Cao Dai Tempel und Cu-Chi Tunnel


16.01.2010: Nördlich von Saigon

Es ist ca. 11:00 Uhr. Wir haben gemeinsam mit unserer kleinen Reisegruppe das erste (offizielle) Ziel für heute erreicht, nachdem wir die Handicapped Handicraft Factory hinter uns gelassen haben. Unter strahlend blauem Himmel präsentiert sich der Cao Dai Tempel. 1926 entstand diese sehr junge Glaubensrichtung, der sogenannte Caodaismus, dessen Zentrum eben hier, in Tay Ninh, liegt.

Cao Dai Tempel: Auf dem Weg zur Arbeit

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

„Cao Dai“, übersetzt als „grosses Gebäude“ oder „grosser Palast“, möchte den Glauben des Caodaismus als Glaubensrichtung verstanden wissen, unter dessen Dach sich die grossen Weltreligionen Katholizismus, Buddhismus, Hinduismus und Konfuzianismus und andere Religionsgemeinschaften vereinen. Desweiteren wird der Caodaismus noch vom Glauben alter Naturvölker bereichert, die Elemente Ahnenverehrung, Seelenwanderung oder Geisterbeschwörung finden ebenfalls Eingang in den Caodaismus. Ein weiteres typisches Merkmal des Caodaismus ist das überall sichtbare allessehende göttliche oder heilige Auge, Symbol für den allumfassenden Gott, welcher über die Taten und Handlungen der Gläubigen wacht und für Wissen und Weisheit steht.

Die Anhänger des Caodaismus, die Caodaisten, sehen in Ngoc Hoang Thuong De, dem schon erwähnten Jadekaiser (siehe Saigon – mit dem Cyclo zur Jadekaiser-Pagode) den Initiator für jenen Glauben, welcher im Vietnam jedoch nur eine sehr untergeordnete Rolle spielt.

Cao Dai Tempel: Das göttliche allessehende AugeUmso beeindruckender ist jedoch der Cao Dai Tempel. Natürlich nur, wenn man Bauwerke im Disneyland-Stil mag. Leuchtendes Rosa und helle Gelbtöne bestimmen das Cao Dai Tempel: Maitreya-BuddhaÄussere des Cao Dai Tempels, ein schwebender Maitreya-Buddha auf der Frontfassade, reich verzierte Dachtraufen aus geschnitzten Lotos-, Schlangen- und Drachenmotiven, Buntglasfenster, aus welchen den Betrachter immer und immer wieder das heilige Auge anblickt, lassen den Himmelstempel als Sammelsurium europäischer und asiatischer Architektur erscheinen. Wer den Cao Dai Tempel nun vielleicht sogar mit einer Bonbonfabrik assoziiert, warum nicht?

Cao Dai Tempel: Grosse GebetshalleIm Inneren wirkt die langgestreckte Gebetshalle, in welcher sich viermal am Tag die weissgewandeten Gläubigen zum Gebet versammeln, mehr als kunstvoll gestaltetes Museum denn als Versammlungsort für Gläubige. Die farbenprächtige neunfach unterteilte Gebetshalle, welche die neun Stufen zum Himmel symbolisieren sollen, wird von einer sternenbedeckten und wolkenbemalten blauen Kuppel überspannt, jenes heiß ersehnte Ziel für jeden Caodaisten, die Ankunft im Himmel. Säulen mit unzähligen Drachen, der Globus hinter dem Hauptaltar mit dem riesigen aufgemalten allessehenden göttlichen Auge, die hinter dem Altar stehenden Statuen von Buddha, Jesus und Konfuzius vereinen sich zu einem bunten Gesamtkunstwerk, hinter dem man als Außenstehender allerdings das Gefühl von Andacht, Gläubigkeit und Religion verliert.

