Bio Natur - Der Weblog

28.3.2010

Saigon - der erste Abschied

Abgelegt unter: Reisen — Paul Boegle @ 01:14

21.01.2010 Der Kreis schliesst sich

Durch die geschlossenen Fenster, noch leicht schläfrig, hören wir die gewohnten Geräusche Saigons. Wohlig räkeln wir uns unter blütenweissen Laken, während die Klimaanlage fröhlich vor sich hin summt. Unsere Stimmung gleicht sich derjenigen der Klimaanlage an, allerdings nur bis zu dem Zeitpunkt, bis aus meinem Summen ein fröhliches Liedchen wird. Hier zeigt sich wieder einmal, wer Chef(in) im ehelichen Ring ist. Ein kleiner Tipp am Rande: Ich bin es nicht. 

Ein Blick auf die Uhr und wir stellen mit Erschrecken fest: Wir haben den halben Tag verschlafen! Es ist bereits nach acht Uhr. Ein zweiter Blick aus dem Fenster. Strahlend blauer Himmel, wie von Zauberhand sind die Regenwolken des letzten Tages weggewischt. Trockene Strassen, nur noch vereinzelt zeugen kleine dunkle nasse Flecken im Schatten der Häuser vom Regen des gestrigen Tages. Doch auch diese werden innerhalb kürzester Zeit von den Gummiprofilen der Mopedreifen praktisch im Vorbeifahren mitgenommen.

Unser letzter Tag in Saigon bricht an, vorerst zumindest, denn wir kommen wieder. Kein Versprechen, sondern eine Feststellung. Der Kreis schliesst sich unmerklich. Was als Albtraum unter dem oft strapazierten Titel “Good morning, Vietnam” begann, entpuppt sich nun, nach einer Woche Vietnam als betörendes aufregendes beeindruckendes unbeschreibliches atemraubendes Abenteuer. Und heute heisst es dementsprechend Luft holen, zu Atem kommen, zur Ruhe kommen, slow down.

Gemütlich frühstücken, die unvermeidliche Pho genüsslich schlürfen, ein Baguette essen. Geistig verabschieden wir uns schon von der quirligen Metropole, nun steht uns der Sinn nach ruhigeren vietnamesischen Gefilden, zumindest wäre dies unser Wunsch für die nächsten Tage. Relaxen, entspannen, ein gutes Buch lesen, und natürlich in der Sonne liegen, baden und einfach nur faulenzen. Doch bis es soweit ist, wollen wir uns noch einmal in den Strassen und Gassen von Ho Chi Minh City treiben lassen. Der Weg ist das Ziel, und für den heutigen Tag ist unser Ziel bis dato noch vollkommen unbekannt.

Wir spazieren die Cao Thang entlang, anfangs gewählte Orientierungspunkte werden jetzt nur noch flüchtig wahrgenommen. Die Tankstelle steht immer noch da, wo sie schon vor einer Woche stand, die grosse Strassenkreuzung, welche vor einer Woche so aussah wie jede andere, ist gar nicht so gross. In der Bäckerei herrscht wie immer Hochbetrieb, am Abend werden wir sicherlich vorbeischauen und uns eine Kleinigkeit holen. Die schon vertraute alte Frau sitzt wieder mit ihren Hemden an der Strasse, Vietnamesen sind gar nicht so gleich, wie es für uns Europäer immer scheint.

Es ist ziemlich ruhig auf den Strassen Saigons, jetzt nach einer Woche. Ein Moped zischt haarscharf an uns vorbei, als wir auf die andere Strassenseite wechseln, wen stört´s, jetzt nach einer Woche in Saigon. Andere folgen hupend im Schlepptau, jaja, ist schon gut, jetzt nach einer Woche in Saigon. Galant schlängeln wir uns durch die motorisierte Armada, jetzt nach einer Woche Saigon.

Am Van Hoa Park entlang schlendern wir die breite Nguyen Thi Minh Khai nach Norden, lassen den ersten und zweiten Teil des Parkes rechter Hand liegen, um uns dann Richtung Stadt zu wenden. Der Wiedervereinigunspalast liegt versteckt hinter hohen Bäumen, ältere Menschen sind mit Gymnastikübungen beschäftigt, junge Burschen spielen gekonnt Federfussball oder Badminton.

Ein kleiner ruhiger Park in der Nähe des Ho Chi Minh City-Museums an der Ly Tu Trong lädt zum Verweilen ein. Wir trinken einen cà phê đá (Eiskaffee), schauen einer Mutter mit ihren beiden Kleinkindern zu, wie sie diese im öffentlichen Brunnen wäscht. Ein Mann geht ruhig seiner Wege, über der rechten Schulter an einer langen hölzernen Stange eisgekühlte Kokosnüsse bsamt der dazugehörigen Milch balancierend. Ein anderer liegt unter einem schattenspendenden mächtigen Baum, die ausladenden Luftwurzeln schützen ihn vor allzu neugierigen Blicken, während er seine Zeitung liest. Gelbe und rote Farbtupfer der Blüten bilden einen neckischen Kontrast zum hellen Grün der kunstvoll mit der Heckenschere bearbeiteten Bäumchen, welche in mit Drachenmotiven verzierten Keramikschalen überall am Wegesrand stehen. Spatzen sitzen auf niedrigen roten Mauereinfassungen davor, schimpfen auf alles und mit jedem, der es wagt, nur in ihre Nähe zu kommen.

Saigon: Ho Chi Minh City-Museum Saigon: Mobile Tankstelle für durstige Vietnam-Touristen Saigon: Wer mit Kanonen auf Spatzen schiesst, erntet natürlich Schimpf-Kanonaden Saigon: Lese-Genuss

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Auf der anderen Seite des Parks, hinter dichten Kabelsträngen, welche in einem wirren Geflecht über der Strasse hängen, sind Teile der grauen Fassade des Museums zu erkennen. Die frühere Residenz des einstigen französischen Generalgouverneurs von Saigon könnte ebenso gut in Paris stehen, imposant und pompös wirkt die dem Mittelteil vorgelagerte Kolonnade mit den reich verzierten Säulen, welche von ionischen Kapitellen gekrönt sind. Doch heute steht uns nicht der Sinn nach Kultur, wir wollen einfach nur dem Treiben der Stadt zuschauen. Mein Versuch, ein fröhliches Liedchen anzustimmen, scheitert an den schon bekannten Machtverhältnissen.

Nur wenige Meter entfernt lädt uns, besser gesagt die allerbeste Ehefrau der Welt, der Ben Thanh Markt zum Bummeln, Schauen und, seltsamerweise, auch Kaufen ein. Ich bin leider nicht eingeladen, also bleibe ich draussen, geniesse das bunte Treiben vor der Markthalle, fröne meinem voyeuristischen Hobby und fotografiere so lange, bis der Auslöser meiner Kamera heisser als die vietnamesische Mittagssonne ist. Immer wieder blinzelt die allerbeste Ehefrau der Welt verstohlen ums Eck, sieht wohlwollend, dass der Voyeur in mir immer noch die Oberhand hat und begibt sich vergnügt wieder ins finstere Reich des Bummelns, Schauens und, seltsamerweise, auch Kaufens zurück. So frönen wir dahin, getrennt und doch in trauter Zweisamkeit. “Ich liebe meine allerbeste Ehefrau der Welt!” So, dies musste auch einmal gesagt sein, mir war gerade danach. Doch irgendwann hat selbst das schönste Frönen ein Ende. Was nun? Was tun?

Als Teilzeit-Vietnamesen wussten wir, wer Zeit hat, teilt diese, und am besten mit einem cà phê đá. Und da unser letzter Eiskaffee nun doch schon eine Weile zurück lag und das dekante Rex Hotel nur ein paar Schritte vor uns lag, was lag da näher als das bereits Zurückliegende mit dem vor uns Liegenden zu verbinden. Sie verstehen, was ich meine? Die Dachterasse des altehrwürdigen Tempels irdischer Freuden weckte neue Begehrlichkeiten in uns. Wer meinen Artikel Erschöpfungszustände noch in Erinnerung hat, wird mitleidsvoll an mein Zwicken und Zwacken zurückdenken. Andererseits geben mir natürlich meine Erschöpfungen wiederum neue Kraft, ich bin quasi ein Perpetuum mobile der Erschöpfung. Je erschöpfter ich bin, desto schöpferischer schöpfe ich neue Kräfte aus meiner Erschöpfung, unglaublich unbegrenzt und unheimlich unerreicht. Und glauben Sie mir eines: In punkto Erschöpfung bin ich der allerbeste Ehemann der Welt, fragen Sie allerbeste Ehefrau der Welt.

So sitzen wir also wieder hier, ein weiterer Kreis schliesst seine Pforten, fast eine Woche, nachdem wir zum ersten Mal die herrliche Aussicht von der sonnigen Dachterrasse über einen kleinen Teil Saigons genossen haben. Wieder steht Eiskaffee und Kokosnussmilch vor uns, die Gedanken schweifen ab, rekapitulieren, was war, spekulieren, was sein wird, artikulieren, was gerade ist. Ein kleines Liedchen will meinen Lippen entfleuchten, bleibt nach einem einzigen Blick des scheinbar hierarchisch doch weit über mir stehenden Eheweibchens dort stecken, wo es gerade herkommen wollte, nämlich in meinem Hals.

Saigon: Blick von der Dachterrasse des altehrwürdigen Hotel Rex Saigon: Eitel Sonnenschein auf der Dachterrasse des Rex-Hotels

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Die unverwechselbare Krone des Rex-Hotels leuchtet weithin sichtbar, von der Mittagssonne beschienen steht sie altehrwürdig und erhaben über den von Lärm erfüllten Strassen der Stadt. Davor, auf einer kleinen Bühne, steht ein grauer Elefant aus Plastik, artig hebt er die beiden vorderen Füsse, ja auch in Saigon ist das ganze Leben ein Zirkus. Überall weht die Fahne Vietnams, gelber Stern auf rotem Grund grüsst den lichtblauen Himmel über der Stadt. Kleine Volieren schaukeln träge über unseren Köpfen, wiegen sich im leisen Takt des plätschernden Brunnens in der Terrassenmitte. Minute für Minute tickt sich die Zeit aus unserem vorläufig letzten Tag auf dem Festland. Schon steht die Sonne wieder auf der westlichen Seite, hat bereits die Hälfte ihres nachmittäglichen Tagespensums zurückgelegt. Auch uns zieht es weiter.

Gemächlich schlendern wir die vielbefahrene Le Loi in Richtung Ben Thanh Markt nach Süden, auf der anderen Strassenseite locken die Händler mit unzähligen Elektroartikeln. Hier sei allerdings angemerkt: Wer darauf spekuliert, bezüglich Fotoapparaten oder anderen elektronischen Artikeln ein Schnäppchen machen zu können, vergessen Sie dies! Die Preise für diese Luxusgüter haben westliches Niveau, selbst Speicherkarten sind in Saigon nicht billiger. So lassen wir uns weiter nach Süden treiben, passieren den farbenprächtigen Mariamman-Hindu-Tempel an der Strassenkreuzung Truong Dinh und Le Thanh Ton. Am grossen Kreisverkehr, uns kann er natürlich nicht mehr erschüttern, eine Woche härtet ab, gehen wir weiter in südlicher Richtung in die Nguyen Trai.

Saigon: Der Ben Thanh Markt, Konsumtempel und Garten Eden auf wenigen Quadratmetern Saigon: Buntes Treiben in einer bunten Stadt

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Eine Strasse wie viele. Auf der Strasse Stossstange an Stossstange Taxis und Lenker an Lenker Zweiräder, neben der Strasse zu beiden Seiten dicht gedrängt Handtaschen, Kleidung und Schuhe. Oder vielleicht war die Reihenfolge auch Kleidung, Schuhe und Handtaschen. Möglicherweise liege ich aber auch richtig, wenn ich sage, dass erst Schuhe, dann die Handtaschen und zum Schluss die Kleider kamen. Obwohl, nach kurzer Rücksprache mit der allerbesten Shopping-Ehefrau der Welt muss ich meine Meinung nun wieder revidieren. Es waren Handtaschen, Kleider und Schuhe, nicht nacheinander, sondern miteinander, übereinander, beieinander und untereinander. Tut mir leid, wirklich, ganz ehrlich, dass ich nicht daran gedacht habe.

