Bio Natur - Der Weblog

27.2.2010

Saigon: Die Pagoden in Cholon

Abgelegt unter: Reisen — Paul Boegle @ 02:30

17.01.2010 Saigon und die Pagoden in Cholon

Nachdem wir nun alle Saigon und die Chinesen in Cholon auf dem Binh Tay Markt heil überstanden haben, würde ich vorschlagen, dass wir uns zuerst einmal eine Kokosnussmilch verdient haben. Setzen wir uns für ein paar Momente in den nahegelegenen Park und schauen wir dem bunten Treiben auf, neben und abseits der Strassen in Cholon zu. Wer nun nicht die Muse besitzt, sich uns zu Fuss anzuschliessen, um in Richtung der Pagoden zu spazieren, kann sich natürlich auch ein Cyclo heranwinken und sich gemütlich in das Pagoden-Viertel kutschieren lassen. Es ist vielleicht nicht einmal die schlechteste Idee, da es entlang der Hong Bang Strasse nicht allzu viele Sehenswertigkeiten zu bestaunen gibt.

Wir bleiben jedoch bei unserem ursprünglichen Plan, wandern an der für die Vietnamesen historisch bedeutenden Cha Tam Kirche vorbei. Historisch und politisch relevant ist die Cha Tam Kirche deshalb, da sich in ihr 1963 der gehasste Präsident Ngo Dhin Diem vor den Putschisten verschanzte, welche am 01. November 1963 nach einem Staatsstreich die Macht übernahmen. Nachdem er am nächsten Tag der Kapitulation zustimmte, die USA hatten ihm mittlerweile sämtliche Unterstützung verweigert, wurde er von den ARVN-Soldaten abgeholt, anstatt aber, wie ursprünglich vereinbart, ihn in Verwahrung zu nehmen, wurden er und sein Bruder kurzerhand auf dem Weg in die Stadt erschossen.

Nun gut, wir blieben am Leben. Das einzige, was auf uns zuschoss, waren wie immer die Mopeds und Roller, aber die trachteten uns beiden Langnasen eigentlich nicht nach dem Leben.

Erste Station unserer Pagoden-Wallfahrt war die Phuoc An Hoi Quan Pagode. Die Phuoc An Versammlungshalle (Hoi Quan steht für Versammlungshalle) wurde im Jahre 1902 von der Fujian-Gemeinde gestiftet, jenen Nachfolgegenerationen der Chinesen, welche im frühen 18. Jahrhundert aus der chinesischen Provinz Fujian in das Land einwanderten. Die Phuoc An Hoi Quan Pagode wurde zu Ehren des chinesischen Generals Quan Cong erbaut, verehrt wird aber darüberhinaus auch Ong Bon, jener bei den Vietnamesen willkommene Gott des Glücks und des Reichtums. In der Nähe des Hauptaltars fallen sofort acht Speere auf, welche fächerförmig im Wolkennebel der Räucherstäbchen stehen. Sie symbolisieren die acht Kardinaltugenden.

Saigon Phuoc An Hoi Quan Pagode: Acht Speere, acht Kardinaltugenden

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Ich könnte jetzt stillschweigend weiterschreiben und die Kardinaltugenden einfach übergehen. Da dies aber wohl kaum befriedigend ist, weder für Sie noch für mich, habe ich dementsprechend etwas recherchiert, bin aber zu keinem wirklich befriedigenden Ergebnis gekommen. Falls mir also die eine oder der andere LeserIn etwas Unterstützung und Hilfestellung leisten können beim Erklärungsversuch über die Kardinaltugenden, ich nehme dankend an. Bis dahin möchte ich einen Erklärungsversuch starten.

Im Konfuzianismus gibt es fünf verankerte Kardinaltugenden. Es handelt sich dabei um gegenseitige Liebe, die Tugend der Rechtschaffenheit, das Streben nach Weisheit, das Gebot der Sittlichkeit und nicht zuletzt um Aufrichtigkeit. Diese fünf Kardinaltugenden wiederum werden noch ergänzt durch die drei sogenannten unumstösslichen Beziehungen der Menschen, die da lauten: Unterordnung des Sohnes unter den Vater, des Volkes unter den Herrscher und der Frau unter den Mann.

Werte weibliche Leserschaft, bitte schauen Sie nicht mich so zweifelnd an, ich kann auch nichts dafür, ich gebe lediglich das wieder, was ich auf der Suche nach den Kardinaltugenden gefunden habe. Wir sollten deshalb auch nicht vergessen, dass der Konfuzianismus, welcher neben dem Taoismus und Buddhismus ursprünglich die stärkste philosophische Geisteshaltung war, bereits mit Beginn der Han-Dynastie (206 v. Chr.-220 n. Chr.) bis zum Ende des Kaisertums im Jahre 1912 Staatslehre war. Und demzufolge sollte die Geisteshaltung des Konfuzianismus auch immer unter dem Gesichtspunkt des herrschenden Patriarchats, wie es nun einmal über Jahrtausende üblich war, gesehen werden. Wissen Sie was? Machen wir doch aus den acht Kardinaltugenden ganz einfach weniger oder, vielleicht noch besser, jeder nehme sich seine ganz persönlichen Tugenden heraus. Und da ich schon immer ein völlig unverschämter Mensch war, dränge ich mich gleich wieder in den Vordergrund und angle mir die gegenseitige Liebe, dazu hätte ich gerne die Weisheit (warum immer das Unmöglichste?) und da aller guten Dinge drei sind, ach nein, zwei Tugenden genügen für den Anfang, man sollte genügsam sein, auch mit seinen Tugenden.

Wir wandern weiter. Ein letzter Blick zurück, ein leiser Gruß, der Tiger fletscht die Zähne, der gelb gewandete Buddha hinter dichtem Grün lächelt milde zurück und gibt uns hoheitsvoll den Weg frei, während uns ein buntes Fabelwesen mit breitem Maul verabschiedet. Zwei Kraniche versuchen vergeblich, uns zu folgen. Das Gewicht des Porzellans hindert sie, sich dorthin zu erheben, wo sich Vögel frei fühlen.

Saigon Phuoc An Hoi Quan Pagode: Gelber Buddha Saigon Phuoc An Hoi Quan Pagode: Fabelwesen, Drache oder Wächter? Saigon Phuoc An Hoi Quan Pagode: Vogel-Frei?

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Auf der Luong Nhu Hoc gehen wir in südlicher Richtung an vielen kleinen Elektroartikel-Geschäften vorbei, der Lärm der Hong Bang Strasse verebbt, es wird wieder beschaulicher in den kleinen engen verwinkelten Gassen. Die kleine Lao Tu Strasse beherbergt die Quan Am-Pagode, nein, sie trennt die Quam Am-Pagode in zwei getrennte Bereiche. Die freundliche helle Fassade leuchtet schon von weitem, satte Rottöne dominieren den Aussenbereich, während die grünen und roten Keramikziegel den Blick des Betrachters auf die reichen Holzschnitzereien und aufwendig gestalteten Keramiken des Daches vorbereiten und hinlenken.

Saigon Quan Am-Pagode: Aussenansicht Saigon Quan Am-Pagode: Papier-Lampion

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Chinesische Kaufleute errichteten die Quan Am-Pagode 1816 zu Ehren von Quan Am (auch Kwan Yin), der Göttin der Barmherzigkeit. Viele mythologische Gestalten und Gottheiten finden in der Quan Am-Pagode auf den grossen und kleineren Altären ihren Platz. Neben der in strahlendem Weiss dargestellten Quan Am wird Thich Ca gehuldigt, jenem in Indien unter dem Namen Siddharta bekannten Buddha. Verschmitzt und glücklich lächelt Di Lac (oder Amida), der Buddha der Zukunft, während der Höllenfürst Thanh Hoang die Gläubigen an ein gottgefälliges Leben ermahnt. Einige der Gläubigen halten Zwiesprache mit Than Tai, dem Gott der Finanzen, während die Himmelsgöttin Thien Hau besonderen Schutz den Seeleuten gewährt.

Saigon Quan Am-Pagode: Siddharta Saigon Quan Am-Pagode: Göttliches Innenleben Saigon Quan Am-Pagode: Drachensäule

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Rotierende elektrisch betriebene Säulen sind mit unzähligen kleinen Zettelchen behängt, auf denen die Namen der jeweiligen Spender niedergeschrieben sind. Langsam und bedächtig drehen sie sich im Kreise, mit jeder Drehung der Säule werden die Gebete der Spender ein weiteres Mal erhört. In kleinen Öfen zu Seiten der Altäre wird Papiergeld verbrannt, der Rauch zu Ehren der Verstorbenen mischt sich mit dem Duft der vielen Kerzen, mit Duftölen gefüllten Gläser und dem Weihrauchduft, welcher aus allen Ecken und Winkeln strömt.

Vertieft in die facettenreichen geschnitzten Holzpaneele im Eingangsbereich der Quan Am-Pagode, welche das traditionellen chinesischen Leben darstellen, werde ich zart von einer Vietnamesin angestossen, mit einem lautlosen strahlenden Lächeln bittet sie mich um ein Foto.

Saigon Quan Am-Pagode: Drachenrelief auf der Südseite der Quan Am-Pagode Saigon Quan Am-Pagode: Relief mit Musikanten auf der Südseite der Quan Am-Pagode

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Sie gibt mir zu verstehen, wo sie fotografiert werden möchte, ich fotografiere, sie löst sich von der Wand, schaut sich mit strahlenden Augen das Foto an, bittet mich um ein weiteres und noch eines und ein weiteres. Ich fotografiere, wir schauen uns gemeinsam das Resultat an, sie gibt mir neue Instruktionen, ich fotografiere, wir schauen uns gemeinsam das Ergebnis an und so weiter und so fort. Wieder werde ich sanft angestossen, freundlich drehe ich mich um, bereit, einer anderen jungen hübschen Vietnamesin zu Diensten zu sein. Meine Frau steht vor mir! Richtig, da war ja noch etwas, meine Frau habe ich doch vollkommen vergessen. “Na, eine neue Freundin gefunden?” Schuldbewusst senke ich meinen Blick, im Gesicht des Höllenfürsten Thanh Hoang meine ich ein hämisches Grinsen zu sehen, während mir Quan Am einen barmherzigen Blick schenkt, mag sein, dass ich Barmherzigkeit mit Spott verwechsle, doch lassen Sie mir doch diese Illusion.

Saigon Quan Am-Pagode: Meine neue vietnamesische Freundin

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Im Fahrwasser der allerbesten Ehefrau schwimme ich wieder auf die engen Gassen Saigons zurück. Die Kapitänin voran, heisst das wirklich Kapitänin oder sagt man Frau Kapitän, nun egal, auf alle Fälle, der Fotografen-Leichtmatrose immer dicht hinter ihr. Was läge da näher, als in weiterer Folge die Thien Hau-Pagode zu besuchen. Sie erinnern sich? Thien Hau, Himmelsgöttin, Meeresgöttin und Schutzpatronin der Seeleute.

Hohe Mauern versperren die Sicht auf das Atrium. Der Blick wandert an den rauhen Mauern nach oben, bleibt am Dachfries mit Motiven aus chinesischen Sagen hängen, unzählige handgeschnitzte Holzfiguren in kleinen Gruppierungen bevölkern fiktive handgeschnitzte Städte aus Holz. Zwei Lindwürmer schlängeln sich am höchsten Punkt des Daches, ihre langen gewundenen Körper mit den fein gearbeiteten Schuppen zeichnen sich scharf gegen den blauen Himmel ab. Durch den mit vergoldeten Ornamenten verzierten Eingangsbereich fällt sofort der dichte Rauch des grossen bronzenen Weihrauchkessels auf.

Saigon Thien Hau-Pagode: Aussenansicht Saigon Thien Hau-Pagode: Holzfigurengruppe am Dachfries

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Rote Papierstreifen hängen an den Wänden, sogenannte Gebetsfahnen. Mit jedem Windstoss, der durch den Tempel weht, werden die auf die Fahnen geschriebenen Gebete, Wünsche und Bitten zu Thien Hau getragen. Dicht an dicht hängen Räucherspiralen beim Hauptaltar von der Decke. Die meist weiblichen Gläubigen schreiben auf längliche Zettel ebenfalls ihre Wünsche auf, bringen diese kleinen Papierchen am oberen Ende der Wunschspirale an, worauf sie die Räucherspirale an einer Kerze entzünden. Mit Hilfe einer langen Stange werden sie dann an der Decke aufgehängt, wo sie sich im wahrsten Sinne des Wortes in Rauch auflösen. Langsam frisst sich die Hitze bis zum Ende der Spirale hinauf, um zu guter Letzt den Zettel mit den Bitten zu erreichen, welcher schließlich und endlich im alles verzehrenden Feuer aufgeht, um das Flehen der Menschen im Rauch zum Himmel hinaufzutragen.

Saigon Thien Hau-Pagode: Innenbereich Saigon Thien Hau-Pagode: Detail Holzschnitzerei

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Die Ruhe des Tempels wird von den drei Statuen der Göttin am Hauptaltar überstrahlt, jener Göttin all derer, welche den vielen Gefahren des Südchinesischen Meeres ausgesetzt waren. Die Mitte des 19. Jahrhunderts erbaute Pagode wurde von denjenigen aufgesucht, welche, aus China kommend, das Südchinesische Meer mit Hilfe von Thien Hau sicher durchschifft hatten und dementsprechend der Göttin ihre Danksagung überbringen wollten. Doch überwiegend wird die Frauen-Pagode von einheimischen Frauen aufgesucht. Frauen erbitten göttlichen Beistand von Me Sanh, der Göttin der Fruchtbarkeit und junge Mütter danken Long Mau, der Beschützerin der Mütter und der Neugeborenen.

Apropos neugeboren. Ich weiß, schön langsam werden Ihnen die Füsse schmerzen vor lauter Tempeln und Pagoden. Aber bedenken Sie eines: So oft kommen wir nicht gemeinsam nach Saigon und so billig und preisgünstig schon gar nicht. Aber ich will Sie nun nicht mehr weiter quälen, also beenden wir unseren gemeinsamen Spaziergang in den Gassen Cholons und lassen wir es für heute genug sein.

Ui ui ui, schauen Sie sich das an. Ja, genau direkt rechts an der Nguyen Trai Strasse. Nein, nicht da, weiter rechts, hinter dem Haus da. Man sieht sie kaum von der Strasse, aber glücklicherweise habe ich mich schon vorher schlau gemacht, dass man die Nghia An Hoi Quan-Pagode von der Nguyen Trai nicht direkt sehen kann. Jetzt kommen Sie schon, die eine Pagode schauen wir uns auch noch an, auf die soll´s wirklich nicht mehr drauf ankommen. Danach stärken wir uns dann auf dem Xa Tay-Markt, der liegt direkt neben der Cholon-Moschee, keine Angst, die schauen wir uns nicht auch noch an, ich zeige Ihnen schnell ein Foto, dann können Sie behaupten, auch dort gewesen zu sein.

