Greenwashing – Nichts als heiße Luft 1


Greenwashing oder auch Greenwash. Aha, dachte ich so bei mir, sicherlich eine neue umweltschonende Art, sein Auto zu waschen. Sozusagen car washing, nur eben für Ökofreaks. Wahrscheinlich fährst du vorne mit dem Auto in eine Waschstrasse und hinten kommst du zu Fuß wieder heraus. Super Sache, könnte ich selbst einmal ausprobieren, natürlich probehalber mit dem Auto meines Nachbarn, so dachte ich halt. Aber als naturgemäß mißtrauischer Mensch kamen mir sogleich auch andere Dinge in den Sinn. Was, wenn es sich bei Greenwashing gar nicht um eine umweltfreundliche Autowaschanlage handelt ? Was, wenn Greenwashing vielleicht meine Haare grün färbt, sozusagen hair washing im grünen Bereich, also Haarewaschen mit Intensiv-Grünstich inklusive ? Nicht, daß ich nun Angst um meine Lockenpracht hätte, schauen Sie selbst, bei mir können die Kopfläuse Eishockey spielen, Schlitten fahren und Eisstockschießen, geradezu haarsträubend, meine polierte Platte.

Oder vielleicht ist Greenwashing nur ein Synonym für Geldwäsche ? Was, wenn grün für die grünen Dollarscheine oder die noch grüneren Euro-100er steht. Oioioioi, welch eine Vorstellung, daß ich durch Greenwashing in die Illegalität abrutsche, in einen Strudel aus mafiösen Methoden gerate, im Sumpf verbrecherischer Machenschaften versinke ? Nicht auszudenken, daß Greenwashing ein Verbrechen sein könnte und ich mitten drin, mitsamt meiner polierten Glatze und all meinen Schlittschuh fahrenden Kopfläusen.

Da heißt es also erst einmal vorsichtig sein und ein bisschen Recherche betreiben. Und was soll ich sagen, ich kann all meine Leser beruhigen, Greenwashing ist etwas vollkommen Legales, ganz und gar Harmloses und völlig Legitimes. Findige (und hoffentlich nicht unterbezahlte) Werbestrategen bemühen sich mittels geeigneter Werbemaßnahmen, PR-Methoden und gezielter Marketingkampagnen, ihren Arbeitgeber in ein wohlig warmes grünes Licht zu tauchen. Greenwashing oder Greenwash heißt, sein Unternehmen der Öffentlichkeit und selbstredend dem Konsumenten als rechtschaffenes zum Wohle der Umwelt bemühtes Unternehmen darzustellen. Ein kleiner Skandal hier, ein etwas größeres Umweltvergehen da oder eine nicht zu verdeckende Umweltkatastrophe dort, mit Greenwashing bekommen Sie Ihre Organisation wieder reingewaschen, also grün gewaschen.

Wer sein umweltschädliches Produkt ins rechte, sprich grüne Licht stellen möchte, einfach ein umweltfreundliches Merkmal ordentlich promoten und all die anderen 37 negativen Faktoren treten dezent in den Hintergrund. Wenn der Werbe-Märchenonkel erzählt, das Konsumgut ist nicht eckig wie das der Konkurrenz, sondern rund, hat das zwar nichts mit den enthaltenen Schadstoffen zu tun, aber immerhin ist es windschnittiger. Und wenn die gute Fee in der Werbeunterbrechung im Hauptprogramm erzählt, das neue Wundermittel ist umweltfreundlicher, weil es eine grüne Farbe hat, einfach glauben, niemals nachfragen, das Fernsehen kann nicht lügen. Sie hören im Radio, daß X aufgrund der Sublimation mithilfe der Extraktion des Botenstoffes Wt23Alpha eine Interpolation der zugrundeliegenden Kohlenstoffverkettungen unter optimalen Temperaturbedingungen zu konstant unbedenklicher Verkleisterung führt, recht so. Je mehr Fremdwörter, desto größer die Verwirrung und um so besser muß ja wohl dieser Weichspüler sein.

