Can Tho, die schwimmende Märkte von Cai Rang, Krokodilstränen und der Berg Sam 3


19.01.2010 Schwimmende Märkte und undurchdringliches Grün

Die Nacht war, nun wie soll ich sagen, sie war gewöhnungsbedürftig. Nachdem wir mit einem kleinen Boot in Can Tho ankamen, der Bus musste mit der Fähre über den Hau, einen Nebenarm des Mekong, übersetzen, und das kann hier doch ein paar Stunden dauern, eroberten wir mit Sack und Pack unser Hotelzimmer. Zwischendurch wurden wir dann doch daran erinnert, dass wir uns in einem kommunistischen Land befinden. Wie viele von Ihnen wahrscheinlich schon mitbekommen haben, fotografiere ich einfach Schwimmender Markt von Cai Rang: An langen Holzstangen der Grosshändler-Boote ist weithin sichtbar, welche Güter auf dem Boot gekauft werden können. In diesem Fall Ananas.alles und jeden. Und da eine Bootsfahrt dementsprechend viele schöne Motive bietet, ließ ich naturgemäß den Auslöser glühen, bis der Finger zu rauchen begann. Ein besonders schönes Haus stach mir dabei sofort in meinem geschultem Auge, langsam pirschte ich mich also an die Begehrlichkeit heran. Doch während ich noch die Kamera in Position brachte, wurde es plötzlich unruhig im Boot. Unser Reiseführer begann laut schreiend auf mich einzureden, nicht unfreundlich, sondern hektisch. Das Motiv, welches sich so lasziv vor meiner Linse in der untergehenden Sonne präsentierte, war die örtliche Polizeikommandantur. Und die zu fotografieren, naja, Sie können sich ja selbst denken, welche Erklärung nun kam. Also blieb die Polizei dort, wo sie war, hatte ich halt vier Fotos weniger, aber schade war´s trotzdem, so ein schönes Gebäude, vor so einem herrlichen Sonnenuntergang. So fotografierte ich die Sonne eben ohne Polizeischutz. Aber zurück in unser Hotel.

Der geneigte Westeuropäer sollte sich nun nicht unbedingt unter einem Hotelzimmer das vorstellen, was sich der geneigte Westeuropäer eben so unter einem Hotelzimmer vorstellt. Aber wie lehrt uns, also mich jetzt weniger, schon die Bibel: Wer mit dem Feuer spielt, wird darin umkommen. Und wer sich mit Wasser duscht, wird auch irgendwann ohne Handtücher wieder trocken. Oder so ähnlich! Es war übrigens das erste Mal, dass ich vollkommen bekleidet in einem Hotelzimmer übernachtete. Wer weiss, wozu es gut war?

Ein kleiner Spaziergang durch Can Tho, die grösste Stadt im Mekong-Delta, war allerdings das einzigste, was wir unseren müden Beine an diesem Abend noch abverlangten. Für das Can Tho Museum und den Munirangsyaram-Tempel war es zu spät, die Ong-Pagode mit Quan Am, der Göttin der Barmherzigkeit und Than Tai, jenem sagenhaften Gott des Glücks, wurde heute von uns nicht benötigt, wir hatten ja unser Hotelzimmer, also beließen wir es bei einem Abendessen. Konterfeis und Statuen von Ho Chi Minh Schwimmender Markt von Cai Rang: Geschicktes (Ver)Handelnkannten wir bereits zur Genüge aus der gleichnamigen Stadt, so blieb dementsprechend auch seine Statue im Stadtpark von uns unberührt, ebenfalls fand auch das im alten Kolonialstil erbaute Hotel Victoria nicht unsere Beachtung, wozu auch, wir hatten schliesslich unser Hotelzimmer, aber ich glaube, das habe ich bereits erwähnt.

Der nächste Morgen begann wie so viele während unserer Vietnam-Reise. Früh aufstehen! Anders als in Saigon beginnt hier der Tag ohne Hektik, vereinzelt knattern Mopeds durch die engen Strassen, drei Frauen unterhalten sich angeregt auf der anderen Strassenseite. Verhandelt wird über Strohbesen. Während die beiden jüngeren Frauen stehend die angebotene Ware begutachten, sitzt die ältere Frau mit verkrüppelten Füssen auf einer roten Steinbank, den schlichten Gehstock aus Bambus neben sich gelehnt. Wir sitzen auf abgewetzten, schmutzig blauen Plastiksesseln an der Strasse, Plastiktischtücher mit 70er-Jahre Blumenmotiven bedecken die wackeligen Tischchen, auf denen wir frühstücken. Ein alter Mann will uns Sonnenbrillen verkaufen, Postkarten finden sich ebenso in seinem Sortiment. Ein verneinendes Lächeln genügt und er zieht weiter, auf der Suche nach bereitwilligeren Touristen.

