Schweinegrippe – es gibt (oft) Schlimmeres 1


Eines vorab: Wer diesen Artikel mit der Erwartungshaltung durchliest, daß er im folgenden ernsthafte und hilfreiche Tipps und Tricks bekommt, wie dieses neue Phänomen Schweinegrippe oder auch H1N1, wie der (ein)gebildete Hypochonder wie ich sagt, bekämpft oder gelindert werden kann, den muß ich gleich einmal einbremsen. Der sich an dieses Statement anschließende Text beinhaltet nichts wirklich Sinnvolles zum Thema Schweinegrippe geschweige denn liefere ich probate und erprobte Mittel, dem H1N1-Virus seinen Schrecken zu nehmen. Aber da ich im Moment keine passenden Artikel auf Lager habe, muß ich auf das bewährte Mittel der nichtssagenden Unterhaltung zurückgreifen, denn letztendlich bin ich durch die Führung dieses Blogs verpflichet, Ihnen als virtueller Gladiator virtuelles Brot und virtuelle Spiele in einer virtuellen Welt zu liefern. Wer mich dementsprechend nachher virtuell zerfleischen möchte, nun gut, wie sie gleich sehen werden, gehöre ich sowieso schon zu den virtuell Todgeweihten und grüße Sie mit „Ave, Besucher, morituri te salutant„. 

So, ich habe beschlossen, meinen Teil beizutragen, die Massenhysterie mit dem wunderschönen Namen Schweinegrippe noch etwas zu schüren. Wer nun glaubt, ich sei ein böser, alter, verbitterter, vom Leben benachteiligter, dem Zynismus verfallener, missgünstiger, neidischer, ewig unzufriedener, unglücklicher, gewalttätiger, aggressiver, abscheulicher, arroganter, selbstmitleidiger antrophober Misanthrop, ja dem kann ich nur selbstgefällig zustimmen. Ich bin quasi ein Prachtexemplar der Gattung Mensch und deshalb bin ich ganz angetan vom H1N1-Virus. Wenn da nur nicht dieses klitzekleine Problem meiner Hypochondrie wäre.

Und das bringt mich ohne Umschweife auf die Schweinegrippe. Als gesunder Hypochonder und vom Schweinegrippe-Virus nicht Befallener bin ich im Moment tief traurig, zu tiefst betroffen, abgrundtief enttäuscht und tiefgreifend erschüttert. Sehen Sie, es ist so mit uns Hypochondern ! Wir haben einfach alles, aber eigentlich haben wir nichts. Und so etwas kann einen vollkommen fertig machen. Alleine die Tatsache, daß ich diese schöne Schweinegrippe nicht habe, hat mir zwar eine wunderschöne neue Depression gebracht, wenn ich richtig rechne, bereits die siebzehnte dieses Jahr, sozusagen ein Royal Flush mit einem Full House für Krankenkassen-Patienten, aber ich habe eben nicht das bekommen, was einige andere haben. Wir bemitleidenswerten Unkranken, sozusagen ein Vorstadium der Untoten, haben das Problem, daß wir am liebsten das wollen, was andere bereits haben, die dieses aber überhaupt nicht wollen.

Ich gehe jeden Tag (wir haben Dezember) freiwillig mit unserer Katze in kurzen Hosen und nur mit einem T-Shirt bekleidet Gassi, in Ermangelung eines Hundes muß eben die in Ehren ergraute Minou dran glauben. Ich als bisher überzeugter Glatzenträger lasse mir jetzt wieder die Haare wachsen, so eine richtig schöne Fönfrisur aus den 80ern, damit ich dann ausgiebig duschen kann, um mich anschließend mit nassen Haaren auf die Terrasse zu setzen und wolllüstig und voller Inbrunst zu den Erzengeln, insbesondere zum Heiligen Michael und zum noch heiligeren Raphael, den beiden Schutzpatronen der Kranken, zu beten: „Schmeißt Schüttelfrost vom Himmel !“ Doch je nasser die Haare, desto nasser die Zündhütchen der beiden Patronen, sprich es tut sich nichts. Kein Schüttelfrost, kein Schüttelfrösteln, nicht einmal ein leises Zähneklappern will sich einstellen.

