Taxi – Motor an, Motor aus


Ich bin ein Kind der Großstadt, zumindest nenne ich unser schönes Wien so. Wobei ich sicher jetzt nicht mehr das bin, was sich die Gesellschaft so allgemein unter dem Begriff Kind vorstellt. Unter einem Kind werden Sie sich jetzt ein lachendes, pausbäckiges, mit zwei strahlenden Augen besetztes rosarotes Gesichtchen vorstellen, welches folgsam, sittsam und ohne Widerrede seiner Mutter jegliche Wünsche von deren schon leicht mit Blindheit geschlagenen Augen abliest. Gut, mag so sein, ich lasse Sie mit diesem idealisierten Bild unseres Nachwuchses einfach ganz alleine im sauren Regen stehen, schaue mir die eigene Tochter wieder einmal an und denke mir: So geht es natürlich auch !

Nein, dies ist natürlich völlig überspitzt dargestellt, deshalb muß ich jetzt wirklich eine Lanze für den eigenen Nachwuchs brechen. Aber bevor ich nun anfange, mich zu erbrechen: Wissen Sie eigentlich, woher dieses „eine Lanze für jemanden brechen“ herkommt ? Nein ? Dann folgen Sie mir auf direktem Wege in das finstere Mittelalter. Begeben wir uns in eine Zeit, in der echte Männer noch auf dem hohen Ross saßen, liebliche Burgfräuleins die echten Männer anhimmelten und die Landesfürsten, heute heißen diese bei uns in Österreich Landeshauptmänner, welch Wahlverwandtschaft, diese von Burgfräuleins angehimmelten echten Männer mit gestrengem Blick und noch gestrengerer Hand befehligten. Bevor nun wieder die weibliche Leserschaft Zeter und Mordio schreit, zu diesem Ausdruck komme ich gleich noch, ich bitte um etwas Geduld, wir haben in unserer schönen und sehr beschaulichen Alpenrepublik selbstredend auch Hauptfrauen, also Landeshauptfrauen. Aber ich assoziiere mit diesem Begriff  Hauptfrau, Landes-Hauptfrau oder wenn sie wollen Landeshauptfrau immer gleich jenes schöne und ebenso beschauliche Land am Nil namens Ägypten.

 Weiß der Pharao warum, aber wenn ich Landeshauptfrau höre, denke ich sofort an Ramses II, jenen längstdienenden Regenten in einer noch längeren Reihe ägyptischer gottgleicher Herrscher. Ich weiß, einige von Ihnen werden jetzt schon wieder Zeter und Mordio schreien, noch ein bisschen Geduld, dazu komme ich noch, und werden mir entgegnen, daß wohl der berühmteste Pharao jener mit dem wohlklingenden Namen Tutanchamun sei. Vergessen Sie´s, den haben die Grabräuber einfach vergessen, wirklich viel leisten konnte Tutanchamun in seinem kurzen Leben nicht, aber wenn schon Pharao, dann sicherlich Ramses II.

Aber zurück zur Landeshauptfrau. Ich kann nicht anders, aber jedes Mal, wenn ich etwas von einer, zugegebenermaßen sehr wenigen, unserer Landeshauptfrauen höre, sehe oder lese, drängt sich mir unweigerlich der Name Nefertari auf. Diese war nämlich jene „Große Königliche Gemahlin“ jenes großen ägyptischen Herrschers der 19. Dynastie, was nun aber auch schon wieder so um die 3300 Jahre zurückliegt. Irgendwie bin ich scheinbar unseren Landeshauptfrauen so verbunden, daß ich sie in den Stand gottgleicher Wesen erhebe. Und seltsamerweise heißen dann in meinen geheimsten Gedanken, von Phantasien gebietet mir die Höflichkeit nicht zu sprechen, alle Nefertari, also nehmen wir, natürlich nur um der besseren Verständlichkeit willen eine Landeshauptfrau, welche den schönen Vornamen Gabi trüge, bei mir würde sie zur Landeshauptfrau Gabi Nefertari, klingt doch wie göttlicher Nektar. Unter solch einer Landeshauptfrau läßt es sich leben, da werden doch gleich die Bürger zu kleinen Sphingen, Sie wissen schon die Mehrzahl von Sphinx.  