Saigon: Die Nguyen Trai, eine Strasse wie jede andere in Saigon Saigon: Schweiss-treibend Saigon: Schuhe, Schuhe, Schuhe

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Das übliche Procedere beginnt. Die Allerbeste hinter den Schaufenstern, der Kettenhund mit dem Fotoapparat davor. Dong wechseln bündelweise die Besitzer, dafür wechseln Schuhe paarweise in das andere Lager. Noch mehr Dong wandern auf die andere Seite, doch im Gegenzug finden sich auf wundersame Weise weitere Schuhe bei den bereits gekidnappten Schuhen. Erinnert mich auf seltsame Weise an den Checkpoint Charly, Sie wissen schon, diese herrlichen Agentenfilme, wo sich amerikanische und sowjetische Spione zum Austausch von Gefangenen trafen. Aber wer braucht den eisernen Vorhang, wenn es auch ohne geht? Köstlich finde ich dabei, dass sich das Ganze in einem kommunistischen Land abspielt.

Ein Sicherheitsbeamter hat mich mittlerweile zu seinem Gesprächspartner auserkoren. Wir unterhalten uns angeregt, er auf Vietnamesisch, ich versuche mich in Englisch, irgendwo in der Mitte treffen wir uns. Habe ich das mit Ost-Berlin und West-Berlin und dem Checkpoint Charly eigentlich schon erwähnt, ich glaube schon? Auf alle Fälle haben wir weder Gefangene noch machen wir solche, ich fotografiere ihn, er lädt mich im Gegenzug zum Essen ein. Stillschweigend habe ich für mich beschlossen, zurück in Wien stelle ich mich auf die Strasse, fotografiere irgendwelche Menschen und erwähne dann ganz beiläufig, dass ich Hunger habe. Mal sehen, was sich machen lässt.

Meine hochgradig vom Shopping-Virus befallenen allerbeste Ehefrau der Welt hat ein probates Gegenmittel gefunden. Gegen weitere Dong werden weitere Schuhe zu den Schuhen, welche bereits bei den anderen Schuhen in bester Gesellschaft sind, gepackt. Besserung ist in Sicht, meine Frau hat schon eine wunderbar gesunde Gesichtsfarbe bekommen. Ich verabschiede mich von meinem neuen Freund, so macht Einkaufen sogar mir Spass.

Der Abend wirft bereits lange Schatten in die engen Gassen, ein letztes Mal an wohlbekannten Orten vorbei, unzählige Stimmen wispern und raunen ”Chào tạm biệt”. Wir antworten “Auf Wiedersehen!”, während sich ein letztes Mal die Sonne vor Saigon, vor uns verneigt.

Saigon Le Loi Strasse: Nachts sind (nicht) alle Katzen grau Saigon: Das Rex Hotel, ein Stern an Saigons Hotel-Himmel Saigon: Der letzte Vorhang ist gefallen!

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Und morgen? Ein neues Abenteuer beginnt. Phu Quoc, eine kleine Perle im Südchinesischen Meer, 50 Kilometer lang, maximal 25 Kilometer breit, 80 000 Menschen über die ganze Insel verteilt, alleine 60 000 Einwohner dabei in der Hauptstadt Duong Dong lebend.

Doch bis dahin geniessen wir ein weiteres köstliches Essen, unser vietnamesisches Abendmahl sozusagen. Und jetzt heisst es erst einmal schlafen, von weissen Sandstränden, dem Rauschen des Meeres und blauem Meer träumen. Aber wie wird es wirklich werden?

Das, liebe Leser, ist wieder eine ganz eine andere Geschichte. Doch auch sie wird geschrieben werden, Sie wissen schon, wenn es heisst: Fortsetzung folgt!

Bis dahin grüsst Sie Paul, das Perpetuum mobile der Erschöpfung.   

27.3.2010

Nietzsche und die katholische Kirche

Abgelegt unter: Verkehrte Welt — Paul Boegle @ 02:19

Gott ist tot!

So grotesk es klingen mag, aber für mich steht die römisch-katholische Kirche auf einer Stufe mit dem grossen Philosophen und Vorreiter des Existentialismus, dem altehrwürdigen Friedrich Nietzsche. Wobei ich anmerken muss, dass ich Nietzsche durch diesen Vergleich nicht verunglimpfen möchte. Vielmehr soll hierbei meiner Bewunderung Ausdruck verliehen werden, dass Friedrich Nietzsche´s “Gott ist tot!”, welches er seinem Protagonisten Zarathustra gleich zu Anfang seines Hauptwerkes, oder sollte ich sagen, eines seiner Hauptwerke, dem bis in die heutige Zeit viel diskutierten “Also sprach Zarathustra”, so bedeutungsschwanger sagen lässt, an Weitsichtigkeit und Aktualität kaum zu überbieten ist.

“Wohin ist Gott? rief er, ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet, – ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder![…] Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder?” Nietzsche greift dieses zentrale Thema seines Denkens nicht nur im 1883 begonnenen Zarathustra auf, in seinem 1882 verfassten Werk “Die fröhlichen Wissenschaften” im Aphorismus 125 mit dem Titel “Der tolle Mensch” beobachtet er bereits eine Entwicklung, welche in unserem Heute und Jetzt ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht hat, zumindest wenn es um die Institution Kirche geht. Nietzsche hat beobachtet, genau beobachtet, und er hat daraus seine Schlüsse gezogen. Und Nietzsche wird auf Grund seiner Aussagen (leider) oftmals falsch interpretiert. Er hat nie in Zweifel gestellt, dass Gott niemals existent war, im Gegenteil: “Gott ist tot!” im Imperativ meint sehr wohl, dass es einen Gott gegeben hat, aber diese Institution, dieser Kunstgriff menschlicher Existenzängste, hat ausgedient, muss durch neue Werte umgewertet werden. “Neue Werte auf neue Tafeln”, für mich letztendlich die Aufforderung, endgültig mit den zehn Geboten der christlichen Glaubenslehre zu brechen. Wohlgemerkt, ich breche nicht mit den Inhalten dieser in Stein gehauenen Grundsätze, moralisch entsprechen sie durchaus dem, was der aufgeklärte Mensch der Neuzeit als für erstrebenswert erachten sollte. “Du sollst nicht töten!”, “Du sollst nicht ehebrechen!”, “Du sollst nicht stehlen!”, diesen Grundsätzen fühle ich mich wie die meisten Menschen verpflichtet.

Doch dazu bedarf es keines Naheverhältnisses zur Kirche, des unnahbaren Vertuschungs-Verleumdungs-Verleugnungs-Verlogenheits-Räderwerks namens römisch-katholische Kirche in ihrem Ist-Zustand. Diesen moralischen Grundsätzen fühle ich mich aus Respekt und Achtung vor meinem Nächsten verpflichtet. Ich bin bereits vor Jahren aus dieser verstaubten Glaubensgemeinschaft ausgetreten (ohne jedoch mit diesen moralischen Grundsätzen zu brechen), einem Staat im Staate, welcher sich für mich jenseits jeder Gerichtsbarkeit bewegt und sich selbst in den finstersten Abgründen menschlicher Unverantwortlichkeit befindet. Nicht ich habe Gott getötet, die Kirche selbst hat dieses Werk ohne mein Zutun erledigt. Doch wie steht es dementsprechend um meine Dankbarkeit? Muss, soll ich mich für etwas bedanken, was sich, da selbst kein Mitglied der Glaubensgemeinschaft mehr, meiner Verantwortlichkeit entzieht? Oder bin ich sogar um so schuldiger, da ich mich durch meinen Austritt meiner Verantwortung entzogen habe und trotzdem meine stillschweigende Einverständniserklärung durch mein Stillschweigen gegeben habe. Sind vielleicht wir, die christlichen Outlaws, die Hauptverantwortlichen für den Gottesmord? Müssen wir möglicherweise jeden Tag aufs Neue “Mea culpa!” in den Ich weiss etwas, was Du nicht wissen darfst-Spiegel schreien, weil gerade wir diejenigen sind, die wissentlich, aber wider unserer besseren Vernunft, die Lügen akzeptiert haben, ohne uns gegen sie aufzulehnen und uns zu wehren.  

Im zweiten Teil des “Also sprach Zarathustra” mit dem Titel “Von grossen Ereignissen” nimmt Nietzsche das vorweg, was mittlerweile fast zu einer allgemeingültigen Formel geworden ist: “Kirche? antwortete ich, das ist eine Art von Staat, und zwar die verlogenste.” Die realistische Feststellung einer fiktiven Figur, geschrieben vor mehr als 125 Jahren. Mit einem kleinen Unterschied: Zarathustra zieht sich mit 30 Jahren in eine Höhle zurück, um die Lehre vom Übermenschen zu entwickeln, um dann wieder zu den Menschen herabzusteigen. Doch genau diesen letzten, diesen finalen Schritt hat die Kirche verabsäumt. Sie steht weit oben auf dem Gipfel ihrer selbstherrlichen Einsamkeit. Isoliert, abgekapselt und abgenabelt von allem Irdischen und Weltlichen, hinaufgestiegen vor hunderten von Jahren auf den Ölberg voller Hexenverbrennungen, hineingestiegen in die Höhle vollgepflasterter Ablassbriefe, aber niemals wiedergekehrt aus den dicht gewobenen Verliesen der peccatum mortiferum, der Todsünde, welche ich Verleugnen nenne.

“Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch - ein Seil über einem Abgrunde.” Nietzsche nimmt sich meines Erachtens hierbei die Evolutionstheorie von Charles Darwin zum Vorbild. Nicht der heutige Mensch oder im Falle von Nietzsche der Mensch des späten 19. Jahrhunderts ist die Krönung der Schöpfung. So wie sich aus dem Frühmenschen, dem Australopithecus africanus der Homo erectus entwickelt und dieser in einem unendlich langen Prozess vom heutigen Homo sapiens abgelöst wurde, so werden auch wir möglicherweise nicht die Spitze der menschlichen Evolution darstellen. Wer weiss, vielleicht folgt in einigen Jahrtausenden ein Homo superior, jener von Nietzsche propagierte und sogar herbeigesehnte Übermensch. Doch im Gegensatz dazu sehe ich die römisch-katholische Kirche als Seiltänzer ohne dazugehöriges Seil, als Drahtseilakt mit der Schlinge um den vatikanischen Hals. Der Brückenschlag ist vollkommen misslungen, die Versprechungen sind im Getöse der neuzeitlichen Posaunen von Jericho untergegangen, eingestürzt unter dem Ballast eines Konstrukts aus Vertuschungen und inzüchtlerischer Selbstbeweihräucherung.

Was ehemals ein Bindeglied zwischen heilssuchenden Menschen und einem heilsversprechenden übermächtigen Monopol war, hängt nun, losgelöst über dem Abgrunde patriachalischer Willkür, zwischen Versagen und antiquiertem Zölibat.

“Gott ist tot!” Hinabgerissen von den Klagemauern selten gelebter Enthaltsamkeit, erschlagen von Petrus, auf dessen Felsen sich die Kirche gütlich niedergelassen hatte. Lange schon stand die Kirche vor dem Abgrund, nun ist sie wahrlich einen Schritt weiter. Der Weg zurück ist versperrt durch die selbst auferlegten verstaubten Moralvorstellungen und unüberbrückbar türmt sich davor die amoralische skrupellose Heiligkeit auf. Doch gerade diese Dignität, stehe ich auf der Seite des Guten oder befinde ich mich bereits auf der anderen Seite, verschmilzt in jener Institution namens Kirche zu einer nicht mehr zu definierenden, weil unentwirrbaren Seilschaft von Glaubensbrüdern ohne Glauben. Die Kirche hat sich abgenutzt, innerlich ausgehöhlt, zerfressen vom immerwährenden Kampf gegen die eigenen Lügen. Diese Ambivalenz zwischen Unfehlbarkeit nach aussen und permanentem Fehlverhalten im inneren Kern hat letztendlich dazu geführt, dass dieses zweischneidige Schwert nun auf beiden Seiten stumpf und farblos auf dem Petersplatz in Rom liegt, mit den eigenen Waffen geschlagen, durch die eigenen Waffen vernichtet.