Nur einmal angenommen, Sie, ja genau Sie sind Unternehmer. Würde mich zwar wundern, aber wenn sich schon kein echter Unternehmer, Firmeninhaber oder Vorstand einer Aktiengesellschaft auf meinen Blog verirrt, muß ich eben Sie zum Unternehmer machen, tut mir zwar leid, aber was sein muß, muß einfach sein. Nun gut, Sie sind also gerade zum Wohle der Umwelt in Ihrem Elektroauto unterwegs, die Batterien sind voll aufgeladen mit Strom aus der Ökosteckdose und Ihr Chauffeur trägt feinen Zwirn aus garantiert biologischem Anbau. Sie sitzen also rundum zufrieden auf der lederbezogenen Rückbank, natürlich hergestellt aus freilaufenden Rindviechern, trinken ein Gläschen nicht genmanipulierten Champagner aus einer garantiert recycelbaren Magnumflasche und sind mit sich und Ihrer grünen Umwelt so richtig zufrieden. Und dann lesen Sie die neuesten Börsenkurse. Und was sehen Sie, also rein fiktiv mit rein hypothetischen Unternehmeraugen, welche ich Ihnen zwecks der perfekten Unternehmer-Idylle gerade angedichtet habe.

Ihr größter Mitbewerber hat Sie aus dem Stand heraus um Längen überholt. Ihr Börsenkurs zickzackt, während die Aktie Ihres Konkurrenten quasi über Nacht nach oben steilt, sozusagen an Ihnen vorbei schnellt, um sich auf Nimmerwiedersehen von Ihnen und Ihrem Ökotrip zu verabschieden. Was haben Sie falsch gemacht ? Naja, so ad hoc kann ich das jetzt auch nicht sagen. Dazu müsste ich erst einmal wissen, in welcher Branche Sie überhaupt tätig sind.

Wenn Sie sich zum Beispiel der Herzverfettung und der Aufzucht dicker Kinder verschrieben haben, wäre eine 2007 gestartete Kampagne a lá einer bekannten amerikanischen Fast-food-Kette für Sie interessant oder Sie wechseln zwei Jahre später ganz einfach die Farbe Ihres Logos. Statt rot sehen heißt es nun plötzlich grün denken. Erinnert mich an ein schönes Märchen mit dem Titel „Des Königs neue Kleider“, oder war es gar ein Kaiser ? Egal, ich möchte hier weder Vermutungen über Sinn und Zweck der Kampagne anstellen und schon gar keine Unterstellungen betreiben, schließlich kann es gar nicht früh genug mit der Sensibilisierung unserer übergewichtigen Kinder losgehen, aber laut denken wird man doch hoffentlich noch dürfen. Und laut dachte auch der stellvertretende Deutschlandchef der Fastfood-Kette, Holger Beeck, in der „Financial Times Deutschland“ als er zum grünen Wertewandel des einstigen roten Logos den unheilschwangeren Halbsatz „als Bekenntnis zur und Respekt vor der Umwelt“ von sich gab (siehe z.B. McDonald’s wechselt von Rot zu Grün). Nun denn, liebe Mit(Cheese)bürger, laßt uns weiterfressen, alles zum Wohle der Natur. Je mehr Cholesterin, desto höher unser Respekt vor der Umwelt. Sagenhaft, sensationell, meinen Respekt, Mister Ronald McDonald.

Wenn Sie als fiktiver Unternehmer allerdings in anderen Kategorien denken und vor allem in anderen Branchen tätig sind, vergießen Sie deshalb keine Krokodilstränen. Bleiben wir doch deshalb gleich beim Fließen, beim Wasser. Heraklit hat den schönen Satz geprägt „Panta rhei“, Sie wissen schon, wer in denselben Fluß steigt, dem werden wieder und wieder neue Wasser zufließen oder so etwas in der Art. Ich rede selbstverständlich leicht daher, da wir in Wien nur unseren Wasserhahn aufdrehen müssen, um feinstes Hochquellwasser auf unsere vom vielen Greenwashen ausgetrockneten Zungen zu träufeln. Was aber, wenn Wasser nicht gleich Wasser ist, zumindest wenn Sie dies Ihren treuen Konsumenten so verkaufen wollen. Und was, wenn Sie als Mineralwasser-Produzent auf dem Trockenen sitzen, das Wasser Ihnen quasi abgegraben wurde. Keine Angst, Sie verdienen immer noch genug, aber etwas mehr als genug könnte es dann doch sein. Dann nehmen Sie sich doch Ihr grünes Herz zur Brust, lesen Sie sich sorgfältig Volvic – alles nur Augenwischerei durch und Sie wissen, was zu tun ist ! Sie werden sehen, die Mineralwasserquellen werden sich in pure Geldquellen verwandeln.

