Übermorgen ist vorgestern 1


Die beiden mussten vorsichtig sein. Es war nicht auszuschließen, daß irgendwo ein hungriger Wolf oder ein Rudel Kojoten lauerte. Sie befanden sich seit etwa 40 Minuten in recht unübersichtlichem Gelände, überall türmten sich alte, vom Zahn der Zeit angenagte Betonblöcke, sahen aus wie achtlos weggeworfenes Riesenspielzeug einer ihnen unbekannten Art. Links von ihnen bildeten diese künstlichen Gesteinsbrocken eine lange Reihe, die sich nach oben hin immer mehr verjüngte und in regelmäßigen Abständen von Löchern unterbrochen war, welche wie unregelmäßig gezackte Fenster aussahen. Durch diese Löcher hindurch konnten die beiden auf eine kleine Ebene blicken, die von kleineren Betonbrocken übersät war. Immer wieder ragten teils gerade, aber meist in alle möglichen Richtungen verbogene Eisenstangen aus den Trümmern, braun und teilweise schon schwärzlich verfärbt vom Rost, der sich unbarmherzig und unerbittlich langsam in die schlanken Körper aus Stahl fraß. Wie braungebrannte Tentakel hoben sie sich gegen die bleichen Körper aus Beton ab, bestrebt, ihrem jahrelangen Gefängnis zu entkommen, wanden sie sich in in alle Richtungen, ohne jedoch ihrem Ziel näher zu kommen.

Im Hintergrund der kleinen Ebene erhoben sich große Bäume, chinesische Götterbäume umschlossen mit ihren mächtigen Wurzeln viele dieser kleineren Steine, lagen wie hölzerne Finger auf ihrer Beute, bereit, sie gegen andere Eindringlinge zu verteidigen. Vereinzelt standen mächtige Eichen, umgegeben von einer Vielzahl anderer Baumarten wie Buchen und Birken, aber auch Nadelhölzer wie Fichten, Tannen und Lärchen wiegten ihre schlanken, rauhen und manchmal harzigen Körper in der klaren Luft.

Rechterhand erhoben sich ebenfalls große Betonblöcke, ebenfalls von Wind und Wetter zu zackigen Gebilden geformt. Am oberen, rechten Rand eines größeren Blocks, welcher nur noch zusammenhangslos eine Einheit mit seinen beiden Nachbarn bildete, sahen sie eine lange Reihe vertikal in den Himmel ragender Eisenstangen, nicht vollkommen vom Rost zerfressen wie die in den Beton gearbeiteten Eisenstangen. Auf einigen hingen an unsichtbaren Fäden Lampenschirme, durch die sich das Licht seinen Weg bahnte und auf dem darunterliegenden Beton helle Tupfer auf die graue Oberfläche zeichnete. Kleine und größere, runde und vieleckige, helle und dunklere Formen brannten sich mit kalten Farben in die an der Oberfläche zerrissenen Strukturen. Aus einigen der Schirme hoben sich noch die Reste der von Stürmen und Unwettern zerschlagenen Glühbirnen ab, scharfkantig und fleckig hoben sie sich gegen den blauen Himmel ab, der vereinzelt von träge dahinziehenden Wolken durchzogen war.

Als die beiden eine Zeitlang lautlos dastanden und sich nach allen Seiten vorsichtig umsahen, erhoben sich auf einem der Baumwipfel plötzlich vier oder fünf im Geäst versteckte Rotkehlchen. Mit hektischen Flügelbewegungen raschelte die Luft leise, als die Vögel aufgeregt in einem engen Halbkreis in ihre Richtung flogen. Wie aus dem Nichts tauchte ein großer Schatten aus der Sonne aus, lautlos stürzte ein Falke mit eng am Körper anliegenden Flügeln auf die kleine Gruppe zu, die sich der drohenden Gefahr erst bewusst wurde, als der Falke einen der Singvögel mitten im Flug mit seinen Klauen packte und fast ebenso schnell wieder verschwunden war.