Nichts ist verwerflicher für das moralische Empfinden des Menschen als die Lüge! Ich zitiere im folgenden aus Philosophie des verbotenen Wissens von Konrad Paul Liessmann, einem in höchstem Masse lesenswerten und sehr spannenden Buch, welches eine Philosophie entwickelt, welche nicht um das Wahre, Gute und Schöne kreist, sondern in dem sich der Autor, angeregt durch Notizen aus dem Nachlass von Friedrich Nietzsche, mit der Frage beschäftigt, was es bedeutet, etwas zu wissen, was ich eigentlich nicht wissen darf. Liessmann rückt dabei die Ästethik des Unschönen, die Theorie des Unwahren und vor allem die Ethik des Bösen in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen. Für all jene, welche glauben, schon alles über Nietzsche zu wissen bzw. Interessantes von Liessmann lesen wollen, sei deshalb dieses Buch ans philosophische Herz gelegt.

“Kein Anderes von Wahrheit vermag das moralische Empfinden so sehr zu mobilisieren wie die Lüge. Weder das Falsche noch die Fälschung, schon gar nicht der Irrtum oder das Ungenaue, auch nicht die Täuschung gehen so nah wie die Lüge. Man mag den Menschen manche Untaten verzeihen oder gar zubilligen, man mag theoretisch die Lüge verteidigen, man mag selbst nicht nur hin und wieder, sondern immer, wenn es einem geboten erscheint, lügen: Trotzdem erachten nicht nur Belogene die Lüge oft für ein schlimmeres Übel als die durch diese Lüge kaschierten Vergehen oder Verbrechen.” (aus: Konrad Paul Liessmann, Philosophie des verbotenen Wissens, Friedrich Nietzsche und die schwarzen Seiten des Denkens, 2000 Paul Zsolnay Verlag Wien, genehmigte Lizenzausgabe für Nikol Verlagsgesellschaft mbH&Co.KG, Hamburg 2009, Seite 49).

Was bleibt mir zum Schluss noch zu sagen? Den Kreis wieder schliessen, die römisch-katholische Kirche auf ein und dieselbe Stufe zu erheben wie Friedrich Nietzsche. Doch wie soll dies bewerkstelligt werden? Wie soll ich Nietzsche mit der Kirche vergleichen, ohne mir den Zorn des Philosophen zuzuziehen? Nietzsche starb am 25. August 1900, mehr als ein Jahrzehnt litt er an Wahnvorstellungen, ein geistiger Zusammenbruch auf Raten sozusagen. Genie und Wahnsinn, eine oftmals strapazierte Umschreibung, auf Nietzsche mag sie sicherlich zutreffen. Nietzsche beklagte sich oft, vollkommen einsam und verlassen dazustehen, von innerer Leere geprägt. Ob dies nun auch auf die römisch-katholische Kirche zutrifft, darf der Leser selbstverständlich für sich entscheiden.

Nietzsche ist tot! Leider! Gott ist tot! Sei´s drum!          

25.3.2010

Herpes - Luft raus aus der Fieberblase!

Abgelegt unter: Bezahlte Rezensionen — Paul Boegle @ 18:03

[Trigami-Review]  

Herpes, ein Begriff, welcher uns sofort an ein empfindliches Schmerzen, Jucken und Brennen denken lässt. Nässende schmerzende Bläschen im Lippenbereich, die sogenannte Lippenherpes tritt immer dann auf, wenn Sie diese Vireninfektion partout nicht brauchen können. Und ganz ehrlich: Wer benötigt die unangenehmen Fieberblasen überhaupt zu irgend einem Zeitpunkt?

Herpes labialis, die Lippenherpes, ist neben der Herpes genitalis (Genitalherpes) die wohl am weitesten verbreitete Form dieser Infektionskrankheit. Wer deshalb der Meinung ist, an einem Einzelschicksal zu leiden, der irrt. Die Mehrheit der Weltbevölkerung trägt den Herpes-Virus Typ 1 (Herpes simplex Typ 1, HSV-1) in sich. Bereits von Kindesbeinen an infizieren sich die meisten Menschen, üblicherweise geschieht dies durch eine Mutter-Kind-Übertragung. Der enge Hautkontakt, die gemeinsame Verwendung eines Löffels oder Glases, Schmusen und Küssen, der Herpes-Virus kennt viele Mittel und Wege, sich von Mensch zu Mensch zu übertragen.

Hat sich der Virus erst einmal im Körper festgesetzt, kann er lebenslang in den Nerven überleben. Grund hierfür ist die für das körpereigene Immunsystem nicht zu erkennende DNA, d.h. die Viren haben die Eigenschaft, sich entlang der Nervenbahnen in das Körperinnere zurückzuziehen, um dann bei günstigen Voraussetzungen aktiv zu werden und auszubrechen.

Während also die Primärinfektion in den meisten Fällen noch unbemerkt verläuft, das eigene Immunsystem bildet Antikörper aus, welche die Viren und einen Teil der infizierten Nervenzellen abtöten, schlummern die im Körper verbliebenen Herpes-Viren so lange, bis die für den Ausbruch notwendigen Prämissen gegeben sind.

Günstige Faktoren für de Ausbruch der Krankheit und die Bildung der symptomatischen schmerzhaften Bläschen sind dabei in erster Linie psychischer und physischer Stress, übermässiges Sonnenbaden, intensiver Sport oder selbst eine Erkältung. Doch neben diesen bekannten und allzu offensichtlichen Faktoren liegen die Gründe für den Ausbruch von Herpes oftmals tiefer. Monatsblutungen, Verletzungen, die Schwächung des Körpers während der Schwangerschaft, Alkohol oder Lebensmittelallergien sind ebenfalls günstige Voraussetzungen, um den neuerlichen Ausbruch zu fördern. Kurzum, alles was die körpereigene Immunabwehr schwächt, stärkt den Herpes-Virus. Ekelvorstellungen, ein Trauerfall in der Familie, Ärger im Beruf, die UV-Einstrahlung bei einer Wanderung im Hochgebirge, die Liste der möglichen Auslöser ist lange.    

Was kann ich, was können Sie dagegen tun?

Eine Möglichkeit wäre, sollten Sie wie so viele andere Menschen auch, unter Lippenherpes leiden, den Kopf in den Sand zu stecken. Irgendwann muß den Viren doch einmal die Luft ausgehen. Es fragt sich nur, wer den längeren Atem hat! Sie können sich mit dieser Methode nicht anfreunden?

Dann probieren Sie es doch einmal mit dem “elektronischen Lippenstift” von Herpotherm®. Auf Grundlage von Wärme, genauer gesagt konzentrierter Wärme im Temperaturbereich von 50 bis 51 °C, wird die Entstehung der Fieberblasen bei rechtzeitiger Anwendung verhindert. Das menschliche Immunsystem wird durch diese Methode angeregt, sogenannte Hitzeschock-Proteine zu produzieren, ein wichtiger Faktor für die frühzeitige Bekämpfung des Herpes-Virus, welcher sich gerade in diesem frühen Stadium überfallartig ausbreitet.

Das zu 100% “Made in Germany” hergestellte CE-zertifizierte Medizinprodukt mit EU-Patent besitzt laut Herstellerseite wesentliche Vorteile im Hinblick auf Funktionsweise und Anwendung:

  • uneingeschränkte Anwendung für alle Menschen hinsichtlich Alter und Geschlecht
  • das kleine, handliche und kompakte Gerät in Lippenstiftform passt in jede Handtasche bzw. Hosentasche
  • bei rechtzeitiger Anwendung wird der Ausbruch komplett verhindert
  • unerwünschte Nebenwirkungen konnten durch dermatologische Tests ausgeschlossen werden
  • im Bereich der Lippen entstehen keine pathologischen Hautveränderungen
  • der Verzicht auf Chemie bedeutet Eignung des Gerätes für Schwangere, Allergiker sowie Epileptiker
  • lange Lebensdauer, gute Qualität, die hervorragenden Merkmale für ”Made in Germany”    

Herpotherm: Der elektronische Lippenstift gegen Herpes

Übrigens: Auch der Osterhase ist Herpes-frei!

Und damit das so bleibt, gibt es jetzt vom Hoppel-Hasen vom 27.03. bis 10.04.2010 das spezielle Herpotherm®-Osterangebot.

Denn auch für den Osterhasen gilt: Nur Bares ist Wahres! Sparen Sie jetzt osterhasenfreundliche 10,– Euro bis zum 10.04.2010 und zahlen Sie statt 34,95 Euro nur 24,95 Euro für den “elekronischen Lippenstift” von Herpotherm.  

Weitere Informationen, Erfahrungsberichte und einen NDR-Nordmagazin-Beitrag vom 05.11.2009 finden Sie unter folgenden Links:

Erfahrungsberichte zu Herpotherm Herpotherm: NDR-Nordmagazin-Beitrag vom 05.11.2009 Herpotherm: Meinungen von Ciao-Mitgliedern

      


22.3.2010

Chau Doc - Wasserspiele und Wasserhyazinthen

Abgelegt unter: Reisen — Paul Boegle @ 01:55

20.01.2010 Von Chau Doc nach Saigon

Der Regen, welcher die ganze Nacht unablässig monoton lieblos gegen die mit Klebeband abgedichteten Scheiben unseres Zimmers klopfte, hat sein Klagelied eingestellt. Vorläufig begnügt sich der Himmel damit, uns von oben herab sein frühmorgendliches missmutiges wolkenverhangenes Antlitz zu präsentieren. Das nasse Grau der Strassen vermischt sich mit dem lichten faltenreichen Grau des Himmels, mühsam zwängt sich der Tag an der eben zu Ende gegangenen Nacht vorbei, ohne wirklich die Herrschaft zu erlangen.

Wieder sitzen wir auf kleinen Plastiksesseln, trotz der fehlenden Sonne, oder vielleicht gerade deswegen, sind die Temperaturen bereits zu dieser frühen Morgenstunde angenehm, hier in Chau Doc, an der Grenze des Vietnams zu Kambodscha. Wir geniessen die Stille, welche in den engen Gassen herrscht. Unsere abendliche Begegnung mit der Hausratte ist vergessen, bis, ja bis wir uns die auf dem Tisch liegende Speisekarte anschauen. Die Ratte gewinnt wieder an Form. Nur eine tote Ratte ist eine gut(schmeckende) Ratte, andere Länder, andere Sitten. Mich hätte es schon gereizt, so ein kleines Stückchen Rattenfleisch, doch die allerbeste Ehefrau der Welt hatte aus mir unerfindlichen Gründen etwas dagegen. Und so sprach sie zu mir: “Seinesgleichen isst man nicht!” Nun gut, so begnüge ich mich mit einem Baguette, zumindest die Form lässt mich an das Objekt meiner Begierde denken.

Mekong-Delta: Gegessen wird, was unter dem Tisch (daher)kommt! 

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Der Fluss ruft uns erneut und wieder folgen wir seinem gebieterischem Drängen. Wieder schultern wir unsere Habseligkeiten, spazieren durch das verschlafene Chau Doc, um uns am Wasser in ein überdachtes Sampan zu setzen, welches die dichte Oberfläche der Wasserhyazinthen mühsam teilt. Nasse rote Flaggen mit dem gelben Stern Vietnams hängen leblos an Masten am Ufer, andere flattern im Fahrtwind der Boote, deren misstrauische Augen die Wasseroberfläche beäugen. Schwärme kleiner Vögel schiessen tief über das Braun des Stromes, auf der Jagd nach kleinen Insekten vollführen sie waghalsige Manöver. Vor den Häusern, welche auf einem Gewirr hoher Holzpfähle in die schmierig seifig dreckig schmutzige Uferböschung gebaut sind, treiben in langsamer Fahrt schwimmende Hausboote. Auf blauen Fässern, welche ihnen den notwendigen Auftrieb verschaffen, werden sie von kleinen Kähnen durch das Wasser gezogen, erinnern an den ersten Ausflug einer Gänsemutter mit ihren Küken.

Ein Mann sitzt am Ufer, das Fischernetz gleitet durch seine Hände, um es auf Schäden zu untersuchen. Andere Männer tanzen auf ihren auf dem Fluss treibenden Holzschalen, ziehen die ausgeworfenen Netze, in denen sich zappelnde Fische verfangen haben, über die Reling. Ein kleiner Vietnamese steht neben seiner Mutter, sein rostrotes Haar fängt meinen Blick auf, unnatürlich wirkt er in einer Welt aus schwarzhaarigen Menschen. Männer waten im knietiefen Wasser, versuchen die im Schlamm festgefahrenen Boote wieder frei zu bekommen. Wir schauen interessiert zu, bis auch wir in einem kleinen Kanal auf Grund laufen. Der Motor heult immer wieder auf, wir hören das knirschende Geräusch der im Schlamm wühlenden Schraube. Unser Bootsführer springt kurzentschlossen in das tiefbraune Wasser, dirigiert uns alle nach vorne, um die Schraube zu entlasten. Sein sehniger ausgemergelter Körper bewegt das Boot Zentimeter für Zentimeter nach vorne, immer wieder rutscht er im schlammigen Grund aus. Nach unzähligen Versuchen hat er unseren Sampan aus dem Morast befreit. Mitreisende klatschen Beifall, ich schäme mich, schaue mir meine trockenen sauberen Stiefel an.