Nach und nach findet sich unsere Gruppe von gestern wieder ein, manche noch verschlafen, andere wiederum von zuviel Saigon- oder Tiger-Beer noch leicht berauscht. Die Gruppe ist merklich kleiner geworden, viele haben nur eine kleine Mekong-Tour gemacht, sind gestern wieder mit einem der Open Tour Busse zurück nach Saigon. Wir Schwimmender Markt von Cai Rang: Handeln, kaufen, verkaufen. Am Wasser und auf dem Wasser des MekongVerbliebenen nehmen unsere Habseligkeiten, wandern gemächlich durch die langsam zum Leben erwachenden Gassen über die Hai Ba Trung zum Fluss. Der Himmel liegt wolkenverhangen über dem Mekong, tieffliegende Wolkenfetzen treiben über dem Wasser. Grau in grau liegt der beginnende Tag vor uns, während wir uns wieder auf das grosse Wasser begeben.

Unser Sampan bringt uns in flotter Fahrt nach Cai Rang, sechs Kilometer südlich von Can Tho gelegen. Vorbei geht es an kleinen Holzbooten, junge Männer sitzen wartend und rauchend darin, in der typischen Vietnamesen-Sitzposition beobachten sie uns gelangweilt. Frauen waschen ihre Wäsche im Mekong, eingetrocknete Essensreste werden mithilfe des Mekong von den Tellern gewaschen, ein älterer Mann steht bis zu den Hüften im Wasser, vornübergebeugt putzt er sich mit dem Wasser des Mekong die Zähne. Wäsche trocknet in langen Reihen im Schutz der Wellblechdächer der Hütten, eine Frau wartet mit einer hellblauen Plastik-Einkaufstasche auf zwei Männer, welche in langsamer Fahrt am Ufer anlegen. Hinter Palmen versteckt, welche ihre ausladenden Palmwedel wie riesige Insekten in den Himmel strecken, husten hohe schlanke Schornsteine ihren schwärzlichen Rauch aus ihren Lungen aus Backsteinziegeln.

Schwimmender Markt von Cai Rang: Natürliche RückendeckungFrauen und Männer sitzen in kleinen Gruppen auf kleinen Plastiksesseln unter blauen Baldachinen, unterhalten sich, während sie aus kleinen Schalen mit ihren Stäbchen die Fleischstückchen aus ihrer morgendliche Pho-Suppe fischen. Ein kleines Fischerboot steht quer zum Strom, zwei Männer stehen tief gebückt über dem Heck ihres Bootes und holen die Netze mit dem morgendlichen Fang ein. Ein anderes Boot gleitet links an unserem Sampan vorüber, der Motor heult unter Volllast, das Fischernetz am Ende des Bootes gleicht einem aufgeblähten engmaschigen Segel. Männer am Flussufer entladen ein Boot mit Holzstämmen, ein hellbrauner Hund steht mit erhobener Rute daneben.   

Cai Rang, eine unbedeutende Ortschaft im Mekong-Delta, aber der Nabelpunkt des Handels und des Handelns auf dem Mekong. Auf dem schwimmenden Markt von Cai Rang trifft sich zu früher Morgenstunde die gesamte Bevölkerung des MekSchwimmender Markt von Cai Rang: Wir sitzen (nicht) alle im selben Boot!ong-Deltas, so möchte man zumindest glauben. Unser Sampan steuert mitten in dieses Treiben hinein. Auf grossen Booten stecken lange biegsame Stangen, auf denen jene Güter befestigt sind, welche hier verkauft werden. Überall steuern Vietnamesen ihre kleinen Holzboote geschickt zwischen den Grosshändlern umher, Frauen, Kinder, Männer. An alten Autoreifen, welche zum Schutz gegen Kollisionen von den Booten hängen, ziehen sie sich an die schwimmenden Verkäufer heran, Waren werden beladen, entladen, umgeladen, aufgeladen. Kokosnüsse werden von oben nach unten geworfen, Salatköpfe fachmännisch begutachtet, Ananas-Berge warten auf Käufer, riesige Kürbisse liegen über- und nebeneinander gestapelt, dicht an dicht reihen sich Melonen neben Bananen, Zwiebeln und Kartoffeln. Körbe sind mit Zeitungspapier bedeckt, verbergen ihre landwirtschaftlichen Schätze, während aus roten Plastikkisten Mango und Papaya im Überfluss quellen.