Ein Schelm, wer jetzt weiter denkt. Wenn Sie nun der Meinung sind, ich würde mit unseren Landeshauptmännern in gleicher Weise verfahren, der irrt. Nein, nein, aus einem Landeshauptmann wird nun nicht gleich ein Landespharao, auch wenn dies nun gerne einige so hätten. Stellen sie sich doch einmal vor, wieder des besseren Verständnisses wegen, ein Landeshauptmann wäre mit dem sehr schönen Vornamen Josef gesegnet. Und aus dem machen wir nun einen Josef Amenophis oder sollte einer den Vornamen Jörg tragen, dann hieße dieser Landeshauptmann womöglich Jörg Cheops. Womöglich kämen dann einige seiner Anhänger auf die glorreiche Idee, eine neue Cheops-Pyramide bauen zu wollen, also in diesem Falle die Jörg-Pyramide. Vielleicht wäre diese Namensgebung dem Landeshauptmann mit dem schönen Vornamen Jörg gar nicht recht, schließlich klingt dieses Cheops ja nicht gerade österreichisch. Also lassen wir Landeshauptfrauen und Landeshauptmänner, wie sie sind und wenden uns wieder anderen Dingen zu, bevor Sie Zeter und Mordio schreien.

Wir starteten unsere kleine Exkursion ursprünglich am Taxistand, wobei sie bis jetzt immer noch nicht wissen, was das Ganze nun mit den alten Ägyptern zu tun hat. Ehrlich gesagt, rein gar nichts, aber irgendwie muß ich Ihnen ja neue Inhalte bieten. Also arbeiten wir uns zumindest wieder in das finstere Mittelalter vor, denn dort wollte ich eine Lanze für unsere Tochter brechen. Und im Mittelalter entstand auch dieses ominöse Zeter und Mordio. Es handelt sich hierbei um das formelle Ansuchen eines Anklägers vor Gericht, einen Prozess wegen Raubes oder Mordes gegen einen Beschuldigten zu eröffnen. Wenn der Kläger also „Zeter Mordio“ sagte, war das Verfahren eröffnet. Wenn Sie also unbedachterweise einmal „Zeter Mordio“ schreien, denken sie bitte immer daran, daß Sie damit vielleicht einen Justizirrtum ins Rollen bringen könnten, also rein hypothetisch gesprochen, denn wer schreit denn heutzutage noch, wenn er Internet hat. Und wo bitte schön gibt es noch Irrtümer, einmal abgesehen von denen einiger Landespharaonen.

So, jetzt nehme ich den dritten Anlauf. Wenn ich nicht bald irgendeine Lanze breche, verlassen mich schön langsam die Kräfte und meine Tochter weiß immer noch  nicht, daß sie das beste Kind der Welt ist. Aber möglicherweise sollte ich sowieso weniger brechen, meine Tochter weiß eigentlich schon viel zu viel. Und ich will sie nicht unnötigerweise noch mehr belasten. Aber trotzdem, dieses „für jemanden eine Lanze brechen “ ist ebenfalls eine Redensart, welche aus dem Mittelalter entstanden ist. Vielleicht erinnern Sie sich noch, daß ich zu Anfang dieses Artikels von echten Männern auf hohen Rössern und lieblichen Burgfräuleins geschrieben habe. Ja, ich weiß, während sie diese Zeilen lesen, sind die lieblichen Burgfräuleins schon zu lieblosen Burgfrauen gealtert und die stolzen Ritter kommen vor lauter Arthrose schon nicht mehr in ihre Rüstungen geschweige denn auf ihr hohes Ross. Und dann waren ja noch diese Landesfürsten, vergleichbar mit Landeshauptmännern. Landeshauptfrauen gab es in jenen finsteren Zeiten des Mittelalters noch keine, wer weiblich und kein liebliches Burgfräulein war, stand auf der falschen Seite der Gesellschaft. Aber zurück zu den Fürsten.