Während die beiden dem Greifvogel nachblickten, wie er mit kräftigen Schlägen immer kleiner und kleiner wurde, um schließlich in der Ferne zu verschwinden, wurden sie mißtrauisch von einer Katze beäugt, die sich in einer kleinen, noch vom nächtlichen Regen feuchten Senke vor ihren neugierigen Blicken duckte. Rund um das Versteck war die Erde schwarz, verbrannt von einem Blitz, welcher sich seinen Weg vom Himmel bahnte, um seine elektrische Ladung explosionartig zu deponieren. Ohne Hast, aber vorsichtig und ohne den Blick von den beiden Eindringlingen zu wenden, streckte die Katze die beiden Pfoten Millimeter für Millimeter, um sich noch kleiner zu machen und so den Blicken zu entkommen.

Die beiden sahen vor sich auf den Weg, der sich in fast schnurgerader Linie in der Ferne verlor. Ein leichtes Flimmern am Horzont ließ erkennen, daß ein weiterer heißer Tag bevorstand und die lindernde Kühlung des Unwetters der Nacht nur noch von kurzer Dauer sein würde. Das breite Asphaltband war von vielen großen und noch weit mehr kleineren Rissen durchzogen, welche sich ohne jede Systematik in den Asphalt gefressen hatten. Manche liefen einfach nur nebeneinander her, wieder andere kreuzten sich, um dann an unterschiedlichen Punkten zu enden. Viele dieser Schnitt- und Risswunden waren bereits so breit, daß Unkraut aus ihnen wucherte und das dunkle Band mit unregelmäßigen hellen und dunklen Grüntönen sprenkelte. Auf beiden Seiten der Strasse hatten sich bereits größere Asphaltbrocken herausgelöst, deren Fehlen nun die darunterliegenden Schichten aus Schotter, Erde und Sand preisgab. An manchen Stellen schlängelten sich riesige Luftwurzeln über die gesamte Strassenbreite, verschwanden unter den Erde, um dann an anderen Stellen wieder aus dem Untergrund hervorzubrechen, verzweigten sich zu kleineren Ausläufern, die sich wiederum selbst irgendwann wieder teilten und ihr begonnenes Zerstörungswerk in einer stillen, aber kontinuierlichen Wut fortführten.

Gerade, als sich die beiden wieder in Bewegung setzen wollten, um ihre unterbrochene Erkundung fortzusetzen, hörten sie, wie links, aus Richtung des Waldes, ein Rothirsch mit tiefem Röhren sein Revier gegen einen Kontrahenten zu verteidigen suchte, in langgezogenen Intervallen zerrissen die tiefen Töne die Stille, welch rings herum herrschte. Während der eine gerade damit beschäftigt war, die Töne des Rothirsches mittels eines seltsamen Gerätes aufzuzeichnen, spürte sein Gefährte plötzlich die Anwesenheit eines fremden Wesens. Mit einem leisen Zischen wirbelte er ruckartig, aber doch mit geschmeidigen und fliessenden Bewegungen herum und sah, wie ein junger Kojote neugierig von einem der Betonblöcke auf sie herabblickte. Mit bernsteinfarbenen Augen, den buschigen Schwanz tief am Boden, stand er etwa 20 Meter entfernt und schaute die beiden Eindringlinge seit wahrscheinlich geraumer Zeit an, ohne daß dies jenen bewusst geworden wäre. Und während der eine immer noch in seine Messungen vertieft war, drehte sich der Wildhund um, sprang geschmeidig durch eines der Löcher und entschwand den Blicken.

Nachdem er mit seinen Aufzeichnungen fertig war, ging er wortlos weiter auf der zerfurchten in die Ferne führenden Strasse. Der andere folgte ihm widerstrebend, nicht ohne sich noch einmal umzudrehen und argwöhnisch auf das Loch zu schauen, durch welches der Kojote unbemerkt für den anderen verschwand. Leise und möglichst ohne Geräusche zu verursachen, bewegten sich die beiden vorwärts. Sand und kleine Steine knirschten unter ihrem Gewicht, die Baumwurzeln streckten verlangend ihre langen hölzernen Finger nach ihnen, während sie sich immer weiter auf das Ende der zerfallenen Betonkonstruktion zur Linken zu bewegten. Die rechte Seite hatte mittlerweile die Sicht freigegeben, parallel zur Strasse verliefen Eisenbahnschienen, welche sich ebenfalls am Horizont verloren und deren Holzschwellen größtenteils bereits von Käfern und Würmern zerfressen waren. Viele von ihnen hatten große Löcher, die sie mit toten Augen anblickten. Das helle Holz der Ränder hob sich deutlich vom tiefbraunen und vom Wetter gegerbten dunklen Holz der langen querliegenden Schwellen ab. Überall wucherten Pflanzen, Insekten schwirrten träge in der warmen Sonne umher.