Schwer beladen steuern die kleine Boote den Rückweg an, die Wasserlinie nur wenige Zentimeter unterhalb der Bootsumrandung. Bergeweise werden die gekauften Güter in Richtung Land transportiert, um sie dort den Endverbrauchern weiterzuverkaufen oder am heimischen Herd zu verbrauchen. Während die Männer mit ihren langen Rudern steuern, tänzeln die Frauen akrobatisch über Netze von Zwiebeln, verschwommen zeichnen sich die Konturen von Früchten unter den grossen Plastiksesseln ab. Jackfrüchte liegen mit ihrer ganzen beschwerlichen Last in der Mitte eines Bootes, drücken es bis an den Rand ins Wasser. Eine Frau sitzt abseits des Treibens, weisser Wasserdampf steigt aus einem Aluminiumtopf aus ihrem Boot, während sie, über das Wasser gebeugt, Kartoffeln schält, langsam fallen die Schalen auf die im Wasser treibenden Wasserhyazinthen.

Männer stehen oben neben ihren kleinen Kajüten, Drachenfrüchte wechseln im Flug ihren Besitzer, Frauen stehen daneben, Mekong-Delta bei Can Tho: Farbloses Spiegel-BildGeldscheine gehen von einer Hand in die andere, mit flinken Fingern wird gezählt und weitergegeben, was so leicht und doch so schwer wiegt. Gemüseabfälle schwimmen auf der braunen Wasseroberfläche, ein paar Mandarinen werden vom Bug eines Bootes achtlos nach unten gedrückt, um gleich darauf wieder hinter dem Boot auf dem Wasserspiegel zu erscheinen. Ein Vietnamese steht hocherhoben in seinem Boot, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, schaut er sich nach eventuellen Geschäftspartnern um. Vor ihm liegen Massen von Breiäpfeln, gelbe Bananen und gelb-grün gefleckte Melonen ziehen sich wie eine Mauer um die kleinen Früchte.

Wo, wenn nicht hier beim schwimmenden Markt von Cai Rang, kommt dem Begriff Wasserwelt seine wirkliche Bedeutung zu? Wo, wenn nicht hier auf all diesen Booten, inmitten von Bergen aus Obst, Früchten, Gemüse, Fisch und Pflanzen, lässt sich erahnen, was dem Begriff Wasserstrasse am nächsten kommt? Wo, wenn nicht hier zwischen all diesen Menschen des Mekong-Deltas, sieht der Aussenstehende die Bedeutung des Stromes für das Land Vietnam?

Mekong-Delta bei Can Tho: BrückenschlagWir nehmen Abschied, unser Boot gleitet weiter. Ein letzter Blick, ein endgültiges Umschauen, bevor wir auf dem Fluss durch kleine verschlungene Kanäle fahren. Unter garMekong-Delta bei Can Tho: Kontrast-Reich-Tümer abenteuerlichen Brückenkonstruktionen hindurch verlassen wir den Hauptarm, die armseligen Hütten zu beiden Seiten rücken wieder näher an uns heran. Unter den auf Pfählen stehenden Behausungen kriecht der Mekong hindurch, bis in die entlegensten Winkel streckt er seine wässrigen Finger. Zwei Frauen sitzen am Wasser, rupfen und waschen eine kopflose weisse Henne im trüben Wasser, ein feiner Blutfaden verliert sich lautlos kräuselnd im Wasser.