Es gibt noch viele wunderbare Beispiele, wie sich effektives Greenwashing betreiben ließe. Sie fahren zwar Ihr wunderbares Elektroauto, aber wohin mit all den nagelneuen Benzinfressern, welche Sie zum Wohle der Allgemeinheit produzieren. Sie legen Wert darauf, der Welt von Ihren immensen Forschungsausgaben hinsichtlich umweltfreundlicher Elektroautos zu erzählen, wohlwissend, daß der Superflitzer mit Atomstrom betrieben wird, aber dies muß doch nicht gleich jeder wissen. Aber wie das eine bekannt machen, ohne das andere bekennen zu müssen ?  Ja, muß ich als kleiner Blogbetreiber Ihnen als Vorstand eines internationalen Autokonzerns denn wirklich alles vorgeben ? Haben Sie keine eigenen Werbestrategen, welche Ihnen mittels geschickter Werbemaßnahmen unter die reichen Arme greifen ? Sie sind wirklich ein armer Reicher, aber gut, ich will nicht so sein, deshalb sollen Sie als Automobilhersteller nicht hinter dem Mond leben. Wo, wenn nicht in beim Klimagipfel 2009 in Kopenhagen könnten Sie die Öffentlichkeit besser hinters Licht führen. Lassen Sie aber möglichst alles andere im Dunklen. Nicht wer zuletzt geht, macht das Licht aus, sondern der erste auf der Greenwashing-Bühne betätigt den Schalter.

Kennen Sie Hopenhagen? Nicht Kopenhagen, das war der Klimagipfel 2009 oder zumindest der Gipfel, das Klima steckte leider im Stau ? Nein, Sie haben noch niemals etwas von Hopenhagen gehört ? Das heißt, Sie sind auch nicht Mitglied bei Hopenhagen, Sie haben Ihre Produkte nicht auf der riesengroßen Bühne Hopenhagen präsentiert ? Dann tut es mir wirklich leid, dann kann ich Ihnen auch nicht mehr helfen ! Wer etwas auf sich hält bzw. in Kopenhagen auf sich gehalten hat, um erfolgreich im Konzert der großen Greenwasher mitzuspielen, vielleicht sogar die erste grüne Geige im Orchester lauter ehrenwerter Super-Multi-Kulti-Pseudo-Öko-Konzerne zu spielen, der musste in Kopenhagen-Hopenhagen-Brokenhagen präsent sein. Beispiele gefällig: Unter Greenwashing Deluxe finden Sie die Haute volée der ehrenwerten grün gestrichenen (Aktien)Gesellschaft. Und wer sich nun wirklich in das Thema Greenwashing einlesen möchte, dem sei hier Ulrich Müller: Greenwash in Zeiten des Klimawandels Wie Unternehmen ihr Image grün färben empfohlen. Und für alle Kinder in uns und ewig jung Gebliebenen, d.h Menschen, die lieber eine Gute-Nacht-Geschichte in Form eines Märchens lesen oder hören möchten, verweise ich auf den Spiegel Online-Artikel Das Märchen vom grünen Riesen.

So, lieber Kurzzeit-Unternehmer, die Zeit des Abschiednehmens ist gekommen. Nein, nicht was Sie nun glauben. Aber ich bin zur Erkenntnis und Einsicht gekommen, daß ich Sie als Greenwashing-Experte vollkommen falsch eingeschätzt, eigentlich überschätzt habe. Ich sehe nun, mein Fehler, muß ich leider zugeben, daß ich mich in Ihnen getäuscht habe. Sie sind mit dem Greenwashing einfach nicht vertraut genug, Sie haben die sechs Greenwashing-Sünden einfach nicht verinnerlicht, Sie sind zum Greenwashing nicht geeignet. Also enthebe ich Sie nun stillschweigend Ihres Unternehmer-Amtes, bedanke mich aber gleichzeitig bei Ihnen und kann Ihnen nur eines mit auf den Weg Ihres kläglichen Scheiterns in Sachen Greenwashing geben.

Angenommen, Sie wären wirklich eine oder einer jener Lobbyisten, EntscheidungsträgerInnen und Mitverantwortlichen im scheinbar ach so grünen Sumpf dieser neuen Generation Rumpelstilzchen im grünen Mäntelchen. Dann würde vielleicht auch irgendwann einmal Ihnen die Nominierung zum Worst EU Lobbying Awards, jenem Negativpreis für das schlimmste irreführende und manipulative Lobbying in Brüssel, nicht erspart bleiben. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, daß die Gewinner und auch alle Plazierten auch noch stolz darauf sind, zu den Gewinnern des Worst EU Lobbying Awards zu gehören.

In diesem Sinne bedanke ich mich bei Ihnen, daß Sie sich so kurzfristig und vor allem so bereitwillig als Unternehmer zur Verfügung gestellt haben, will Sie nun aber nicht weiter mit dieser großen Verantwortung vieler Verantwortungsloser quälen und deshalb wünsche ich Ihnen im Namen all meiner nun bereits schlafender Kopfläuse eine gute Nacht.


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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