Ein Wandgemälde im oberen Eingangsbereich des Cao Dai Tempels stellt jene drei Männer dar, welche das dritte Bündnis mit Gott unterzeichnen. Der vietnamesische Dichter und Gelehrte Nguyen Binh Khiem, der chinesische Politiker und Revolutionsführer Sun Yat Sen sowie der französische Schriftsteller Victor Hugo setzen das fort, was seinerzeit Mose und später Jesu mit den ersten beiden Bündnissen begann. Und unterhalb, im eigentlichen Eingangsbereich, betreten die Gläubigen den Tempel zum Gebet. Cao Dai Tempel: Drachenkopf-Detail in der grossen GebetshalleLinks strömen die Frauen hinein, von rechts kommen die Männer und das mittlere Tor ist natürlich den in rote, gelbe und blaue Gewänder Cao Dai Tempel: Weissgekleidete Frauen auf dem Weg zum Gebetgekleideten Priestern vorbehalten. Diese verschiedenen Farben des Caodaismus tragen dieser Universalreligion Rechnung, manche Berichte bezeichnen den Caodaismus auch als Sekte, welche ca. zwei Millionen Anhänger hat. Sei es, wie es sei, die Dienerinnen und Diener sind, wie bereits erwähnt, weiß gekleidet, während sich rot gekleidete Gläubige als höhere Ränge des Konfuzianismus dem Außenstehenden zu erkennen geben. Blau wiederum bedeutet, es handelt sich hierbei um Anhänger des Taoismus und wenn Sie einen in gelbes Gewand gehüllten Gläubigen vor sich haben, wissen Sie, dass dann dem Buddhismus gehuldigt wird (siehe auch z.B. Cao Dai: Sekte oder Religion?).

Cao Dai Tempel: Beginn der ZeremonieIch möchte nun nicht noch ellenlang über den Cao Dai Tempel schwadronieren. Zum einen müssen wir schließlich weiter und zum anderen werden viele meiner Leser meine Einstellung zum Überirdischen bereits zur Genüge kennen, wobei ich hierbei selbstverständlich der römisch-katholischen Kirche nicht den gebührenden Platz widmen kann, Cao Dai Tempel: Buddhist auf dem Weg zum Gebetaber dies ist nun einmal keine Zur-Schau-Stellung meines unglaublichen Atheismus, welch Wortwahl, unglaublich und Atheismus im Verbund, sozusagen schon die höheren Weihen atheistischen Fehlverhaltens (siehe z.B. auch: Franz von Assisi) sondern einzig und allein ein Reisebericht über Vietnam.

Wir verlassen also den Cao Dai Tempel und machen uns auf den Weg zu den Cu-Chi Tunnelsystemen, jenen unterirdischen und händisch gegrabenen Tunneln, welche der Vietcong im Vietnamkrieg benutzte, um die US-Armee mit seiner Guerilla-Taktik zu zermürben. Hunderte Kilometer von Tunneln im Erdreich, gegraben von vietnamesischen Bauern, schützten die Soldaten des Vietcong vor den Bombenangriffen der US-Amerikaner. Angelegt als mehrstöckige Anlagen beinhalteten die Tunnel Küchen, Schlafräume, Lazarette, Munitionsdepots, Feuerstellungen und Luftschutzbunker, welche in den tiefsten Schichten des Erdreichs lagen und Schutz vor den Angriffen der feindlichen Armee boten. Notausgänge unter Wasser machten eine Flucht aus den Tunneln mit Hilfe von Schnorcheln aus Bambus möglich, falls sich amerikanische Soldaten, sogenannte Tunnelratten (siehe z.B. Menschliche Maulwürfe), in die mit Sprengfallen ausgestatteten Tunnel wagten. Klaustrophobische Zustände in den engen und schmalen Tunneln, giftige Insekten und Spinnen, die unbekannte Finsternis sowie die fehlende Unterstützung „von oben“ machten den Kampf der Tunnelratten zu einem unmöglichen Unterfangen. Selbst das Wissen um die Cu-Chi Tunnel half den Amerikanern nicht, diese weitverzweigte unterirdische Welt auf Dauer zu infiltrieren. Der Einsatz von Infrarotlicht, Spürhunden und selbst Stethoskopen waren im Kampf gegen den Vietcong zu großen Teilen wirkungslos, alle Bemühungen der amerikanischen Armee war zum Scheitern verdammt.