Mekong-Delta: In voller Fahrt Mekong-Delta bei Chau Doc: Männer im Strom Mekong-Delta bei Chau Doc: Muster Mekong-Delta bei Chau Doc: Im Trüben fischen Mekong-Delta bei Chau Doc: Festgefahrene Situation

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Wieder setzt der Regen ein. Stakkatoartig öffnen sich für ein paar Sekunden die Pforten des Himmels, um sich fast ebenso schnell wieder lautlos zu schliessen. Das nasse Braun des Wassers vereint sich mit dem schmatzenden Braun des Ufers. Über einen schmalen Holzsteg betreten wir eine kleine Insel. Mit Wasser vollgesogene Holzboote liegen links und rechts, in allen stehen grosse Pfützen. Kahle kleine Sträucher und abgestorbene Äste ragen aus dem Dreck, während das satte Grün des Schilfes einen unnatürlichen Kontrast zu den beherrschenden Brauntönen bildet. Eine schwarze Henne ist mit ihren drei schutzbefohlenden flaumigen Jungen unterwegs, unentwegt picken sie im nassen aufgeweichten Boden nach Würmern.

Mekong-Delta bei Chau Doc: Über-Brücken Mekong-Delta bei Chau Doc: Gelandet, gestrandet Mekong-Delta bei Chau Doc: Holzkreuze Mekong-Delta bei Chau Doc: Hindernisse Mekong-Delta bei Chau Doc: Schlammschlacht

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Ein schmaler unbefestigter Pfad führt uns entlang an bebauten kleinen Gemüsefeldern zu einer Ansiedlung der Cham, einer Minderheit in einem Land voller Minderheiten. Unter hohen Bäumen ducken sich die armseligen Hütten kraftlos in die Schatten der Blätterdächer. Eine Familie sitzt auf grob behauenen niederen Holzbänken vor ihrer Hütte, lässt sich auch von den Fremden nicht beim gemeinsamen Frühstück stören. Eine junge Frau sitzt im Halbdunkel einer Hütte hinter ihrem Webstuhl. In langen bunten Reihen hängen fertige Tücher zum Verkauf, auf wackeligen Tischen liegen Armbänder aus Korallen, Halsketten aus Perlmutt. Fast beschämt bieten die Frauen ihre Waren den reichen Touristen an.

Mekong-Delta bei Chau Doc: Platz ist in der kleinsten Hütte Mekong-Delta bei Chau Doc: Gewebte Tücher in einem Dorf der Cham

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Wir stehen unschlüssig da, Fremde in einer fremden Welt. Fremde Armut gepaart mit fremdem Stolz. Für den Moment so nah, doch auf Dauer nicht greifbar, nicht fassbar, nicht wirklich. Wir gehen, sie bleiben. Mitleid? Nicht angebracht! Mit-leiden? Nicht möglich! Mitten im Leiden? Nur für einen kurzen Moment! Dann gehen wir wieder unserer Wege. Hinaus aus ihrer Welt voller Wasser, voller Schmutz, voller Dreck, hinein in unsere Welt voller Geld, voller Schmutz, voller Dreck. Nur dicke braune schmierige schmatzende Klumpen kleben an unseren Schuhen, abbröckelnd mit jedem Schritt, den wir uns entfernen, bis nichts mehr bleibt ausser der Erinnerung. 

Eine Frau sitzt in einem schmalen Boot, neben sich einen Berg nasser Wäsche, welchen sie in einer orangenen Plastikschüssel, tief über das Boot gebeugt, im Fluss gewaschen hat. Ein Mann kauert in einem anderen Holzboot, mit einem kleinen weissen Plastikeimer schöpft er unermüdlich das stehende Wasser vom Boden, die nackten Füsse bis zu den Knöcheln im Wasser, das nasse T-Shirt klebt an seinem Körper, zeichnet seine schmalen Konturen nach. Wir bewegen uns mit vorsichtigen Schritten, auf Zehenspitzen sorgsam darauf bedacht, den vielen Wasserlachen auszuweichen und den Saum unserer Hosen nicht dreckig zu machen.

Der Mekong nimmt uns wieder in seine nassen Arme, trägt uns weiter zu einer Fischfarm. In einem Holzkäfig, welcher in die Planken des Hausbootes eingelassen ist, wuselt es von Pangasius, dem Modefisch der neuen neureichen alteingesessenen gesundheitsbewussten westlichen Zivilisation. Stolz füttert der vietnamesische Fischzüchter die Pangasius-Brut, das Wasser beginnt zu brodeln, schäumt über den Rand des Käfigs, weisse Spritzer wirbeln durch das Halbdunkel. Reiche Beute für den Züchter.

Nein, die Wirklichkeit sieht anders aus. Über den Artikel Pangasius - der traurige Volksfisch aus Vietnam bin ich auf den Bericht Tod eines Fischstäbchens von Barbara Hardinghaus gestossen. Wie so oft, wenn Arm Reich trifft, wenn Arm mit Reich Geschäfte macht, wenn Arm seine Hoffnungen in Reich setzt, wenn Arm am Reichtum von Reich partizipieren will, bleibt Arm auf der Strecke. Parallelen zu Chimbote - Fisch ist gesund sind unübersehbar. Doch wer glaubt, dieses Spiel sei zu verstehen, der irrt. Es gibt nichts zu verstehen, es ist ein Spiel zwischen Reich und Reich, Arm dient lediglich als Spielball.

Mekong-Delta bei Chau Doc: Fischfarm auf dem Mekong Mekong-Delta bei Chau Doc: Fütterung der Pangasius-Zuchtfische

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Die Zeit ist gekommen. Langsam heisst es Abschied nehmen vom Mekong-Delta. Ein letztes Mal besteigen wir ein Boot, ein letztes Mal gleiten wir über die Wasseroberfläche des neunköpfigen Drachens, ein letztes Mal riechen wir die nasse Haut von Sông Mê Kông, ein letztes Mal trägt uns einer jener starken Arme von Sông Lớn (siehe auch Von Saigon nach My Tho). Leise plätschert unser Sampan in langsamer Fahrt Richtung Chau Doc, die Geräusche des Wassers vermischen sich mit den Regentropfen. Die in Reih und Glied stehenden Palmen an der Uferpromenade des Städtchens werden grösser, Männer stehen rauchend am Geländer, schauen auf den Fluss, schauen auf ihren Fluss.

Rege Betriebsamkeit auf den Strassen, die ersten mobilen Garküchen warten auf hungrige Gäste, Frauen schützen ihre Einkäufe mit durchsichtigen Plastiksäcken und schwarzen Müllsäcken vor dem stärker einsetzenden Regen. Unter schwarzen Schirmen leuchten Seidenblumen, junge Menschen fahren achtlos mit dem unvermeidlichen Mundschutz daran vorbei. Die zart rosa orangenen Mauern eines nahegelegenen Tempels werfen ihre warme Farbe in den Vormittag, während wir uns auf den langen Weg zurück nach Saigon machen.

Chau Doc: Auf zu neuen alten Ufern Chau Doc: Rosarot und zart orange Chau Doc: Seiden(Blumen)Strasse

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Stunde um Stunde frisst sich unser Bus nach Osten, weg vom Wasser, hin zum Lärm der vietnamesischen Metropole Ho Chi Minh Stadt. Wir werden zurückgespült, der Staub der Strassen weggewischt vom Dauerregen, dreckige Gischt hüllt uns ein, nimmt uns die Sicht auf die grüne Weite des Landes.

Neun Stunden später:

Die Lichter der Stadt lassen langsam die natürlichen Grüntöne der vergangenen Tage verblassen, schieben sich wie eine strahlende imaginäre Mauer zwischen uns und das Mekong-Delta. Das Dauerhupen der Mopeds und Roller überlagert die Geräusche der hunderte Kilometer entfernten Motorboote, das Glitzern des nassen Asphalts saugt die letzten Reste der schilfbewachsenen Böschungen auf. Hohe Häuserfassaden rauben uns die Sicht auf die schlanken Stämme der Kokospalmen, Benzingeruch überlagert den modrigen abgestandenen schalen betörenden Geschmack der langsam fliessenden braunen schmutzigen verzweigten engen Kanäle abseits des Hauptstromes. Strassenschluchten drängen die sumpfigen Reisfelder zurück, Karaoke-Bars verwehren den Pfahlbauten den Einlass, schrill bunte Kinos mit westlichen Filmankündigungen brüllen die steinernen Löwen des Sam-Berges nieder.

Saigon: Die Lichter der Grossstadt

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Wir sind wieder zurück. Herzlich willkommen in Saigon. Und so will auch ich Sie nun alleine lassen, schwelgen Sie in Ihren Erinnerungen, lassen Sie das Erlebte Revue passieren, ordnen Sie Ihre Gedanken, drehen Sie noch einmal am unwiederbringlichen Rad der Zeit. Wie heisst es so schön im Songtext eines Namensvetters von mir:

Wer hat an der Uhr gedreht?
Ist es wirklich schon so spät?
Soll das heißen, ja ihr Leut´,
mit dem Paul ist Schluss für heut´.

Paulchen, Paulchen mach´ doch weiter.
Jag´ das Männchen auf die Leiter.
Säg´und pins´le bunt die Wände,
treibe Scherze ohne Ende.
Machst ja manchmal schlimme Sachen,
über die wir trotzdem lachen.
Denn du bist, wir kennen dich,
doch nur Farb- und Pinselstrich.

Wer hat an der Uhr gedreht?
Ist es wirklich schon so spät?
Stimmt es, dass es sein muss:
ist für heute wirklich Schluss?

Heute ist nicht alle Tage,
ich komm wieder keine Frage!

Musik von: Henry Mancini (Pink Panther Theme), Doug Goodwin, Walter Greene, William Lava

Und so schreibe ich schlussendlich zum wiederholten Male jene Worte, welche Sie nun schon ein ganzes Stück unseres gemeinsamen Weges durch Vietnam begleiten: Fortsetzung folgt!

Es grüsst Sie Paulchen der Zeitreisende und Paul, der erfolglos am Rad der Zeit Drehende.

 


15.3.2010

Can Tho, die schwimmende Märkte von Cai Rang, Krokodilstränen und der Berg Sam

Abgelegt unter: Reisen — Paul Boegle @ 00:43

19.01.2010 Schwimmende Märkte und undurchdringliches Grün

Die Nacht war, nun wie soll ich sagen, sie war gewöhnungsbedürftig. Nachdem wir mit einem kleinen Boot in Can Tho ankamen, der Bus musste mit der Fähre über den Hau, einen Nebenarm des Mekong, übersetzen, und das kann hier doch ein paar Stunden dauern, eroberten wir mit Sack und Pack unser Hotelzimmer. Zwischendurch wurden wir dann doch daran erinnert, dass wir uns in einem kommunistischen Land befinden. Wie viele von Ihnen wahrscheinlich schon mitbekommen haben, fotografiere ich einfach alles und jeden. Und da eine Bootsfahrt dementsprechend viele schöne Motive bietet, ließ ich naturgemäß den Auslöser glühen, bis der Finger zu rauchen begann. Ein besonders schönes Haus stach mir dabei sofort in meinem geschultem Auge, langsam pirschte ich mich also an die Begehrlichkeit heran. Doch während ich noch die Kamera in Position brachte, wurde es plötzlich unruhig im Boot. Unser Reiseführer begann laut schreiend auf mich einzureden, nicht unfreundlich, sondern hektisch. Das Motiv, welches sich so lasziv vor meiner Linse in der untergehenden Sonne präsentierte, war die örtliche Polizeikommandantur. Und die zu fotografieren, naja, Sie können sich ja selbst denken, welche Erklärung nun kam. Also blieb die Polizei dort, wo sie war, hatte ich halt vier Fotos weniger, aber schade war´s trotzdem, so ein schönes Gebäude, vor so einem herrlichen Sonnenuntergang. So fotografierte ich die Sonne eben ohne Polizeischutz. Aber zurück in unser Hotel.

