Good morning, Vietnam 2


14.01.2010 10:00 Uhr Saigon (Ho Chi Minh Stadt)

Saigon: Herzlich willkommen in Ho Chi Minh CityWir haben unser erstes Etappenziel erreicht, Saigon oder Ho Chi Minh City (HCMC), wie die grösste Stadt Vietnams seit April 1975 heisst. Saigon, jene südliche Millionenmetropole Vietnams.

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Wir haben unsere Hausaufgaben gut gemacht, dachten wir. Wir haben uns nach bestem Wissen und Gewissen auf unser Abenteuer Vietnam vorbereitet, glaubten wir. Wir haben sämtliche Informationen aus Internet und Reiseführern gesammelt und verarbeitet, zumindest waren wir dieser Meinung. Nun gut, der Mensch kann irren und da wir zwei Menschen sind, irrten wir gewaltig.Die erste Hürde am Flughafen Saigon war schnell genommen. Noch in der Ankunftshalle kauften wir uns eine Prepaid-Karte für unser Handy. Das Handynetz in Vietnam ist mittlerweile hervorragend ausgebaut, nur abseits der Touristenströme kommt es teilweise zu Verbindungsabbrüchen, aber ansonsten lässt sich überall Kontakt zur Aussenwelt halten. Gleichzeitig bestellten wir uns ein Taxi zum Fixpreis von acht Dollar, für jeden Neuankömmling vielleicht der beste und einfachste Weg, mühsamen Preisverhandlungen bzw. der Suche nach dem Bus 152, welcher vom Flughafen in die Stadt fährt, nach einem langen und Saigon: Die Gesetze der Strasseanstrengenden Flug aus dem Weg zu gehen. Eine Hostess begleitet uns mit unserem Gepäck zu unserem Taxi, vorbei an unzähligen Vietnamesen, welche auf weisse Langnasen wie uns warten, um uns ihre Dienste anzubieten. (Anm.: Das Taxi vom Hotel zum Flughafen eine Woche später und um eine Woche reicher an Erfahrungen hat 120000 Dong (ca. 6,50 Dollar Stand 01/2010) gekostet, also nur unwesentlich mehr). Es sei hier noch eines hinzugefügt. Der Flughafen Tan Son Nhat liegt zwar nur wenige Kilometer ausserhalb der Stadt, aber fünf Kilometer sind eben nicht gleich fünf Kilometer, aber dazu später noch mehr.

Dann sitzen wir im Taxi. Heisse, dampfende, ungewohnt schwüle Luft beisst uns aus dem kalten Europa Kommende Saigon: Nichts Neues auf den Strassen!von allen Seiten. Die Minusgrade aus dem kalten Wien zerrinnen in unseren Köpfen. Sturzbäche von Schweiss färben unsere Kleidung binnen Sekunden dunkel.Wir sind müde, aber erleichtert, den Strapazen des Fluges entkommen zu sein. Dann wird es still im Taxi. Nicht, weil uns die Müdigkeit umfängt, sondern weil wir zum ersten Mal die Wucht Saigons zu spüren bekommen. Wir werden unvorbereitet in den Verkehr Saigons geworfen. Ein riesiger Schwarm metallener Hornissen umringt uns plötzlich von allen Seiten, bedrohlich umkreist uns von allen Seiten ein brummendes, knatterndes Inferno. Bedrohlich umkreisen sie uns, von vorne, hinten, links und rechts schiessen sie auf uns zu, teilen sich im letzten Moment. Ihr Brummen dringt aus allen Himmelsrichtungen in unsere kleine, heile Taxiwelt. Dutzende, nein hunderte von Vietnamesen sitzen einzeln, zu zweit auf ihren Mopeds und Rollern, sogar ganze Familien finden Platz auf den Zweirädern.

Die Welt um uns herum löst sich auf in lärmende und knatternde, brummende und summende Zweitaktmotoren. Dutzende, nein hunderte Halbschalenhelme blitzen, glänzen und leuchten in der benzingeschwängerten Luft. Ein Inferno nie gekannten Ausmasses nimmt seinen Lauf, wir schwimmen mit in einem Strom aus wildgewordenen, nicht zu zügelnder Zweiräder, von allen Seiten nehmen sie uns in die Zange, hupend überholen sie uns links, noch lauter tönen sie von rechts, während sich unser Taxifahrer in einer für uns Europäer stoischen, fast könnte man es apathisch nennen, Ruhe seinen Weg unbeirrbar durch die helmbewehrten Hornissen bahnt.

Die eine Hand an, oder besser gesagt auf der Hupe, die andere lässig auf dem Lenkrad liegend, spielt er mit im Konzert der dauerhupenden Verkehrsteilnehmer. Kein Fluchen, kein Schimpfen, keine obszönen Gesten, selbst im grössten Chaos behalten die Vietnamesen ihre Freundlichkeit und Contenance, so schwimmt er mit uns durch den Vormittagsverkehr Saigons, rudert mit uns von links nach rechts, um gleich darauf wieder die Spur zu wechseln, während die Seitengassen immer neue Massen an Rollern und Mopeds auf die Hauptstrassen ausspucken.Und wir beiden Langnasen? Wir sitzen, wir schweigen, wir schliessen die Augen und wir hoffen, dies alles sei nur ein böser Traum! Und dann öffnen wir die Augen! Und während wir noch glauben, das Schlimmste bereits gesehen und erlebt zu haben, kommt es noch schlimmer. Wir steuern auf den ersten Kreisverkehr in der Innenstadt von Saigon zu. Es lässt sich schwerlich, eigentlich überhaupt nicht in Worte fassen, was nun kommt. Saigon: Vietnamesischer Familienausflug

