Vietnam 1



Bio Natur – Der Weblog hat im Laufe seines, zugegebenermaßen, noch recht kurzen Internet-Daseins schon einige Wandlungen und möglicherweise sogar Mutationen hinter sich gebracht. Manchmal stellt er sich als Weihnachtsblog dar, dann wieder zieht er sich das Kostüm des Reiseveranstalter-Blogs über, aber auch als Glücksspiel-Blog hat er sich schon versucht. Und immer wieder weicht der Weblog von seinen ursprünglichen Pfaden ab, nämlich den Themenschwerpunkten Bio und Natur, um seinen Betreiber wieder einmal in fremde Länder zu entlassen.

So möchte ich mich als schreibende und virtuell sprechende Stimme meines Blogs wieder, manche werden sagen, schon wieder, von Ihnen verabschieden, um mich zusammen mit der besten Ehefrau der Welt, Sie wissen schon, meine mir anvertraute und angetraute Gattin, in fremde Länder zu begeben. Ja, ja, ich weiß, jetzt kommen wieder die Fragen und Vorwürfe: Aber der war doch erst in Riga und zwar ohne die entzückende, Ihnen natürlicherweise unbekannte Tochter, wir können uns ganz genau erinnern, wie er wollüstig und mit den fadenscheinigsten Gründen als Grund dafür angab, daß Rabeneltern in Wirklichkeit gute Eltern sind.

Aber ich verabschiede mich trotzdem nun von Ihnen und vertraue darauf, daß wir uns in vier Wochen wieder hier treffen. Vielleicht könnten Sie ja die in der Zwischenzeit auf das geliebte Kind aufpassen. Ich hoffe, daß ich Ihnen dann viel Spannendes und möglicherweise auch Hilfreiches zu Vietnam, unserem auserkorenenen Reiseziel, liefern kann. Eines muß ich allerdings noch vorab loswerden.

Wie immer, wenn wir in ferne Gefilde reisen, um fremde Länder, neue Menschen und unbekannte Kulturen kennenzulernen, informiere ich mich umfassend im allwissenden und mittlerweile fast schon allmächtigen Internet über die Region, welche wir besuchen werden. Meist stosse ich dabei auch auf weiterführende und vor allem auf nützliche Informationen. Aber irgendwie zieht sich ein einziges großes Thema wie ein roter Faden durch viele dieser Foren und Ratgeber. Immer wieder werden wir Touristen der westlichen Welt vor den alles abzockenden Taxifahrern und Strassenhändlern in diesen so oft titulierten Entwicklungs- oder Dritte-Welt-Ländern gewarnt.

Erstens darf ich hier eines sagen. Was gibt uns das Recht, ein Land als Entwicklungsland zu bezeichnen. Jedes Land der westlichen, östlichen, nördlichen und südlichen Hemisphäere ist ein Entwicklungsland. Wir haben alle, egal auf welchem Kontinent wir unsere Zelte aufgeschlagen, Nachholbedarf, sei es in wirtschaftlicher, infrastruktuereller, gesellschaftlicher, geistiger oder kultureller Richtung. Denn gerade diese Bereitschaft, sich weiterentwickeln zu wollen, zeichnet eine aufgeschlossene, lernfähige und wissbegierige Gesellschaft aus. Wenn jemand zu mir sagt, Österreich sei ein Entwicklungsland, dann fasse ich es als Kompliment auf, auch wenn dies in den meisten Fällen anders gemeint ist. Österreich ist genauso wie Vietnam ein Entwicklungsland, denn ein Land und deren Einwohner sollten tagtäglich danach streben und danach trachten, sich weiter entwickeln zu wollen, geistig zu reifen.

Ebenso verhält es sich mit dem unsäglichen Terminus Dritte-Welt-Länder. Anscheinend ist hier die Entwicklung doch wieder einmal wie in so vielen anderen Dingen an mir vorüber gegangen. Seit wann bitte schön gibt es plötzlich drei Welten? Haben wir es in unserer sogenannten Ersten Welt wirklich notwendig, daß wir uns nicht nur gesellschaftlich von ärmeren Regionen abgrenzen? Müssen wir nun auch noch explizit darauf hinweisen, daß wir uns unsere eigene Welt erschaffen haben. Verspüren wir wirklich den inneren Drang und ist es womöglich unser sehnlichster Wunsch, neben den Landesgrenzen jetzt auch eine eigene Welt für uns zu beanspruchen. Wollen wir all jene, welche uns nicht zu Gesicht stehen und die uns mit ihren Problemen belasten könnten, auch noch vom Erdball werfen? Sollen sich Menschen, die vor Hungerskatastrophen in das scheinbar gelobte Land namens Westen flüchten, eine eigene Erde erschaffen, um dort einen Neubeginn wagen zu können? Müssen wir das Buch Genesis noch einmal neu schreiben, um eine Zweite Welt und eben jene Dritte Welt zu kreieren, auf daß endlich unser sehnlichster Wunsch in Erfüllung geht?

Heißt Erste Hilfe, daß nur Menschen der Ersten Welt diese Hilfe in Anspruch nehmen können? Haben dann Menschen der Zweiten Welt das Anrecht auf Zweite Hilfe und bleibt den Menschen der sogenannten Dritten Welt somit nur noch die Dritte Hilfe, jene Überbleibsel der nicht beanspruchten Ersten und Zweiten Hilfe? Aber mir geht gerade ein Licht auf, ein kleines Licht zugegeben. Jetzt erhalten die Begriffe Erstschlag und Zweitschlag, welche seit dem Kalten Krieg als ewiges Atombomben-Gespenst in meinem und wahrscheinlich in vielen anderen Köpfen herumgeistern, auch einen tieferen Sinn. Erstschlag würde also nichts anderes bedeuten, als daß die Erste Welt ihre Atomwaffenarsenale auf die Zweite Welt regnen läßt, worauf dann die Zweite Welt ihrerseits im Zweitschlag die Erste Welt mit all diesen wunderbaren Waffen beglückt. Aber was bliebe dann noch der im Volksmund genannten Dritten Welt übrig?