Ein Fürst, der damals etwas auf sich hielt und welcher Landeshauptmann, Verzeihung Landesfürst, hielt nicht in jenen finsteren Zeiten etwas, um nicht zu sagen alles auf sich selbst, so ein Fürst veranstaltete gerne Ritterspiele. Die Regeln waren einfach, die Resultate dafür um so großartiger. Zwei arthrosefreie echte Männer auf hohen Rössern standen sich in panzerbewehrter Montur gegenüber, wobei sie naturgemäß mehr auf den Rössern saßen als standen, fixierten sich aus unter Helmen verborgenen mordlüsternen Augen und hielten drei Meter lange hölzerne Stangen in ihren eisenbehandschuhten Händen. Dann, auf Kommando des mittlerweile von den zahlreichen lieblichen Burgfräuleins, welche kurzerhand die Seiten wechselnden, angehimmelten Fürsten gaben sie ihren Rössern die Sporen, preschten mit einem Höllentempo aufeinander zu und versuchten, die eigene hölzerne Stange am Gegenüber zu zerbrechen. Fragen Sie mich jetzt bitte nicht, wo die Stange brechen musste, ich glaube, so um die 30 cm mussten schon abbrechen, um als Sieger zu gelten. Man muß sich dies jetzt einmal vor dem geistigen oder wenn Sie wollen vergeistigten Auge vorstellen. Nicht der mit der längsten Stange war der Beste, sondern der mit dem Kürzesten hatte die Sympathien der lieblichen Burgfräuleins auf seiner Seite, also ich hätte mich im Mittelalter erheblich wohler gefühlt. Aber ich will Sie selbstverständlich nicht mit meinen eigenen kleinen Problemen, was für ein geistreiches Wortspiel, belasten. So, nun wissen Sie, woher dieses „eine Lanze für jemanden brechen“ herkommt. Der Ritter mit den meisten zerbrochenen Lanzen, sozusagen Trophäen, welche er für seinen Herrn erkämpfte, war die Nummer 1.

So, was hat dies alles aber nun mit einem Taxistand zu tun ? Wie schon erwähnt, rein gar nichts, aber bevor ich Sie mit gähnender Leere langweile, ziehe ich es vor, daß sie lieber vor Langeweile gähnen. Zu guter Letzt komme ich aber doch noch auf mein eigentliches Thema zu sprechen.

Ich lebe in Wien. Und wie in jeder Stadt sehe ich an vielen Ecken und Enden Taxis stehen. Ich sehe viele Taxifahrer, einige warten in ihren modernen, von Verbrennungsmotoren angetriebenen Mietdroschken auf zahlende Kundschaft, andere unterhalten sich vor ihren in einer langen Reihe hintereinander parkenden Autos womöglich über die gestiegenen Benzinpreise oder über die letzte österreichische Pharaonenwahl. Ein friedliches Völkchen von Menschen, sorgsam darauf bedacht, dem potentiellen Kunden mit all den zur Verfügung stehenden Ortskenntnissen dienlich zu sein, den eiligen und betriebsamen Geschäftsmann zur nächsten Bankenpleite zu kutschieren, den ortsunkundigen Touristen auf direktem und schnellsten Wege ins lang herbeigesehnte Hotelbett zu bringen und die Landeshauptfrau zu ihrem Bundespharao zu eskortieren.

