Saigon – mit dem Cyclo zur Jadekaiser-Pagode


15.01.2010 Mit dem Cyclo durch Saigon

Wir haben die Mangrovensümpfe hinter uns gelassen, die Ruhe des Saigon Rivers ist wieder jener betriebsamen 24-Stunden Hektik der Strassen gewichen. Noch etwas traumverloren stehen wir an der Ton Duc Thang, welche sich wie ein einziges hupendes Strassenband längs des Flusses entlangzieht. Unschlüssig stehen wir am Strassenrand, das langsame beschauliche Fliessen wird jäh vom schnellen Drehen der Räder verdrängt, verschluckt und aufgesogen.

Saigon: Cyclo-Fahrer

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Da werden wir zielsicher von zwei Vietnamesen ins Auge gefasst. Auch hier darf ich wieder eines voranschicken. Viele westlichen Touristen fühlen sich durch die Vietnamesen oftmals belästigt und geben dies auch dementsprechend wieder. Man könnte sogar glauben, alleine die Anwesenheit der Einheimischen ist schon Grund für viele, sich in ihrer persönlichen Freiheit gestört, wenn nicht sogar angegriffen zu fühlen. Ich musste Aussagen lesen, dass man sich wie eine Melkkuh vorkommt und dass die Vietnamesen einzig und alleine auf dieser Welt sind, um der guten weissen Frau und dem noch viel besseren weissen Mann nur sein sauer verdientes Geld aus der Tasche zu ziehen. Nun gut, ich muss auch diese Meinung und Sichtweise der Dinge respektieren, alleine sie entspricht nicht der Wahrheit. Sicherlich wollen die Vietnamesen Geschäfte mit uns Touristen machen und sicherlich haben Touristen, welche Langstreckenflüge von Europa nach Südostasien bezahlen können, auch etwas Kleingeld in den Taschen. Es stellt sich aber hier die Frage: In welcher Stadt werden keine Geschäfte mit Fremden gemacht?

Warum aber verdammen wir immer nur diejenigen, die sich eben dieses Prinzip zunutze machen, welches bei uns seit langer Zeit gang und gäbe und demzufolge auch legitim ist? Warum darf nur Wien, London, Paris oder Rom an ausländischen Touristen verdienen? Warum dürfen immer nur wir an den reichen Touristen partizipieren, welche sich unsere schönen europäischen Städte und Landstriche anschauen. Gelten bei uns andere Rechte und Gesetzmäßigkeiten? Und bei aller Freundschaft. Vietnamesen haben Saigon: Im Cyclo gegen den Stromwesentlich höflichere Umgangsformen als viele Menschen der sogenannten zivilisierten Welt, selbst wenn es nur um wenige Euro geht. Und wir haben, neben vielen anderen positiven Erfahrungen, die Vietnamesen als ein Volk kennengelernt, welches sich niemals penetrant oder unhöflich uns gegenüber verhalten hat, auch wenn wir „Nein, danke!“ zu etwas gesagt haben. Oftmals hatten wir das Gefühl, daß gerade Armut einem Menschen jenes Selbstwertgefühl und jenen Stolz gibt, welchen wir vielleicht in gewissen Dingen schon lange verloren haben. So, das musste jetzt auch einmal geschrieben werden!

Nun gut, wir zwei Langnasen standen also an der Strasse. Ein freundliches „Hello“ dringt über das Hupkonzert hinweg an unsere Ohren. Zwei Cyclofahrer sitzen in ihren Sitzen, auf abgewetzten roten Sitzpolstern laden sie uns zu einer Runde durch die Stadt ein. Auf riesigen Stahlfedern thront der Fahrersitz, ein Stahl-Ungetüm, halb Fahrrad, halb Rollstuhl, sozusagen ein Minotaurus der Strasse. Nun gut, mit dem Cyclo wollten wir sowieso einmal eine Runde drehen, warum nicht gleich? Es gibt zwar mittlerweile auch eine neue Generation an Cyclos in Saigon, chromblitzend und richtig stylish, wie die Jugend von heute sagt (glaube ich zumindest), aber es fehlt diesen Cyclos irgendwie die Cyclo-Seele. Dort hat man übrigens wirklich das Gefühl, dass sie nur zum Zwecke des Geldverdienens auf Saigons Strassen fahren. Aber bei unseren zwei Cyclo-Fahrern hatten wir das Gefühl, hier herrscht eine gesunde Mischung aus Schlitzohrigkeit und Charme und dieses gefiel uns auf Anhieb.

Saigon: Schule ist aus!Natürlich gehört in Saigon Handeln zum Geschäft. Wir mussten unsere beiden Fahrer also von unseren Preisvorstellungen überzeugen und die beiden hatten die Muse, uns hinlänglich mit den ihren bekannt zu machen. Aber wie heisst es so schön: Beim Reden kommen die Leute zusammen! Und so kamen auch wir auf einen gemeinsamen Nenner. Jetzt mussten wir uns nur noch über das gemeinsame Ziel unserer Reise einig werden. Da wir vorhatten, unabhängig unserer neuen Begleiter, der Jadekaiser-Pagode einen Besuch abzustatten, war damit auch das Ziel unserer Fahrt gefunden.