Cu-Chi Tunnel: Quo vadis?Erst mit dem Einsatz der B52-Bomber und dem Abwurf von 300 bis 400 Kilo-Bomben gelang es, Krater von entsprechender Tiefe in die Tunnelsysteme zu reissen. Doch zu diesem Zeitpunkt hatten die Tunnel bereits ihren Zweck erfüllt, Amerika war zum Rückzug aus dem Vietnam entschlossen.

Der Beginn der Besichtigung der Cu-Chi Tunnel beginnt mit einem Einführungsvideo, auch hier wieder natürlich aus Sicht des Cu-Chi Tunnel: Leben der VietcongVietnams. Ein 3D-Modell der Tunnelsysteme macht anschaulich, wie sich der Vietcong in den Cu-Chi Tunneln einrichtete und bewegte. Danach geht es durch einen Laub- und Bambuswald vorbei an den Eingängen der Tunnelsysteme, für westliche Besucher mit westlichen Körpern unvorstellbar kleine Luken und Öffnungen, zugänglich nur für die kleinen Vietcong-Kämpfer. Nachgebaute Sprengfallen, wie sie während des Vietnamkrieges zum Einsatz kamen, machen deutlich, wie sich der Vietcong gegen die US-Amerikaner verteidigte. Nicht Töten war das Ziel des Vietcong. Verletzen, Schrecken verbreiten, die Verletzten zur dauernden Last des Feindes machen. Die Reste eines Huey-Hubschraubers säumen den Weg, Cu-Chi Tunnel: Vietcong-FalleBombenkrater, von Unkraut überwuchert, zeugen von der Vergangenheit dieses sogenannten eisernen Dreiecks rund um die Cu-Chi Tunnel. Das undurchdringliche Grün des Waldes lässt erahnen, wie sich die amerikanischen Soldaten gefühlt haben müssen, während irgendwo im Hintergrund rhythmisches Schiessen zu hören ist.


Immer wieder wird die Stille des Waldes von den Schüssen am nahen Schiessstand unterbrochen. Ich muss es leider in aller Deutlichkeit sagen. Wir haben den Vietnam als eines unserer bisher schönsten Reiseziele kennengelernt, unzählige nette und vor allem hilfsbereite Vietnamesen haben unseren Weg gekreuzt, aber der Schiessplatz bei den Cu-Chi Tunneln ist der Gipfel der Geschmacklosigkeit. Für umgerechnet einen Dollar pro Schuss kann man sich hier Munition kaufen und an aufgebauten Gewehren, wie sie wahrscheinlich während des Vietnamkrieges benutzt wurden, zum selbsternannten Rambo küren. Ich kann die Funktionsweise des Schiessstandes nicht beschreiben, da wir außerstande waren, diesen eines einzigen Blickes zu würdigen.

Aber dieses gehörte Erlebnis, dieses furchtbare Zerfetzen der Stille, jenes zufriedene Grinsen der vom Schiessen Zurückkommenden, das Warten auf den nächsten Schuss, welcher zwischen den Bäumen lange noch nachhallt, diese Hässlichkeit des unsichtbaren Tötens, dieses grausame Echo war von solch grausamer Intensität, von einer unbeschreiblichen gegenwärtigen Traurigkeit innerhalb einer Vergangenheit voller menschlicher Abgründe, dass es jetzt, beim Schreiben dieser Zeilen, in den Ohren nochCu-Chi Tunnel: Eingeweide immer nachklingt. Ist es Dekandenz, ist es Ignoranz, vielleicht ist es aber einfach auch nur Geschäftemacherei? Aber warum soll das Geschäft mit dem Tod ausgerechnet in einem Land halt machen, welches selbst jahrzehntelang von Kriegswirren gebeutelt war?

Ich kann immer wieder nur an die Vernunft der Menschen appellieren, Waffen als das zu betrachten, was sie sind. Grausame Instrumente des Tötens, Werkzeuge des Hasses und Mechanismen des unmenschlichsten Verhaltens, zu welchem wir fähig sind, dem Vernichten von Leben. Doch auch ich gebe mich keinen Illusionen hin, so will ich zum Ende des heutigen Tages gelangen.    