Saigon: Cholon-Moschee

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

So, hätten wir dieses nun auch erledigt, aber jetzt wollen wir uns zum Schluss noch die Nghia An Hoi Quan-Pagode ansehen. Wie wir alle bereits wissen, war Quan Cong ein chinesischer General, welcher zu Zeiten der Drei Reiche (220-280 n. Chr.) lebte und wirkte (zu den Drei Reichen siehe z.B. China Blog: Die drei Königreiche). Die heroischen Taten des rotgesichtigen Generals Quan Cong ließen ihn desweiteren zum Sinnbild für Recht und Gerechtigkeit werden, in den ihm geweihten Tempeln wurden deshalb auch oftmals Schiedssprüche gefällt. Und, nicht genug der vielen Lobpreisungen, Quan Cong gilt als Patron der Gelehrten und Händler.Doch was wäre ein General zu Pferde ohne seinen treuen Stallknecht. Und wenn wir schon beim Heiligsprechen sind, was wäre ein zum Gott erhobener General ohne das dazu gehörige heilige Pferd. Nun, um die Sache abzukürzen. Der treue Stallknecht des Generals hörte auf den schönen Namen Nghia An. Auf welchen Namen nun das rote Pferd hörte, weiss ich beim besten Willen nicht, vielleicht kann mir hier jmand aus der Bredouille helfen. Ansonsten begnügen wir uns eben mit der Tatsache, dass in der Nghia An Hoi Quan-Pagode die Gläubigen sowohl den General, seinen treuen Stallknecht als auch das rote Pferd verehren.

Saigon Nghia An Hoi Quan-Pagode: Aussenansicht

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Der Tempel besticht auch wie viele andere Pagoden wiederum durch die filigranen Holzarbeiten. Betreten wir die von Räucherstäbchen vollkommen vernebelte Haupthalle und wandern zum Hauptaltar, sehen wir die Bildnisse von Quan Cong sowie seiner zwei wichtigsten Berater. Zu seiner Linken können wir den Militärmandarin Chau Xuong erkennen, während der General zu seiner Rechten von Quan Binh, dem wichtigsten Zivilmandarin, flankiert wird. Ong Bon, der Glücksgott darf ebenso wenig fehlen wie wunderbar gearbeitete Holzfriese von Tigern und Drachen.

Saigon Nghia An Hoi Quan-Pagode: Holzrelief Tigermutter mit zwei Jungen Saigon Nghia An Hoi Quan-Pagode: Räucherspiralen Saigon Nghia An Hoi Quan-Pagode: Farbig, schön, aber für Langnasen unverständlich

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Doch das wirklich Interessante der im Jahre 1840 erbauten Nghia An Hoi Quan-Pagode, oder auch Chua Ong (Tempel des Großvaters) genannt, befindet sich direkt neben dem Eingang. Eine riesige Holzstatue in Form des heiligen roten Pferdes sowie von Nghia An sind das wirkliche Ziel der Einheimischen. Um den Segen zu erbitten, werden die beiden Holzstatuen berührt, andere wiederum läuten das kleine Glöckchen am Halfter des Pferdes. Und wenn Sie als Besucher jemanden sehen, der unter dem Pferd durchkriecht, wundern Sie sich nicht. Um auch noch die letzten Reste von Segen zu “erwischen”, bitte dies wortwörtlich zu nehmen, wischen die Gläubigen durch das Hindurchkriechen den Segen sozusagen symbolisch auf.

Saigon Nghia An Hoi Quan-Pagode: Holzstatuen von Nghia An und dem roten heiligen Pferd

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

So, meine lieben LeserInnen, wir sind am Ende unserer heutigen Entdeckungsreise durch Ho Chi Minh City oder, um das gebräuchliche Wort Saigon zu verwenden, angekommen. Es gäbe noch vieles zu sagen, es wäre noch einiges hinzuzufügen, ich könnte noch stundenlang weiterschreiben. Aber nicht jetzt, aber nicht mehr heute. Denn auch ich bin von all diesen überbordenden Eindrücken, welchen die verschiedenen Pagoden, Tempel und heiligen Stätten in Cholon dem Betrachter und Besucher bieten, vollkommen erschlagen. Lassen wir es nun also wirklich gut sein und beschliessen wir den Tag mit jenem Ritual, das der allerbesten Ehefrau und mir mittlerweile schon zu einer heiligen Pflicht geworden ist.

Sie wollen wissen, was uns noch heiliger ist als die Pagoden in Cholon? Nun denn, dann wollen wir Ihnen auch diesen Wunsch erfüllen. Aber lautlos, ganz ohne Worte, schließlich versteht man dort sein eigenes Wort sowieso nicht.

Saigon: Hard Rock Cafe

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Eines noch zum Abschluss, bevor ich es vergesse. Das war es jetzt erst einmal mit Saigon, d.h. wenn wir uns hoffentlich bald wiederlesen, werden wir uns, sofern Sie, liebe Mitreisende, nichts dagegen haben, für drei Tage ins Mekong-Delta wagen. Da ich mir aber bereits den Wetterbericht für die nächsten Tage angesehen haben, könnte es sein, dass es zumindest einen Tag regnen könnte, wahrscheinlich wird es das sogar. Vergessen Sie dementsprechend nicht, sich vielleicht einen Regenschutz mitzunehmen. Wer keinen hat, auch kein Problem, die Temperaturen bleiben trotzdem angenehm im Süden Vietnams. Also, es heisst bei unserem Trip in das Mekong-Delta wieder einmal früh aufstehen, aber Sie wissen ja bereits: Nur der frühe Vogel fängt den Wurm!

In diesem Sinne heißt es wieder einmal: Pagoden-Paul grüßt den Rest der wurmstichigen Welt. Fortsetzung folgt!  


22.2.2010

Saigon - rund um Cholon

Abgelegt unter: Reisen — Paul Boegle @ 16:13

17.01.2010 Saigon und die Chinesen in Cholon

Machen wir also heute einmal einen Spaziergang durch das Chinesenviertel Saigons, wo die Moa, jene Nachfolgegenerationen der chinesisch-stämmigen Einwanderer aus dem 17. Jahrhundert leben.   

Cholon, das Chinesenviertel Saigons, auch ganz formlos und kurz District 5, da im fünften Bezirk (Quận 5) gelegen, genannt, (siehe dazu auch Cholon - die Chinesen im Ausland von Martin Kessler) besticht vor allem durch zweierlei Dinge. Zum einen durch den Binh Tay Markt, jenem Pendant zum Ben Thanh Markt im Zentrum der Stadt, und weiterhin durch eine Vielzahl von chinesischen Pagoden und Tempeln, und dies auf engstem Raum.

Um die geneigte Leserschaft schon einmal vorab neugierig auf die Pagoden und Tempel zu machen, welche in diesem kurzen Artikel nicht behandelt werden sollen, dies verlangt einer ausführlichen Betrachtung an anderer Stelle, sollen die folgenden Bilder sozusagen zum “Anfüttern” dienen. Sprich, sie haben einzig und allein den verwerflichen Zweck, den Blog Bio Natur wieder zu besuchen. Schande über mich, dass ich Sie quasi verhungern lasse. Nein, eigentlich ich sehe Sie sogar, bei näherer Betrachtung, als wechselwarme, andauernd im Wasser lebende Wirbeltiere. Ich würde es nun verstehen, wenn Sie mir nun die kalte Flosse zeigen, aber schauen Sie sich doch erst die Bilder an und schwimmen Sie doch in ein paar Tagen wieder bei mir vorbei, es gibt schliesslich noch viel über den Vietnam zu erzählen. Und erst die Fotos, Sie glauben ja gar nicht, was ich noch für Bilder im Ärmel habe, meine Güte, wenn Sie wüssten. Aber wir wollten eigentlich alle gemeinsam in den fünften District Saigons, nach Cholon. Wer also mit uns gemeinsam der Klaustrophobie frönen möchte, rein ins Taxi und ab ins Chinesenviertel. Jetzt hätte ich beinahe das Futtermittel vergessen, also hier die versprochenen Fotos, lauter kleine entzückende Details der verschiedenen Pagoden, ohne Zusammenhang, ohne Erklärung, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, bevor es richtig eng wird.

Saigon: Miniatur-Buddha in der Quan-Am Pagode Saigon: Weihrauchspiralen in der Phuoc An Hoi Quan Pagode Saigon: Geschnitztes Relief in der Thien Hau Pagode Saigon: Dach der Nghia An Hoi Quan Pagode

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Wobei die Definition engster Raum eigentlich im wörtlichen Sinne geradezu für die Beschreibung des Binh Tay Marktes prädestiniert ist. Der Ben Thanh Markt im Zentrum der Stadt ist sicherlich schon räumlich sehr begrenzt, auf dem Binh Tay Markt jedoch haben die Dimensionen Länge, Breite und Höhe überhaupt keine Bedeutung. Wo sich Touristen auf dem Ben Thanh Markt noch relativ gefahrlos und einigermassen bequem durch die überquellenden Warenangebote bewegen können, herrschen auf dem Binh Tay Markt geradezu klaustrophobische Zustände. Als Ehemann einer zum Shoppen fest entschlossenen und mit keinen Mitteln abzuhaltenden Ehefrau heisst es da einfach Augen zu und durch, obwohl man eigentlich in den seltesten Fällen irgendwo durch kommt. Bleibt dementsprechend nur noch Alternative 2: Im Fahrwasser der zu allem entschlossenen Ehefrau bleiben. Also doch wieder Augen auf und einfach schauen, wo sich eine Europäerin gerade in harten Preisverhandlungen befindet, denn so wirklich viele Europäer findet man hier nicht. Und trotzdem muss man diese Atmosphäre einfach selbst mit erlebt haben, von Indiana Bögle könnte selbst Indiana Jones noch etwas in Punkto Überlebenstechnik im Dschungel lernen.

Während ich mit meinen Gedanken eigentlich weit weg bin, die Objekte meiner Begierde lauten chinesische Tempel und chinesische Pagoden, werde ich durch die vom Feilschen und zähen Verhandeln schon völlig heisere Stimme der besten Ehefrau wieder in die grausame Wirklichkeit katapultiert. Die heiligen Tempel verschwimmen vor meinem geistigen Auge und der Shopping-Tempel stellt sich mir in all seiner Schonungslosigkeit, mit all seinen darin befindlichen Menschen, wieder in den Weg. Hemden fliegen mir in Familienpackungen um die Ohren, Socken im Vier-Dutzend-Pack defilieren vor mir, echte oder vielleicht auch unechte Ledergürtel, soweit mein Auge reicht, Damenschuhe in Kompaniegrössen bauen sich bedrohlich vor mir auf, den Rest habe ich vergessen, da ich mich Schutz suchend hinter die beste Ehefrau der Welt warf.

Saigon Chinesenviertel Cholon: Der Binh Tay Markt bietet Platz für alle und jeden und natürlich gemeinsam zur gleichen Zeit am selben Ort und überhaupt! Saigon Chinesenviertel Cholon: Binh Tay Markt

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Ich zähle die Sekunden, jede Handtasche steht für eine Sekunde, nach wenigen Augenblicken bin ich, also rein rechnerisch gesehen, am Ende meines Jahresurlaubes angelangt, leider nur fiktiv. Denn Fakt ist: Ich stehe immer noch im Hades der Konsumverweigerer. Ich, Indiana Bögle, der Hüter der heiligen Kreditkarte. Ich, der Tempelritter im heiligen Tempel nachgemachter Gucci-Sonnenbrillen, gefakter Armani-Handtaschen und falscher Dolce&Gabbana-Gürtel. Und um mich herum die Reiter der Einkaufs-Apokalypse, Heerscharen von (meist) weiblichen Todesboten der vollen Geldbörsen, mit eisernem Griff klammern sich meine Finger um die Geldscheine, mit stahlharter Faust klammert sich der eiserne Griff der allerbesten Ehefrau um meinen eisernen Griff (einmal dürfen Sie raten, welcher Griff eiserner war, kleiner Tipp am Rande: Meiner war es nicht). Tapfer stehe ich wie ein Fels in der Konsum-Brandung, ein Kapitän Ahab im Kampf mit Moby Shopping. Und dann, nach endlosen engen und engsten Gassen, sehe ich die Sonne. Ich stehe im Innenhof des Binh Tay Marktes, Länge gewinnt wieder an Bedeutung, Breite wird wieder zu einer erträglichen Vorstellung, Höhe lässt sich wieder mit vernünftigen Massstäben messen. Ich gönne mir ein kleines Päuschen, während sich die allerbeste Ehefrau sofort auf der anderen Seite des Innenhofes wieder ins Schlachtgetümmel wirft, ihr eisener Griff locker um die Geldscheine, welche einst von meinem eisernen Griff umklammert waren.

So sitze ich da, schaue mir den wunderschönen Brunnen mit den Drachen an, erfreue mich an den unzähligen Porzellan-Buddhas, lasse mich von den farbigen Blumen inspirieren und denke bei all den Räucherstäbchen an die meinem eisernen Griff entzogenen Geldscheine, welche sich wohl gerade ebenso in Rauch auflösen, natürlich rein symbolisch, schließlich bekommen wir, also meine Frau im Pluralis majestatis, jede Menge Opfergaben für die monetären Geldwölkchen. Aber ich schweife schon wieder ab.

Saigon: Innenhof Binh Tay Markt Cholon Saigon Chinesenviertel Cholon: Binh Tay Markt Innenhof

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Der Binh Tay Markt in Cholon ist auf alle Fälle ein Muss-man-gesehen-haben. Einerseits aus dem eben Geschilderten, andererseits aber auch zu seiner Nähe zu einigen der schönsten Tempel und Pagoden Saigons. Wo sonst ließe sich so einfach Konsum, Kitsch, Kunst und Kultur unter einen Hut bringen. Und um nun noch die letzten Zweifel auszuräumen, ob es den Himmel gibt. Ja, liebe Leser, es gibt den Himmel und er befindet sich direkt über Saigon oder besser gesagt, überall in Saigon. Aber hinein werden nur die wirklich Gläubigen kommen. Aber denen wirkt ein Ort der Glückseligkeit. Ein Ort, an dem nicht Buddha von den Menschen angebetet wird, sondern wo Buddha die Schuhe anbetet. Ein Schlaraffenland, wo nicht Milch und Honig fliessen, sondern wo es Handtaschen vom Himmel regnet. Ja,ja, liebe Leser und besonders liebe Leserinnen, ich habe ihn gesehen, denn ich war mitten drin.

Saigon: Der Shopping-Gott bei der Arbeit Saigon: Handtaschenhimmel

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle  

Bevor wir uns aber nun den Pagoden ganz in der Nähe zuwenden, muss ich mich erst einmal etwas ausruhen.

Bis dahin sagt Paul Bögle, der in die Enge Getriebene “Hẹn gặp lại!”, was soviel wie “Auf Wiedersehen!” bedeutet und, Sie wissen schon: Fortsetzung folgt!                 