In langsamer Fahrt geht es am Saigon River entlang, wir lassen das Ton Duc Thang Museum linker Hand liegen, während uns wiederum unzählige Mopeds linker und rechter Hand liegen lassen. Den Ratschlag meines Cyclo-Fahrers, meine Kamera eng am Körper zu halten, selbst in einem kommunistischen Land wie Vietnam ist man nicht vor Diebstahl gefeit, beherzige ich selbstverständlich. Wir fahren nun in nordwestlicher Richtung, das Ho Chi Minh Museum und der Botanische Garten mit dem Zoo wandern langsam an uns vorüber. Unsere Cyclos rollen in den ersten Kreisverkehr ein. Zum ersten Mal erleben wir den Saigon: In den GassenVerkehr hautnah, keine schützende Taxi-Karosserie um uns herum,wir sind quasi auf Du und Du mit all den Mopeds und Rollern, ein prickelndes Gefühl, völlig anders als bei unserer Ankunft in Saigon. Menschen hinter Sonnenbrillen und mit dem unvermeidlichen Mundschutz blicken zu uns herüber, die Luft stinkt bestialisch nach Abgasen aus den Verbrennungsmotoren. Aber wer Saigon kennenlernen möchte, muss bereit sein, seine Lunge diesen Torturen auszusetzen. Saigon: Mobiler Getränkeautomat?

Die Gassen werden wieder enger, die Kinder einer Schulklasse in ihren blau-weissen Schuluniformen rennen fröhlich und ungeordnet am Strassenrand entlang. Das Ende der Schule bedeutet scheinbar überall lachende Gesichter, sei es in Europa oder im fernen Osten. Bunte Häuserfassaden zu beiden Seiten, meist jedes Haus nur ein einziges Zimmer breit, dafür umso höher und umso tiefer gebaut. Strom- und Telefonkabel schwingen sich vor den Häusern in dicken Wülsten von Mast zu Mast unweigerlich kommt mir „Ich Tarzan, Du Jane!“ in den Sinn.Saigon: Bunt und lautMopeds parken überall vor den Häusern, Frauen sitzen vor ihren Holzwägen, bieten geduldig Früchte wie die Jackfrucht, Ananas Drachenfrucht oder Papaya zum Verkauf an. Aus dunklen Höhlen helle Blitze, Männer schweissen im Verborgenen Metall. Alte Frauen schleppen unermüdlich riesige Körbe, gefüllt mit Mandarinen oder Kokosnüssen, welche an langen Holzstangen auf beiden Seiten ihrer zähen, hageren und ausgemergelten Körper schaukeln und pendeln. Ein junger Mann mit weinrotem Helm, das alte Saigon: Verbotene Früchte?Moped über und über mit Kisten beladen, beschriftet mit Fanta und Coca Cola, darauf noch weitere leere Glasflaschen gestapelt, zwischen den Beinen noch mehr Kisten, dreht vorsichtig mitten auf der Strasse um, bedenklich wackelt er mit seiner kostbaren Fracht entgegen der Fahrtrichtung, um sich ebenso schnell wieder laut hupend seinen Weg durch die Strassen Saigons zu bahnen.

Wir haben unser Ziel erreicht. Keine Schweissperle steht unseren beiden Cyclo-Fahrern auf der Stirn, als sie uns freundlich lächelnd an der Jadekaiser-Pagode, welche sich abseits in einer kleinen Gasse dem Auge des Betrachters entzieht, absetzen. Wir sollen uns in Ruhe alles anschauen, sie werden auf uns draussen warten, erklären sie uns. Eigentlich wollten wir den Rückweg zu Fuss antreten, aber in Anbetracht der Tatsache, dass es doch ein weiter Weg war, willigen wir schliesslich ein. Was soll´s, so haben die beiden Männer mit uns wenigstens ihren Tagesumsatz gemacht. Und ich muss ehrlich gestehen, im Cyclo durch Saigon macht ganz schön Spass.

Saigon Jadekaiser-Pagode: Ein perfektes Foto!Einer der beiden deutet auf meine Kamera. Ob er uns fotografieren soll? Na, aber sicher doch. Bereitwillig gebe ich ihm meine Kamera, stelle sie auf Autofunktion und unser Fahrer macht seine Sache perfekt. Zur Sicherheit noch ein zweites Foto. Wir schauen uns gemeinsam das Resultat auf dem kleinen Display an und kommen übereinstimmend zum selben Schluss: Saigon´s Cyclo-Fahrer sind vielseitig!