Zum Abschluss unseres Rundganges war es noch jedem freigestellt, sich ein reales Bild der Cu-Chi Tunnel vor Ort zu machen. Wir hatten also die Möglichkeit, in jene Tunnel zu kriechen, welche allerdings für die Europäer bereits vergrössert wurden. Auch hier lässt sich das Erlebte schwerlich beschreiben. Jenes Abtauchen in eine Welt aus stiller Dunkelheit, schmerzhafter Enge und fühlbarer heisser Feuchtigkeit geben einem das Gefühl des Alleinseins, des Alleingelassenwerdens. Gähnende Öffnungen senken sich vor einem, in gebückter demütiger schmerzhafter Haltung rücken die Wände immer enger zusammen, mit jedem Meter glaubt man, die Decke des Erdreichs senkt sich, der Boden hebt sich mit jedem Schritt mehr und mehr, die Wände erdrücken einen mit ihrer gnadenlosen Stille. Der Dreck unter Tage fängt an zu schmerzen, die lautlose Umgebung brüllt einem schonungslos die Abwesenheit von Geräuschen in die Gehörgänge, die stickige Luft wühlt sich in die Atemwege, ich fühle mich lebendig begraben. Ich krieche, ohne vorwärts zu kommen, ich atme, ohne Luft zu bekommen, ich höre, ohne einen Laut zu hören. Phantasien lösen sich von den braunen Wänden, unbekannte Cu-Chi Tunnel: Bis hierher und nicht weiterGestalten wabern durch die dunklen Gänge, gesichtslose Menschen erwecken sich hier unten wieder selbst zum Leben.

 

Der Mensch wird zum Wurm, in einer menschenfeindlichen und doch von Menschenhand geschaffenen menschenleeren Welt gerät das Individuum zur hilfeschreienden und doch stummen Kreatur. Lebendig begraben, der Mund öffnet sich, unfähig, sich zu artikulieren. Einzig die Bitte nach Licht, nach Luft, nach Geräuschen, nach Menschlichkeit, sie prallt an der Enge der Tunnel ab, bahnt sich ihren Weg, spült mich mit sich fort, zieht mich in einen Strudel unbegreiflicher Angst, klammert sich an meinen Beinen fest, greift unsichtbar nach meinen Händen. Raus, einfach nur raus, nach oben, ans Licht. Hören, Sehen, Riechen, Atmen, Spüren. Gehört werden, gesehen werden, gerochen werden, geatmet werden, gespürt werden.

Wir sitzen unter schattenspendenden Bäumen, die bedrückende Enge der Tunnel-Eingeweide hat sich in die lichten Höhen des vietnamesischen Nachmittagshimmels verflüchtigt, die beklemmende feucht-heisse Finsternis hat sich mit dem befreienden Auftauchen an die Oberfläche dieser Welt wieder in die Innereien der Erde hinter uns, unter uns, verkrochen.

Was bleibt nun, zum Abschluss dieses Tages, übrig? Wie lassen sich der Cao Dai Tempel und die Cu-Chi-Tunnel auf einen gemeinsamen Nenner bringen? Ich denke lange nach auf unserer Rückfahrt nach Saigon, auf staubigen Strassen vorbei an staubigen Hütten, welche unter staubigen Palmen in staubigem Staub stehen.

Vielleicht bleibt die Erkenntnis, daß sich Menschen auf zweierlei Arten in eine selbst gewählte Isolation begeben können, begeben wollen oder gar begeben müssen. Die einen zwingt ihr Glaube, allem Weltlichen zu entsagen, die anderen zwingt die Welt, ihrem Glauben an Freiheit in Isolation zu flüchten. Welchem Vogel geht es nun besser? Jenem, welcher die Freiheit kannte und nun sein Dasein in Gefangenschaft fristen muss oder dem anderen, welcher in Gefangenschaft aufwuchs und plötzlich in eine nie gekannte Freiheit voller unbekannter Gefahren geworfen wird?

Ich weiss es nicht! Und doch schliesse ich wie immer mit:

Fortsetzung folgt.         

          


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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