Hütten und Häuser werden weniger, die üppige Vegetation drängt sich nun wieder mit all ihrer Macht in den Vordergrund. Dichtes Grün an den Flussufern, jede Pflanze, jeder Strauch, jeder Baum ringt verzweifelt um das Vorrecht, sich den besten Platz an der Sonne zu ergattern. Ein weisser Holzzaun leuchtet einsam und verlassen hinter all diesen Grüntönen, ein verlassener Holznachen, vollbepackt mit schweren Reissäcken, schaukelt führerlos am Ufer. Kleine Holzstege führen vom Wasser direkt ins Nirgendwo, links und rechts vom dichten Pflanzenteppich fast bis zur Unkenntlichkeit überwuchert. Eine Bougainvillea leuchtet in kräftigen Farben, ihre lila Farbtupfer heben sich Mekong-Delta bei Can Tho: Schwimmende Reis-Kammerwohltuend gegen den dichten grünen Hintergrund ab. Überall ragen die gefiederten federgleichen Blätter der Nipa fruticans, der stammlosen Nipa-Palmen, aus dem braunen Wasser, wie die Hände Ertrinkender flehen sie um Hilfe, stumm stehen ihre Rufe über dem Wasser, werden übertönt von den Schreien der im hohen Schilf versteckten Wasservögel.

Fein gewobene Fischernetze spannen sich am Ufer entlang, trennen das feste Grün-braun vom flüssigen Braun-grün. Der beschlagene Spiegel der Wasseroberfläche reflektiert die satte Vegetation, schwächt die Farben ab, die Dreidimensionalität der Pflanzen löst sich auf im zweidimensionalen nassen Wellenbett. Doch selbst dieser Nebenarm des Nebenarms hat wiederum viele kleine Adern, welche sich links und rechts nach ein paar Metern in unergründlichen Tiefen verlieren.

Mekong-Delta: Reispapier-Herstellung mit Hilfe der Kombination Mensch-MaschineWir haben unser nächstes Ziel erreicht. Auf verschlungenen engen Pfaden geht es ein kurzes Stück an Bananenpalmen vorbei zu einer Reispapier-Fabrik. In langen Reihen Mekong-Delta: Die typische Musterung bekommt das Reispapier durch seine Trocknung auf Bambusmatten.liegt hauchdünnes rundes Reispapier auf Bambusmatten zum Trocknen an der Luft. In einer verrauchten nach allen Seiten offenen Halle stehen Menschen an verschiedensten Apparaten und Maschinen, verbunden durch ein Gewirr aus Schläuchen und Rohren wird Reis mit Hilfe von Wasser zu einem dünnen Brei gemischt. Zwei Frauen rollen diesen zu der typisch runden Form auf, ähnlich wie wir dies von den französischen Crepes kennen. In Sekundenschnelle entsteht unter Hitze Reispapier, welches auf den bereits erwähnten Bambusmatten dann getrocknet wird, durch die das Reispapier auch die Musterung erhält. Banh trang, Reispapier, ist in der Küche Vietnams unerlässlich. Fast jedes Essen lässt sich in Reispapier einwickeln, gegessen wird quasi das Essen mit der Verpackung, vielleicht ein kleiner Tipp für unsere Fastfood-Gesellschaft. Soll noch einer sagen, wir wären fortschrittlich.

Zufrieden grunzende Schweine liegen im nahegelegenen Stall, eine alte Frau verkauft zuckersüsse Backwaren. Das Geklapper eines in die Jahre gekommenen Tischfussball-Mekong-Delta: Früh übt sich! Noch früher geht´s allerdings kaum noch!Gerätes, in Österreich sagen wir Wuzler, unterbricht die Stille, nur unterbrochen vom Torjubel der Spielenden. Ein klitzekleines Mädchen sitzt verzückt auf einem Motorroller, pechschwarz schauen kindliche Augen unter einer tiefschwarzen Mähne über den Lenker des verrosteten Zweirades. Früh übt sich im Lande der Mopeds.

