Pluto gibt´s nicht mehr 1


Angenommen, wirklich nur einmal rein hypothetisch gedacht, Sie sitzen in einer dieser zahlreichen Spiele-, Rate- und Quizsendungen. Also, ich meine jetzt nicht, daß Sie dort als Besucher sitzen, welcher immer dann brav zu klatschen anfängt, wenn dieses Zeichen wohlgemeinter Beifallsbekundung anhand einer für den vor dem Bildschirm Sitzenden unsichtbaren elektronischen Anweisung in Form eines „Applaus“-Schildes rot zu blinken beginnt. Zumindest stelle ich mir das so vor, könnte aber auch sein, daß dies, ähnlich wie beim Boxen, mit diesen Nummerngirls funktioniert. Sie wissen schon, diese leicht bekleideten Damen in herrlich lasziven Badeanzügen, welche vor jeder neuen Runde mit einem bezaubernd eingefrorenen Lächeln anhand einer Nummer den Besuchern sagen, wieviele Runden sich noch die beiden modernen Spartaner im Boxgeviert „in die Gosch´n hauen“ müssen, wie wir Wiener sagen, bevor ein von solch sportlerischer Betätigung Gezeichneter dann gewinnt, obwohl der andere Boxer ihm öfter „in die Gosch´n g´haut hat“. Aber warum soll Sport fair sein, wenn das ganze andere Leben schon nicht gerecht ist (siehe rot-schwarz-Zero) ? Aber sei´s drum, egal ob die vom Delirium Geschüttelten aus ihrer Lethargie mittels elektronischer oder fleischlicher Stimulanzien zu Beifallsstürmen animiert werden, Fakt ist: Sie gehören nicht zu dieser breiten Masse der vom Ratewahn Heimgesuchten, der vom Quizfieber Geschüttelten, Sie sind die Person, welche heimsucht und heimschüttelt.  

Ich spreche davon, daß Sie diejenige bzw. derjenige sind, auf welchen sich Millionen Augenpaare richten. Sie sitzen in der Mitte, vor sich den überlegen grinsenden Moderator, welcher Sie mit seinem Scheinwissen zu beeindrucken oder sogar zu verunsichern versucht, links die Meute, welche die Hände bereits zitternd zum nächsten „Applaus“-Einsatz leicht aneinander reibt, links die ganzen Kameras inklusive der Nummerngirls und was weiß ich, was sonst noch dort steht, sitzt und liegt und hinter Ihnen, ja hinter Ihnen steht die Millionenfrage. Also, rekapitulieren wir noch einmal. Vor Ihnen ein Mensch, der oft weniger weiß als Sie, links viele Menschen, die mindestens genauso viel wissen wie derjenige, welcher vor Ihnen sitzt, rechts ein paar Menschen mit irgendwelchen Tafeln, die sie selbst nicht verstehen und denen relativ egal ist, ob der vor Ihnen oder die links von Ihnen überhaupt etwas wissen und hinter Ihnen eine Frage, welche wie ein Damoklesschwert über Ihnen schwebt.

Wobei, da gilt es gleich folgende Frage zu beantworten. Die ganze Welt, also der vor Ihnen, alle links von Ihnen und ein paar rechts von Ihnen reden, wobei die rechts von Ihnen eigentlich wenig reden, permanent vom berühmt-berüchtigten Schwert des Damokles, jenes sagenumwobenen Damoklesschwert. Wer bitte schön war Damokles und was zum Henker, welch wunderbares Wortspiel, macht dieses schwebende Schwert über besagtem Damokles ?

