Saigon River 1


15.01.2010 Saigon River

Wir sitzen noch für einen kurzen Moment im fünften Stock des Rex Hotels in Saigon. Über der Stadt geniessen wir die frische Luft, welche in den Niederungen der Stadt von den Abgasen der unzähligen Mopeds gnadenlos ausgelöscht wird. Das Thermometer ist mittlerweile auf angenehme 30 Grad gestiegen, unser Jetlag, bedingt durch den langen Flug und die ZeitumSaigon: Die Skyline vom Saigon River aus gesehenstellung, hat sich im Dunst der Stadt aufgelöst, kurzum, wir sind in Saigon geistig und auch körperlich angekommen. Und das allerbeste: Wir sind begierig, endlich wieder eine Strasse überqueren zu dürfen. Vergessen sind die traumatischen Erlebnisse unserer Ankunft, je mehr Zweiräder, desto besser. Nein, bei aller Euphorie, wir wollen es nicht übertreiben, also kehren wir auf die Dong Khoi zurück und setzen unsere Erkundung des ersten Districts fort.

Weitere Boutiquen säumen die Strasse zu beiden Seiten, Nagel- und Massagestudios bieten ihre Dienste an, Cyclo-Fahrer wollen uns zu einer Fahrt durch die Stadt bewegen, allein wir wollen nicht, noch nicht. Und ehe wir´s uns versehen, sind wir am Fluss, jenem berühmten Saigon River. Stadteinwärts türmen sich die hohen Neubauten, überall blicken Glasfronten auf den Fluss, Baukräne stehen in luftigen Höhen auf den unfertigen Hochhäusern, man kann förmlich spüren, wie sich die Stadt nach allen Seiten ausbreitet, wie sie sich Meter für Meter nach oben arbeitet, fehlender horizontaler Platz wird durch Saigon River: Gelbe Entladungvertikales Wachstum ausgeglichen. Der Himmel über Saigon füllt sich mehr und mehr mit Beton, Tag für Tag ändert sich die Skyline der Stadt, wächst mit den Bedürfnissen der Menschen.


Der Fluss fliesst schmutzig braun träge dahin. Sampans, flache Fischerboote, schaukeln langsam auf dem Wasser, werden immer wieder von den Bugwellen der vorbeifahrenden unzähligen Boote angestossen. Auf dem Fluss setzt sich die Transportfreudigkeit der Vietnamesen fort, was nicht per Zweirad auf den Strassen Saigons transportiert werden kann, findet seinen Weg entlang des Flusses. Tief im Wasser liegende Lastkähne befördern Steine, Kies und Sand, ihre bemalten Augen am Bug voraus schauend mit starrem Blick knapp über der Wasserlinie. Andere Boote sind über und über mit Palmblättern beladen, die Saigon River: Blätter im Stromspärliche Besatzung sitzt auf den pflanzlichen Materialien, deren Enden zu beiden Seiten der Boote im Wasser hängen. Im nahen Hafen werden vor Anker liegende Schiffe von Lastkränen entladen, ihre eisernen Lippen fest zusammengepresst, um die Fracht in ihren Metallmäulern nicht zu verlieren. Männer entladen gelbe schwere Säcke, welche auf rostigen Förderbändern aus den tiefliegenden Bäuchen der Schiffe ans Tageslicht befördert werden.

  Saigon River: Fressen und gefressen werden!

Auf dem Wasser treiben kleine grüne Inseln aus Wasserlilien, immer wieder verfangen sich Plastikabfälle im Gewirr der Blätter, langsam treiben sie mit der Strömung, sammeln sich zu größeren Inseln, um schließlich an unterirdischen Hindernissen zu stranden. Menschen fahren diese grünen Flecken auf dem braunen Strom ab, auf der Suche nach Kostbarkeiten und verwertbaren Materialien bewegen sie sich mit kleinen hölzernen Ruderbooten zur Flussmitte, mit den Füssen rudernd, mit den Händen steuernd, zu den möglichen Schätzen aus Industrieabfällen und für die westlichen Augen scheinbar wertlosen Müll.