Wir müssen weiter, die Zeit drängt uns gnadenlos voran, zwingt uns erbarmungslos in weitere Wasserstrassen. Ein Kanal gleicht dem anderen, die Vegetation herrscht über die Zivilisation, nur unterbrochen von einzelnen notdürftig zusammengehaltenen Häusern, welche sich gegen das Grün der Natur behaupten. Vereinzelt hocken Frauen am Wasser, waschen Wäsche, putzen Gemüse, reinigen Geschirr. Der hohe schlanke, fast weisse Stamm einer Kokospalme thront mit seinem Blätterdach über dem niedrigen Mekong-Delta: Schweine im Weltall? Aber nein!dichten grünen Dschungel, neugierig beugt er sich fast narzissenhaft über das Wasser, um kokett sein Ebenbild zu betrachten.Abgestorbene Äste ragen aus dem langsam fliessenden Wasser, hilfesuchend haben sie sich an unsichtbaren Vorsprüngen im Untergrund festgekrallt, leblos und kraftlos vom vergeblichen Kampf gegen die Naturgewalten. Ein dickes Geflecht aus dunklen Luftwurzeln breitet sich am Ufer aus . Langsam färbt der einsetzende Regen das Dunkel des Holzes noch dunkler. Nass prallt auf Nass, Regentropfen bilden kleine runde Trichter auf dem Wasser, breiten sich langsam in Konkaven aus, um sich mit den Nachbarkreisen zu vereinen. Leise beginnt das Blätterdach zu rauschen, Nadelstichen gleich trommeln die Tropfen auf die staubgrauen Blätter. Kleine Rinnsale bilden sich, langsam verbinden sich die einzelnen Tropfen zu Miniaturbächen auf dem grauen Grün, ziehen eine nasse Spur über die Blattadern, um dann an der Blattspitze zu einem grossen schimmernden Tropfen anzuwachsen. Immer mehr Staub wird abgewaschen und gibt das satte Grün der Pflanzen frei. Nass glänzend liegt die Natur da, umgeben vom nassen Glanz des trägen Flusses.

Doch ebenso schnell schliessen sich wieder die Schleusen des Himmels. Wir wandeln ein weiteres Mal durch einen kleinen Garten Eden und der Himmel beschliesst, seine Tränen noch zurückzuhalten. Üppig, geradezu verschwenderisch empfängt uns die Natur, breitet ihre grünen Arme aus, um uns in Empfang zu nehmen. Orangen wachsen neben Bananen, schwere Jackfrüchte biegen die Äste bis zur Grenze ihrer Belastbarkeit, ohne diese zu brechen. Papayas verströmen ihr süsslichen Aroma, mischen sich mit dem Duft des bunten Blumenmeeres, welches uns, sanft wogend im Hintergrund der Obstplantagen, seine Farbenpracht entgegenschleudert. Eine Affenschaukel, ein abenteuerliches Geflecht aus Bambusstäben, lädt den zivilisationsgeschädigten Besucher ein, sich als Hobby-Abenteurer und Kurzzeit-Eroberer zu fühlen. Auf einem kleinen See schwirren Libellen in waghalsigen Manövern über das Wasser, ihre gläsernen Flügel viel zu schnell für das Auge des Beobachters. Ein dichter Vorhang aus Flechten gibt nur widerstrebend den Blick frei, wer sehen will, muss erst lernen, zu sehen.

So verabschiedet sich der Vormittag unmerklich von uns. Und mit ihm verabschieden sich weitere Reisende. Wieder wird die Gruppe kleiner. Während viele nun endgültig die Rückreise Richtung Saigon antreten, steigen wir in einen kleinen Bus. Weiter durch´s Land, weiter Richtung kambodschanische Grenze. Wir wollen heute noch nach Chau Doc, die Grenzstadt zwischen Vietnam und Kambodscha.

Die Landschaft behält unverändert ihr Gesicht. Der Strasse entlang endlos kleine Hütten, niedrige Häuser, kleine dunkle Behausungen, nur ab und zu vereinen sie sich zu einer kleinen Ansammlung, einer Dorfgemeinschaft. Vor den Häusern sitzen Menschen, spielen Kinder, doch immer geben sie den Blick in das Innere preis, alles ist offen, es scheint, als

Krokodilfarm bei Long Xuyen: Krokodilstränen

hätte hier keiner Geheimnisse, vor nichts und vor niemandem. Abseits der befestigten Wege hat sich das Wassser seinen Weg in die Landschaft gegraben, mit Hilfe der Menschen entstanden kleine Kanäle, schmale Wasseradern durchziehen das Land, bewässern die grünen Reisfelder. Der Regen setzt nun wieder ein, setzt sich fest, bindet den Staub der Strassen zu einer roten breiigen Masse.  Chau Doc Berg Sam: Gut gebrüllt, Löwe!