Stoßstange an Stoßstange stehen auf Hochglanz polierte Blechrösser hintereinander, zeigen stolz dem nur mit zwei Füßen bewaffneten Mann der Strasse wie mir, der nur eine Jahreskarte der öffentlichen Verkehrsbetriebe sein eigen nennen kann, ihre in der Wintersonne metallisch glänzende und von vielen Einbahnstrassen-Schlachten erprobte siebzehnfach lackierte Haut. Der Neid könnte mich fressen, wenn ich jeden Tag an diesen herrlich nach Politur riechenden, mit Niederquerschnittsreifen so groߠund breit wie der gesamte Kampfwagen von Ben Hur vorbeischleichen muß. Meine sehnsüchtigen Blicke gleiten verstohlen zu jenen modernen Gladiatoren der zwölfspurigen Autobahnen, jenen Heroen, die es sich tagtäglich zur Aufgabe gemacht haben, Zebrastreifen, rote Ampeln und alles auf zwei Füssen mit der gebotenen Härte zu bekämpfen. Und dann, plötzlich, wie auf ein geheimes Kommando, werde ich Zeuge jenes Schauspiels, welches mich immer und immer wieder wie mit unsichtbarer Hand zwingt, stehenzubleiben und zu mir selbst mit einer von Auspuffgasen krächzenden, dafür aber um so männlicheren Stimme zu sagen: „Siehe da und verzweifle !“

Kaum daß sich ein Fahrgast in das vorderste Taxi begeben hat, dem mit unschätzbaren Ortskenntnissen gesegneten Taxifahrer seine Wünsche offenbart hat, deren Erfüllung dabei liegt allerdings ganz im Auge des Betrachters und der betrachtet gerade den Fahrgast zweifelnd im Rückspiegel, findet ein Schauspiel statt, welches mich, gelinde gesagt, jedes Mal aufs Neue ankotzt. Verzeihen Sie mir bitte diese derbe Ausdrucksweise, aber anders läßt es sich einfach nicht beschreiben. Kaum hat das vorderste Taxi seinen Platz freigegeben, sezten sich sämtliche Taxler, wie wir in Wien sagen, in ihre Taxis und dann heißt es wie in diesem sinnlosen 500 Meilen von Indianapolis Rennen: „Gentlemen, start your engines !“. Jeder setzt sich in sein Taxi, startet den Motor, wartet, daß der Vordermann seinen Platz freigibt, der wiederum auf den freien Platz seines Vordermannes wartet und fährt im Schritttempo 3,50 Meter nach vorne. Dort angekommen, Motor aus, fertig. Warum können diese Spritschwestern, Bleifrei-Brüder, Automatikgetriebe-Pensionisten, Alufelgen-Hausfrauen, Niederquerschnittsreifen-Nebenerwerbstätigen und Sportlenkrad-Hauptberufler nicht einfach stehen bleiben und am angestammten Platz warten ?

Meine Gegner werden mir nun erwidern: „Damit hinten wieder ein Platz für einen Kollegen frei wird, wir denken schließlich an unsere Kollegen“. In den meisten Fällen ist am Ende der Schlange aber sowieso mehr als genug Platz, es besteht meistens überhaupt kein Handlungsbedarf für diese sprit- und umweltfressende widersinnige Tätigkeit. Desweiteren gäbe es sicherlich Möglichkeiten und Wege, Taxis mit Hilfsmotoren oder anderen Antriebsarten auszurüsten, welche genau für diese, man kann es ja nicht einmal Kurzstrecken nennen, Art der Fortbewegung konzipiert sind. Und warum lassen sich Taxistände nicht mit einem kleinen Gefälle bauen, damit die Taxis die paar Meter einfach nur vorwärtsrollen können anstatt jedes Mal den Motor zu starten ? Ich wurde ein Mal, ein einziges Mal nur Zeuge, wie ein Taxler die Fahrertüre öffnete, sich neben sein Taxi stellte und im Leerlauf ganz sachte sein Taxi vorwärtsschob.

Wir haben Planungsstadträte und Verkehrsminister, aber leider keinen Gesunder-Menschenverstand-Pharao. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel frische Luft und, wer es denn unbedingt braucht, neue Alufelgen unter dem Weihnachtsbaum.

 Ihr kleiner grüner Bio und Natur Ritter Paul Bögle nebst der besten Tochter und der besten Ehefrau der Welt.

                 


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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