Der geneigte Westeuropäer sollte sich nun nicht unbedingt unter einem Hotelzimmer das vorstellen, was sich der geneigte Westeuropäer eben so unter einem Hotelzimmer vorstellt. Aber wie lehrt uns, also mich jetzt weniger, schon die Bibel: Wer mit dem Feuer spielt, wird darin umkommen. Und wer sich mit Wasser duscht, wird auch irgendwann ohne Handtücher wieder trocken. Oder so ähnlich! Es war übrigens das erste Mal, dass ich vollkommen bekleidet in einem Hotelzimmer übernachtete. Wer weiss, wozu es gut war?

Ein kleiner Spaziergang durch Can Tho, die grösste Stadt im Mekong-Delta, war allerdings das einzigste, was wir unseren müden Beine an diesem Abend noch abverlangten. Für das Can Tho Museum und den Munirangsyaram-Tempel war es zu spät, die Ong-Pagode mit Quan Am, der Göttin der Barmherzigkeit und Than Tai, jenem sagenhaften Gott des Glücks, wurde heute von uns nicht benötigt, wir hatten ja unser Hotelzimmer, also beließen wir es bei einem Abendessen. Konterfeis und Statuen von Ho Chi Minh kannten wir bereits zur Genüge aus der gleichnamigen Stadt, so blieb dementsprechend auch seine Statue im Stadtpark von uns unberührt, ebenfalls fand auch das im alten Kolonialstil erbaute Hotel Victoria nicht unsere Beachtung, wozu auch, wir hatten schliesslich unser Hotelzimmer, aber ich glaube, das habe ich bereits erwähnt.

Der nächste Morgen begann wie so viele während unserer Vietnam-Reise. Früh aufstehen! Anders als in Saigon beginnt hier der Tag ohne Hektik, vereinzelt knattern Mopeds durch die engen Strassen, drei Frauen unterhalten sich angeregt auf der anderen Strassenseite. Verhandelt wird über Strohbesen. Während die beiden jüngeren Frauen stehend die angebotene Ware begutachten, sitzt die ältere Frau mit verkrüppelten Füssen auf einer roten Steinbank, den schlichten Gehstock aus Bambus neben sich gelehnt. Wir sitzen auf abgewetzten, schmutzig blauen Plastiksesseln an der Strasse, Plastiktischtücher mit 70er-Jahre Blumenmotiven bedecken die wackeligen Tischchen, auf denen wir frühstücken. Ein alter Mann will uns Sonnenbrillen verkaufen, Postkarten finden sich ebenso in seinem Sortiment. Ein verneinendes Lächeln genügt und er zieht weiter, auf der Suche nach bereitwilligeren Touristen.

Nach und nach findet sich unsere Gruppe von gestern wieder ein, manche noch verschlafen, andere wiederum von zuviel Saigon- oder Tiger-Beer noch leicht berauscht. Die Gruppe ist merklich kleiner geworden, viele haben nur eine kleine Mekong-Tour gemacht, sind gestern wieder mit einem der Open Tour Busse zurück nach Saigon. Wir Verbliebenen nehmen unsere Habseligkeiten, wandern gemächlich durch die langsam zum Leben erwachenden Gassen über die Hai Ba Trung zum Fluss. Der Himmel liegt wolkenverhangen über dem Mekong, tieffliegende Wolkenfetzen treiben über dem Wasser. Grau in grau liegt der beginnende Tag vor uns, während wir uns wieder auf das grosse Wasser begeben.

Unser Sampan bringt uns in flotter Fahrt nach Cai Rang, sechs Kilometer südlich von Can Tho gelegen. Vorbei geht es an kleinen Holzbooten, junge Männer sitzen wartend und rauchend darin, in der typischen Vietnamesen-Sitzposition beobachten sie uns gelangweilt. Frauen waschen ihre Wäsche im Mekong, eingetrocknete Essensreste werden mithilfe des Mekong von den Tellern gewaschen, ein älterer Mann steht bis zu den Hüften im Wasser, vornübergebeugt putzt er sich mit dem Wasser des Mekong die Zähne. Wäsche trocknet in langen Reihen im Schutz der Wellblechdächer der Hütten, eine Frau wartet mit einer hellblauen Plastik-Einkaufstasche auf zwei Männer, welche in langsamer Fahrt am Ufer anlegen. Hinter Palmen versteckt, welche ihre ausladenden Palmwedel wie riesige Insekten in den Himmel strecken, husten hohe schlanke Schornsteine ihren schwärzlichen Rauch aus ihren Lungen aus Backsteinziegeln.

Frauen und Männer sitzen in kleinen Gruppen auf kleinen Plastiksesseln unter blauen Baldachinen, unterhalten sich, während sie aus kleinen Schalen mit ihren Stäbchen die Fleischstückchen aus ihrer morgendliche Pho-Suppe fischen. Ein kleines Fischerboot steht quer zum Strom, zwei Männer stehen tief gebückt über dem Heck ihres Bootes und holen die Netze mit dem morgendlichen Fang ein. Ein anderes Boot gleitet links an unserem Sampan vorüber, der Motor heult unter Volllast, das Fischernetz am Ende des Bootes gleicht einem aufgeblähten engmaschigen Segel. Männer am Flussufer entladen ein Boot mit Holzstämmen, ein hellbrauner Hund steht mit erhobener Rute daneben.   

Cai Rang, eine unbedeutende Ortschaft im Mekong-Delta, aber der Nabelpunkt des Handels und des Handelns auf dem Mekong. Auf dem schwimmenden Markt von Cai Rang trifft sich zu früher Morgenstunde die gesamte Bevölkerung des Mekong-Deltas, so möchte man zumindest glauben. Unser Sampan steuert mitten in dieses Treiben hinein. Auf grossen Booten stecken lange biegsame Stangen, auf denen jene Güter befestigt sind, welche hier verkauft werden. Überall steuern Vietnamesen ihre kleinen Holzboote geschickt zwischen den Grosshändlern umher, Frauen, Kinder, Männer. An alten Autoreifen, welche zum Schutz gegen Kollisionen von den Booten hängen, ziehen sie sich an die schwimmenden Verkäufer heran, Waren werden beladen, entladen, umgeladen, aufgeladen. Kokosnüsse werden von oben nach unten geworfen, Salatköpfe fachmännisch begutachtet, Ananas-Berge warten auf Käufer, riesige Kürbisse liegen über- und nebeneinander gestapelt, dicht an dicht reihen sich Melonen neben Bananen, Zwiebeln und Kartoffeln. Körbe sind mit Zeitungspapier bedeckt, verbergen ihre landwirtschaftlichen Schätze, während aus roten Plastikkisten Mango und Papaya im Überfluss quellen.

Schwimmender Markt von Cai Rang: An langen Holzstangen der Grosshändler-Boote ist weithin sichtbar, welche Güter auf dem Boot gekauft werden können. In diesem Fall Ananas. Schwimmender Markt von Cai Rang: Geschicktes (Ver)Handeln Schwimmender Markt von Cai Rang: Handeln, kaufen, verkaufen. Am Wasser und auf dem Wasser des Mekong Schwimmender Markt von Cai Rang: Natürliche Rückendeckung Schwimmender Markt von Cai Rang: Wir sitzen (nicht) alle im selben Boot!

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Schwer beladen steuern die kleine Boote den Rückweg an, die Wasserlinie nur wenige Zentimeter unterhalb der Bootsumrandung. Bergeweise werden die gekauften Güter in Richtung Land transportiert, um sie dort den Endverbrauchern weiterzuverkaufen oder am heimischen Herd zu verbrauchen. Während die Männer mit ihren langen Rudern steuern, tänzeln die Frauen akrobatisch über Netze von Zwiebeln, verschwommen zeichnen sich die Konturen von Früchten unter den grossen Plastiksesseln ab. Jackfrüchte liegen mit ihrer ganzen beschwerlichen Last in der Mitte eines Bootes, drücken es bis an den Rand ins Wasser. Eine Frau sitzt abseits des Treibens, weisser Wasserdampf steigt aus einem Aluminiumtopf aus ihrem Boot, während sie, über das Wasser gebeugt, Kartoffeln schält, langsam fallen die Schalen auf die im Wasser treibenden Wasserhyazinthen.

Männer stehen oben neben ihren kleinen Kajüten, Drachenfrüchte wechseln im Flug ihren Besitzer, Frauen stehen daneben, Geldscheine gehen von einer Hand in die andere, mit flinken Fingern wird gezählt und weitergegeben, was so leicht und doch so schwer wiegt. Gemüseabfälle schwimmen auf der braunen Wasseroberfläche, ein paar Mandarinen werden vom Bug eines Bootes achtlos nach unten gedrückt, um gleich darauf wieder hinter dem Boot auf dem Wasserspiegel zu erscheinen. Ein Vietnamese steht hocherhoben in seinem Boot, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, schaut er sich nach eventuellen Geschäftspartnern um. Vor ihm liegen Massen von Breiäpfeln, gelbe Bananen und gelb-grün gefleckte Melonen ziehen sich wie eine Mauer um die kleinen Früchte.

Wo, wenn nicht hier beim schwimmenden Markt von Cai Rang, kommt dem Begriff Wasserwelt seine wirkliche Bedeutung zu? Wo, wenn nicht hier auf all diesen Booten, inmitten von Bergen aus Obst, Früchten, Gemüse, Fisch und Pflanzen, lässt sich erahnen, was dem Begriff Wasserstrasse am nächsten kommt? Wo, wenn nicht hier zwischen all diesen Menschen des Mekong-Deltas, sieht der Aussenstehende die Bedeutung des Stromes für das Land Vietnam?

Wir nehmen Abschied, unser Boot gleitet weiter. Ein letzter Blick, ein endgültiges Umschauen, bevor wir auf dem Fluss durch kleine verschlungene Kanäle fahren. Unter gar abenteuerlichen Brückenkonstruktionen hindurch verlassen wir den Hauptarm, die armseligen Hütten zu beiden Seiten rücken wieder näher an uns heran. Unter den auf Pfählen stehenden Behausungen kriecht der Mekong hindurch, bis in die entlegensten Winkel streckt er seine wässrigen Finger. Zwei Frauen sitzen am Wasser, rupfen und waschen eine kopflose weisse Henne im trüben Wasser, ein feiner Blutfaden verliert sich lautlos kräuselnd im Wasser.

Hütten und Häuser werden weniger, die üppige Vegetation drängt sich nun wieder mit all ihrer Macht in den Vordergrund. Dichtes Grün an den Flussufern, jede Pflanze, jeder Strauch, jeder Baum ringt verzweifelt um das Vorrecht, sich den besten Platz an der Sonne zu ergattern. Ein weisser Holzzaun leuchtet einsam und verlassen hinter all diesen Grüntönen, ein verlassener Holznachen, vollbepackt mit schweren Reissäcken, schaukelt führerlos am Ufer. Kleine Holzstege führen vom Wasser direkt ins Nirgendwo, links und rechts vom dichten Pflanzenteppich fast bis zur Unkenntlichkeit überwuchert. Eine Bougainvillea leuchtet in kräftigen Farben, ihre lila Farbtupfer heben sich wohltuend gegen den dichten grünen Hintergrund ab. Überall ragen die gefiederten federgleichen Blätter der Nipa fruticans, der stammlosen Nipa-Palmen, aus dem braunen Wasser, wie die Hände Ertrinkender flehen sie um Hilfe, stumm stehen ihre Rufe über dem Wasser, werden übertönt von den Schreien der im hohen Schilf versteckten Wasservögel.

Mekong-Delta bei Can Tho: Brückenschlag Mekong-Delta bei Can Tho: Farbloses Spiegel-Bild Mekong-Delta bei Can Tho: Kontrast-Reich-Tümer Mekong-Delta bei Can Tho: Schwimmende Reis-Kammer

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Fein gewobene Fischernetze spannen sich am Ufer entlang, trennen das feste Grün-braun vom flüssigen Braun-grün. Der beschlagene Spiegel der Wasseroberfläche reflektiert die satte Vegetation, schwächt die Farben ab, die Dreidimensionalität der Pflanzen löst sich auf im zweidimensionalen nassen Wellenbett. Doch selbst dieser Nebenarm des Nebenarms hat wiederum viele kleine Adern, welche sich links und rechts nach ein paar Metern in unergründlichen Tiefen verlieren.