Ein Drittschlag? Aber gegen wen, wenn schon Erste und Zweite Welt so eifrig um die Gunst der Erst- und Zweiteinschläge rittern? Sei´s drum, lassen wir die beiden Welten in Ruhe ihre Atomwaffen weiterentwickeln, ich wollte mich mit der Abzocke auf unserem einzigen Planeten beschäftigen. Ich habe zwar Taxifahrer schon zu meinen natürlichen Feinden auserkoren, aber ich verstehe eines nicht. Ich bekomme in vielen Reiseblogs und Foren zu lesen, daß man sich in Acht nehmen soll, daß man sich nicht beim Fahrpreis über´s Ohr hauen lassen solle, daß Strassenhändler ihre Waren zu weit überhöhten Preisen an die touristische Frau und den Mann bringen wollen.

Da steht dann geschrieben, daß einer für umgerechnet 4,50 Euro vom Flughafen Saigon befördert wurde, während ein anderes Ehepaar sage und schreibe 5,00 Euro bezahlen musste. Stellen Sie sich vor, um 50 Cent mehr bezahlt! Da wird dann von den Touristen als Melkkühen geschrieben und von den Vietnamesen, welche die Langnasen, also uns Europäer, nach Strich und Faden ausnehmen.

Ich habe dies jetzt insgeheim für die nächsten drei Wochen ausgerechnet. Wenn wir jeden Tag in etwa viermal geschäftlichen Kontakt mit den Einheimischen haben und jeder davon uns 50 Cent zuviel abnehmen kann, wären dies auf drei Wochen hochgerechnet etwa 40 Euro. Jetzt stellt sich für mich die alles entscheidende Frage: Ist das wirklich viel?

Wir leisten uns den Luxus, ich inbegriffen, Tausende von Kilometern weit zu fliegen, um uns fremde Länder auf fremden Kontinenten anzuschauen, stossen dadurch Unmengen an CO2 aus, nur um unsere Vergnügungssucht zu befriedigen. Wir geben Hunderte von Euros für Flugtickets aus, leisten uns die teuersten Hotelzimmer und dann beschweren wir uns in unserer dekanten und überheblichen Art über die Strassenhändlerin und den Taxifahrer, welche uns ein paar Cent mehr berechnen. Eigentlich sollten wir demnach froh und dankbar sein, daß wir alle miteinander in einer solch ehrenwerten und ehrlichen Gesellschaft wie der unseren leben, in der Betrügen scheinbar ein Fremdwort ist. Ist es nicht erbaulich, daß immer nur die anderen lügen und betrügen? Wie schön, daߠdie Verbrecher nur in unseren selbst gewählten Urlaubsorten existieren und wir ansonsten vollkommen unbehelligt und in unserer heilen Ersten Welt leben. Wir können uns glücklich schätzen, daß Neid und Mißgunst so weit weg von uns ist, fernab unserer Zivilisation.

Irgendwie verstehe ich dann aber eines nicht. Warum fliegen wir dann eigentlich dorthin, wo nur die Bösen zuhause sind. Bleiben wir doch lieber zuhause in unseren gut geschützten vier Wänden, gehen wir doch besser unseren heimischen ehrenwerten Geschäften nach. Bleiben wir im eigenen Land, wo Milch und Honig fliessen. Lassen wir die Verbrecher dort, wo sie hingehören und bleiben wir dementsprechend da, wo wir unserer Meinung hingehören, im selbstgebauten Erste-Klasse-Eitel-Sonnenschein-Refugium Eigenheim mit Swimmingpool und Gemüsegarten.

Aber ich persönlich freue mich riesig auf Vietnam, auf die Menschen dort, auf die Natur, auf den Verkehr von Saigon und auf Sonne, Strand und Meer in einem fernen Land. Und vielleicht finde ich dort eine deutsch- oder englischsprachige Zeitung, wo etwas über Bankenskandale, Schwarzgeldkonten, gefälschte Prüfberichte oder überhöhte Managergehälter im altehrwürdigen Europa geschrieben steht.

Aber halt, das sind ja keine Betrügereien, hier geht es schließlich um Millionenbeträge. Betrüger sind nur diejenigen, welche sich auf liebenswerte Art und Weise 50 Cent erschwindeln. Und betrogen werden immer nur wir, betrügen tun immer nur die anderen! Wir sind die ehrenwerte Gesellschaft der Ersten Welt, einer schönen heilen Welt.

So endet dieser Bericht und wir treffen uns hoffentlich alle wieder gesund, in etwa einem Monat. Vorausgesetzt meine Frau und ich haben überhaupt noch Lust, in diese Welt der guten und vertrauensvollen Langnasen zurückzukehren. Wenn nicht, wird meine Frau vielleicht Strassenhändlerin und ich werde Taxifahrer. Und wehe, Sie fallen uns in die Finger, bei uns kommen Sie mit 50 Cent nicht davon, 65 Cent müssen es schon mindestens sein. Wir haben schließlich gute Lehrmeister. Nein, nicht die Vietnamesen, sondern unsere eigene Gesellschaft.

  


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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