19.2.2010

Cao Dai Tempel und Cu-Chi Tunnel

Abgelegt unter: Reisen — Paul Boegle @ 21:49

16.01.2010: Nördlich von Saigon

Es ist ca. 11:00 Uhr. Wir haben gemeinsam mit unserer kleinen Reisegruppe das erste (offizielle) Ziel für heute erreicht, nachdem wir die Handicapped Handicraft Factory hinter uns gelassen haben. Unter strahlend blauem Himmel präsentiert sich der Cao Dai Tempel. 1926 entstand diese sehr junge Glaubensrichtung, der sogenannte Caodaismus, dessen Zentrum eben hier, in Tay Ninh, liegt.

“Cao Dai”, übersetzt als “grosses Gebäude” oder “grosser Palast”, möchte den Glauben des Caodaismus als Glaubensrichtung verstanden wissen, unter dessen Dach sich die grossen Weltreligionen Katholizismus, Buddhismus, Hinduismus und Konfuzianismus und andere Religionsgemeinschaften vereinen. Desweiteren wird der Caodaismus noch vom Glauben alter Naturvölker bereichert, die Elemente Ahnenverehrung, Seelenwanderung oder Geisterbeschwörung finden ebenfalls Eingang in den Caodaismus. Ein weiteres typisches Merkmal des Caodaismus ist das überall sichtbare allessehende göttliche oder heilige Auge, Symbol für den allumfassenden Gott, welcher über die Taten und Handlungen der Gläubigen wacht und für Wissen und Weisheit steht.

Die Anhänger des Caodaismus, die Caodaisten, sehen in Ngoc Hoang Thuong De, dem schon erwähnten Jadekaiser (siehe Saigon - mit dem Cyclo zur Jadekaiser-Pagode) den Initiator für jenen Glauben, welcher im Vietnam jedoch nur eine sehr untergeordnete Rolle spielt.

Umso beeindruckender ist jedoch der Cao Dai Tempel. Natürlich nur, wenn man Bauwerke im Disneyland-Stil mag. Leuchtendes Rosa und helle Gelbtöne bestimmen das Äussere des Cao Dai Tempels, ein schwebender Maitreya-Buddha auf der Frontfassade, reich verzierte Dachtraufen aus geschnitzten Lotos-, Schlangen- und Drachenmotiven, Buntglasfenster, aus welchen den Betrachter immer und immer wieder das heilige Auge anblickt, lassen den Himmelstempel als Sammelsurium europäischer und asiatischer Architektur erscheinen. Wer den Cao Dai Tempel nun vielleicht sogar mit einer Bonbonfabrik assoziiert, warum nicht?

Cao Dai Tempel: Auf dem Weg zur Arbeit Cao Dai Tempel: Maitreya-Buddha

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Im Inneren wirkt die langgestreckte Gebetshalle, in welcher sich viermal am Tag die weissgewandeten Gläubigen zum Gebet versammeln, mehr als kunstvoll gestaltetes Museum denn als Versammlungsort für Gläubige. Die farbenprächtige neunfach unterteilte Gebetshalle, welche die neun Stufen zum Himmel symbolisieren sollen, wird von einer sternenbedeckten und wolkenbemalten blauen Kuppel überspannt, jenes heiß ersehnte Ziel für jeden Caodaisten, die Ankunft im Himmel. Säulen mit unzähligen Drachen, der Globus hinter dem Hauptaltar mit dem riesigen aufgemalten allessehenden göttlichen Auge, die hinter dem Altar stehenden Statuen von Buddha, Jesus und Konfuzius vereinen sich zu einem bunten Gesamtkunstwerk, hinter dem man als Außenstehender allerdings das Gefühl von Andacht, Gläubigkeit und Religion verliert.

Cao Dai Tempel: Das göttliche allessehende Auge Cao Dai Tempel: Drachenkopf-Detail in der grossen Gebetshalle Cao Dai Tempel: Grosse Gebetshalle

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Ein Wandgemälde im oberen Eingangsbereich des Cao Dai Tempels stellt jene drei Männer dar, welche das dritte Bündnis mit Gott unterzeichnen. Der vietnamesische Dichter und Gelehrte Nguyen Binh Khiem, der chinesische Politiker und Revolutionsführer Sun Yat Sen sowie der französische Schriftsteller Victor Hugo setzen das fort, was seinerzeit Mose und später Jesu mit den ersten beiden Bündnissen begann. Und unterhalb, im eigentlichen Eingangsbereich, betreten die Gläubigen den Tempel zum Gebet. Links strömen die Frauen hinein, von rechts kommen die Männer und das mittlere Tor ist natürlich den in rote, gelbe und blaue Gewänder gekleideten Priestern vorbehalten. Diese verschiedenen Farben des Caodaismus tragen dieser Universalreligion Rechnung, manche Berichte bezeichnen den Caodaismus auch als Sekte, welche ca. zwei Millionen Anhänger hat. Sei es, wie es sei, die Dienerinnen und Diener sind, wie bereits erwähnt, weiß gekleidet, während sich rot gekleidete Gläubige als höhere Ränge des Konfuzianismus dem Außenstehenden zu erkennen geben. Blau wiederum bedeutet, es handelt sich hierbei um Anhänger des Taoismus und wenn Sie einen in gelbes Gewand gehüllten Gläubigen vor sich haben, wissen Sie, dass dann dem Buddhismus gehuldigt wird (siehe auch z.B. Cao Dai: Sekte oder Religion?).

Cao Dai Tempel: Weissgekleidete Frauen auf dem Weg zum Gebet Cao Dai Tempel: Buddhist auf dem Weg zum Gebet Cao Dai Tempel: Beginn der Zeremonie

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Ich möchte nun nicht noch ellenlang über den Cao Dai Tempel schwadronieren. Zum einen müssen wir schließlich weiter und zum anderen werden viele meiner Leser meine Einstellung zum Überirdischen bereits zur Genüge kennen, wobei ich hierbei selbstverständlich der römisch-katholischen Kirche nicht den gebührenden Platz widmen kann, aber dies ist nun einmal keine Zur-Schau-Stellung meines unglaublichen Atheismus, welch Wortwahl, unglaublich und Atheismus im Verbund, sozusagen schon die höheren Weihen atheistischen Fehlverhaltens (siehe z.B. auch: Franz von Assisi) sondern einzig und allein ein Reisebericht über Vietnam.

Wir verlassen also den Cao Dai Tempel und machen uns auf den Weg zu den Cu-Chi Tunnelsystemen, jenen unterirdischen und händisch gegrabenen Tunneln, welche der Vietcong im Vietnamkrieg benutzte, um die US-Armee mit seiner Guerilla-Taktik zu zermürben. Hunderte Kilometer von Tunneln im Erdreich, gegraben von vietnamesischen Bauern, schützten die Soldaten des Vietcong vor den Bombenangriffen der US-Amerikaner. Angelegt als mehrstöckige Anlagen beinhalteten die Tunnel Küchen, Schlafräume, Lazarette, Munitionsdepots, Feuerstellungen und Luftschutzbunker, welche in den tiefsten Schichten des Erdreichs lagen und Schutz vor den Angriffen der feindlichen Armee boten. Notausgänge unter Wasser machten eine Flucht aus den Tunneln mit Hilfe von Schnorcheln aus Bambus möglich, falls sich amerikanische Soldaten, sogenannte Tunnelratten (siehe z.B. Menschliche Maulwürfe), in die mit Sprengfallen ausgestatteten Tunnel wagten. Klaustrophobische Zustände in den engen und schmalen Tunneln, giftige Insekten und Spinnen, die unbekannte Finsternis sowie die fehlende Unterstützung “von oben” machten den Kampf der Tunnelratten zu einem unmöglichen Unterfangen. Selbst das Wissen um die Cu-Chi Tunnel half den Amerikanern nicht, diese weitverzweigte unterirdische Welt auf Dauer zu infiltrieren. Der Einsatz von Infrarotlicht, Spürhunden und selbst Stethoskopen waren im Kampf gegen den Vietcong zu großen Teilen wirkungslos, alle Bemühungen der amerikanischen Armee war zum Scheitern verdammt.

Erst mit dem Einsatz der B52-Bomber und dem Abwurf von 300 bis 400 Kilo-Bomben gelang es, Krater von entsprechender Tiefe in die Tunnelsysteme zu reissen. Doch zu diesem Zeitpunkt hatten die Tunnel bereits ihren Zweck erfüllt, Amerika war zum Rückzug aus dem Vietnam entschlossen.

Der Beginn der Besichtigung der Cu-Chi Tunnel beginnt mit einem Einführungsvideo, auch hier wieder natürlich aus Sicht des Vietnams. Ein 3D-Modell der Tunnelsysteme macht anschaulich, wie sich der Vietcong in den Cu-Chi Tunneln einrichtete und bewegte. Danach geht es durch einen Laub- und Bambuswald vorbei an den Eingängen der Tunnelsysteme, für westliche Besucher mit westlichen Körpern unvorstellbar kleine Luken und Öffnungen, zugänglich nur für die kleinen Vietcong-Kämpfer. Nachgebaute Sprengfallen, wie sie während des Vietnamkrieges zum Einsatz kamen, machen deutlich, wie sich der Vietcong gegen die US-Amerikaner verteidigte. Nicht Töten war das Ziel des Vietcong. Verletzen, Schrecken verbreiten, die Verletzten zur dauernden Last des Feindes machen. Die Reste eines Huey-Hubschraubers säumen den Weg, Bombenkrater, von Unkraut überwuchert, zeugen von der Vergangenheit dieses sogenannten eisernen Dreiecks rund um die Cu-Chi Tunnel. Das undurchdringliche Grün des Waldes lässt erahnen, wie sich die amerikanischen Soldaten gefühlt haben müssen, während irgendwo im Hintergrund rhythmisches Schiessen zu hören ist.

Cu-Chi Tunnel: Quo vadis? Cu-Chi Tunnel: Leben der Vietcong Cu-Chi Tunnel: Vietcong-Falle

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Immer wieder wird die Stille des Waldes von den Schüssen am nahen Schiessstand unterbrochen. Ich muss es leider in aller Deutlichkeit sagen. Wir haben den Vietnam als eines unserer bisher schönsten Reiseziele kennengelernt, unzählige nette und vor allem hilfsbereite Vietnamesen haben unseren Weg gekreuzt, aber der Schiessplatz bei den Cu-Chi Tunneln ist der Gipfel der Geschmacklosigkeit. Für umgerechnet einen Dollar pro Schuss kann man sich hier Munition kaufen und an aufgebauten Gewehren, wie sie wahrscheinlich während des Vietnamkrieges benutzt wurden, zum selbsternannten Rambo küren. Ich kann die Funktionsweise des Schiessstandes nicht beschreiben, da wir außerstande waren, diesen eines einzigen Blickes zu würdigen.

Aber dieses gehörte Erlebnis, dieses furchtbare Zerfetzen der Stille, jenes zufriedene Grinsen der vom Schiessen Zurückkommenden, das Warten auf den nächsten Schuss, welcher zwischen den Bäumen lange noch nachhallt, diese Hässlichkeit des unsichtbaren Tötens, dieses grausame Echo war von solch grausamer Intensität, von einer unbeschreiblichen gegenwärtigen Traurigkeit innerhalb einer Vergangenheit voller menschlicher Abgründe, dass es jetzt, beim Schreiben dieser Zeilen, in den Ohren noch immer nachklingt. Ist es Dekandenz, ist es Ignoranz, vielleicht ist es aber einfach auch nur Geschäftemacherei? Aber warum soll das Geschäft mit dem Tod ausgerechnet in einem Land halt machen, welches selbst jahrzehntelang von Kriegswirren gebeutelt war?

Ich kann immer wieder nur an die Vernunft der Menschen appellieren, Waffen als das zu betrachten, was sie sind. Grausame Instrumente des Tötens, Werkzeuge des Hasses und Mechanismen des unmenschlichsten Verhaltens, zu welchem wir fähig sind, dem Vernichten von Leben. Doch auch ich gebe mich keinen Illusionen hin, so will ich zum Ende des heutigen Tages gelangen.    

Zum Abschluss unseres Rundganges war es noch jedem freigestellt, sich ein reales Bild der Cu-Chi Tunnel vor Ort zu machen. Wir hatten also die Möglichkeit, in jene Tunnel zu kriechen, welche allerdings für die Europäer bereits vergrössert wurden. Auch hier lässt sich das Erlebte schwerlich beschreiben. Jenes Abtauchen in eine Welt aus stiller Dunkelheit, schmerzhafter Enge und fühlbarer heisser Feuchtigkeit geben einem das Gefühl des Alleinseins, des Alleingelassenwerdens. Gähnende Öffnungen senken sich vor einem, in gebückter demütiger schmerzhafter Haltung rücken die Wände immer enger zusammen, mit jedem Meter glaubt man, die Decke des Erdreichs senkt sich, der Boden hebt sich mit jedem Schritt mehr und mehr, die Wände erdrücken einen mit ihrer gnadenlosen Stille. Der Dreck unter Tage fängt an zu schmerzen, die lautlose Umgebung brüllt einem schonungslos die Abwesenheit von Geräuschen in die Gehörgänge, die stickige Luft wühlt sich in die Atemwege, ich fühle mich lebendig begraben. Ich krieche, ohne vorwärts zu kommen, ich atme, ohne Luft zu bekommen, ich höre, ohne einen Laut zu hören. Phantasien lösen sich von den braunen Wänden, unbekannte Gestalten wabern durch die dunklen Gänge, gesichtslose Menschen erwecken sich hier unten wieder selbst zum Leben.

Cu-Chi Tunnel: Bis hierher und nicht weiter Cu-Chi Tunnel: Eingeweide

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Der Mensch wird zum Wurm, in einer menschenfeindlichen und doch von Menschenhand geschaffenen menschenleeren Welt gerät das Individuum zur hilfeschreienden und doch stummen Kreatur. Lebendig begraben, der Mund öffnet sich, unfähig, sich zu artikulieren. Einzig die Bitte nach Licht, nach Luft, nach Geräuschen, nach Menschlichkeit, sie prallt an der Enge der Tunnel ab, bahnt sich ihren Weg, spült mich mit sich fort, zieht mich in einen Strudel unbegreiflicher Angst, klammert sich an meinen Beinen fest, greift unsichtbar nach meinen Händen. Raus, einfach nur raus, nach oben, ans Licht. Hören, Sehen, Riechen, Atmen, Spüren. Gehört werden, gesehen werden, gerochen werden, geatmet werden, gespürt werden.

Wir sitzen unter schattenspendenden Bäumen, die bedrückende Enge der Tunnel-Eingeweide hat sich in die lichten Höhen des vietnamesischen Nachmittagshimmels verflüchtigt, die beklemmende feucht-heisse Finsternis hat sich mit dem befreienden Auftauchen an die Oberfläche dieser Welt wieder in die Innereien der Erde hinter uns, unter uns, verkrochen.

Was bleibt nun, zum Abschluss dieses Tages, übrig? Wie lassen sich der Cao Dai Tempel und die Cu-Chi-Tunnel auf einen gemeinsamen Nenner bringen? Ich denke lange nach auf unserer Rückfahrt nach Saigon, auf staubigen Strassen vorbei an staubigen Hütten, welche unter staubigen Palmen in staubigem Staub stehen.