Auf halbem Weg, bei Long Xuyen, stoppen wir bei einer Krokodilfarm. Bereits im Eingangsbereich wird offensichtlich, welchen Zweck diese herrlichen Urzeitriesen, diese Relikte einer Vergangenheit haben, einer Zeit, als der Mensch noch nicht an das Herrschen dachte. Macht Euch die Erde untertan! Auch hier schonungslos vollzogen, in Form von Handtaschen, Gürteln, Schuhen aus Krokodilleder. Freigehege mit Dutzenden von Krokodilen, einzig und allein zum Zwecke gehalten, den konsumgeschädigten Homo sapiens grausam zu befriedigen. Ich habe Krokodile in freier Wildbahn in Afrika beobachten dürfen, habe deren faszinierende Körper unter der Äquator-Sonne im feinen Sand der sogenannten Freiheit liegen sehen. Hier liegen sie in Betonbassins, umgeben von Betonmauern, auf hartem Betonboden. Der Himmel schüttet seine Tränen aus, ich weine heimlich mit ihm.

Weiter, weiter, immer weiter. In nordwestlicher Richtung geht es nun geradeaus, noch einmal beinahe zwei Stunden Fahrt liegen vor uns, bis wir den Berg Sam bei Chau Doc erreichen. Der Regen hat jetzt das Land in Beschlag genommen, tief fliegen die Wolkenfetzen über die Reisfelder, schütten Chau Doc Berg Sam: In der Ruhe liegt die Kraftaus, was hier so herbeigesehnt wird. Eigentlich wollten wir bis zur Spitze des Sam-Berges hinaufsteigen, aber die Strassenverhältnisse lassen dies einfach nicht zu. Eingehüllt in dichte Nebelschwaden liegt der Berg Sam, Tempelberg oder auch Krabbenberg genannt, mit seinen nicht einmal 300 Metern Höhe vor uns. Die weite Ebene des Mekong-Deltas mit seinen unendlich grünen Weiten lässt ihn höher erscheinen. Was für den Menschen gilt, gilt ebenfalls für die Natur: Mehr Schein als Sein!Wir steigen eine steile Treppe hoch, nicht enden wollend, Schritt für Schritt nähern wir uns verspielten Türmchen, Baldachinen mit Drachenmotiven, bunten Erkern, dem Tempelkomplex. Die Anlage wird von zwei grossen Löwen bewacht, aus weit aufgerissenen steinernen Mäulern gebieten sie Respekt vor dem heiligen Ort. Ein Mönch in ockergelbem Gewand steht neben zwei riesigen roten Chau Doc Berg Sam: Göttlicher BeistandSchalen, mit bedächtigen Bewegungen zupft er Unkraut aus der nassen Erde.

Chau Doc Berg Sam: Wer nach oben will, braucht Geduld!Wir betreten das Innere des Tempels, barfuss steigen wir die letzten Stiegen hinauf. Ein goldener Buddha lächelt uns glückselig an, heisst uns freundlich „Willkommen“. Göttinnen und Götter stehen still, mit der zum Gruss erhobenen linken Hand, in kostbare bunte Gewänder gehüllt, ruhen sie in kleinen Höhlen, Anbetung erwartend, um Aufmerksamkeit heischend. Phantastische Drachen und an diabolische Seeschlangen erinnernde Fabelwesen mit leuchtenden hellgelben Augen schleudern uns giftige Blitze zu, bewachen den Zugang zu den Göttern. So müssen sich die alten Griechen den Hades der griechischen Antike vorgestellt haben, natürlich ersetzt durch den dreiköpfigen Höllenhund Zerberus.

Chau Doc Berg Sam: Blick nach KambodschaEine weitläufige Terrasse bietet einen atemberaubenden Blick aus der Vogelperspektive auf die Weite des Landes. Chau Doc Berg Sam: Vietnamesischer ZerberusDer Blick führt über Vietnam hinaus, im Hintergrund leuchten in den schönsten Grüntönen die Ebenen Kambodschas. Die Gedanken schweifen ab, der Blick verschwimmt, verschwimmt mit den im Nebel liegenden Hügelketten, gedankenverloren schaue ich durch das Land hindurch, wieder wird die Zeit zur grenzenlosen Dimension, die Sekunden stossen an die sanften Erhebungen des Nachbarlandes, werden sanft zurückgeworfen, um sich wieder auf der Terrasse zu sammeln. Baumgruppen in der Ebene deuten den Verlauf des Wassers an, wie kleine Oasen stehen sie über den hängenden Köpfen der im Wasser stehenden Reispflanzen. Wasserlachen stehen auf den Feldern, kleine Wassergräben schneiden sich unregelmässig durch den grünen Boden.

