Saigon – erste Gehversuche 1


14.01.2010 Saigon (Ho Chi Minh Stadt) (Fortsetzung Good morning, Vietnam)  

So standen wir also da, zwei Europäer inmitten einer lärmenden, unbekannten Stadt voller entfesselter und dauerhupender Mopeds, Roller und wenigen Autos. Wien ist eine schöne, ruhige Stadt, was machen wir dann überhaupt in Saigon? Zwei Menschen mit zwei roten Koffern, einer Greenburry-Tasche und Unmengen an vietnamesichen Dong im GreenburryGeldbörsel auf der einen Seite, das beschauliche Wien auf der anderen Seite. Und dazwischen? Mehr als 10 000 Kilometer!

Nun gut, wir stehen vor unseSaigon: Garkücherem Hotel, dem Thien Thao Hotel im dritten District Saigons. Ein sehr hilfsbereiter Security hilft uns, die Koffer die wenigen Stufen hinaufzutragen. Man sollte sich übrigens nicht wundern, ein uniformierter Security steht oder sitzt praktisch vor jedem noch so kleinen Friseur, Schuhladen, Bekleidungsgeschäft oder Nagelstudio oder eben vor jedem Hotel. Und dann der erste Hoffnungsschimmer, nein geradezu ein Wetterleuchten am fiktiven Saigoner Stadthimmel, welcher eigentlich permanent hinter einer riesigen, undurchdringlichen Dunstglocke sein kärgliches Dasein fristet. Ich möchte jetzt keine Werbung für das Thien Thao Hotel machen, aber der Slogan „Your Home Away From Home“ wird hier perfekt umgesetzt Auch hier darf ich anmerken: In einigen Foren bzw. Hotelbewertungen musste ich mehrfach lesen, daß es hier laut zugeht. Lieber Wanderer, kommst Du einmal nach Saigon, dann zeige mir einen einzigen Ort der Stadt, in dem es nicht laut zugeht. Also, deshalb für alle Unentschlossenen oder Unsicheren. Das Thien Thao bietet dem Reisenden für 30 US-Dollar (Stand 01/2010) ein geräumiges Doppelzimmer, 30 Dollar pro Zimmer, nicht pro Person, inklusive reichhaltigem Frühstück, Internet-Zugang im Foyer und dazu perfekter, hilfsbereiter und mehr als nur freundlicher Service der Mitarbeiter.

Zzzzzzzzzzzzzzzzzzz.

Wir blenden nun die nächsten Stunden aus und springen auf die 18. Stunde unseres ersten Tages in Saigon.

14.01.2010 ca. 18:00 Uhr Saigon 

Graues Licht dringt durch die Fenster. Wir werden fast gleichzeitig munter. Es ist fast 18:00 Uhr, der Schlaf hielt uns für mehrere Stunden gefangen. Wo sind wir? Richtig, immer noch Ho Chi Minh City, vormals Saigon, tausende von Kilometern östlich von Europa. Vietnam: Der Tag beginnt mit vietnamesischer Pho-Suppe

Ich wage mich vorsichtig an die Fenster, hoffend, dass alles nur ein Albtraum war. Ein Blick aus dem dritten Stock genügt, sie fliegen unter mir vorbei, Helme blinken matt im Dämmerlicht der engen Strassen, in allen Farben grüssen sie unbekannterweise nach oben. Meist ein Helm pro Moped, oft zwei Helme, manches Mal zwei Helme mit einem Schulkind ohne Helm, aber auch zwei Helme mit zwei kleinen, ungeschützten Kinderköpfen, eines davon zwischen den beiden Helmen, eines vor dem lenkenden Helm zwischen den Knien sitzend oder stehend, mitfahrend, mitlenkend, mithupend im Konzert der Grossen.

Aber wie heißt es so schön: Curiosity killed the cat oder Neugierige Katzen verbrennen sich die Tatzen. Und so siegt dementsprechend auch bei uns die Neugierde. Also, wenn nicht jetzt auf die Strassen Saigons, wann dann?

Die Luft dampft immer noch, als wir das Hotel verlassen. Was jenseits der geschlossenen Fenster und Türen nur als undeutliches Brummen zu vernehmen war, entpuppt sich nun wieder als jene vielschichtige Symphonie aus hunderten von Hupen und sich drehenden Rädern. Wir nehmen nun erste unbekannte Gerüche war, ein vielfaches Stimmengewirr ungewohnter Laute, Wörter und Sätze aus ebenso vielen Kehlen umgibt uns. Wo wir in Wien, teilweise leider feindsehlig, einem Asiaten argwöhnisch hinterherblicken, richten sich nun dutzende Augenpaare auf diese für vietnamesische Verhältnisse so grossen und weissen Gestalten mit diesen riesigen Riechorganen im blassen Gesicht.