Hinter den Schienen öffnete sich ein weiter Platz, manchmal sahen die beiden noch weiße auf dem Boden eingezeichnete Linien, die aber fast überall schon abgeblättert waren und diese nur noch erahnen ließen. Auch hier wurde der Beton schon von vielen Rissen durchpflügt, aus denen Pflanzen und vereinzelt schon Bäune wuchsen. Lange Flechten lagen wie Haare auf dem Boden, kamen aus versteckten Ecken und vereinten sich zu einem fast kniehohen Dickicht.

Wieder blieben die beiden stehen, um sich neuerlich umzusehen. Vier riesige Türme standen in streng geometrischer Anordnung auf dem Platz, alle aus schwerem Beton und mit einer breiten Basis, welche sich zur Mitte hin verjüngte, um dann nach oben hin wieder auseinanderzustreben. Sie schienen in sehr stabilem Zustand zu sein, Hitze und Kälte konnten ihnen bis zum jetzigen Zeitpunkt scheinbar nichts anhaben. Daneben stand ein weiteres Betongebäude, welches aber bereits erste Zerfallserscheinungen zeigte, die ehemals runde Kuppel hatte bereits zwei riesige Löcher, welche an die eingeschlagene Schädeldecke irgendeines überdimensionierten Wesens erinnerte. Aus vielen Öffnungen blickte der Betonriese die beiden Eindringlinge mit leeren und seelenlosen Augen an. Eine schwere Eisentüre, überzogen von rostbrauen Flecken, welche an eine seltsame und hochgradig ansteckende Krankheit erinnerten, stemmte sich mit aller Macht gegen aus dem Inneren des Gebäudes drängende riesige Wurzeln, die an einen Oktopus von Jules Verne erinnerten. 

Seeungeheuer - Illustration in einer Kirche

Seeungeheuer – Illustration in einer Kirche 
in St. Malo in der französischen Bretagne.

Unterhalb des linken Kühlturmes hatte sich die Erde geöffnet, eingefallene Schächte gaben den Blick frei auf ein Gewirr unzähliger Glasfaserkabeln, welche den Boden zu strangulieren schienen und sich ihren Weg in die Tiefen der Erde bahnten. Wie tote blutleere Adern ragten sie aus dem aufgerissenen Bauch heraus und vereinten sich nach wenigen Metern mit der klaffenden, aber längst getrockneten Wunde.

Nachdem die beiden weitere Aufzeichnungen gemacht hatten, dieses Mal hatte derjenige, welcher den Kojoten erblickte, den Hauptteil der Arbeit, wandten sie sich wieder der Strasse zu und setzten ihren Weg fort.Sie wussten scheinbar ganz genau, was sie zu suchen bzw. welchen Auftrag sie zu erledigen hatten. Schweigend, aber immer nach allen Seiten sichernd, bewegten sie sich nun zügiger vorwärts, da sie nun freie Sicht auf beide Seiten des Geländes hatten.

Aus einem kleinen See, dessen braunes, abgestandenes Wasser ein leises Glucksen von sich gab und aus dessen Tiefen langsam winzige Luftbläschen emporstiegen, ragten mehrere Schilfbüschel, deren Knistern vom mißmutigen Quaken der im Schilf versteckten Frösche übertönt wurde. Libellen mit pastellfarbenen, gläsernen Flügeln und überproportional großen blauen Facettenaugen schwirrten dicht an der Wasseroberfläche auf der Suche nach kleinen Insekten, eine silbergraue und mit dunkelgrauen Dreiecken an der Oberseite gezeichnete Kreuzotter lag träge auf einem von der Sonne erwärmten Stein.