Die Pagode des Jadekaisers (siehe auch Martin Kessler: Vietnam – Saigon: Pagode des Jadekaisers), zu Anfang des 20. Jahrhunderts zu Ehren des Kaisers Ngoc Hoang erbaut, vereint eigentlich all das, was sich der westliche Mensch unter einem fernöstlichen Tempel vorstellt. Das Dach aus grünen Keramikziegeln, der vor der Pagode stehende Opferofen, in welchem die geweihten Gaben aus Papier verbrannt werden, möge der aufsteigende Rauch die Ahnen im Himmel erreichen. Zu rechter Hand ein kleiner Teich, welcher von unzähligen Schildkröten bevölkert ist, sowohl für Vietnamesen als auch Chinesen ein Symbol für ein langes Leben, Synonym für Glück und Reichtum. Vögel in Holzkäfigen werden zum Verkauf angeboten, jeder Kauf eines Vogels bedeutet den Flug in die Freiheit und steht für eine weitere gute Tat des Käufers.

Im Inneren des Haupttempels wachen zwei riesige Generäle, dämonengleich thronen sie auf dem von ihnen besiegten grünen Drachen bzw. dem unterworfenen weissen Saigon Jadekaiser-Pagode: Der VorhofTiger. Und im Hintergrund des Haupttempels steht der in kostbare Gewänder gekleidete Jadekaiser, eine der am höchsten verehrten mythologischen Figuren des Taoismus. Ngoc Hoang, jener Weltenherrscher, welcher für den Lauf der Dinge zuständig ist, Ngoc Hoang, welcher für Leben und Tod verantwortlich ist, Ngoc Hoang, welcher zugunsten von Sieg oder Niederlage entscheidet. Tische und kleine Altäre, zum Bersten voll mit Opfergaben, Holzschnitzereien, dunkel gefärbt von den Rauchschwaden. Dazwischen bunte Blumen in weiss-blauen Vasen aus Porzellan. Durch enge Gänge kommt man in weitere kleinere Tempelräume, die Gläubigen andächtig in die Verehrung ihren Heiligen versunken, in den zum Gebet erhobenen Händen Räucherstäbchen haltend.

Auf grossen Holztafeln sind in der Halle der zehn Höllen die verschiedenen Höllenqualen dargestellt, 1000 Qualen an der Zahl mahnen und erinnern die Menschen, ihr Karma positiv zu gestalten und zu halten, um nach dem Tod nicht in die Fänge von Thang Hoang, dem Höllenkönig, zu geraten. Im Frauenraum wacht Kim Hoa, die Göttin der Mütter. Zwölf Keramiken in Form von Frauengestalten symbolisieren die Mondjahre, jene Jahre im chinesischen Kalenderzyklus, sechs der Figuren stehen zusätzlich für eine der Tugenden, die anderen sechs für die Laster der Menschen.

Vietnam: Schildkröten, Symbol für langes Leben, Wohlstand, Reichtum und GlückÜber eine schmale Treppe betritt man den oberen Bereich der Jadekaiser-Pagode, auf einer kleinen Terrasse überblickt man den Vorhof, in welchem Steinbänke im Schatten eines riesigen Banyan-Baumes zum Verweilen einladen. Auch hier steht ein grosser Bronzekessel, leise kräuselnd ziehen die Schwaden der Räucherstäbchen in den Himmel. Ein Rudel Drachen auf dem Dach erhebt sich zwischen den grünen Keramikziegeln, immer wieder wird das Auge von sorgsam gearbeiteten Holzschnitzereien abgelenkt. Emsiges Treiben zwischen den Bänken, manche sitzen andächtig auf den Bänken, Kinder spielen, andere Gläubige wiederum stehen tief versunken vor kleineren Schreinen, stecken ganze Bündel von Räucherstäbchen in den Sand der bronzenen Kessel, daneben schauen einige in den mittleren Teich des Vorhofes, in welchem sich rote Koi-Karpfen tummeln.Saigon Jadekaiser-Pagode: Typisch grüne Keramikziegel

Wir verlassen die Jadekaiser-Pagode. Ein letzter Blick zurück auf die in schlichtem Rosa gehaltene Fassade, dann begeben wir uns wieder in die Hände oder besser gesagt Füsse unserer beiden Cyclo-Fahrer, welche uns quer durch die Stadt, auf unbekannten Wegen, vorbei an der hinter dicken Mauern und Stacheldraht versteckten amerikanischen Botschaft, welche am 29. April 1975 Schauplatz der Evakuierung der letzten Amerikaner und dem damit endgültigen Rückzug der USA aus dem Vietnam war. Als an jenem Tag die Worte „It is 112 degrees and rising“ und der darauf folgende Song „White Christmas“ von Bing Crosby im Radio gesendet wurde, war dies das Zeichen für alle Ausländer, sich an einer der 13 Landezonen der Militär-Hubschrauber zu sammeln, um aus dem Land geflogen zu werden. Die „Operation Frequent Wind“ hatte begonnen.

Doch für uns beiden Ausländer wird weder „White Christmas“ gespielt noch werden wir irgendwohin ausgeflogen. Ganz im Gegenteil. Ein wunderschöner Tag in Saigon nahm sein Ende. Ich spreche jetzt natürlich nicht für die Amerikaner, sondern einzig und allein für meine Frau und mich.

Und wie immer zum Schluss: Fortsetzung folgt.

Ihr Aushilfs-Jadekaiser ohne eigene Pagode Paul Bögle               

      


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Kommentar erstellen