Neugierde blickt uns entgegen, gepaart mit Interesse, doch nirgendwo ist Argwohn oder gar Abneigung zu spüren. Wir sind eben zwei Fremde, welche mit dem gebührenden Interesse begutachtet und beäugt werden. Doch genauso neugierig schauen wir. Saigon: Alte Frau verkauft Lose

Wir gehen an Garküchen vorbei, aus deren dunklen Höhlen uns fremde, aber verführerische Gerüche entgegenströmen. Bis dato nie gekannte Duftkombinationen umwabern uns. Menschen sitzen auf kleinen roten Plastiksesseln auf den Gehsteigen, Schüsseln mit uns unbekannten Speisen mit Stäbchen essend. Plastiksessel, so groß, daߠdarauf gerade europäische Kinder Platz fänden, kleine Plastiktischchen mit Schüsseln voller Reis, viel Gemüse, wenig Fleisch, oder der sehr schmackhaften Pho, jener Suppe aus einer kräftigen und sehr schmackhaften Rinderbrühe, welche mit hauchdünnen Scheiben rohem Rinderfilet und Reisnudeln schon zum Frühstück gegessen wird. Der Kenner wird die Suppe erst spät am Abend essen, da die Suppe dann am kräftigsten ist und sich dann die Gewürze mit den Chilischoten, den Zwiebeln und der Nuoc Mam, jener berühmten vietnamesischen Fischsauce zu einer herrlichen Komposition vereint haben. Daneben steht üblicherweise ein großer Teller voller Sojasprossen, frischer Zweige Koriander, Basilikum und Minze und Löwenzahn oder Salat, welche je nach Lust und Laune in die Suppe kommen.

Frauen stehen am Strassenrand, den non la, jenen traditionellen Strohhut tief im Gesicht und mit bunten Bändern unter dem Kinn befestigt. Andere sitzen mit ihren Kindern auf dSaigon: Ziegelsteine auf zwei Rädernem Gehsteig, vor sich unzählige Kleidungsstücke zum Verkauf ausgebreitet. Aus einer Karaoke-Bar kommen laut lärmend Männer in weissen Hemden, vom vielen Singen und noch mehr Alkohol meist beschwingt, manche schon einen kleinen Schritt weiter. Andere, meist alte zahnlose Frauen, gehen mit Losen der staatlichen Lotterie reihum, um das grosse Glück für ein paar Dong zu verkaufen. Aus einem durch die grelle rote Neonbeleuchtung weithin sichtbaren Kino dringt westliche Musik, Kinoplakate werben auf Vietnamesisch auch in Saigon für die neuesten Hollywood-Produktionen.

Wir schlendern langsam durch die lärmenden, uns unbekannten Strassen, sorgsam darauf bedacht, nicht auf die Strasse selbst zu geraten. Unvermindert brausen die Mopeds und Roller an uns vorbei, auch jetzt noch, während sich die Strassen mit Dunkelheit füllen, tragen viele Vietnamesen ihren Mundschutz und Staubmasken. Bis weit in die Nacht und bereits wieder in den frühen Morgenstunden wird an allen Ecken und Enden Saigons gehandelt, gefeilscht, gekauft, feilgeboten, verkauft, gekocht und gegessen, immer an der Strasse, immer auf den Strassen. Saigon kommt selten zur Ruhe, Saigon ist ein riesiger Marktplatz, überall und immer wird Geld gezählt, die vietnamesischen Dong wechseln permanent die Besitzer. Saigon, eine westliche Stadt unter dem Deckmantel eines kommunistisch regierten Landes.

Dies wird also für die nächste Zeit unsere Heimat sein.Wir versuchen, die Orientierung im Gewirr der Strassen nicht zu verlieren. Langsam gewöhnen wir uns an den Verkehr. Die anfängliche Angst weicht einem erstaunten Um-Sich-Blicken, das Curiosity-killed-the-cat-Syndrom hat zwei neue Opfer gefunden. Wir schwimmen nun endgültig mit im Strom aus fremden Menschen, fremden Gerüchen, fremden Strassennamen, jenem rasend schnellen Puls namens Saigon. Doch unsere wirkliche Prüfung dieses Abends steht uns erst noch bevor.

Wir stehen auf einer Seite der Strasse, aber wir wollen partout, wider jeder menschlichen Logik, auf die andere Seite der Strasse. Aber wie?