Vielleicht bleibt die Erkenntnis, daß sich Menschen auf zweierlei Arten in eine selbst gewählte Isolation begeben können, begeben wollen oder gar begeben müssen. Die einen zwingt ihr Glaube, allem Weltlichen zu entsagen, die anderen zwingt die Welt, ihrem Glauben an Freiheit in Isolation zu flüchten. Welchem Vogel geht es nun besser? Jenem, welcher die Freiheit kannte und nun sein Dasein in Gefangenschaft fristen muss oder dem anderen, welcher in Gefangenschaft aufwuchs und plötzlich in eine nie gekannte Freiheit voller unbekannter Gefahren geworfen wird?

Ich weiss es nicht! Und doch schliesse ich wie immer mit:

Fortsetzung folgt.         

          

14.2.2010

Vietnam - zwischen Kultur und Krieg

Abgelegt unter: Reisen — Paul Boegle @ 01:41

16.01.2010 Vietnam: Cao Dai Tempel und Cu-Chi Tunnel

Nur der frühe Vogel fängt den Wurm! Wenn Sie mich jetzt fragen, ob dieses Sprichwort vietnamesischen Ursprungs ist, könnte ich Ihnen keine zufriedenstellende Antwort darauf geben. So sei´s drum, lassen wir den Vogel also trotzdem zeitig aus seinem Käfig, (Warum? Siehe Saigon - mit dem Cyclo zur Jadekaiser-Pagode), schliessen wir uns, damit meine ich ausnahmslos alle im Daunenkäfig, diesem um 6:00 Uhr gleich an und bewegen wir uns aus unserem weichen Ehenest, dem Bett.

6:00 Uhr? Aufstehen? Im Urlaub? Drei Fragen, aber keine Frage! Wir sind schließlich hier, um uns Vietnam nicht nur aus der Vogelperspektive anzuschauen. Jetzt heisst es Land und Leute kennenlernen, mit einem Open Tour Bus fahren wir heute in das Landesinnere nordwestlich von Saigon.

Sightseeing in Vietnam ist nicht ganz so einfach wie Sie es vielleicht aus anderen Teilen dieser Welt gewohnt sind. Sie haben dementsprechend zwei Möglichkeiten, wobei ich jetzt, nach unseren gemachten Erfahrungen, die letztere vorziehen würde. Reisen in Vietnam, egal ob per Bus oder Zug, können Sie, in dem Sie eines der unzähligen Travel Cafes aufsuchen, sich dort ein Open Tour-Ticket kaufen und dann Vietnam auf eigene Faust erkunden. Diese Open Tour-Tickets haben sicherlich den Vorteil, dass Sie hier beliebig ein- und aussteigen können, d.h. haben Sie Gefallen irgendwo gefunden, bleiben Sie dort, bis es Sie weiterzieht. Sie können ebenfalls mit dem Zug von Hanoi nach Saigon reisen, natürlich steht es Ihnen frei, Vietnam auch von Süden (Saigon) nach Norden (Hanoi) zu erkunden. Ich muss mich jetzt im folgenden auf die Reiseberichte unserer zahlreichen, ständig wechselnden Reisebekanntschaften verlassen, die diesen Weg gewählt haben.

Die Bahnstrecke des Vietnam besteht momentan nur aus zwei Meterspur-Bahnen. Eine kommt aus dem Norden und führt, von China kommend, über Hanoi, Hue, Natrang und endet schließlich in Saigon (Ho Chi Minh Stadt), die andere dementsprechend Richtung Norden. Zum einen benötigen die Züge sehr lange, der schnellste bewältigt die mehr als 1700 Kilometer lange Strecke in 29 Stunden, andere Reisende sprachen aber auch von 40 Stunden Fahrtzeit, zum anderen sind die Züge meist ausgebucht. Reisende haben uns empfohlen, einen Platz bereits mehrere Tage vor Fahrtantritt zu reservieren. Nun gut, da wir “nur” den Süden Vietnams bereist haben, ein Grund war eben dieses zeitintensive Reisen, haben wir uns hauptsächlich mit Bussen durch das Land bewegt. Auch hier besteht die Möglichkeit, sich ein Open Tour-Ticket zu sichern, um Vietnam in Eigenregie zu bereisen. Man sollte sich allerdings über eines im Klaren sein. Auch Vietnamesen benutzen Busse. Und da dies im Land die günstigste, bequemste und vor allem meist einzige Möglichkeit ist, lange Strecken hinter sich zu bringen, sind die “normalen” Open Tour-Busse auch meist gut gefüllt bis überfüllt. Desweiteren kann es durchaus passieren, dass während der Fahrt der Bus gewechselt werden muss bzw. dass etwas exotischere Ziele des Landes nur über Umwege zu erreichen sind. Keine Frage, wer Zeit hat und sich das Land wirklich aus verschiedenen Perspektiven anschauen möchte, ist diese Art des Reisens sicherlich die beste Option.

Alleine, wir waren natürlich wieder einmal unseren zivilisierten Restriktionen unterworfen, sprich drei Wochen Urlaub und dann husch, husch, wieder ins große Körbchen der arbeitenden Bevölkerung. Also wählten wir die zweite Alternative.

Eine unüberschaubare Anzahl an kleinen Reiseanbietern in Saigon, speziell entlang und um die Hai Ba Trung Street und der Duong De Tham in Saigon, bietet Komplettpakete an. Ich möchte und kann schon gar nicht auf die verschiedenen Anbieter eingehen, da es schlichtweg unfair wäre, sich nur aufgrund der gelesenen Informationen und Aussagen aus dem Internet zu stützen. Ich bin der Meinung, dass es keine grossen Unterschiede geben kann, da die Erfahrung gezeigt hat, dass die verschiedenen Reisenden, egal über welchen Veranstalter sie nun gebucht haben, im Endeffekt doch immer eine grösstenteils gleiche Reiseroute hatten. Mag dies nun daran liegen, dass die Anbieter noch gewissen Zwängen ihrer Regierung unterworfen sind, mag es aber auch daran liegen, dass sich gewisse Reiseroute im Laufe der Zeit als praktikabel und machbar erwiesen haben. Der Vollständigkeit halber sei trotzdem erwähnt. Wir buchten unsere Ausflüge bei T.M. Brother´s Cafe, welche ebenfalls in der Duong De Tham ihr Büro haben.

Kurzum, wer diesen Weg des Reisens wählt, wird sicherlich den einen oder anderen Dollar mehr bezahlen müssen, andererseits bieten diese Open Tour-Busse aber auch mehr Komfort. Gerade auf langen Strecken auf nicht ausgebauten Strassen wird man mehr Beinfreiheit zu schätzen wissen.

Wir haben also diesen Weg gewählt. Manch Leser wird sich nun denken: Schau an, diese bequemlichen Touristen. Ja, ja, ist schon gut. Aber denken Sie doch bitte an mein fortgeschrittenes Alter, man nennt mich nicht umsonst in Forscherkreisen Indiana Bögle, den Weißhaarigen oder mein weltbekanntes Pseudonym Der-von-frischen-Kräften-Verlassene dürfte Ihnen sicherlich ebenfalls bekannt sein. Andere böse Zungen, besonders jene mit dem Ehering am Finger, titulieren mich sogar als Johnny Weissmüller Bögle, den Dickbäuchigen oder auch Kugelbauch von Phu Quoc. Und sehr stolz bin ich natürlich auf meinen Body, von Körper kann man hier wohl kaum mehr spreche, in Bodybuilder-Kreisen kennt man mich nur unter meinem Titel “Der Sixpack im Speckmantel”. Und wer Schliemanns Erben kennt, Sie wissen schon, jene Sendung eines deutschen öffentlich-rechtlichen Senders, mich nennt man, der Gipfel der Geschmacklosigkeit, Schliemanns Grossvater. So, nun habe ich mich wieder einmal selbst der Lächerlichkeit preisgegeben, einige meiner ArbeitskollegInnen werden nun ihre helle Freude an der folgenden Kollektion geheimster Geheimfotos haben. Überhaupt jenes mit dem Titel “Reisbauer in Rosa” hält meine liebe Gattin, Sie wissen schon, die allerbeste Ehefrau der Welt, für besonders gelungen. Wie man sich nun denken kann, teile ich diese Meinung nicht unbedingt. Wenn sich dann alle wieder beruhigt haben, wollen wir endlich in den Bus einsteigen, welcher uns aus Saigon in Richtung Norden chauffiert.

Vietnam Insel Phu Quoc: Indiana Bögle (und) der Schrecken des Mekong Vietnam Insel Phu Quoc: Johnny Weissmüller Bögle oder Der Sixpack im Speckmantel Vietnam Mekong-Delta: Der Kuss der Schlangenfrau Vietnam Insel Phu Quoc: Reisbauer in Rosa Vietnam Insel Phu Quoc: Indiana Bögle in Ruhe- oder besser in Lauerstellung

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Es gibt natürlich auch hier wieder zwei Möglichkeiten. Auch hierbei wählten wir wiederum die etwas teurere Alternative, wenn man bei vier Dollar wirklich von teuer reden kann. Wir buchten direkt über unser Hotel, d.h. wir hatten den unschätzbaren Vorteil, dass wir morgens direkt vom Hotel abgeholt wurden, pünktlichst und ohne Stress stiegen wir um 8:00 Uhr in einen kleinen Bus deutschen Fabrikats, Sie wissen schon, mit so einem Stern vorne drauf, und kurvten quer durch die Stadt, um noch andere Reisende mitzunehmen. Noch einmal zurückzukommen auf die angeblich teurere Alternative. Rechnet man jetzt wiederum, dass wir direkt vor dem Hotel abgeholt wurden und uns dementsprechend die Taxikosten zum Reisebüro ersparten sowie weiterhin in aller Gemütlichkeit frühstücken konnten, die Pho war wie jeden Tag mein erstes Essen des Tages, sehe ich die vier Dollar nicht unbedingt als verlorenes Geld an. Aber dies muss jeder für sich selbst entscheiden.

Mit unseren Mitreisenden, Sie werden es nicht glauben, unsere Reisegruppe bestand aus einem Thai, welcher mit seiner Tochter sein Nachbarland Vietnam bereiste, und fünf Vietnamesen. Meine Frau und ich waren die einzigen beiden Langnasen im Bus, welch Wohltat. Sie werden jetzt fragen: Warum bereisen fünf Vietnamesen Vietnam, und dies auch noch auf touristische Art und Weise. Da müssen wir wieder für einige Momente in die Geschichte Vietnams abtauchen.

Hintergrund sind hier die sogenannten Boat People und damit auch wieder der Vietnamkrieg. Nach dem Ende des Vietnamkrieges und der Übernahme des Landes durch das kommunistische Nordvietnam waren viele Menschen des Südens, also der ehemaligen Republik Vietnam, den Repressalien der neuen Regierung ausgesetzt. Da Vietnam selbst jedoch auf dem Landweg keine geeigneten Zufluchtsmöglichkeiten zuließ, Laos, Kambodscha und China als unmittelbare Nachbarstaaten boten den Flüchtlingen keinen ausreichenden Schutz, stand als letzter Ausweg nur die Flucht über das Meer. Hunderttausende von Vietnamesen, aber auch Kambodschaner, deshalb spricht man im ursprünglichen Sinne auch von den indochinese boat people, den Bootsflüchtlingen Indochinas, stachen mit hoffnungslos überladenen Booten, unzureichendem Proviant und kaum Süsswasser in See, um nach Thailand oder Malaysia zu kommen, um dort in aufnahmewilligen Drittländern um Asyl anzusuchen. Viele kenterten, viele wurden von Piraten angegriffen, viele starben auf hoher See. Die Älteren unter uns werden sich sicherlich noch an die Cap Anamur erinnern können, jenes erste Schiff, welches im südchinesischen Meer nach Flüchtlingen suchte und viele rettete und bis heute Symbol für Hilfsbereitschaft und humanitäres Verhalten ist.

Einer dieser Flüchtlinge, damals noch ein Kind, war einer unserer Mitreisenden. Und jetzt, seit mehr als 30 Jahren in San Francisco lebend, besuchte er seine Heimat, um der Hochzeit seiner jüngeren Schwester beizuwohnen. Zusammen mit seiner Tante, deren Mann und zwei weiteren Freunden der Familie unternahm er nun eine kleine Reise zurück in eine Vergangenheit voller schmerzlicher Erinnerungen. Es mag vielleicht seltsam klingen, aber gerade dieses Erlebnis machte für uns die Schrecken des Krieges, in diesem Falle des Vietnamkrieges, noch transparenter, da hier der Krieg anhand eines greifbaren menschlichen Wesens sozusagen hautnah vor einem stand und nicht anonym durch die Medien transportiert wurde.

Cu-Chi Tunnel: Erst Tee trinken und dann abwarten Cu-Chi Tunnel: Zeitstrudel

Wir hatten zu späterer Stunde die Gelegenheit, die Cu-Chi Tunnel der Vietcong-Kämpfer selbst zu erleben, aber den Wahnsinn eines Krieges anhand von Menschen mitzuerleben, welche durch diesen auseinandergerissen wurden, macht einen wesentlich nachdenklicher als leere Tunnel und verrostete Fallen aus altem Kriegsmaterial. Erst diese Nachbeben der Unmenschlichkeit, deren Wellen uns nach Jahrzehnten des Vergessens und Verdrängens erreichen, lassen einen an der Sinnhaftigkeit vieler Dinge unserer Menschheitsgeschichte zweifeln, wenn nicht sogar verzweifeln. Kriegsfilme, Schwarzweiss-Bilder, Relikte einer scheinbar längst aufgearbeiteten Vergangenheit mögen uns als Mahnmale dienen, aber sie werden uns niemals die Schicksale des einzelnen Menschen vor Augen führen. Wir können uns noch so oft vergangene Kriegsschauplätze anschauen, wir können unzählige Male Gedenkfeiern für gefallene Soldaten abhalten und wir können noch so oft der unbeteiligten und unschuldigen Toten gedenken, doch wirkliches Leid werden wir als Aussenstehende niemals so empfinden können wie jene, welche ihre eigene, ihre ganz persönliche, ihre von Krieg getränkte blutrote Vergangenheit ein Leben lang mit sich tragen.

War Remnants Museum Saigon: Kriegsspiele in Schwarz-Weiss War Remnants Museum Saigon: Und wo sind die Sieger dieses Krieges?

Quelle und Originalbilder: War Remnants Museum Ho Chi Minh City

So, liebe Leser, nachdem ich Sie zu Anfang dieses Artikels zum Lachen gebracht habe, hoffe ich inständig, dass Ihnen dieses nun im Hals stecken geblieben ist. Ich möchte Sie nicht provozieren, aber ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, durch meinen Blog zum Nachdenken anzuregen, ich möchte konfrontieren und vielleicht einen kleinen, nur einen winzig kleinen Teil dazu beitragen, dass Kriege zu dem werden, was sie aus meiner Sicht sein sollten, eine menschenunwürdige Form, Konflikte aus der Welt zu schaffen, Probleme zu lösen und Ansprüche, sei es nun berechtigterweise oder ungerechtfertigt, geltend zu machen. Wir alle, ich manches Mal sogar mehr als andere, appellieren an die Menschlichkeit. Doch welchen Stellenwert besitzt heutzutage die Menschlichkeit in einer von Menschen geschaffenen Institution namens Krieg?

