reste der schilfbewachsenen Böschungen auf. Hohe Häuserfassaden rauben uns die Sicht auf die schlanken Stämme der Kokospalmen, Benzingeruch überlagert den modrigen abgestandenen schalen betörenden Geschmack der langsam fliessenden braunen schmutzigen verzweigten engen Kanäle abseits des Hauptstromes. Strassenschluchten drängen die sumpfigen Reisfelder zurück, Karaoke-Bars verwehren den Pfahlbauten den Einlass, schrill bunte Kinos mit westlichen Filmankündigungen brüllen die steinernen Löwen des Sam-Berges nieder.

Wir sind wieder zurück. Herzlich willkommen in Saigon. Und so will auch ich Sie nun alleine lassen, schwelgen Sie in Ihren Erinnerungen, lassen Sie das Erlebte Revue passieren, ordnen Sie Ihre Gedanken, drehen Sie noch einmal am unwiederbringlichen Rad der Zeit. Wie heisst es so schön im Songtext eines NamensChau Doc: Auf zu neuen alten Ufernvetters von mir:Wer hat an der Uhr gedreht?
Ist es wirklich schon so spät?
Soll das heißen, ja ihr Leut´,
mit dem Paul ist Schluss für heut´.

Paulchen, Paulchen mach´ doch weiter.Chau Doc: Seiden(Blumen)Strasse
Jag´ das Männchen auf die Leiter.
Säg´und pins´le bunt die Wände,

treibe Scherze ohne Ende.
Machst ja manchmal schlimme Sachen,

über die wir trotzdem lachen.
Denn du bist, wir kennen dich,
doch nur Farb- und Pinselstrich.

Wer hat an der Uhr gedreht?

Ist es wirklich schon so spät?Chau Doc: Rosarot und zart orange
Stimmt es, dass es sein muss:
ist für heute wirklich Schluss?
Heute ist nicht alle Tage,
ich komm wieder keine Frage!

Musik von: Henry Mancini (Pink Panther Theme), Doug Goodwin, Walter Greene, William Lava

Saigon: Die Lichter der Grossstadt

Und so schreibe ich schlussendlich zum wiederholten Male jene Worte, welche Sie nun schon ein ganzes Stück unseres gemeinsamen Weges durch Vietnam begleiten: Fortsetzung folgt!

Es grüsst Sie Paulchen der Zeitreisende und Paul, der erfolglos am Rad der Zeit Drehende.


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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