 

Unser kleines Boot tuckert auf dem Saigon River an der dunstigen Silhouette der Stadt dahin, immer wieder steuert unsere Bootsfrau im 90-Grad-Winkel gegen die Wellen dSaigon River: Jäger verlorener Schätzeer uns entgegenkommenden Boote, welche missmutig gegen die Holzplanken klatschen. Sanft schaukeln wir auf die andere Seite des Flusses, lassen Saigon mit dem Lärm der Strassen hinter uns und bewegen uns auf engen Kanälen in den Mangrovensümpfen, welche nahtlos auf der anderen Seite des Flusses beginnen. Eine junge Vietnamesin liegt in einer roten Hängematte, aus einer Wellblechhütte, welche auf scheinbar wackeligen angenagten Holzbeinen im Wasser steht, schauen uns drei Kinder zu. Erkennend, dass wir zwei Fremde sind, rennen sie am Ufer neben unserem Sampan her, immer wieder winken sie freudig erregt und schreien mit ihren hellen Stimmen „Hello“. Wir winken mit Saigon River: Schwimmende Augender Zurückhaltung Erwachsener zurück, bis sich der schmale Weg endgültig in den Sümpfen verliert und die Kinder mit ihrem leiser werdenden „Hello“ zurückbleiben.

Ein mit Schutt und Geröll beladener Sampan kommt uns entgegen, zwei junge Vietnamesen mit nackten Oberkörpern sitzen im Schneidersitz unter einem kleinen, gelb-blau gestrichenen Bretterverschlag, der sie vor der Sonne schützt. Neugierig gelassen blicken sie zu uns herüber, die aufgemalten Augen ihres Bootes fixieren uns, bis sie hinter der nächsten Biegung verschunden sind. Eine weitere Wellblechhütte am Wasser, der vordere Teil mit blau-weiss gestreiften Jutesäcken notdürftig geschützt, ein kleiner Junge mit einer dreckig roten Baseball-Kappe schaut uns regungslos zu, während wir an ihm und tief im braunen Wasser stehenden Palmen vorbeifahren. Er sitzt hinter zwei dreckig-weissen Farbeimern, die Hütte unter ihm ist mit schlammigen Sandsäcken gegen Abrutschen gesichert. Kleidungsstücke hängen auf ungehobelten Holzstangen, im Hintergrund, gegen das dunkle Grün der Bäume heben sich andere Behausungen als undeutliche bunte Farbtupfer ab. Fische springen aus dem Wasser, doch ehe wir sehen, sind sie schon wieder im blasigen Wasser untergetaucht, das Klatschen ihres Auftauchens hallt einen kurzen Augenblick nach, gerade so lange, um zu erkennen, dass Fisch auf Wasser traf.

Saigon River: Licht und SchattenStromkabel sind über die Sümpfe gespannt, Bäume fallen in Zeitlupe in das fast stehende Gewässer, entwurzelt und doch Saigon River: Gelb-grüne Neugierdeim letzten Augenblick von anderen, tief unter der Oberfläche vergrabenen Wurzeln aufgefangen und in ihrer Bewegung eingefroren, verharren sie auf halbem Weg zwischen Himmel und Wasser, unentschlossen beäugen sie die Bräunlichkeit, gefangen in ihrer nicht zu Ende geführten Entwurzelung. Ein bunter, auf einen Bambusstab aufgespiesster Sonnenschirm hat sich als weithin sichtbarer Fremdkörper zwischen die grünen Federn gedrängt, beherrschend und doch einsam und verloren steht er unnatürlich in der undurchdringlichen Natürlichkeit. Sonnenspendend wartet er auf diejenigen, welche seiner bedürfen.

Blätter wachsen in einer plötzlichen Bewegung aus dem trüben nassen bodenlos Unergründlichen, ihre gelblich grünen Fingerspitzen berühren neugierig sanft zart das in Saigon River: Am Wasser gebautkonzentrischen kleinen immer größer werdenden Kreisen auseinandertriftende Spiegelbild. Andere machen es ihnen nach, näher am Ufer stehend, die Haut schon fleckig grau verdorrt vom zuviel auf das ins Unergründliche Schauen.

Saigon River: Verstecken, Bedecken, Entdecken

Hellblau gestrichene Fensterläden enthüllen das, was eigentlich verhüllt werden soll. Die Farbe an vielen Stellen abgeblättert, heisse Hitze, nasse Nässe, trockene Trockenheit hat an ihnen genagt, hat sie zum Aufgeben gezwungen, hat sie zermürbt, um endlich dem auf brauner Brühe schwimmenden Voyeur das preiszugeben, was keiner Preisgabe bedarf, geheimnislose Geheimnisse offenbaren, unbehandelte rauhe an den Oberflächen bereits aufgedunsene Bretter, zusammengehalten aus einem Gerippe aus rostigen Nägeln, welche in die hölzerne Haut, in jenes leicht entflammbare brennbare knisterbare Fleisch getrieben wurden. Ziegelsteine wandern in einer langen Reihe, teils einzeln, teils mit Zement zu quadratischen Körpern verbunden, in ihr Gefängnis aus Holz, Rost und Feuchte.

 

Wir kehren um. Wir haben genug gesehen. Haben wir das wirklich?

Vietnam: Genug gesehen? 

Fortsetzung folgt.



Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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