Aber lassen wir es wieder einmal gut sein, ich habe Sie nun galant bis zu diesen Zeilen gelockt und gelenkt, deshalb will ich Sie nun wieder mit dem weiteren Verlauf unseres heutigen Ausflugs zum Cao Dai Tempel und dann zu den schon erwähnten Cu-Chi Tunneln unterhalten. 

Wir fahren also aus der Stadt hinaus in fast nördlicher Richtung Richtung Tay Ninh. Wenn ich schreibe, wir fahren aus der Stadt hinaus, bedeutet dies zuallerst einmal, dass wir in etwa eine Stunde brauchen, um auch die letzten Aussenbezirke Saigons hinter uns zu lassen. Wohlgeordnet sind die Strassen nach verschiedenen Dienstleistungen und Handelsgütern sortiert und aufgeteilt. In einer Strasse reiht sich kilometerlang ein Geschäft nach dem anderen mit all dem, was das Herz des Handwerkers und Häuslebauers erfreut. Rohre, Klimaanlagen, Fenster, Türen, dann wieder Rohre, Klimaanlagen, Fenster, Türen und schließlich, weil es so schön war, Rohre, Klimaanlagen, ah, da schau, ein Betrieb mit Fliesen hat sich dazwischen geschmuggelt, aber danach wieder Fenster und Türen, die Klimanalagen kommen jetzt sogar mit Tresoren daher, welch Wonne. Eine andere enge Gasse lässt das Herz meiner Frau hoch und höher schlagen. Brautkleider, Brautmode, Nagelstudios, soweit das heiratswillige und -wütige Auge reicht. Ich deute stumm auf ihren Ehering, aber selbst dies lässt ihr eheliches Herz kalt. Also warte ich still ab und siehe da, die stummen Bräute lösen sich endlich in (mein) Wohlgefallen auf und machen Platz für fabrikneue Roller. Nicht, dass mich nun Roller übermäßig interessieren, aber was mich brennend interessiert, wer soll die alle kaufen. Dann fällt mein Blick allerdings wieder seitswärts auf die Strasse und ich sehe Tausende potentieller Kunden. Wir rollen an Rollern vorbei, während Roller an uns vorbei rollen. Ich liebe Saigon, die Weltstadt des motorisierten Zweirades. Saigon, Du Zentrum der tuckernden Ein- bis Zweitakter. Saigon, Du Mittelpunkt der Ein-, Zwei-, Drei- und Viersitzer. Saigon, Du Hauptstadt der knatternden Kolben. So, jetzt aber Schluss, wir wollen schließlich weiter. 

Dann machen wir allerdings einen, zumindest für uns, nicht geplanten Stop. Wohlweislich wurde uns verschwiegen, dass wir zum Zwecke der Devisenbeschaffung die Vietnam Handicapped Handicraft Factory besuchen. Einige andere kleine Busse stehen bereits vor uns da, wir werden in einer kurzen Führung an Menschen vorbeigeführt, welche trotz ihrer Behinderungen an Arbeitsplätzen hauptsächlich Lackwaren und Keramiken herstellen bzw. mit hauchdünnen Eierschalen verzieren, welche dann mit verschiedenen Lackschichten überzogen werden. Es ist jetzt natürlich nicht unbedingt die feine Art, wenn einem der Reiseverlauf so derart verschwiegen wird, aber es ist doch eine lässliche Sünde. Der abschliessende Schauraum mit eindeutiger Animation zum Kauf darf selbstverständlich nicht fehlen, aber es wird einem trotz alledem niemand an die Seite gestellt, der einen unentwegt mit zum Verkauf angebotenen Artikeln traktiert. Da haben wir schon Schlimmeres erlebt, Ägypten hat da geradezu meisterliche Fähigkeiten entwickelt, aber auch in der Nähe von Mombasa wurden wir damals, jaja, lange ist es her, auf harte Geduldsproben gestellt. Nun gut, inwiefern nun die Erlöse den Behinderten zugute kommen, kann ich beim besten Willen nicht beurteilen, aber da schließlich jeder Reisende für die Zuhausegebliebenen ein kleines Präsent braucht, dann fangen wir eben hier mit unseren Einkäufen an.

Unsere Reisegruppe ist fertig, andere steigen bereits wieder in Busse ein, Ziel unbekannt, wieder andere kommen gerade an. Wir fahren weiter. Auf staubigen Strassen geht es an staubigen Hütten, welche unter staubigen Palmen im staubigen Schatten stehen, nordwestlich Richtung kambodschanischer Grenze.

So, ich sehe, dass mein Bericht schon wieder ausufernde Formen annimmt. Deshalb würde ich sagen, dass wir den Nachmittag in einem separaten Artikel abhandeln und deshalb sage ich wieder einmal: Fortsetzung folgt.

Ihr kugelbäuchiger, rosabändiger Kriegsgegner Paul Bögle      


13.2.2010

Saigon - mit dem Cyclo zur Jadekaiser-Pagode

Abgelegt unter: Reisen — Paul Boegle @ 04:22

15.01.2010 Mit dem Cyclo durch Saigon

Wir haben die Mangrovensümpfe hinter uns gelassen, die Ruhe des Saigon Rivers ist wieder jener betriebsamen 24-Stunden Hektik der Strassen gewichen. Noch etwas traumverloren stehen wir an der Ton Duc Thang, welche sich wie ein einziges hupendes Strassenband längs des Flusses entlangzieht. Unschlüssig stehen wir am Strassenrand, das langsame beschauliche Fliessen wird jäh vom schnellen Drehen der Räder verdrängt, verschluckt und aufgesogen.

Da werden wir zielsicher von zwei Vietnamesen ins Auge gefasst. Auch hier darf ich wieder eines voranschicken. Viele westlichen Touristen fühlen sich durch die Vietnamesen oftmals belästigt und geben dies auch dementsprechend wieder. Man könnte sogar glauben, alleine die Anwesenheit der Einheimischen ist schon Grund für viele, sich in ihrer persönlichen Freiheit gestört, wenn nicht sogar angegriffen zu fühlen. Ich musste Aussagen lesen, dass man sich wie eine Melkkuh vorkommt und dass die Vietnamesen einzig und alleine auf dieser Welt sind, um der guten weissen Frau und dem noch viel besseren weissen Mann nur sein sauer verdientes Geld aus der Tasche zu ziehen. Nun gut, ich muss auch diese Meinung und Sichtweise der Dinge respektieren, alleine sie entspricht nicht der Wahrheit. Sicherlich wollen die Vietnamesen Geschäfte mit uns Touristen machen und sicherlich haben Touristen, welche Langstreckenflüge von Europa nach Südostasien bezahlen können, auch etwas Kleingeld in den Taschen. Es stellt sich aber hier die Frage: In welcher Stadt werden keine Geschäfte mit Fremden gemacht?

Warum aber verdammen wir immer nur diejenigen, die sich eben dieses Prinzip zunutze machen, welches bei uns seit langer Zeit gang und gäbe und demzufolge auch legitim ist? Warum darf nur Wien, London, Paris oder Rom an ausländischen Touristen verdienen? Warum dürfen immer nur wir an den reichen Touristen partizipieren, welche sich unsere schönen europäischen Städte und Landstriche anschauen. Gelten bei uns andere Rechte und Gesetzmäßigkeiten? Und bei aller Freundschaft. Vietnamesen haben wesentlich höflichere Umgangsformen als viele Menschen der sogenannten zivilisierten Welt, selbst wenn es nur um wenige Euro geht. Und wir haben, neben vielen anderen positiven Erfahrungen, die Vietnamesen als ein Volk kennengelernt, welches sich niemals penetrant oder unhöflich uns gegenüber verhalten hat, auch wenn wir ”Nein, danke!” zu etwas gesagt haben. Oftmals hatten wir das Gefühl, daß gerade Armut einem Menschen jenes Selbstwertgefühl und jenen Stolz gibt, welchen wir vielleicht in gewissen Dingen schon lange verloren haben. So, das musste jetzt auch einmal geschrieben werden!

Nun gut, wir zwei Langnasen standen also an der Strasse. Ein freundliches “Hello” dringt über das Hupkonzert hinweg an unsere Ohren. Zwei Cyclofahrer sitzen in ihren Sitzen, auf abgewetzten roten Sitzpolstern laden sie uns zu einer Runde durch die Stadt ein. Auf riesigen Stahlfedern thront der Fahrersitz, ein Stahl-Ungetüm, halb Fahrrad, halb Rollstuhl, sozusagen ein Minotaurus der Strasse. Nun gut, mit dem Cyclo wollten wir sowieso einmal eine Runde drehen, warum nicht gleich? Es gibt zwar mittlerweile auch eine neue Generation an Cyclos in Saigon, chromblitzend und richtig stylish, wie die Jugend von heute sagt (glaube ich zumindest), aber es fehlt diesen Cyclos irgendwie die Cyclo-Seele. Dort hat man übrigens wirklich das Gefühl, dass sie nur zum Zwecke des Geldverdienens auf Saigons Strassen fahren. Aber bei unseren zwei Cyclo-Fahrern hatten wir das Gefühl, hier herrscht eine gesunde Mischung aus Schlitzohrigkeit und Charme und dieses gefiel uns auf Anhieb.

 Saigon: Cyclo-Fahrer

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Natürlich gehört in Saigon Handeln zum Geschäft. Wir mussten unsere beiden Fahrer also von unseren Preisvorstellungen überzeugen und die beiden hatten die Muse, uns hinlänglich mit den ihren bekannt zu machen. Aber wie heisst es so schön: Beim Reden kommen die Leute zusammen! Und so kamen auch wir auf einen gemeinsamen Nenner. Jetzt mussten wir uns nur noch über das gemeinsame Ziel unserer Reise einig werden. Da wir vorhatten, unabhängig unserer neuen Begleiter, der Jadekaiser-Pagode einen Besuch abzustatten, war damit auch das Ziel unserer Fahrt gefunden.

In langsamer Fahrt geht es am Saigon River entlang, wir lassen das Ton Duc Thang Museum linker Hand liegen, während uns wiederum unzählige Mopeds linker und rechter Hand liegen lassen. Den Ratschlag meines Cyclo-Fahrers, meine Kamera eng am Körper zu halten, selbst in einem kommunistischen Land wie Vietnam ist man nicht vor Diebstahl gefeit, beherzige ich selbstverständlich. Wir fahren nun in nordwestlicher Richtung, das Ho Chi Minh Museum und der Botanische Garten mit dem Zoo wandern langsam an uns vorüber. Unsere Cyclos rollen in den ersten Kreisverkehr ein. Zum ersten Mal erleben wir den Verkehr hautnah, keine schützende Taxi-Karosserie um uns herum,wir sind quasi auf Du und Du mit all den Mopeds und Rollern, ein prickelndes Gefühl, völlig anders als bei unserer Ankunft in Saigon. Menschen hinter Sonnenbrillen und mit dem unvermeidlichen Mundschutz blicken zu uns herüber, die Luft stinkt bestialisch nach Abgasen aus den Verbrennungsmotoren. Aber wer Saigon kennenlernen möchte, muss bereit sein, seine Lunge diesen Torturen auszusetzen.

 Saigon: Im Cyclo gegen den Strom

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Die Gassen werden wieder enger, die Kinder einer Schulklasse in ihren blau-weissen Schuluniformen rennen fröhlich und ungeordnet am Strassenrand entlang. Das Ende der Schule bedeutet scheinbar überall lachende Gesichter, sei es in Europa oder im fernen Osten. Bunte Häuserfassaden zu beiden Seiten, meist jedes Haus nur ein einziges Zimmer breit, dafür umso höher und umso tiefer gebaut. Strom- und Telefonkabel schwingen sich vor den Häusern in dicken Wülsten von Mast zu Mast unweigerlich kommt mir “Ich Tarzan, Du Jane!” in den Sinn.

Mopeds parken überall vor den Häusern, Frauen sitzen vor ihren Holzwägen, bieten geduldig Früchte wie die Jackfrucht, Ananas Drachenfrucht oder Papaya zum Verkauf an. Aus dunklen Höhlen helle Blitze, Männer schweissen im Verborgenen Metall. Alte Frauen schleppen unermüdlich riesige Körbe, gefüllt mit Mandarinen oder Kokosnüssen, welche an langen Holzstangen auf beiden Seiten ihrer zähen, hageren und ausgemergelten Körper schaukeln und pendeln. Ein junger Mann mit weinrotem Helm, das alte Moped über und über mit Kisten beladen, beschriftet mit Fanta und Coca Cola, darauf noch weitere leere Glasflaschen gestapelt, zwischen den Beinen noch mehr Kisten, dreht vorsichtig mitten auf der Strasse um, bedenklich wackelt er mit seiner kostbaren Fracht entgegen der Fahrtrichtung, um sich ebenso schnell wieder laut hupend seinen Weg durch die Strassen Saigons zu bahnen.

Saigon: Schule ist aus! Saigon: In den Gassen Saigon: Mobiler Getränkeautomat? Saigon: Verbotene Früchte? Saigon: Bunt und laut

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Wir haben unser Ziel erreicht. Keine Schweissperle steht unseren beiden Cyclo-Fahrern auf der Stirn, als sie uns freundlich lächelnd an der Jadekaiser-Pagode, welche sich abseits in einer kleinen Gasse dem Auge des Betrachters entzieht, absetzen. Wir sollen uns in Ruhe alles anschauen, sie werden auf uns draussen warten, erklären sie uns. Eigentlich wollten wir den Rückweg zu Fuss antreten, aber in Anbetracht der Tatsache, dass es doch ein weiter Weg war, willigen wir schliesslich ein. Was soll´s, so haben die beiden Männer mit uns wenigstens ihren Tagesumsatz gemacht. Und ich muss ehrlich gestehen, im Cyclo durch Saigon macht ganz schön Spass.

Einer der beiden deutet auf meine Kamera. Ob er uns fotografieren soll? Na, aber sicher doch. Bereitwillig gebe ich ihm meine Kamera, stelle sie auf Autofunktion und unser Fahrer macht seine Sache perfekt. Zur Sicherheit noch ein zweites Foto. Wir schauen uns gemeinsam das Resultat auf dem kleinen Display an und kommen übereinstimmend zum selben Schluss: Saigon´s Cyclo-Fahrer sind vielseitig!

Saigon Jadekaiser-Pagode: Ein perfektes Foto! 