Wir haben unser nächstes Ziel erreicht. Auf verschlungenen engen Pfaden geht es ein kurzes Stück an Bananenpalmen vorbei zu einer Reispapier-Fabrik. In langen Reihen liegt hauchdünnes rundes Reispapier auf Bambusmatten zum Trocknen an der Luft. In einer verrauchten nach allen Seiten offenen Halle stehen Menschen an verschiedensten Apparaten und Maschinen, verbunden durch ein Gewirr aus Schläuchen und Rohren wird Reis mit Hilfe von Wasser zu einem dünnen Brei gemischt. Zwei Frauen rollen diesen zu der typisch runden Form auf, ähnlich wie wir dies von den französischen Crepes kennen. In Sekundenschnelle entsteht unter Hitze Reispapier, welches auf den bereits erwähnten Bambusmatten dann getrocknet wird, durch die das Reispapier auch die Musterung erhält. Banh trang, Reispapier, ist in der Küche Vietnams unerlässlich. Fast jedes Essen lässt sich in Reispapier einwickeln, gegessen wird quasi das Essen mit der Verpackung, vielleicht ein kleiner Tipp für unsere Fastfood-Gesellschaft. Soll noch einer sagen, wir wären fortschrittlich.

Mekong-Delta: Reispapier-Herstellung mit Hilfe der Kombination Mensch-Maschine Mekong-Delta: Die typische Musterung bekommt das Reispapier durch seine Trocknung auf Bambusmatten.

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Zufrieden grunzende Schweine liegen im nahegelegenen Stall, eine alte Frau verkauft zuckersüsse Backwaren. Das Geklapper eines in die Jahre gekommenen Tischfussball-Gerätes, in Österreich sagen wir Wuzler, unterbricht die Stille, nur unterbrochen vom Torjubel der Spielenden. Ein klitzekleines Mädchen sitzt verzückt auf einem Motorroller, pechschwarz schauen kindliche Augen unter einer tiefschwarzen Mähne über den Lenker des verrosteten Zweirades. Früh übt sich im Lande der Mopeds.

Mekong-Delta: Schweine im Weltall? Aber nein! Mekong-Delta: Früh übt sich! Noch früher geht´s allerdings kaum noch!

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Wir müssen weiter, die Zeit drängt uns gnadenlos voran, zwingt uns erbarmungslos in weitere Wasserstrassen. Ein Kanal gleicht dem anderen, die Vegetation herrscht über die Zivilisation, nur unterbrochen von einzelnen notdürftig zusammengehaltenen Häusern, welche sich gegen das Grün der Natur behaupten. Vereinzelt hocken Frauen am Wasser, waschen Wäsche, putzen Gemüse, reinigen Geschirr. Der hohe schlanke, fast weisse Stamm einer Kokospalme thront mit seinem Blätterdach über dem niedrigen dichten grünen Dschungel, neugierig beugt er sich fast narzissenhaft über das Wasser, um kokett sein Ebenbild zu betrachten.

Abgestorbene Äste ragen aus dem langsam fliessenden Wasser, hilfesuchend haben sie sich an unsichtbaren Vorsprüngen im Untergrund festgekrallt, leblos und kraftlos vom vergeblichen Kampf gegen die Naturgewalten. Ein dickes Geflecht aus dunklen Luftwurzeln breitet sich am Ufer aus . Langsam färbt der einsetzende Regen das Dunkel des Holzes noch dunkler. Nass prallt auf Nass, Regentropfen bilden kleine runde Trichter auf dem Wasser, breiten sich langsam in Konkaven aus, um sich mit den Nachbarkreisen zu vereinen. Leise beginnt das Blätterdach zu rauschen, Nadelstichen gleich trommeln die Tropfen auf die staubgrauen Blätter. Kleine Rinnsale bilden sich, langsam verbinden sich die einzelnen Tropfen zu Miniaturbächen auf dem grauen Grün, ziehen eine nasse Spur über die Blattadern, um dann an der Blattspitze zu einem grossen schimmernden Tropfen anzuwachsen. Immer mehr Staub wird abgewaschen und gibt das satte Grün der Pflanzen frei. Nass glänzend liegt die Natur da, umgeben vom nassen Glanz des trägen Flusses.

Doch ebenso schnell schliessen sich wieder die Schleusen des Himmels. Wir wandeln ein weiteres Mal durch einen kleinen Garten Eden und der Himmel beschliesst, seine Tränen noch zurückzuhalten. Üppig, geradezu verschwenderisch empfängt uns die Natur, breitet ihre grünen Arme aus, um uns in Empfang zu nehmen. Orangen wachsen neben Bananen, schwere Jackfrüchte biegen die Äste bis zur Grenze ihrer Belastbarkeit, ohne diese zu brechen. Papayas verströmen ihr süsslichen Aroma, mischen sich mit dem Duft des bunten Blumenmeeres, welches uns, sanft wogend im Hintergrund der Obstplantagen, seine Farbenpracht entgegenschleudert. Eine Affenschaukel, ein abenteuerliches Geflecht aus Bambusstäben, lädt den zivilisationsgeschädigten Besucher ein, sich als Hobby-Abenteurer und Kurzzeit-Eroberer zu fühlen. Auf einem kleinen See schwirren Libellen in waghalsigen Manövern über das Wasser, ihre gläsernen Flügel viel zu schnell für das Auge des Beobachters. Ein dichter Vorhang aus Flechten gibt nur widerstrebend den Blick frei, wer sehen will, muss erst lernen, zu sehen.

So verabschiedet sich der Vormittag unmerklich von uns. Und mit ihm verabschieden sich weitere Reisende. Wieder wird die Gruppe kleiner. Während viele nun endgültig die Rückreise Richtung Saigon antreten, steigen wir in einen kleinen Bus. Weiter durch´s Land, weiter Richtung kambodschanische Grenze. Wir wollen heute noch nach Chau Doc, die Grenzstadt zwischen Vietnam und Kambodscha.

Die Landschaft behält unverändert ihr Gesicht. Der Strasse entlang endlos kleine Hütten, niedrige Häuser, kleine dunkle Behausungen, nur ab und zu vereinen sie sich zu einer kleinen Ansammlung, einer Dorfgemeinschaft. Vor den Häusern sitzen Menschen, spielen Kinder, doch immer geben sie den Blick in das Innere preis, alles ist offen, es scheint, als hätte hier keiner Geheimnisse, vor nichts und vor niemandem. Abseits der befestigten Wege hat sich das Wassser seinen Weg in die Landschaft gegraben, mit Hilfe der Menschen entstanden kleine Kanäle, schmale Wasseradern durchziehen das Land, bewässern die grünen Reisfelder. Der Regen setzt nun wieder ein, setzt sich fest, bindet den Staub der Strassen zu einer roten breiigen Masse.  

Auf halbem Weg, bei Long Xuyen, stoppen wir bei einer Krokodilfarm. Bereits im Eingangsbereich wird offensichtlich, welchen Zweck diese herrlichen Urzeitriesen, diese Relikte einer Vergangenheit haben, einer Zeit, als der Mensch noch nicht an das Herrschen dachte. Macht Euch die Erde untertan! Auch hier schonungslos vollzogen, in Form von Handtaschen, Gürteln, Schuhen aus Krokodilleder. Freigehege mit Dutzenden von Krokodilen, einzig und allein zum Zwecke gehalten, den konsumgeschädigten Homo sapiens grausam zu befriedigen. Ich habe Krokodile in freier Wildbahn in Afrika beobachten dürfen, habe deren faszinierende Körper unter der Äquator-Sonne im feinen Sand der sogenannten Freiheit liegen sehen. Hier liegen sie in Betonbassins, umgeben von Betonmauern, auf hartem Betonboden. Der Himmel schüttet seine Tränen aus, ich weine heimlich mit ihm.

Krokodilfarm bei Long Xuyen: Krokodilstränen

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Weiter, weiter, immer weiter. In nordwestlicher Richtung geht es nun geradeaus, noch einmal beinahe zwei Stunden Fahrt liegen vor uns, bis wir den Berg Sam bei Chau Doc erreichen. Der Regen hat jetzt das Land in Beschlag genommen, tief fliegen die Wolkenfetzen über die Reisfelder, schütten aus, was hier so herbeigesehnt wird. Eigentlich wollten wir bis zur Spitze des Sam-Berges hinaufsteigen, aber die Strassenverhältnisse lassen dies einfach nicht zu. Eingehüllt in dichte Nebelschwaden liegt der Berg Sam, Tempelberg oder auch Krabbenberg genannt, mit seinen nicht einmal 300 Metern Höhe vor uns. Die weite Ebene des Mekong-Deltas mit seinen unendlich grünen Weiten lässt ihn höher erscheinen. Was für den Menschen gilt, gilt ebenfalls für die Natur: Mehr Schein als Sein!

Wir steigen eine steile Treppe hoch, nicht enden wollend, Schritt für Schritt nähern wir uns verspielten Türmchen, Baldachinen mit Drachenmotiven, bunten Erkern, dem Tempelkomplex. Die Anlage wird von zwei grossen Löwen bewacht, aus weit aufgerissenen steinernen Mäulern gebieten sie Respekt vor dem heiligen Ort. Ein Mönch in ockergelbem Gewand steht neben zwei riesigen roten Schalen, mit bedächtigen Bewegungen zupft er Unkraut aus der nassen Erde.

Chau Doc Berg Sam: Wer nach oben will, braucht Geduld! Chau Doc Berg Sam: Gut gebrüllt, Löwe! Chau Doc Berg Sam: In der Ruhe liegt die Kraft

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Wir betreten das Innere des Tempels, barfuss steigen wir die letzten Stiegen hinauf. Ein goldener Buddha lächelt uns glückselig an, heisst uns freundlich “Willkommen”. Göttinnen und Götter stehen still, mit der zum Gruss erhobenen linken Hand, in kostbare bunte Gewänder gehüllt, ruhen sie in kleinen Höhlen, Anbetung erwartend, um Aufmerksamkeit heischend. Phantastische Drachen und an diabolische Seeschlangen erinnernde Fabelwesen mit leuchtenden hellgelben Augen schleudern uns giftige Blitze zu, bewachen den Zugang zu den Göttern. So müssen sich die alten Griechen den Hades der griechischen Antike vorgestellt haben, natürlich ersetzt durch den dreiköpfigen Höllenhund Zerberus.

Chau Doc Berg Sam: Göttlicher Beistand Chau Doc Berg Sam: Vietnamesischer Zerberus

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Eine weitläufige Terrasse bietet einen atemberaubenden Blick aus der Vogelperspektive auf die Weite des Landes. Der Blick führt über Vietnam hinaus, im Hintergrund leuchten in den schönsten Grüntönen die Ebenen Kambodschas. Die Gedanken schweifen ab, der Blick verschwimmt, verschwimmt mit den im Nebel liegenden Hügelketten, gedankenverloren schaue ich durch das Land hindurch, wieder wird die Zeit zur grenzenlosen Dimension, die Sekunden stossen an die sanften Erhebungen des Nachbarlandes, werden sanft zurückgeworfen, um sich wieder auf der Terrasse zu sammeln. Baumgruppen in der Ebene deuten den Verlauf des Wassers an, wie kleine Oasen stehen sie über den hängenden Köpfen der im Wasser stehenden Reispflanzen. Wasserlachen stehen auf den Feldern, kleine Wassergräben schneiden sich unregelmässig durch den grünen Boden.

Chau Doc Berg Sam: Atemberaubend Chau Doc Berg Sam: Blick nach Kambodscha

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Wir wandeln durch die Tempelanlage, ein friedlicher Steingarten mit Bonsaibäumen reflektiert die Stille und Andacht der heiligen Stätte. Oleander wächst in blauen Keramikschalen, leise plätschern Wasserspiele vor sich hin. Porzellan-Elefanten stehen mit erhobenem Rüssel in schmalen Nischen, daneben Drachen mit weit aufgerissenen Augen. In einem kleinen Teich schwimmen bunte Koi-Karpfen, der Wasserspiegel gibt kräuselnd die Bewegungen ihrer Flossen wieder. Die hexagonalen Flächen der über dem Wasser stehenden Steinmauer spiegeln sich, bis tief zum Grund des Teiches laufen sie senkrecht an der Mauer entlang nach unten, bis sie sich dem Blick des Betrachters entziehen, um auf den Grund des Teiches zu tauchen. Ein junger Mönch geht eine Treppe hinunter, sein kindliches Gesicht lächelt still unter seinem kahlgeschorenen Haupt.