Ich weigere mich standhaft, mich gegen die Schweinegrippe impfen zu lassen. Ich steige jeden Tag in das hinterste Abteil der Schnellbahn, schüttle jedem die Hand, bis ich im vordersten Abteil angekommen bin. Dann steige ich aus, warte auf den Gegenzug und fange mit dem ganzen Procedere wieder von vorne an. Wenn ich dusche, bin ich sorgsam darauf bedacht, daß die Hände nicht nass werden, damit ich die kleinen, aber feinen Bazillen nicht aus Versehen in die Kanalisation runterspüle. Ich habe mir, eine ideale Zeit vor Weihnachten, meinen gesamten Jahresurlaub genommen und besuche Tag für Tag unser größtes Shopping-Zentrum, falle dort den Security-Männern wortlos um den Hals und versuche, mich an ihnen ausgiebig zu reiben. Meine Frau und meine Tochter gehen seither übrigens immer in andere Konsumtempel. Wenn die Einkaufszentren schließen, küsse ich zum Abschluß sämtliche Reinigungsdamen, rieche voller Wonne an ihren Latex-Handschuhen, mit denen sie gerade die Toiletten gereinigt haben, küsse bedächtig all die Mistsackerln, aus denen mich verheissungsvoll Hunderte angerotzter Taschentücher anblicken und mir zurufen: „Nimm mich!“  

Vor vier Tagen kam mir eine weitere, eine geradezu grandiose Idee. Ich habe das gemeinsame Schlafzimmer verlassen, bin in unser Wohnzimmer übersiedelt, denn dort brauche ich nicht zu lüften, das kann ich beim besten Willen meinen körpereigenen Haustieren nicht zumuten. Ich habe gelesen, daß die Zahl der Viren in geschlossenen Räumen rapide ansteigen kann und seit gestern habe ich das Gefühl, das könnte stimmen, zumindest hat sich der Geruch im Wohnzimmer merklich verändert, und ich darf sagen, nicht zu unser aller Nachteil. Ich lebe glücklich und zufrieden in meiner neuen Wohngemeinschaft, gemeinsam und eng umschlungen schauen wir uns abends Doktor Schiwago an, wir fiebern, nein das tun wir leider nicht, mit Krankenstein und bewundern in George Orwell´s Farm der Tiere die Schweine als Namensgeber für die sehnlichst herbeigesehnte Grippe selben Namens.

Gestern, als ich wieder auf verzweifelter Suche nach lohnenden Bazillenherden war, stach mir eine große Gruppe kleiner Japaner in mein geübtes und getrübtes Hypochonder-Auge. Alle trugen sie diese entzückenden Gesichtsmasken, Sie wissen schon, so eine wie Michael Jackson sie trug, bevor die Trompeten von Jericho seine persönliche schwarz-weiß gemischte Stadtmauer zum Einsturz brachten. Also, ich setzte meine wichtigste Beamtenmiene auf, sozusagen eine gute Miene, bitte nicht mit Gutemine, der Frau von Majestix verwechseln, pirschte mich an die Fernost-Virenfront heran, zeigte kurz meinen Bibliotheksausweis und bat unmißverständlich um alle Masken.

Ich entwaffnete sozusagen als Ein-Mann-Hypochoner-Armee ein komplettes Viren-Bataillon, ich darf mich von nun an mit Fug und Recht Bakterien-Rambo, Kleinstlebewesen-Rocky, Mikroorganismen-Terminator oder sogar Supernova des Pilzbefalls nennen. Wo ich huste, wächst keine Milbe. Wo ich liege, fällt jede Bettwanze. Wo ich stehe, kniet jede Filzlaus.

Aber ich bin noch lange nicht fertig. Meinen Hausarzt habe ich wegen grober Fahrlässigkeit angezeigt, eine Petition an unseren Bundeskanzler ist unterwegs, unser komplettes Gesundheitsministerium wegen Unfähigkeit des Amtes zu entheben, ich klage sämtliche Desinfektionsmittel-Hersteller auf Milliardenentschädigungen. Aber nicht daß Sie jetzt glauben, diese Summen behalte ich für mich. Nein, mein perfider und ins kleinste Detail ausgearbeitete Plan sieht vor, daß ich dieses Geld in eine von mir gegründete Forschungsgruppe stecke, welche sich auf die Verbreitung neuer Krankheiten spezialisiert. Ich werde sämtliche Gläser abschaffen, die Menschheit wird in Zukunft nur noch aus einem einzigen Glas trinken. Es wird nur noch zwei Alternativen geben: Entweder Sie niessen Ihrem Sitznachbarn direkt ins Gesicht oder, wenn Sie mit vorgehaltener Hand niessen, haben Sie diese unverzüglich mindesten zwei in unmittelbarer Reichweite befindlichen Personen zu geben.

Nun, und was ist die Moral dieser Geschichte ? Liebe Leser, es gibt genug Menschen, welche mit wesentlich größeren und beträchtlich härteren Schicksalsschlägen konfrontiert sind als es sich die meisten von uns vorstellen können. Ich habe diesen Artikel geschrieben, weil ich solch einen Menschen kenne, der sich mit seinem Schicksal bereits abgefunden hat, abfinden musste. Und ich wünsche deshalb ihm, stellvertretend für all diese anderen Menschen, welche den Tod im wahrsten Sinne schon vor Augen haben, friedliche Tage, Wochen oder vielleicht sogar Monate. Es war schön, daß ich Dich kennenlernen durfte. Mach´s gut !       



Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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