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Die Pagode des Jadekaisers (siehe auch Martin Kessler: Vietnam - Saigon: Pagode des Jadekaisers), zu Anfang des 20. Jahrhunderts zu Ehren des Kaisers Ngoc Hoang erbaut, vereint eigentlich all das, was sich der westliche Mensch unter einem fernöstlichen Tempel vorstellt. Das Dach aus grünen Keramikziegeln, der vor der Pagode stehende Opferofen, in welchem die geweihten Gaben aus Papier verbrannt werden, möge der aufsteigende Rauch die Ahnen im Himmel erreichen. Zu rechter Hand ein kleiner Teich, welcher von unzähligen Schildkröten bevölkert ist, sowohl für Vietnamesen als auch Chinesen ein Symbol für ein langes Leben, Synonym für Glück und Reichtum. Vögel in Holzkäfigen werden zum Verkauf angeboten, jeder Kauf eines Vogels bedeutet den Flug in die Freiheit und steht für eine weitere gute Tat des Käufers.

Im Inneren des Haupttempels wachen zwei riesige Generäle, dämonengleich thronen sie auf dem von ihnen besiegten grünen Drachen bzw. dem unterworfenen weissen Tiger. Und im Hintergrund des Haupttempels steht der in kostbare Gewänder gekleidete Jadekaiser, eine der am höchsten verehrten mythologischen Figuren des Taoismus. Ngoc Hoang, jener Weltenherrscher, welcher für den Lauf der Dinge zuständig ist, Ngoc Hoang, welcher für Leben und Tod verantwortlich ist, Ngoc Hoang, welcher zugunsten von Sieg oder Niederlage entscheidet. Tische und kleine Altäre, zum Bersten voll mit Opfergaben, Holzschnitzereien, dunkel gefärbt von den Rauchschwaden. Dazwischen bunte Blumen in weiss-blauen Vasen aus Porzellan. Durch enge Gänge kommt man in weitere kleinere Tempelräume, die Gläubigen andächtig in die Verehrung ihren Heiligen versunken, in den zum Gebet erhobenen Händen Räucherstäbchen haltend.

Auf grossen Holztafeln sind in der Halle der zehn Höllen die verschiedenen Höllenqualen dargestellt, 1000 Qualen an der Zahl mahnen und erinnern die Menschen, ihr Karma positiv zu gestalten und zu halten, um nach dem Tod nicht in die Fänge von Thang Hoang, dem Höllenkönig, zu geraten. Im Frauenraum wacht Kim Hoa, die Göttin der Mütter. Zwölf Keramiken in Form von Frauengestalten symbolisieren die Mondjahre, jene Jahre im chinesischen Kalenderzyklus, sechs der Figuren stehen zusätzlich für eine der Tugenden, die anderen sechs für die Laster der Menschen.

Über eine schmale Treppe betritt man den oberen Bereich der Jadekaiser-Pagode, auf einer kleinen Terrasse überblickt man den Vorhof, in welchem Steinbänke im Schatten eines riesigen Banyan-Baumes zum Verweilen einladen. Auch hier steht ein grosser Bronzekessel, leise kräuselnd ziehen die Schwaden der Räucherstäbchen in den Himmel. Ein Rudel Drachen auf dem Dach erhebt sich zwischen den grünen Keramikziegeln, immer wieder wird das Auge von sorgsam gearbeiteten Holzschnitzereien abgelenkt. Emsiges Treiben zwischen den Bänken, manche sitzen andächtig auf den Bänken, Kinder spielen, andere Gläubige wiederum stehen tief versunken vor kleineren Schreinen, stecken ganze Bündel von Räucherstäbchen in den Sand der bronzenen Kessel, daneben schauen einige in den mittleren Teich des Vorhofes, in welchem sich rote Koi-Karpfen tummeln.

Saigon Jadekaiser-Pagode: Der Vorhof Vietnam: Schildkröten, Symbol für langes Leben, Wohlstand, Reichtum und Glück Saigon Jadekaiser-Pagode: Typisch grüne Keramikziegel

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Wir verlassen die Jadekaiser-Pagode. Ein letzter Blick zurück auf die in schlichtem Rosa gehaltene Fassade, dann begeben wir uns wieder in die Hände oder besser gesagt Füsse unserer beiden Cyclo-Fahrer, welche uns quer durch die Stadt, auf unbekannten Wegen, vorbei an der hinter dicken Mauern und Stacheldraht versteckten amerikanischen Botschaft, welche am 29. April 1975 Schauplatz der Evakuierung der letzten Amerikaner und dem damit endgültigen Rückzug der USA aus dem Vietnam war. Als an jenem Tag die Worte “It is 112 degrees and rising“ und der darauf folgende Song “White Christmas” von Bing Crosby im Radio gesendet wurde, war dies das Zeichen für alle Ausländer, sich an einer der 13 Landezonen der Militär-Hubschrauber zu sammeln, um aus dem Land geflogen zu werden. Die “Operation Frequent Wind” hatte begonnen.

Doch für uns beiden Ausländer wird weder “White Christmas” gespielt noch werden wir irgendwohin ausgeflogen. Ganz im Gegenteil. Ein wunderschöner Tag in Saigon nahm sein Ende. Ich spreche jetzt natürlich nicht für die Amerikaner, sondern einzig und allein für meine Frau und mich.

Und wie immer zum Schluss: Fortsetzung folgt.

Ihr Aushilfs-Jadekaiser ohne eigene Pagode Paul Bögle               

      

9.2.2010

Saigon River

Abgelegt unter: Reisen — Paul Boegle @ 02:43

15.01.2010 Saigon River

Wir sitzen noch für einen kurzen Moment im fünften Stock des Rex Hotels in Saigon. Über der Stadt geniessen wir die frische Luft, welche in den Niederungen der Stadt von den Abgasen der unzähligen Mopeds gnadenlos ausgelöscht wird. Das Thermometer ist mittlerweile auf angenehme 30 Grad gestiegen, unser Jetlag, bedingt durch den langen Flug und die ZeitumSaigon: Die Skyline vom Saigon River aus gesehenstellung, hat sich im Dunst der Stadt aufgelöst, kurzum, wir sind in Saigon geistig und auch körperlich angekommen. Und das allerbeste: Wir sind begierig, endlich wieder eine Strasse überqueren zu dürfen. Vergessen sind die traumatischen Erlebnisse unserer Ankunft, je mehr Zweiräder, desto besser. Nein, bei aller Euphorie, wir wollen es nicht übertreiben, also kehren wir auf die Dong Khoi zurück und setzen unsere Erkundung des ersten Districts fort.

Weitere Boutiquen säumen die Strasse zu beiden Seiten, Nagel- und Massagestudios bieten ihre Dienste an, Cyclo-Fahrer wollen uns zu einer Fahrt durch die Stadt bewegen, allein wir wollen nicht, noch nicht. Und ehe wir´s uns versehen, sind wir am Fluss, jenem berühmten Saigon River. Stadteinwärts türmen sich die hohen Neubauten, überall blicken Glasfronten auf den Fluss, Baukräne stehen in luftigen Höhen auf den unfertigen Hochhäusern, man kann förmlich spüren, wie sich die Stadt nach allen Seiten ausbreitet, wie sie sich Meter für Meter nach oben arbeitet, fehlender horizontaler Platz wird durch Saigon River: Gelbe Entladungvertikales Wachstum ausgeglichen. Der Himmel über Saigon füllt sich mehr und mehr mit Beton, Tag für Tag ändert sich die Skyline der Stadt, wächst mit den Bedürfnissen der Menschen.


Der Fluss fliesst schmutzig braun träge dahin. Sampans, flache Fischerboote, schaukeln langsam auf dem Wasser, werden immer wieder von den Bugwellen der vorbeifahrenden unzähligen Boote angestossen. Auf dem Fluss setzt sich die Transportfreudigkeit der Vietnamesen fort, was nicht per Zweirad auf den Strassen Saigons transportiert werden kann, findet seinen Weg entlang des Flusses. Tief im Wasser liegende Lastkähne befördern Steine, Kies und Sand, ihre bemalten Augen am Bug voraus schauend mit starrem Blick knapp über der Wasserlinie. Andere Boote sind über und über mit Palmblättern beladen, die Saigon River: Blätter im Stromspärliche Besatzung sitzt auf den pflanzlichen Materialien, deren Enden zu beiden Seiten der Boote im Wasser hängen. Im nahen Hafen werden vor Anker liegende Schiffe von Lastkränen entladen, ihre eisernen Lippen fest zusammengepresst, um die Fracht in ihren Metallmäulern nicht zu verlieren. Männer entladen gelbe schwere Säcke, welche auf rostigen Förderbändern aus den tiefliegenden Bäuchen der Schiffe ans Tageslicht befördert werden.

  Saigon River: Fressen und gefressen werden!

Auf dem Wasser treiben kleine grüne Inseln aus Wasserlilien, immer wieder verfangen sich Plastikabfälle im Gewirr der Blätter, langsam treiben sie mit der Strömung, sammeln sich zu größeren Inseln, um schließlich an unterirdischen Hindernissen zu stranden. Menschen fahren diese grünen Flecken auf dem braunen Strom ab, auf der Suche nach Kostbarkeiten und verwertbaren Materialien bewegen sie sich mit kleinen hölzernen Ruderbooten zur Flussmitte, mit den Füssen rudernd, mit den Händen steuernd, zu den möglichen Schätzen aus Industrieabfällen und für die westlichen Augen scheinbar wertlosen Müll.

 

Unser kleines Boot tuckert auf dem Saigon River an der dunstigen Silhouette der Stadt dahin, immer wieder steuert unsere Bootsfrau im 90-Grad-Winkel gegen die Wellen dSaigon River: Jäger verlorener Schätzeer uns entgegenkommenden Boote, welche missmutig gegen die Holzplanken klatschen. Sanft schaukeln wir auf die andere Seite des Flusses, lassen Saigon mit dem Lärm der Strassen hinter uns und bewegen uns auf engen Kanälen in den Mangrovensümpfen, welche nahtlos auf der anderen Seite des Flusses beginnen. Eine junge Vietnamesin liegt in einer roten Hängematte, aus einer Wellblechhütte, welche auf scheinbar wackeligen angenagten Holzbeinen im Wasser steht, schauen uns drei Kinder zu. Erkennend, dass wir zwei Fremde sind, rennen sie am Ufer neben unserem Sampan her, immer wieder winken sie freudig erregt und schreien mit ihren hellen Stimmen “Hello”. Wir winken mit Saigon River: Schwimmende Augender Zurückhaltung Erwachsener zurück, bis sich der schmale Weg endgültig in den Sümpfen verliert und die Kinder mit ihrem leiser werdenden “Hello” zurückbleiben.

Ein mit Schutt und Geröll beladener Sampan kommt uns entgegen, zwei junge Vietnamesen mit nackten Oberkörpern sitzen im Schneidersitz unter einem kleinen, gelb-blau gestrichenen Bretterverschlag, der sie vor der Sonne schützt. Neugierig gelassen blicken sie zu uns herüber, die aufgemalten Augen ihres Bootes fixieren uns, bis sie hinter der nächsten Biegung verschunden sind. Eine weitere Wellblechhütte am Wasser, der vordere Teil mit blau-weiss gestreiften Jutesäcken notdürftig geschützt, ein kleiner Junge mit einer dreckig roten Baseball-Kappe schaut uns regungslos zu, während wir an ihm und tief im braunen Wasser stehenden Palmen vorbeifahren. Er sitzt hinter zwei dreckig-weissen Farbeimern, die Hütte unter ihm ist mit schlammigen Sandsäcken gegen Abrutschen gesichert. Kleidungsstücke hängen auf ungehobelten Holzstangen, im Hintergrund, gegen das dunkle Grün der Bäume heben sich andere Behausungen als undeutliche bunte Farbtupfer ab. Fische springen aus dem Wasser, doch ehe wir sehen, sind sie schon wieder im blasigen Wasser untergetaucht, das Klatschen ihres Auftauchens hallt einen kurzen Augenblick nach, gerade so lange, um zu erkennen, dass Fisch auf Wasser traf.

Saigon River: Licht und SchattenStromkabel sind über die Sümpfe gespannt, Bäume fallen in Zeitlupe in das fast stehende Gewässer, entwurzelt und doch Saigon River: Gelb-grüne Neugierdeim letzten Augenblick von anderen, tief unter der Oberfläche vergrabenen Wurzeln aufgefangen und in ihrer Bewegung eingefroren, verharren sie auf halbem Weg zwischen Himmel und Wasser, unentschlossen beäugen sie die Bräunlichkeit, gefangen in ihrer nicht zu Ende geführten Entwurzelung. Ein bunter, auf einen Bambusstab aufgespiesster Sonnenschirm hat sich als weithin sichtbarer Fremdkörper zwischen die grünen Federn gedrängt, beherrschend und doch einsam und verloren steht er unnatürlich in der undurchdringlichen Natürlichkeit. Sonnenspendend wartet er auf diejenigen, welche seiner bedürfen.

Blätter wachsen in einer plötzlichen Bewegung aus dem trüben nassen bodenlos Unergründlichen, ihre gelblich grünen Fingerspitzen berühren neugierig sanft zart das in Saigon River: Am Wasser gebautkonzentrischen kleinen immer größer werdenden Kreisen auseinandertriftende Spiegelbild. Andere machen es ihnen nach, näher am Ufer stehend, die Haut schon fleckig grau verdorrt vom zuviel auf das ins Unergründliche Schauen.

Saigon River: Verstecken, Bedecken, Entdecken

Hellblau gestrichene Fensterläden enthüllen das, was eigentlich verhüllt werden soll. Die Farbe an vielen Stellen abgeblättert, heisse Hitze, nasse Nässe, trockene Trockenheit hat an ihnen genagt, hat sie zum Aufgeben gezwungen, hat sie zermürbt, um endlich dem auf brauner Brühe schwimmenden Voyeur das preiszugeben, was keiner Preisgabe bedarf, geheimnislose Geheimnisse offenbaren, unbehandelte rauhe an den Oberflächen bereits aufgedunsene Bretter, zusammengehalten aus einem Gerippe aus rostigen Nägeln, welche in die hölzerne Haut, in jenes leicht entflammbare brennbare knisterbare Fleisch getrieben wurden. Ziegelsteine wandern in einer langen Reihe, teils einzeln, teils mit Zement zu quadratischen Körpern verbunden, in ihr Gefängnis aus Holz, Rost und Feuchte.

 

Wir kehren um. Wir haben genug gesehen. Haben wir das wirklich?

Vietnam: Genug gesehen? 

Fortsetzung folgt.


8.2.2010

Saigon - oder Ho Chi Minh City ?