Chau Doc Berg Sam: Steingarten mit Bonsaibäumen Chau Doc Berg Sam: Grosser kleiner Mönch Chau Doc Berg Sam: Keramiken, Abbilder der Natur und unserer Phantasie

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Wir ziehen unsere auf der Haupttreppe zurückgelassenen Schuhe an, gleichzeitig streifen wir die Ruhe von uns ab. Schuhe bedeuten Wanderschaft, Schuhe symbolisieren Un-Ruhe, Schuhe stehen für Fort-Schritt. Und so kehren wir dem Tempel den Rücken, steigen wieder hinunter, lassen die Mönche zurück mit all ihren Göttern, Fabelwesen und glühenden Augen in tiefen dunklen Höhlen.

Ein Mann kommt uns entgegen, langsamen Schrittes steigt er die Treppe nach oben, bittet auf gleicher Höhe mit uns um eine Zigarette, drei Stück nimmt er natürlich noch freudiger entgegen. Eine Kokosnussmilch am Fusse des Berges Sam, trinken bis zur Neige. Auf meine Bitte zerteilt sie eine junge Frau mit einem einzigen Hieb, gibt das weisse junge Fleisch frei, welches wir mit einem Gemeinschaftslöffel, welcher von Hand zu Hand wandert, von der Innenfläche der grünen Außenschale schaben.

Die Zeit wird nun wieder elementar, ein Blick auf die Uhr zeigt beinahe 18:00 Uhr. Wir kommen in Chau Doc bereits bei Dunkelheit an. Der Rucksack wiegt schwer, die Füsse ebenso. Und doch machen wir noch einen kleinen Spaziergang über den nahe gelegenen Markt des Ortes. Doch anders wie in Saigon und auf den Märkten herrscht hier nach Sonnenuntergang Ruhe. Die meisten Marktstände und kleinen Geschäfte sind bereits zu, nur noch vereinzelt hoffen einige auf zahlende Kundschaft. Also lassen wir uns auf kleinen Plastiksesseln an der Strasse nieder, essen unter den neugierigen Blicken eines Cyclo-Fahrers, zu welchem sich noch zwei weitere Kollegen gesellen und treten bald den Rückzug in unser Hotelzimmer an.

Durch einen Hinterhof gelangen wir in die Küche unserer Gastgeber, eine prachtvolles Exemplar mit dem lateinischen Namen Rattus rattus, bei uns auch bekannt als Hausratte, kreuzt unseren Weg, verschwindet hinter einem kleinen Kasten voller Geschirr, wünscht uns noch schnell im Vorbeihuschen eine gute Nacht. Meine Frau denkt sich ihren Teil, während ich mir denke: “Hm, Essen kommt hier aber frisch auf den Tisch!” Dieser Satz sollte sich noch bewahrheiten, aber dazu in meinem nächsten Bericht mehr. Bis dahin wünscht Ihnen Paul, der Rattenfänger ebenfalls eine gute Nacht und schliesst mit den schon bekannten Worten: Fortsetzung folgt! 

11.3.2010

Von Saigon nach My Tho

Abgelegt unter: Reisen — Paul Boegle @ 00:54

18.01.2010 Auf staubigen Strassen in die Reiskammern Vietnams

Es ist soweit, endlich! Wir verlassen Saigon, machen uns auf, in das oft gehörte, im Fernsehen vielfach bestaunte, sehnsüchtig erwartete, heiß ersehnte Mekong-Delta. Was wird uns erwarten? Wasser? Mit grosser Wahrscheinlichkeit. Was sonst? Lassen wir uns überraschen.

Wieder einmal besteigen wir einen jener Open Tour Busse. Mit uns reisen Menschen aus aller Herren Länder, holländisch, französisch, englisch natürlich, deutsch, spanisch, möglicherweise aber auch portugiesisch, ein babylonisches Sprachgewirr hebt an im Reisebus. Unser erstes Ziel lautet My Tho, ca. 80 Kilometer südwestlich von Saigon gelegen, die größte Stadt am nördlichsten Flußarm des Mekong.

Wie schon auf unserer ersten Etappe am 16.01., welche uns aus Saigon hinaus führte (siehe Vietnam - zwischen Kultur und Krieg sowie Cao Dai Tempel und Cu-Chi Tunnel), fahren wir auf staubigen Strassen unter Dauerhupen und waghalsigen Überholmanövern in uns unbekannte Gefilde. Die Gespräche im Bus werden leiser, verstummen irgendwann unmerklich, bis sich nur noch das monotone Motorengeräusch des Busses im Inneren breitmacht. Die Silhouette Saigons ist schon lange im Zivilisationsdunst verschwunden, das Land gibt endlich ein anderes Gesicht preis.

Tiefgrüne Felder säumen die Strasse zu beiden Seiten, je weiter wir uns in das Landesinnere bewegen. Einzelne Menschen stehen in gebückter Haltung auf den Feldern, verloren wirken sie inmitten der riesigen grünen Wogen aus Reispflanzen. Abenteuerliche Brücken verbinden die einzelnen kleinen Kanäle miteinander, das Wasser gewinnt langsam die Oberhand. Entlang der Strasse grössere Wasseradern, auf denen sich die Menschen in Booten vorwärtsbewegen. Immer wieder durchfahren wir kleine Ortschaften, in denen die Zeit eine nur untergeordnete Rolle zu spielen scheint. Die Zeit ist hier nicht stehengeblieben, aber sie bewegt sich nicht mit dieser unerbittlichen Härte vorwärts, wie wir sie aus unserem von Terminen und Hektik durchwobenen Alltag kennen.

Mekong-Delta: Die unendlich grüne Reiskammer Vietnams

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Mausgraue Esel, die Hufe vom rötlichen Staub der Erde bedeckt, stemmen sich störrisch gegen jene unsichtbaren Mahlsteine des Fortschritts, schreiten selbst fort mit trippelnden Bewegungen, ziehen zweirädrige hölzerne Wagen mit Ladungen von Kokosnüssen, Ananas, Holz oder Ziegelsteinen. Alte Frauen sitzen am Strassenrand, unter ihren Strohhüten blicken sie uns aus faltenreichen Gesichtern, mit zahnlosen Mündern, unbewegt nach.

Wir erreichen My Tho. Nach etwa zwei Stunden Fahrt, vielleicht waren es auch drei, wer weiss schon genau, in welchen Strömen sich die Zeit mit uns weiterbewegt hat, stehen wir zum ersten Mal am Mekong, dem neunköpfigen Drachen. Hier, im Mekong-Delta, wird der Mekong (vietnamesisch Sông Mê Kông oder Sông Lớn), die “große Mutter” oder “Mutter des Wassers” zu Sông Cửu Long, dem Neun-Drachen-Fluß.

Breit und träge liegt der Mekong vor uns. Wasserpflanzen klammern sich verzweifelt mit unsichtbaren Fingern auf der schmutzig braunen Wasseroberfläche fest, um nicht vom langsam dahinfliessenden Strom in das südchinesische Meer fortgespült zu werden. Den Wasserpflanzen gleich treiben die schwimmenden Boote der Flussbewohner auf dem Mekong, leise plätschern die Wellen gegen die Wände aus Wellblech. An den beiden Uferstreifen stehen dicht an dicht Pfahlbauten der Fluss-Bewohner, Nipa-Palmen strecken ihre grünen Blätterfächer in den wolkenverhangenen Himmel, wie kleine grüne Kathedralen wirken ihre hohen schlanken Stämme mit dem dicht gefiederten Blätterdach. Sampans, randvoll beladen mit allen Arten von Waren, überqueren geschäftig den Mekong, versorgen die Menschen von My Tho mit Gütern der Mekong-Inseln.

Mekong-Delta: Auf Einkaufstour Mekong-Delta: Heute hier, morgen dort Mekong-Delta: Nahe am Wasser gebaut Mekong-Delta: Wasserspiele

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Fischerboote durchpflügen mit ausgeworfenenen Netzen den Fluss, auf der Suche nach Riesenwels und Elefantenohrfisch. Bunt schaukeln die Boote auf beiden Seiten des Ufers. Menschen sitzen am Flussufer, liegen in Hängematten, waschen sich im Fluss, beobachten den Fluss, treiben auf dem Fluss. Das Leben der Menschen spielt sich am Mekong, auf dem Mekong, im Mekong ab. Die Menschen leben am Fluss, auf dem Fluss, neben dem Fluss, im Fluss, vom Fluss und mit dem Fluss. Der Mekong ist Nahrungsquelle, Transportweg, Bewässerungsanlage, touristische Attraktion. Der Mekong bietet der heimischen Fauna Schutz und Nahrung, er ist Brutstätte für unzählige Wasservögel.

Mekong-Delta Schildkröten-Insel: Elefantenohrfisch, eine herrliche Delikatesse

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Unser Sampan bringt uns in gemächlicher Fahrt nach Ben Tre. Vorbei geht die Fahrt an Con Phung, der Phoenix-Insel, auf welcher surreale Skulpturen zu sehen sind. Erbauer war Ong Dao Dua, der Kokosnuss-Mönch. Ong Dao Dua war auch Begründer der Thin Do Cu Si, einer Mischung aus christlicher und buddhistischer Religion, welche er in einer langen Meditationsphase am Sem-Berg bei Chau Doc (wird noch im einem eigenen Artikel behandelt) ersann. Die Legende besagt, daß der Kokosnuss-Mönch seinen Namen daher hat, daß er sich in einer drei Jahre andauernden Meditation nur von Kokosnüssen ernährt haben soll. Der Betrachter erblickt vom Fluss aus in einem Kreis stehende gold-blaue Drachensäulen und verschiedene Gebilde, die einerseits an Raketen-Abschussrampen erinnern, andererseits aber auch an den Wiener Prater mit seinen Hochschaubahnen denken lassen. Natürlich haben die Bauwerke eine andere Bedeutung. Die neun Drachensäulen symbolisieren die neun Hauptarme des Mekong, während die Plattform der Abschussrampe dem Kokosnuss-Mönch als Ort der Meditation diente.

Mekong-Delta Phoenix-Insel: Die Insel des Kokosnuss-Mönchs Mekong-Delta Phoenix-Insel: Die seltsamen und geheimnisvollen Bauwerke des Kokosnuss-Mönchs

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Neben Con Phung, der Phoenix-Insel sind noch drei weitere Inseln rund um Ben Tre erwähnenswert. Auf Con Tan Long, der Drachen-Insel sind die berühmten Bootsbauer des Mekong-Deltas zuhause, hier gehen Bienenzüchter ihrer Beschäftigung nach, eingebettet in Bananen-, Kokosnuss- und Breiapfelplantagen. Vom Wasser aus schimmert die Küstenlinie der Dracheninsel weiß. Von der Sonne ausgebleichte Muscheln, welche den Strand gegen das Ausspülen durch den Mekong bei Hochwasser schützen sollen, geben der Insel diesen verführerischen Glanz.

Con Qui, die Schildkröten-Insel wiederum ist bekannt für Bananenschnaps. Con Qui ist das jüngste der vier Eilande, entstanden aus den abgelagerten Sedimenten des Mekong, welche dann mit Hilfe angepflanzter und im Laufe der Zeit verwurzelter Mangrovenwäldern befestigt wurden. Wer auf der Schildkröten-Insel wandelt, wird sich unweigerlich an den Garten Eden erinnert fühlen. Ananas, Kokosnuß, die riesige unförmige Jackfrucht, die kleine stachelige Longanfrucht, Mango, Papaya, Drachenfrucht wechseln sich in unüberschaubarer Zahl ab. Verschwenderisch leuchten die Farben der Früchte im leuchtenden saftigen Grün der Obstbäume.

Mekong-Delta: Der Garten Eden Mekong-Delta: Holzköpfe

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Unser Sampan legt an einem Holzsteg der Schildkröten-Insel an. Verwunschen liegt das Land inmitten von Palmen, der zugewucherte grüne Küstenstreifen mit seiner dicken Schlammschicht gibt den Blick nur zögernd, zögerlich auf das Innere der Insel frei. Ein Wasserbüffel liegt mit seinem massigen schwarzbraunen Körper unter schattenspendenden Palmen, streunende Hunde treten unschlüssig ihren Rückzug an. Die kleine Ansammlung aus Wellblechhütten und notdürftig zusammengezimmerten Holzhütten liegt verschlafen und leblos inmitten der immergrünen Landschaft. Eine schmale asphaltierte Strasse schlängelt sich durch den Ort, auf beiden Seiten vom Zahn der Zeit angefressen.