Wir wandeln durch die Tempelanlage, ein friedlicher Steingarten mit Bonsaibäumen reflektiert die Stille und Andacht der heiligen Stätte. Oleander wächst in blauen Keramikschalen, leise plätschern Wasserspiele vor sich hin. Porzellan-Elefanten stehen mit erhobenem Rüssel in schmalen Nischen, daneben Drachen mit weit aufgerissenen Augen. In einem kleinen Teich schwimmen bunte Koi-Karpfen, der Chau Doc Berg Sam: AtemberaubendWasserspiegel gibt kräuselnd die Bewegungen ihrer Flossen wieder. Die hexagonalen Flächen der über dem Wasser stehenden Steinmauer spiegeln sich, bis tief zum Grund des Teiches laufen sie senkrecht an der Mauer entlang nach unten, bis sie sich dem Blick des Betrachters entziehen, um auf den Grund des Teiches zu tauchen. Ein junger Mönch geht eine Treppe hinunter, sein kindliches Gesicht lächelt still unter seinem kahlgeschorenen Haupt.Wir ziehen unsere auf der Haupttreppe zurückgelassenen Schuhe an, gleichzeitig streifen wir die Ruhe von uns ab. Schuhe bedeuten Wanderschaft, Schuhe symbolisieren Chau Doc Berg Sam: Grosser kleiner MönchUn-Ruhe, Schuhe stehen für Fort-Schritt. Und so kehren wir dem Tempel den Rücken, steigen wieder hinunter, lassen die Mönche zurück mit all ihren Göttern, Fabelwesen und glühenden Augen in tiefen dunklen Höhlen.Ein Mann kommt uns entgegen, langsamen Schrittes steigt er die Treppe nach oben, bittet auf gleicher Höhe mit uns um eine Zigarette, drei Stück nimmt er natürlich noch freudiger entgegen. Eine Kokosnussmilch am Fusse des Berges Sam, trinken bis zur Neige. Auf meine Bitte zerteilt sie eine junge Frau mit einem einzigen Hieb, gibt das weisse junge Fleisch frei, welches wir mit Chau Doc Berg Sam: Steingarten mit Bonsaibäumeneinem Gemeinschaftslöffel, welcher von Hand zu Hand wandert, von der Innenfläche der grünen Außenschale schaben.

Die Zeit wird nun wieder elementar, ein Blick auf die Uhr zeigt beinahe 18:00 Uhr. Wir kommen in Chau Doc bereits bei Dunkelheit an. Der Rucksack wiegt schwer, die Füsse ebenso. Und doch machen wir noch einen kleinen Spaziergang über den nahe gelegenen Markt des Ortes. Doch anders wie in Saigon und auf den Märkten herrscht hier nach Sonnenuntergang Ruhe. Die meisten Marktstände und kleinen Geschäfte sind bereits zu, nur noch vereinzelt hoffen einige auf zahlende Kundschaft. Also lassen wir uns auf kleinen Plastiksesseln an der Strasse nieder, essen unter den neugierigen Blicken eines Cyclo-Fahrers, zu welchem sich noch zwei weitere Kollegen gesellen und treten bald den Rückzug in unser Chau Doc Berg Sam: Keramiken, Abbilder der Natur und unserer PhantasieHotelzimmer an.

Durch einen Hinterhof gelangen wir in die Küche unserer Gastgeber, eine prachtvolles Exemplar mit dem lateinischen Namen Rattus rattus, bei uns auch bekannt als Hausratte, kreuzt unseren Weg, verschwindet hinter einem kleinen Kasten voller Geschirr, wünscht uns noch schnell im Vorbeihuschen eine gute Nacht. Meine Frau denkt sich ihren Teil, während ich mir denke: „Hm, Essen kommt hier aber frisch auf den Tisch!“ Dieser Satz sollte sich noch bewahrheiten, aber dazu in meinem nächsten Bericht mehr. Bis dahin wünscht Ihnen Paul, der Rattenfänger ebenfalls eine gute Nacht und schliesst mit den schon bekannten Worten: Fortsetzung folgt! 


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.


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3 Gedanken zu “Can Tho, die schwimmende Märkte von Cai Rang, Krokodilstränen und der Berg Sam