Abgelegt unter: Reisen — Paul Boegle @ 00:10

15.01.2010 Spaziergang durch Saigon

Vietnam wurde und wird sicherlich noch auf lange Sicht untrennbar mit dem unsäglichen Vietnamkrieg verbunden bleiben. Es soll deshalb auch nicht an dieser Stelle auf den Vietnamkrieg (1960 - 1975) eingegangen werden, da es hierfür bessere und vor allem kompetentere Quellen gibt. Wer sich näher mit dem Vietnam beschäftigt, sei es aus geschichtlichem oder politischem Interesse oder sei es als Vorbereitung einer eigenen Reise in dieses südöstliche Land, wird im vorliegenden Reisebericht und Tagebuch über unsere Reise im Jänner 2010 auch nur wenige Informationen sowohl über den Vietnamkrieg als auch über die französische Kolonialzeit mit Ende des 19. Jahrhunderts vorfinden. Andererseits wird man aber als Reisender vielfach an jene fremden Herren im Vietnam vor Ort erinnert, sei es durch den allgegenwärtigen Ho Chi Minh, sei es durch verschiedene Kriegsschauplätze wie etwa die begehbaren Cu Chi-Tunnelsysteme nordwestlich von Ho Chi Minh Stadt oder das War Remnants Museum (Kriegsmuseum) nahe des Palastes der Wiedervereinigung, welches den Krieg und all seine Schrecken mit vielen authentischen Schwarzweiss-Fotos dokumentiert. Das War Remnants Museum stellt den Vietnamkrieg selbstverständlich aus vietnamesischer Perspektive dar, doch es muß einem Land, welches von Agent Orange noch bis in die heutige Zeit verfolgt wird und die vietnamesischen Nachfolgegenerationen unter dem Einsatz dieses Herbizides bis jetzt noch heimgesucht werden, gestattet werden, die Unmenschlichkeit dieses, nein jeden Krieges an der Zivilbevölkerung, ausländischen Besuchern zu zeigen.

Saigon - oder Ho Chi Minh City? Offiziell wird die Metropole im Süden Vietnams als Ho Chi Minh City bezeichnet, aber der Großteil der Bevölkerung spricht immer noch von Saigon (oder korrekt Sài Gòn), wie die Stadt bis zum April 1975 hieß, wobei Saigon eigentlich nur den ersten District, die ursprüngliche Altstadt rund um die Dong Khoi nahe des Saigon River bezeichnet. Spricht man also von Ho Chi Minh Stadt, ist mehr die Stadt aus Sicht des kommunistischen Staates gemeint, nennt man die Stadt Saigon, sieht man die Stadt möglicherweise mehr unter den Gesichtspunkten der französischen Kolonialherrschaft, deren Baustile und Bauwerke noch überall sichtbar sind. Aber wie das vietnamesische Großstadtkind auch beim Namen genannt wird, egal ob Ho Chi Minh City oder Saigon, die Stadt raubt jedem Besucher förmlich den Atem.

Wieviele Einwohner hat Saigon? Offizielle Zahlen sprechen einmal von vier Millionen Einwohnern, andere wiederum sagen sieben Millionen. Auf meine Fragen diesbezüglich bekam ich allerdings dreimal unabhängig voneinander die Zahl zehn Millionen genannt, die Wahrheit wird wohl irgendwo dazwischen liegen, wer will es denn schon so genau nehmen. 

Unternehmen wir doch lieber einen gemeinsamen Spaziergang durch die engen Gassen, begeben wir uns auf Spurensuche und suchen wir nach bekannten, interessanten und vielleicht auch weniger bekannten, aber nicht minder schönen Gebäuden, Tempeln, Bauwerken, Pagoden, Märkten und Parks. Und vor allem, schauen wir uns die Menschen an. Es gibt viel zu entdecken. also geben Sie mir Ihre Hand, zumindest noch für die ersten paar Strassenzüge, damit Sie sich an den Verkehr in Saigon gewöhnen können (siehe Saigon - erste Gehversuche). Keine Angst, meine Frau geht dicht hinter Ihnen und passt ebenfalls auf Sie auf.

Wir wollen uns heute einmal das Zentrum Saigons anschauen. Auf der Cao Thang Street schlendern wir gemütlich Richtung Cong Vien Van Hoa Park, jenem dreigeteilten Park, innerhalb dessen Grenzen sich der Reunification Palace oder Reunification Hall, der Palast der Wiedervereinigung befindet. Architektonisch zwischen den berühmt-hässlichen Plattenbauten der ehemaligen DDR und eben dem typisch minimalistischen Baustil der 60er-Jahre angesiedelt bietet das Bauwerk, in welchem sich ab 1975 der Norden und der Süden Vietnams politisch wieder näherten und letztendlich zur Kapitulation Südvietnams führten, intakte Wohnräume, erlesenes Mobiliar sowie ein im Keller befindlicher Bunker nebst Befehlsstand. Aber, ich hoffe, Sie stimmen mir zu, bei solch schönem Wetter lassen wir den Palast Palast sein, setzen wir uns doch lieber hinter Wiedervereinigungspalast auf einen cà phê đá nieder, jenen köstlichen und bei diesem heissen Wetter erfrischenden schwarzen Eiskaffee. Ach, Sie trinken Ihren Eiskaffee mit Milch? Dann müssen Sie natürlich einen cà phê sữa đá bestellen, natürlich können Sie auch auf Englisch bestellen, in Vietnam überhaupt kein Problem.

Saigon: Ca phe da, der vietnamesische Eiskaffee Saigon: Cong Vien Van Hoa Park

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Wunderschön, wie hier in Saigon die Parks zum Verweilen einladen, fernab der hektischen Strassen, schauen Sie sich all die aus den Bäumen gestalteten Tiermotive an. Na gut, ein Foto noch, aber dann bin ich schon auf das Hauptpostamt und Notre Dame gespannt. Mal schauen, ob hier die Franzosen wirklich so detailgetreu gearbeitet haben wie in Paris. So, haben Sie ausgetrunken? Dann will ich zahlen, Sie sind von meiner Frau und mir selbstverständlich eingeladen. Also, ein cà phê đá und zwei cà phê sữa đá, macht 42 000 Dong, umgerechnet ca. 1,70 Euro (Stand 01/2010).

So, geben Sie mir noch ein letztes Mal Ihre Hand, denn wir überqueren die sehr breite Nam Ky Khoi Nghia. Wie bitte, Sie wollen sich lieber von meiner Frau an die Hand nehmen lassen? Wie Sie meinen, dann kann ich eben nebenher fotografieren. Auf der anderen Seite gehen wir dann weiter bis zur zweiten Querstrasse und dann bitte rechts. Und passen Sie mir bitte auf, dass Sie vor lauter Schauen nicht irgendwo im Saigoner Strom- und Telefonnetz hängenbleiben. Wir wollen schließlich nicht schuld daran sein, dass irgendwo im weitverzweigten, übersichtlichen und natürlich wohlgeordneten Stromnetz der Stadt plötzlich der Wurm drin ist. Eines muss man allerdings sagen: In Saigon gewinnt der Begriff Kabelsalat wirklich an Bedeutung.

 Saigon: Stromnetz oder Telefonkabel? Wer will es schon so genau wissen!

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Nach einigen wenigen Minuten befinden wir uns an der Rückseite von Notre Dame oder Nha Tho Duc Ba, wie die grösste in den ehemaligen französischen Kolonien erbaute Kathedrale in Vietnam heisst. Die wie ein Backsteinbau anmutende Basilika, rote Fliesen (Kacheln) sorgen für diese Optik, bietet im Inneren wenig Sehenswertes, feierlich, aber schlicht präsentiert sie sich dem Besucher. Der leider nur am Sonntag geöffnete Glockenturm bietet sicherlich einen herrlichen Ausblick über Saigon, aber leider ist heute eben nicht Sonntag.

Saigon: Notre Dame nach französischem Vorbild Saigon: Der Innenraum der Kathedrale Notre Dame

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Dann wenden wir uns doch einem der schönsten Bauten Saigons zu, von Notre Dame blicken wir auf das von Gustave Eiffel geplante und erbaute Hauptpostamt. Betreten wir die Innenhalle, fühlen wir uns irgendwie an einen Bahnhof erinnert. Schmiedeeiserne grüne Säulen mit ebensolchen Halbrundbögen in der Gewölbedecke, die wunderschönen Steinfliesen des Fussbodens und zwei riesige Landkarten links und rechts des Eingangsbereichs mit Ansichten des Landes Vietnam und gegenüberliegend dem alten Stadtbild Saigons, alte Holzbänke und alte Telefonzellen aus Holz, in welche Bankomaten integriert. Und im Hintergrund blickt ein riesengrosses Portrait von Ho Chi Minh ruhig und gelassen auf das geschäftige Treiben, lässt sich dutzende Male von Touristen wie mir fotografieren und schaut sich amüsiert all die Menschen an, welche Geld wechseln, Postkarten kaufen oder einfach nur auf den Holzbänken sitzen und sich für ein paar Augenblicke ausruhen. So, wenn wir uns dann am Hauptpostamt satt gesehen haben, Saigon bietet leider oder besser gesagt glücklicherweise noch so viele Dinge, dass uns für die nächsten Tage nicht langweilig werden wird.

Saigon: Hauptpostamt mit der vor Notre Dame stehenden Marienstatue (in Rom gefertigt) Saigon: Hauptpostamt Innenansicht Saigon: Hauptpostamt, Ausschnitt Landkarte im Eingangsbereich, welche die einstige Verbindung zwischen Saigon (Zentrum, erster District) und Cholon darstellt.

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Dazu möchte ich gleich folgendes anmerken. Wir, damit meine ich natürlich wie immer die beste Ehefrau der Welt und mich, den Ehemann der besten Ehefrau der Welt, hatten insgesamt drei Wochen Zeit, Vietnam zu bereisen, kennenzulernen und uns mit Land und Leuten anzufreunden. Wir haben dabei viele ausländische Menschen aus aller Herren Länder kennengelernt, viele Backpacker (Rucksack-Touristen) natürlich, welche das Land von Norden nach Süden oder umgekehrt in seiner ganzen Länge bereist haben. Geographisch lässt sich Vietnam in etwa mit der Fläche Deutschlands vergleichen, allerdings beträgt die Nord-Süd-Ausdehnung ca. 1700 Kilometer. Da die Infrastruktur Vietnams noch in den Kinderschuhen steckt, benötigt man dementsprechend viel Zeit, um per Überlandbus oder Eisenbahn die verschiedenen Städte und shenswerten Buchten oder auch Inseln zu besuchen. Eine andere Möglichkeit dazu wäre selbstverständlich die Nutzung des Flugzeugs, Vietnam verfügt mittlerweile über mehrere Flughäfen in allen wichtigen Städten des Landes. Nachteil dabei ist allerdings, dass einem viele interessanten Details des Landes verborgen bleiben, während die Reise mit Bus und Bahn zu einer sehr zeitaufwendigen Angelegenheit wird. Wir haben uns deshalb entschlossen, nur den Süden Vietnams mit der Insel Phu Quoc zu erkunden. Manch einer wird nun denken, so ein langer Flug und dann nur den Süden Vietnams gesehen. Dem muss ich entgegenhalten: Ja, nur den Süden, aber den richtig. Wir bereisen nicht ein Land, um den Daheimgebliebenen mit stolzgeschwellter Brust erzählen zu können, das gesamte Land kennengelernt zu haben, aber eigentlich haben wir vor lauter Fliegen, Fahren und zu vieler Sehenswürdigkeiten eigentlich gar nichts gesehen.

Alleine Saigon bietet dem interessierten Besucher so viel, dass sich alleine daraus schon mühelos eine getrennte Städtereise machen ließe. Ich kann deshalb auch in meinen Reiseberichten nur den Süden Vietnams beschreiben und auch diesen kann ich nur in Facetten wiedergeben. Aber wie bereits erwähnt, wir reisen unter dem Motto Eile mit Weile. Aber nun zurück nach Saigon. Und auch hier werde ich noch viele, sehr viele Sätze darauf verschwenden, die Stadt aus verschiedenen Blickwinkeln zu beschreiben.

Wir gehen nun weiter in Richtung altes Saigon. Das heisst, wir wollen nun auf den Spuren Graham Green´s wandeln, dessen Roman “Der stille Amerikaner” im Saigon der 50er und 60er Jahre des vorherigen Jahrhunderts zur Zeit des Indochina-Krieges spielt und das Ende Frankreichs als Kolonialmacht einläutet. Auf der von der Kirche Notre Dame beginnenden Strasse Dong Khoi wandeln wir an vielen Designerläden vorbei, die Menschen der Strasse sind im Viertel des ersten Districts auf Touristen “spezialisiert”, d.h. auf der Dong Khoi ist alles teurer als in anderen Teilen der Stadt. Westliches Essen, westliche Marken und westliche Menschen sind hier in geballter Form anzutreffen, die Dong Khoi ist jenen grossen und mondänen Boulevards der französischen Hauptstadt Paris nach empfunden und strapaziert auch dementsprechend die Reisekasse. Shopping-Zentren schiessen rund um die Dong Khoi aus dem Boden, Kunstdrucke sogar mit Klimt-Motiven suchen Käufer, oft bleibt einem der Blick durch hohe Holzzäune verwehrt, hinter denen neue, moderne Gebäude mit verspiegelten Glasfassaden entstehen. Der alte Kern Saigons wird vollkommen neu umstrukturiert, den Bedürfnissen und Erfordernissen einer aufstrebenden Weltstadt angepasst. Allerdings verliert er dadurch auch mehr und mehr von den Charme, welchen die im alten Kolonialstil erbauten Häuser wie etwa das Continental Hotel oder das Rex Hotel mit seinem luftigen Dachgarten noch ausstrahlen.

Saigon: Eine Stadt im Aufbruch

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Wir kommen am bis heute noch so bezeichneten Opernhaus vorbei, obwohl das 1899 erbaute Gebäude im Kolonialstil heutzutage das Stadttheater beherbergt und 1956 Sitz der südvietnamesischen Nationalversammlung war. Zwei griechisch-römische Göttinnen in Säulenform wachen über dem Eingang, figürliche und ornamentale Motive verzieren den Dachfries, die cremefarbene Farbe der Fassade leuchtet neben dem hohen Turm des Caravelle Hotels, welche zu Zeiten des Vietnamkrieges von Diplomaten und Journalisten belagert wurde.

Saigon: Stadttheater, ehemalige Oper

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Bevor wir nun geradeaus weiter zum Saigon River kommen, biegen wir nach rechts ab und stehen nach wenigen Schritten, vorbei an unzähligen weiteren kleinen Läden und Strassenverkäufern vor dem Rex Hotel. Sofort fällt uns ein prächtiges Bauwerk nach Art des europäischen Zuckerbäckerstils auf. Wir stehen vor dem Rathaus der Stadt, hochoffiziell “Sitz des Volkskomitees” genannt. Der Platz vor dem Rathaus wird wieder einmal von einer Statue Ho Chi Minh´s beherrscht, ein kleines Mädchen auf dem Arm. Das Rathaus selbst ist für Besucher unzugänglich, aber er Platz davor mit seinen Steinbänken und den vielen kunstvoll geschnittenen Bäumen lädt zu einer kurzen Rast ein, während vor dem Rex Hotel die Taxis kommen und gehen und Besucher abladen und wartende Gäste aufnehmen.