Einen Kreisverkehr in Saigon zu beschreiben, ist schlichtweg unmöglich, da es dafür noch nicht die richtigen Worte gibt. Man muss es ganz einfach selbst erlebt haben. Hier gelten weder die Gesetze der Strassenverkehrsordnung, es scheint, als seien hier sämtliche Gesetze der Schwerkraft, Fliehkraft, Zentrifugalkraft oder der sonstigen physikalischen Gesetzmässigkeiten aufgehoben worden.Um in Saigon den Kreisverkehr auf einen gemeinsamen, und zwar wirklichen gemeinsamen Nenner zu bringen, genügt die oft strapazierte Floskel: Es regiert das Recht des Stärkeren. Und da alle Verkehrsteilnehmer überzeugt sind, im Recht zu sein, gleichzeitig, und natürlich am stärksten, regiert im Kreisverkehr einfach jeder, welcher sich darin befindet. Für uns scheinbar chaotisch, ohne Plan, ohne Sinn und ohne Chance, sich jemals darin zurechtzufinden, reiht sich jeder ganz einfach dort ein, wo gerade Platz ist. Und da aber nirgends Platz ist, reiht sich eben jeder dort ein, wo gerade kein Platz ist. Und hier kommt wieder die Hupe als das Instrument zum Einsatz, um sich dort Platz zu schaffen, wo eben kein Platz vorhanden ist, der aber reichlich. Liebe Leser, wenn es einen Vorhof zur (Verkehrs)Hölle geben sollte, in jedem x-beliebigen Kreisverkehr auf Saigons Strassen kann er nicht sein, denn hier ist das Zentrum des Verkehrsinfarktes. Ausländischen Besuchern ist es übrigens untersagt, selbst ein Auto zu fahren. Doch glauben Sie mir eines: Es ist zu Ihrem eigenen Schutz!

Vietnam Mekong-Delta: Gedanken

Und doch muss der alte griechische Philosoph Heraklit Saigon vor mehreren Jahrtausenden erahnt haben, denn wie anders wäre ansonsten sein „Panta rhei!“, sein „Alles fliesst!“ zu deuten. Wie schon gesagt, die Ruhe, Gelassenheit und Freundlichkeit der vietnamesischen Bevölkerung spiegelt sich auch im Strassenverkehr wieder, ausser der Vietnam Mekong-Delta: Leben auf dem Strom, Leben mit dem Strom, Leben gegen den StromSaigon: Die vietnamesische BlechtrommelHupe wird hier keiner laut. Der Verkehr steht nie still, Tausende von Mopeds, Rollern, Fahrrädern und wenigen Autos bewegen sich stetig fort. Trotz, oder gerade wegen des für unsere westlichen Augen herrschenden Chaos drehen sich die Felgen, knattern die Motoren und hupen sich die Menschen in einer andauernden Vorwärtsbewegung ihren Weg frei. Saigons Strassen sind Spiegelbild der gesamten Stadt, einer Stadt im permanenten Wandel, Saigon erfindet sich jeden Tag auf´s Neue, Saigon befindet sich 24 Stunden lang im Umbruch und im Aufbruch. Saigon ist geprägt von Rastlosigkeit, einer betriebsamen Hektik, einer stetigen Geschäftigkeit, einer andauernden Veränderung.

Doch trotz all dieser für fremde Augen scheinbaren Unruhe, dieses Lärms und der Rastlosigkeit haben meine Frau und ich Saigon lieben gelernt. Wir haben diese,Vietnam: Besänftigung viele Einwohner sprechen bereits von mehr als zehn Millionen Einwohner mit dem gesamten Einzugsgebiet, Stadt aus vielen Perspektiven kennengelernt, wir haben viele entlegene Winkel durchstreift, welche sich abseits der ausgetretenen Touristenpfade befinden, wir haben viel Neues und vor allem viel Unbekanntes entdeckt und wir haben sehr viele Menschen des südlichen Vietnams kennengelernt, welche uns ausnahmslos freundlich, ja sogar herzlich aufgenommen haben. Wir möchten deshalb auf diesem Wege noch einmal alle Vietnamesen grüßen und sagen

Cảm ơn (danke).

 Vietnam: Licht-GestaltenDies soll es für´s erste einmal gewesen sein. Der Reisebericht über den Süden Vietnams wird sich in den nächsten Wochen stetig füllen.

Vietnam: Unergründlich



Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.


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2 Gedanken zu “Good morning, Vietnam

  • seniena

    Guten Abend! Ich bin gerade aus Zufall über Ihren Blog gestolpert. Mir gefällt Ihre Beschreibung des Kreisverkehr sehr gut und ich wollte Sie fragen, ob ich diese eventuell in meinem Blog (link is angegeben) zitieren dürfte? Vielen Dank für Ihre Antwort.
    Mit freundlichen Grüssen,
    seniena

  • Paul Boegle Beitragsautor

    Liebe Isa,
    ich habe es mir angeschaut und es spricht nichts dagegen. Es freut mich, wenn Dir, ich darf doch Du sagen, schließlich haben wir neben einem Blog auch die unbeschreiblichen Erfahrungen des Saigoner Kreisverkehrs gemeinsam und wer diesen überlebt, muss einfach per Du sein, meine Impressionen über Saigon und speziell diese Passage so gut gefällt. Da ich annehme, dass Du Dich noch in diesem wunderschönen Land namens Vietnam befindest (der Neid frisst mich), wünsche ich Dir noch herrliche Stunden, Tage oder auch Wochen. Im nachhinein betrachtet war es wohl einer der schönsten Urlaube für meine Gattin und mich. Und wir haben schon einiges dieser wunderbaren Welt gesehen.
    Liebe Grüsse aus Wien sendet Dir
    Paul