Nachdem die beiden weitere Aufzeichnungen gemacht hatten, führte sie ihr Weg an den Überresten einer Steinmauer entlang zu ihrem eigentlichen Ziel. Mehrere dicke Leitungsrohre aus Kunststoff versperrten ihnen den Weg, so daß sie gezwungen waren, sich an umgestürzten Bäumen vorbei zu zwängen, wobei der sumpfige Boden bei jedem Schritt schmatzende Geräusche von sich gab. Der eine der beiden verfing sich in einem unter dichtem Gras liegenden Zaun, die Drähte bohrten sich wie kleine Nadeln in seinen Körper. Mit einem leisen Zischen befreite er sich aus der Falle, während ihn der andere mit einem ebenso leisen Zischen zur Ruhe aufforderte. Braunbären waren in dieser Gegend keine Seltenheit.

Endlich hatten sie ihr Ziel erreicht, auf einer Karte vergewisserten sie sich noch, ob die darauf eingezeichneten Koordinaten mit jenen des Gebietes übereinstimmten. Sofort begannen sie mit ihren Untersuchungen. Frühere Besuche an dieser Kultstätte hatten bereits ergeben, daß es sich um eine höherentwickelte Spezies handeln musste, welche hier durch bisher noch unbekannte Zeremonien ihre Artgenossen verehrte. Ob dieses Ritual allerdings nur den höhergestellten Primaten zuteil wurde oder ob sämtliche Wesen dieser Lebensform mit diesen Ehrungen bedacht wurden, konnten die Forscher bis heute noch nicht sagen. Was aber außer Frage stand, war die Tatsache, daߠviele dieser Gräber noch Grabbbeigaben enthielten, was auf eine gewisse fortschrittliche Kultur schließen ließ. Weiterhin waren sich die Gelehrten dahingehend einig, daß diese Spezies wahrscheinlich durch ein Massensterben vernichtet wurde. Inwieweit dieser Untergang aber mit diesen großen Kühltürmen, denn diese Funktion stand mittlerweile ebenfalls außer Frage, zusammenhing, konnte bisher noch nicht bewiesen werden.

Die beiden hatten eines der wenigen noch erhaltenen Gräber geöffnet. Doch das wenige, was sie vorfanden, entlockte den beiden nur ein enttäuschtes Zischen. Außer mehr als 200 Einzelteilen fand sich nichts in der Kultstätte. Die Untersuchung ergab, daß es sich bei der Zusammensetzung der Funde hauptsächlich um anorganische Materialien wie Kalzium, Magnesium und Phosphor handelte, wobei weiterhin kleinere Spuren von Eisen und Kalium entdeckt wurden. Ähnliche Funde in anderen Gräbern hatten zwar zu denselben Ergebnissen geführt, doch den Grund für das Massensterben kannte die Forschungsgruppe immer noch nicht. Aber da sich wohl nach mehreren hundert Jahren keine eindeutigen Ergebnisse mehr feststellen ließen und die Zeit drängte, beschlossen die beiden, dem Planeten den Rücken zu kehren. Es gab weit Wichtigeres zu erforschen als den Untergang einer primitiven Art, welche sich aufgrund gefundener Unterlagen selbst als Homo sapiens bezeichnete. Und da dieser Planet zu den lebensfeindlichsten zählte, welchen die beiden bisher betreten mussten, war es wohl besser, ihn diesen Bestien zu überlassen, welche den wenigen Aufzeichnungen nach als Wölfe, Kojoten oder Bären bezeichnet wurden.

Das einzige, was die beiden auf ihrer Rückkehr noch beschäftigte, war die Frage, ob diese primitive Art namens Homo sapiens wohl die Technik der Kernspaltung beherrschte. Denn nach allem, was auf ihrem eigenen, weit entfernten Planeten durch solch lebensgefährliche Experimente schon passiert war, ließen sie seit langer Zeit die Finger von solchen Dingen. Aber so primitiv wird diese ausgestorbene Lebensform ja doch nicht gewesen sein !              

               



Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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