Saigon: Ho Chi Minh, immer und überall, dieses Mal vor dem Rathaus Saigon: Rathaus bei Nacht

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Und wenn wir schon einmal da sind, warum nicht gleich den berühmten Dachgarten des Rex Hotels besuchen? Also, neugierige Touristen wie wir eben sind, den Fotoapparat lässig über der Schulter, betreten wir den Eingangsbereich des bekannten Hotels. Ja, nicht schlecht, keine Frage. Überhaupt die angeschriebenen Preise für ein Hotelzimmer. Ich glaube, ich hatte etwas von 320 Euro für ein Doppelzimmer gelesen, nun gut, unser Hotel für 30 US-Dollar ist auch nicht schlecht. Wir fahren in den fünften Stock und dort bietet sich eine atemberaubende Sicht über Saigon. Wir sitzen an einem kleinen Tischchen und blicken hinunter auf das Treiben, eine eisgekühlte Kokosnussmilch vor uns, den obligatorischen cà phê đá selbstverständlich ebenfalls und fühlen uns wie reiche Menschen. Bitte, liebe Leser, gönnen Sie uns diese Augenblicke, schließlich kommen wir nicht jeden Tag in solch einen dekadenten Genuss. Natürlich hat diese Dekadenz ihren Preis, umgerechnet so um die 12 Euro für zwei Eiskaffee und eine Kokosnussmilch, aber alleine die herrliche Aussicht lohnt diese Investition.

Saigon: Dachterrasse Rex Hotel

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

So, liebe Leser, der Vormittag ist wie im Fluge vergangen und so schliesse ich wieder einmal einen Reisebericht über Vietnam, in diesem Fall speziell Saigon. Wenn Sie neugierig auf mehr sind, es geht in den nächsten Tagen weiter. Bis dahin grüsst Sie der kleine Freizeit-Vietnamese Paul Bögle.

Fortsetzung folgt.    


7.2.2010

Saigon - erste Gehversuche

Abgelegt unter: Reisen — Paul Boegle @ 02:06

14.01.2010 Saigon (Ho Chi Minh Stadt) (Fortsetzung Good morning, Vietnam)  

So standen wir also da, zwei Europäer inmitten einer lärmenden, unbekannten Stadt voller entfesselter und dauerhupender Mopeds, Roller und wenigen Autos. Wien ist eine schöne, ruhige Stadt, was machen wir dann überhaupt in Saigon? Zwei Menschen mit zwei roten Koffern auf der einen Seite, das beschauliche Wien auf der anderen Seite. Und dazwischen? Mehr als 10 000 Kilometer!

Nun gut, wir stehen vor unserem Hotel, dem Thien Thao Hotel im dritten District Saigons. Ein sehr hilfsbereiter Security hilft uns, die Koffer die wenigen Stufen hinaufzutragen. Man sollte sich übrigens nicht wundern, ein uniformierter Security steht oder sitzt praktisch vor jedem noch so kleinen Friseur, Schuhladen, Bekleidungsgeschäft oder Nagelstudio oder eben vor jedem Hotel. Und dann der erste Hoffnungsschimmer, nein geradezu ein Wetterleuchten am fiktiven Saigoner Stadthimmel, welcher eigentlich permanent hinter einer riesigen, undurchdringlichen Dunstglocke sein kärgliches Dasein fristet. Ich möchte jetzt keine Werbung für das Thien Thao Hotel machen, aber der Slogan “Your Home Away From Home” wird hier perfekt umgesetzt Auch hier darf ich anmerken: In einigen Foren bzw. Hotelbewertungen musste ich mehrfach lesen, daß es hier laut zugeht. Lieber Wanderer, kommst Du einmal nach Saigon, dann zeige mir einen einzigen Ort der Stadt, in dem es nicht laut zugeht. Also, deshalb für alle Unentschlossenen oder Unsicheren. Das Thien Thao bietet dem Reisenden für 30 US-Dollar (Stand 01/2010) ein geräumiges Doppelzimmer, 30 Dollar pro Zimmer, nicht pro Person, inklusive reichhaltigem Frühstück, Internet-Zugang im Foyer und dazu perfekter, hilfsbereiter und mehr als nur freundlicher Service der Mitarbeiter.

Zzzzzzzzzzzzzzzzzzz.

Wir blenden nun die nächsten Stunden aus und springen auf die 18. Stunde unseres ersten Tages in Saigon.

14.01.2010 ca. 18:00 Uhr Saigon 

Graues Licht dringt durch die Fenster. Wir werden fast gleichzeitig munter. Es ist fast 18:00 Uhr, der Schlaf hielt uns für mehrere Stunden gefangen. Wo sind wir? Richtig, immer noch Ho Chi Minh City, vormals Saigon, tausende von Kilometern östlich von Europa.

Ich wage mich vorsichtig an die Fenster, hoffend, dass alles nur ein Albtraum war. Ein Blick aus dem dritten Stock genügt, sie fliegen unter mir vorbei, Helme blinken matt im Dämmerlicht der engen Strassen, in allen Farben grüssen sie unbekannterweise nach oben. Meist ein Helm pro Moped, oft zwei Helme, manches Mal zwei Helme mit einem Schulkind ohne Helm, aber auch zwei Helme mit zwei kleinen, ungeschützten Kinderköpfen, eines davon zwischen den beiden Helmen, eines vor dem lenkenden Helm zwischen den Knien sitzend oder stehend, mitfahrend, mitlenkend, mithupend im Konzert der Grossen.

Aber wie heißt es so schön: Curiosity killed the cat oder Neugierige Katzen verbrennen sich die Tatzen. Und so siegt dementsprechend auch bei uns die Neugierde. Also, wenn nicht jetzt auf die Strassen Saigons, wann dann?

Die Luft dampft immer noch, als wir das Hotel verlassen. Was jenseits der geschlossenen Fenster und Türen nur als undeutliches Brummen zu vernehmen war, entpuppt sich nun wieder als jene vielschichtige Symphonie aus hunderten von Hupen und sich drehenden Rädern. Wir nehmen nun erste unbekannte Gerüche war, ein vielfaches Stimmengewirr ungewohnter Laute, Wörter und Sätze aus ebenso vielen Kehlen umgibt uns. Wo wir in Wien, teilweise leider feindsehlig, einem Asiaten argwöhnisch hinterherblicken, richten sich nun dutzende Augenpaare auf diese für vietnamesische Verhältnisse so grossen und weissen Gestalten mit diesen riesigen Riechorganen im blassen Gesicht.

Neugierde blickt uns entgegen, gepaart mit Interesse, doch nirgendwo ist Argwohn oder gar Abneigung zu spüren. Wir sind eben zwei Fremde, welche mit dem gebührenden Interesse begutachtet und beäugt werden. Doch genauso neugierig schauen wir.

Wir gehen an Garküchen vorbei, aus deren dunklen Höhlen uns fremde, aber verführerische Gerüche entgegenströmen. Bis dato nie gekannte Duftkombinationen umwabern uns. Menschen sitzen auf kleinen roten Plastiksesseln auf den Gehsteigen, Schüsseln mit uns unbekannten Speisen mit Stäbchen essend. Plastiksessel, so groß, daß darauf gerade europäische Kinder Platz fänden, kleine Plastiktischchen mit Schüsseln voller Reis, viel Gemüse, wenig Fleisch, oder der sehr schmackhaften Pho, jener Suppe aus einer kräftigen und sehr schmackhaften Rinderbrühe, welche mit hauchdünnen Scheiben rohem Rinderfilet und Reisnudeln schon zum Frühstück gegessen wird. Der Kenner wird die Suppe erst spät am Abend essen, da die Suppe dann am kräftigsten ist und sich dann die Gewürze mit den Chilischoten, den Zwiebeln und der Nuoc Mam, jener berühmten vietnamesischen Fischsauce zu einer herrlichen Komposition vereint haben. Daneben steht üblicherweise ein großer Teller voller Sojasprossen, frischer Zweige Koriander, Basilikum und Minze und Löwenzahn oder Salat, welche je nach Lust und Laune in die Suppe kommen.

Saigon: Garküche Vietnam: Der Tag beginnt mit vietnamesischer Pho-Suppe

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Frauen stehen am Strassenrand, den non la, jenen traditionellen Strohhut tief im Gesicht und mit bunten Bändern unter dem Kinn befestigt. Andere sitzen mit ihren Kindern auf dem Gehsteig, vor sich unzählige Kleidungsstücke zum Verkauf ausgebreitet. Aus einer Karaoke-Bar kommen laut lärmend Männer in weissen Hemden, vom vielen Singen und noch mehr Alkohol meist beschwingt, manche schon einen kleinen Schritt weiter. Andere, meist alte zahnlose Frauen, gehen mit Losen der staatlichen Lotterie reihum, um das grosse Glück für ein paar Dong zu verkaufen. Aus einem durch die grelle rote Neonbeleuchtung weithin sichtbaren Kino dringt westliche Musik, Kinoplakate werben auf Vietnamesisch auch in Saigon für die neuesten Hollywood-Produktionen.

Saigon: Alte Frau verkauft Lose 

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle 

Wir schlendern langsam durch die lärmenden, uns unbekannten Strassen, sorgsam darauf bedacht, nicht auf die Strasse selbst zu geraten. Unvermindert brausen die Mopeds und Roller an uns vorbei, auch jetzt noch, während sich die Strassen mit Dunkelheit füllen, tragen viele Vietnamesen ihren Mundschutz und Staubmasken. Bis weit in die Nacht und bereits wieder in den frühen Morgenstunden wird an allen Ecken und Enden Saigons gehandelt, gefeilscht, gekauft, feilgeboten, verkauft, gekocht und gegessen, immer an der Strasse, immer auf den Strassen. Saigon kommt selten zur Ruhe, Saigon ist ein riesiger Marktplatz, überall und immer wird Geld gezählt, die vietnamesischen Dong wechseln permanent die Besitzer. Saigon, eine westliche Stadt unter dem Deckmantel eines kommunistisch regierten Landes.

Saigon: Ziegelsteine auf zwei Rädern 

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Dies wird also für die nächste Zeit unsere Heimat sein.

Wir versuchen, die Orientierung im Gewirr der Strassen nicht zu verlieren. Langsam gewöhnen wir uns an den Verkehr. Die anfängliche Angst weicht einem erstaunten Um-Sich-Blicken, das Curiosity-killed-the-cat-Syndrom hat zwei neue Opfer gefunden. Wir schwimmen nun endgültig mit im Strom aus fremden Menschen, fremden Gerüchen, fremden Strassennamen, jenem rasend schnellen Puls namens Saigon. Doch unsere wirkliche Prüfung dieses Abends steht uns erst noch bevor.

Wir stehen auf einer Seite der Strasse, aber wir wollen partout, wider jeder menschlichen Logik, auf die andere Seite der Strasse. Aber wie?

Was wir bisher aus unserem Bewusstsein verdrängt haben, jener unvermeidliche Augenblick, vor welchem wir uns insgeheim gefürchtet hatten, jener Moment, vor dem uns unbewusst graute, der war nun gekommen. Liebe Leser, Sie werden sich nun vielleicht insgeheim fragen: Wie kann ein Mensch eine solch alltägliche und eigentlich banale Situation, nämlich das Überqueren einer Strasse, so dramatisch darstellen? Ganz einfach: Es handelt sich hierbei nicht um irgendeine Strasse, sondern um eine Strasse in Saigon.

Man kann viel darüber lesen, man kann sich noch so viele Gedanken darüber machen, man kann sich noch so umfassend darüber informieren und man kann, wie ich es nun gerade tue, eine Wissenschaft aus dem Überqueren einer Strasse machen. Alleine, es liest sich wesentlich leichter als es sich nun einmal in der grauen Realität darstellt. Kostet es zu Anfang noch unendliche Überwindung, sich entlang der Strasse zu bewegen, verändert sich dieses Gefühl nun hin zu leichten Panikattacken, sobald man den (etwas) sicheren Gehsteig verlässt.

Zebrastreifen gibt es so gut wie keine und wenn, dienen sie doch mehr der farblichen Auflockerung des tristen Graus der Strassen als dem gefahrlosen Überqueren. Ampeln gibt es in etwa so viele wie Zebrastreifen, allerdings spielt hier Rot und Grün, im alten Europa Zeichen für Halten oder Fahren, nicht die tragende Rolle, wie sie uns bekannt sind. Hier bedeutet Grün schnell fahren und Rot heisst nicht ganz so schnell fahren. Manchmal bedeutet Grün dann allerdings wieder nicht ganz so schnell fahren, je nachdem, wie schnell diejenigen gerade sind, welche im Moment bei Rot fahren. Da aber sowieso meistens alle gleich schnell fahren, bedeutet dies im Umkehrschluss nichts anderes, als dass alle möglichst schnell fahren, welche Farbe dabei die Ampel zeigt, kann dementsprechend vernachlässigt werden.

Was bleibt dann? Welche halbwegs plausiblen Möglichkeiten besitzt ein Mensch, welcher in Saigon ohne Roller unterwegs ist und trotzdem, egal ob bei Rot oder Grün, ein Ziel jenseits der diesseitigen Strassenseite erreichen möchte? Es gibt zwei Wege. Der gefahrlose wäre, man dreht unverrichteter Dinge auf der Stelle um, begibt sich in das eben verlassene Hotel, packe seinen roten Koffer, setze sich in ein Taxi und fahre bei Rot oder bei Grün zum Flughafen, um nach Europa zurückzukehren. Und dann gibt es noch den anderen Weg, der da lautet: Saigon lässt sich am besten zu Fuss erkunden! 

Der wagemutige Fussgänger begibt sich zum Zwecke, einen Punkt B, welcher sich gegenüber eines Punktes A auf der gegenüberliegenden Seite einer Saigoner Strasse befindet, ganz einfach mitten unter die fahrenden Verkehrsteilnehmer. In Saigon schwimmt man als Fussgänger mit dem Strom, was für die motorisierten Teilnehmer gilt, macht man sich auch auf seinen zwei Beinen zunutze: Wer bremst, verliert! Man bewegt sich mit langsamen, aber stetigen Vorwärtsbewegungen auf die andere Strassenseite zu, ohne jedoch stehenzubleiben oder, noch schlimmer, umzudrehen. Gehen Sie einfach entschlossen weiter, mit ruhigen, aber niemals hektischen Bewegungen. So muss sich damals Moses gefühlt haben, als er das Meer teilte. Auf geradezu wunderliche Weise teilen sich, im allerletzten Moment, die Zweiräder und schwimmen vor uns und hinter uns vorbei, ohne uns auch nur im geringsten zu berühren. Jeder hupt, aber jeder macht uns Platz. Jeder schiesst auf uns zu, aber keiner gefährdet uns. Und wir?

Wir gehen, wir schwitzen, wir bitten inständig um Erlösung, aber wir gehen einfach weiter, stur, langsam, aber immer vorwärts. Und wir erreichen die andere Seite. Mit den Nerven fertig, ungläubig, dieser Hölle entkommen zu sein, aber auf der anderen Seite der Strasse. Es ist unfassbar, es ist unglaublich, aber es ist einfach phänomenal, mit welcher Präzision die Vietnamesen an uns vorbeisteuern. Und glauben Sie mir eines: Nach zwei Tagen Saigon wünschen Sie sich nichts mehr als eine eigene kleine Hupe. Nicht, weil Sie Angst haben, sondern weil es immer wieder ein prickelndes Erlebnis ist, sich auf Saigons Strassen zu begeben.

Saigon: Lichtspiele 

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Fortsetzung folgt.       

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