Was wir bisher aus unserem Bewusstsein verdrängt haben, jener unvermeidliche Augenblick, vor welchem wir uns insgeheim gefürchtet hatten, jener Moment, vor dem uns unbewusst graute, der war nun gekommen. Liebe Leser, Sie werden sich nun vielleicht insgeheim fragen: Wie kann ein Mensch eine solch alltägliche und eigentlich banale Situation, nämlich das Überqueren einer Strasse, so dramatisch darstellen? Ganz einfach: Es handelt sich hierbei nicht um irgendeine Strasse, sondern um eine Strasse in Saigon.

Man kann viel darüber lesen, man kann sich noch so viele Gedanken darüber machen, man kann sich noch so umfassend darüber informieren und man kann, wie ich es nun gerade tue, eine Wissenschaft aus dem Überqueren einer Strasse machen. Alleine, es liest sich wesentlich leichter als es sich nun einmal in der grauen Realität darstellt. Kostet es zu Anfang noch unendliche Überwindung, sich entlang der Strasse zu bewegen, verändert sich dieses Gefühl nun hin zu leichten Panikattacken, sobald man den (etwas) sicheren Gehsteig verlässt.Saigon: Lichtspiele

Zebrastreifen gibt es so gut wie keine und wenn, dienen sie doch mehr der farblichen Auflockerung des tristen Graus der Strassen als dem gefahrlosen Überqueren. Ampeln gibt es in etwa so viele wie Zebrastreifen, allerdings spielt hier Rot und Grün, im alten Europa Zeichen für Halten oder Fahren, nicht die tragende Rolle, wie sie uns bekannt sind. Hier bedeutet Grün schnell fahren und Rot heisst nicht ganz so schnell fahren. Manchmal bedeutet Grün dann allerdings wieder nicht ganz so schnell fahren, je nachdem, wie schnell diejenigen gerade sind, welche im Moment bei Rot fahren. Da aber sowieso meistens alle gleich schnell fahren, bedeutet dies im Umkehrschluss nichts anderes, als dass alle möglichst schnell fahren, welche Farbe dabei die Ampel zeigt, kann dementsprechend vernachlässigt werden.

Was bleibt dann? Welche halbwegs plausiblen Möglichkeiten besitzt ein Mensch, welcher in Saigon ohne Roller unterwegs ist und trotzdem, egal ob bei Rot oder Grün, ein Ziel jenseits der diesseitigen Strassenseite erreichen möchte? Es gibt zwei Wege. Der gefahrlose wäre, man dreht unverrichteter Dinge auf der Stelle um, begibt sich in das eben verlassene Hotel, packe seinen roten Koffer, setze sich in ein Taxi und fahre bei Rot oder bei Grün zum Flughafen, um nach Europa zurückzukehren. Und dann gibt es noch den anderen Weg, der da lautet: Saigon lässt sich am besten zu Fuss erkunden! 

Der wagemutige Fussgänger begibt sich zum Zwecke, einen Punkt B, welcher sich gegenüber eines Punktes A auf der gegenüberliegenden Seite einer Saigoner Strasse befindet, ganz einfach mitten unter die fahrenden Verkehrsteilnehmer. In Saigon schwimmt man als Fussgänger mit dem Strom, was für die motorisierten Teilnehmer gilt, macht man sich auch auf seinen zwei Beinen zunutze: Wer bremst, verliert! Man bewegt sich mit langsamen, aber stetigen Vorwärtsbewegungen auf die andere Strassenseite zu, ohne jedoch stehenzubleiben oder, noch schlimmer, umzudrehen. Gehen Sie einfach entschlossen weiter, mit ruhigen, aber niemals hektischen Bewegungen. So muss sich damals Moses gefühlt haben, als er das Meer teilte. Auf geradezu wunderliche Weise teilen sich, im allerletzten Moment, die Zweiräder und schwimmen vor uns und hinter uns vorbei, ohne uns auch nur im geringsten zu berühren. Jeder hupt, aber jeder macht uns Platz. Jeder schiesst auf uns zu, aber keiner gefährdet uns. Und wir?

Wir gehen, wir schwitzen, wir bitten inständig um Erlösung, aber wir gehen einfach weiter, stur, langsam, aber immer vorwärts. Und wir erreichen die andere Seite. Mit den Nerven fertig, ungläubig, dieser Hölle entkommen zu sein, aber auf der anderen Seite der Strasse. Es ist unfassbar, es ist unglaublich, aber es ist einfach phänomenal, mit welcher Präzision die Vietnamesen an uns vorbeisteuern. Und glauben Sie mir eines: Nach zwei Tagen Saigon wünschen Sie sich nichts mehr als eine eigene kleine Hupe. Nicht, weil Sie Angst haben, sondern weil es immer wieder ein prickelndes Erlebnis ist, sich auf Saigons Strassen zu begeben.

Fortsetzung folgt unter „Saigon – oder Ho Chi Minh City?„.       


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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