Mekong-Delta: Auch ein Wasserbüffel braucht mal eine Pause Mekong-Delta Schildkröten-Insel: Abseits der Zeit Mekong-Delta Schildkröten-Insel: Verlassen-schaf(f)t

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Ein schmaler Fussweg führt an orange leuchtenden Ziegelsteinmauern vorbei, in der undurchdringlichen Wildnis rechts und links des Pfades warten schlafende Steingräber auf die Unendlichkeit. Welke Blätter liegen auf den Grabplatten, grün-braune Moosflecken haben sich auf dem verwitterten Stein breitgemacht, während sich die Natur die von Menschenhand geschaffenen, mit Menschenhänden gefüllten Sarkophage unmerklich, Millimeter für Millimeter zurückerobert. Kokospalmen schützen die Gräber vor allzu neugierigen Blicken, die grünen Früchte der Bäume hängen schwer in den Verzweigungen der Palmwedel, während Spinnen ihre zarten Netze unterhalb der Kokosnüsse gewoben haben, als ob sie den Wanderer vor deren Herabfallen schützen wollen.

Mekong-Delta: Kokosnüsse mit Netz und doppeltem Boden Mekong-Delta: Natürliche Ruhe, ruhelose Natur

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Wir schauen Arbeiterinnen zu, wie sie in Handarbeit aus dem Fruchtfleisch der Kokosnüsse den Saft herauspressen, um diesen dann zuerst mit Zucker zu vermischen, diese klebrige Masse wird erhitzt und anschliessend getrocknet. Danach werden die Stränge mit scharfen Macheten in kleine Stücke zerteilt, mit Reispapier umwickelt und fertig sind köstliche Kokosnuss-Bonbons. Die schlichten Holzregale sind mit Gürteln, Geldbörsen und Schuhen aus Krokodilleder gefüllt. Kleine Flaschen mit einer bräunlichen Flüssigkeit geben ein, zumindest für mich, unschönes Geheimnis preis. Kobrawein, eine junge Kobra, welche in Reisschnaps eingelegt wurde, soll dem Manne seine Potenz stärken. Nun gut, wo Touristen sind, da müssen eben Tiere ihr Leben lassen, scheusslich, aber anders als mit diesen lapidar dahingeschriebenen Worten lässt es sich eben nicht sagen, von Änderung will ich hier dementsprechend gar nicht schreiben. Doch erwarten Sie bitte im folgenden nicht von mir, dass ich Ihnen irgendwelche Fotos über besagte Dinge anbieten kann. Der Grund? Alles muss man nicht für die digitale Ewigkeit bannen.

Mekong-Delta Schildkröten-Insel: Auspressen des Fruchtfleisches der Kokosnüsse Mekong-Delta Schildkröten-Insel: Herstellung von Kokosnuss-Bonbons in Handarbeit Mekong-Delta Schildkröten-Insel: Arbeiterinnen bei der Herstellung von Kokosnuss-Bonbons

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

So verging der Vormittag wie im Fluge. Unsere Bootsreise führt uns weiter. Wir streben Con Tan Long, der Drachen-Insel zu. Wer sich bereits auf der Schildkröten-Insel im Garten Eden wähnte, wird von den Longan-Gärten auf der Drachen-Insel förmlich aufgesaugt.

Durch kleine brackig-braune enge Kanäle, die Ufer zu beiden Seiten mit dem kostbaren Schlamm des Mekong glitschig matschig zähflüssig breiig, geht es durch die Mangroven. Die Böschungen sind mit Nipa-Palmen bewachsen, tief tauchen ihre Blätter in das gelblich-braune Wasser, werden von den Blattstielen verzweifelt festgehalten. Ihre fleischigen mit getrocknetem Schlamm bedeckten Stengel wachsen durch die trübe Wasserhaut, verjüngend und schmaler werdend streben sie nach oben, zum Licht hin, um sich über unseren Köpfen zu einem endlos gezahnten grünen Blätterdach zu vereinen. Mit ruhigen Bewegungen ihrer Paddel entführen uns die Einheimischen in die Tiefen der Sümpfe, die Breite des Mekong reduziert sich hier, in den Kanälen der Mangroven, auf wenige Meter. Die Weite des mächtigen Flusses verschwindet abrupt hinter unberührter Wildnis, Grenzen rücken in Form schmutziger Böschungen an das enge Boot heran.

Mekong-Delta: Zeitreise Mekong-Delta: Grüne Nipa-Palmen-Kathedrale Mekong-Delta: Stacheln im Fleisch

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Schneeweiß heben sich die gefiederten Körper von Gänsen gegen den schlammigen Hintergrund ab, während tiefschwarze Schmetterlinge lautlos in schnellen Zickzack-Bewegungen über die Wasseroberfläche gleiten, um sich auf knallroten Blüten niederzulassen, um die zarten Körper mit dem so lebenswichtigen Nektar vollzupumpen. Lautlos gleiten ärmliche Hütten an uns vorüber, schamhaft ducken sie sich hinter den Palmen, um nichts über ihr karges Dasein dem fremden flüchtigen Besucher mitteilen zu müssen. Kleine flache Holzboote liegen vertäut am Ufer, blaue rote länglich schlanke Körper, die eine Hälfte auf der ansteigenden Uferböschung liegend, während sich der Bug fordernd in das nasse Element drängt.

Mekong-Delta: Gestrandet Mekong-Delta: Gänse-marsch!

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Wir wandern durch Obstplantagen, ich pflücke mir einen Breiapfel, Bienenzüchter gehen ruhig ihrer Tätigkeit nach. Strohhütten stehen am Wegesrand, windschief eckig kantig rund asymmetrisch, vom Wind zerzaust, vom Regen aufgeweicht, von der Sonne ausgedörrt. Die Stille legt sich anfangs wie eine schwere Last auf meine Schultern, ungewohnt schlängelt sich die Ruhe um meine Beine. Hören wird plötzlich spürbar, jedes noch so leise Geräusch entwickelt sich nun zu einer fühlbaren Erfahrung. Zeit fliesst träge dahin, strömt warm und bedächtig, bildet kleine Strudel, durch welche sich bunte Tagfalter hindurchzwängen. Kleine Zeitsteine liegen am Wegesrand, bilden Zeitmauern, welche uns gegen die Zivilisation abschirmen. Zeit-Stille, stille Zeit. Zeit-los, lose Zeit.

Mekong-Delta: Windschief, eckig, kantig, rund, asymmetrisch Mekong-Delta: Verkehrte Welt?

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Es ist schwierig, die Eindrücke, Empfindungen, Gedanken und das Erlebte wiederzugeben. Es ist eigentlich unmöglich, die richtigen Worte zu finden, die Impressionen des Mekong-Deltas in die dafür notwendigen Sätze zu fassen, die Gefühle in Satzkonstruktionen zu pressen. Doch dies soll auch nicht meine Intention sein. Augenblicke geniessen, Augenblicke festhalten, Augenblicke wiedergeben, manchmal alleine, aber meistens zu zweit.

Mekong-Delta: Im Bild Mekong-Delta: Quo vadis?

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Ich lasse Sie nun, zum Abschluss unseres ersten Tages im Mekong-Delta, mit einigen Impressionen alleine. Schauen Sie sich die Bilder in Ruhe an, entspannen Sie und träumen Sie vielleicht von der grossen Mutter Mekong, dem Sông Mê Kông. Und sollten Sie sich selbst einmal auf einem der neun Arme des Sông Cửu Long, des Neun-Drachen-Flusses befinden, lassen Sie ihn mir schön grüssen.

Mekong-Delta: Pro und contra Mekong-Delta: Schwimmendes Haus Mekong-Delta: Dreigestirn Mekong-Delta: Am grossen Fluss Mekong-Delta: Ins Netz gegangen Mekong-Delta: Abend in Can Tho

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Wir sehen uns demnächst wieder, in Can Tho, der Provinzhauptstadt des Mekong-Deltas. Denn dort werden wir unsere erste Nacht verbringen. Bis dahin schwimmen Sie mit der Zeit, Ihrer ganz persönlichen Zeit. Und vor allem: Nehmen Sie sich Zeit, so viel Sie wollen. Denn wir haben nicht unbegrenzt davon, teilen Sie sich diese kostbarste Ressource deshalb gut ein. Aber teilen Sie auch Ihre Zeit, so wie ich sie mit der allerbesten Ehefrau der Welt im Vietnam teilen durfte und hoffentlich noch lange teilen darf.

Bis dahin sage bzw. schreibe ich wieder einmal: Fortsetzung folgt. Es grüsst Sie der Teil-Zeitler und Zeit-Teiler.

Paul Bögle

8.3.2010

Vietnam Bilder

Abgelegt unter: Reisen — Paul Boegle @ 22:04

Warum diese Perspektiven?

Das nun folgende soll für alle bereits veröffentlichten Artikel und die noch im Verborgenen schlummernden geistigen Ergüsse zu meinem Fortsetzungsroman “Der Süden Vietnams”, Sie können sich selbstverständlich auch einen geeigneteren Titel wählen, Allgemeingültigkeit haben. Im Zuge dessen kann ich auch gleich die Gelegenheit nutzen, die bereits veröffentlichten Reiseberichte zu Vietnam 2010 in chronologischer Reihenfolge aufzuführen, bevor ich zu den den Artikeln zugrundeliegenden Bildern Stellung nehme.

Good morning, Vietnam

Phu Quoc - Abendstimmung

Saigon - erste Gehversuche

Saigon - oder Ho Chi Minh City?

Saigon River

Saigon - mit dem Cyclo zur Jadekaiser-Pagode

Vietnam - zwischen Kultur und Krieg

Cao Dai Tempel und Cu Chi-Tunnel

Saigon - rund um Cholon

Saigon: Die Pagoden in Cholon

Von Saigon nach My Tho

Can Tho, die schwimmenden Märkte von Cai Rang, Krokodilstränen und der Berg Sam

Chau Doc - Wasserspiele und Wasserhyazinthen

Saigon - der erste Abschied

Phu Quoc - paradiesische Zustände

Es gibt sicherlich mehrere Möglichkeiten, nein es gibt unendlich viele Wege, seine Reiseerinnerungen zu Papier, oder wie in diesem Falle, zu elektronischem Papier zu bringen. Und genauso verhält es sich auch mit den sogenannten Urlaubsfotos. Manch eine(r) versteht es, Gebäude, Sehenswürdigkeiten, Strassenzüge oder sonstige Erinnerungen so festzuhalten, dass diese nur im Ganzen den Zusammenhang des Fotografierten wiedergeben. Andere wiederum, und zu dieser Spezies möchte ich mich zählen, begeben sich viel lieber auf Entdeckungstour beim Fotografieren.

Meine Intention besteht weniger darin, die besuchten Orte, Tempel, Pagoden und sonstigen örtlichen Gegebenheiten in ihrer Ganzheit wiederzugeben, sondern mir spannende Details herauszunehmen, um diese aus dem Zusammenhang gerissen darzustellen. Sie werden selbstverständlich auch Frontalansichten bzw. komplette Gebäude in den verschiedenen Reiseberichten zum Vietnam finden, jedoch sollen diese mehr Wiedererkennungswert als Unterhaltungswert haben. Sollte sich die eine oder der andere Reiselustige nach Saigon oder andere aufgeführte Orte im Süden Vietnams einmal verirren, möge sie/er sich vielleicht die schon einmal auf meinem Blog gesehenen Bilder ins Gedächtnis rufen, um eine  Erinnerung damit verknüpfen zu können.

Da aber die meisten Sehenswürdigkeiten sowieso bereits im grossen weiten unerschöpflichen unergründlichen unüberschaubaren Medium Internet zu finden sind, sehe ich keine Notwendigkeit, diese Bilder auf ein Neues zu präsentieren. Vielmehr sind es eben kleine Details, winzige Puzzleteile, unwiederbringliche Momente und nicht mehr in dieser Form vorkommende Augenblicke, welche für mich den Reiz der Wiedergabe ausmachen.

Meine geneigte Leserschaft möge es mir deshalb als lässliche Sünde verzeihen, dass ich mich auf das Kleine im Großen konzentriere und nicht immer das präsentiere, was gemeinhin als Urlaubsfoto angesehen wird. Aber wie bereits geschrieben, diese Fotos finden sich zuhauf im Internet.

So, und nun begeben wir uns endlich in das unbeschreibliche, ich versuche es natürlich trotzdem, Mekong-Delta.    

läuft stressfrei mit WordPress ( WordPress.de )