Also gut, wie wir alle wissen, war in der Antike Syrakus, jene an der östlichen Seite der heutigen italienischen Insel Sizilien gelegene Stadt eine der mächtigsten und wohl auch eine der schönsten Städte der damaligen Welt. Zumindest, wenn ich Cicero meinen leichtgläubigen Glauben schenken darf, welcher Syrakus als „die größte und schönste aller griechischen Städte“ beschrieb. Und wie zu jeder guten Stadt, dasselbe gilt heutzutage noch immer, nur eben auf manch Länder und Staaten bezogen, gehört zu manch großer und schöner Stadt ein großer, schön muß er nicht sein, Hauptsache, er hat das Militär hinter sich, Diktator, damals auch mit dem Wort Tyrann bezeichnet. Und da sich für die damalige Zeit eben gerade kein anderer fand, welcher aufgrund charakterlicher Eigenschaften dazu befähigt gewesen wäre, in der heutigen Zeit wüsste ich dafür eine ganze Menge, hat sich eben Dionys oder auch Dionysios I bereit erklärt, den verantwortungsvoll verantwortungslosen Job des Tyrannen zu erledigen. Um aber solch einen Dienst am Volke, oder besser gegen das Volke auch dementsprechend verantwortungsvoll, also verantwortungslos, erledigen zu können, muߠer sich seiner Feinde entledigen. Da naturgemäß aber viele Menschen am Leben hängen, auch wenn andere ihnen nach demselben trachten, gilt es gewisse Dinge zu beachten und zu denen gehörte besagter Damokles.

Um in solch einem beschaulichen Territorialstaat, nicht Terrorstaat, so werden sie heute bezeichnet, aber das ist eine andere Millionenfrage, überleben zu können, ist es unumgänglich, sich den Herrscher nicht zum Feinde zu machen. Wie gelingt uns dies aber nun ? Da tritt nun Damokles vor die Kulissen. Bevor aber nun Damokles seinen Auftritt hat, fällt mir noch ein Gedicht von Friedrich Schiller ein, welches in seiner ersten Strophe zeigt, wie es nicht geht, wenn man solch ein beschauliches Leben in solch einem beschaulichen Terrorstaat führen möchte. Allerdings muß ich gleich dazusagen, Schiller hat in diesem Falle zuviele Hollywood-Filme, auch wenn es diese damals noch nicht gab, gesehen, der Fernseher war natürlich auch noch nicht erfunden. Denn das Gedicht Die Bürgschaft von Schiller hat eine Ende, welches happy ist, also ein sogenanntes Happy-End, wenn wir uns der Sprache Hollywoods bedienen. Aber zumindest die erste Strophe beschreibt, welcher Worst Case, wieder so ein Hollywood-Wort, also schlimmer Fall eintreten könnte, wenn sich die Untertanen verpflichtet fühlen, ihrer Untertanen-Pflicht gegenüber dem Tyrannen nicht nachzukommen. Und, was noch wesentlich schwerer wiegt, es zeigt uns auch, welchen Gefahren sich ein Diktator tagtäglich ausgesetzt sieht, wenn er seinen diktatorischen Pflichten allzu gewissenhaft nachkommt.  

Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich
Damon, den Dolch im Gewande;
Ihn schlugen die Häscher in Bande.
„Was wolltest du mit dem Dolche, sprich!“
Entgegnet ihm finster der Wüterich.
„Die Stadt vom Tyrannen befreien!“
„Das sollst du am Kreuze bereuen.“

Aber lassen wir nun Damokles endlich zu Wort kommen. Ob besagter Herr nun wirklich gelebt hat, sei dahingestellt. Aber er ist ein schönes und ganz besonders effektives Beispiel dafür, wie sich Untertanen unkritisch, dafür aber bedingungslos in den Dienste ihres jeweiligen Herrn stellen, um möglichst großen Nutzen aus dieser Bereitschaft zu ziehen, sich widerspruchs- und widerstandslos der Politik der Herrschenden zu fügen. Damokles war ein Mann, welcher ebenfalls einmal von den verlockenden Früchten namens Reichtum und Wohlstand naschen wollte. Um dieses zu erreichen, ließ er sich auf ein Spiel ein, welches ihm auf den ersten Blick nur Vorteile einbrachte. Er schmeichelte seinem Herrscher, er sagte zuckersüße Worte zu Dionys, er hofierte ihn, er sprach die Worte, welche sein Herr und Gebieter hören wollte. Als Dank für sein redliches Tun durfte Damokles an der Seite von Dionys an einem Festmahl teilnehmen, durfte von all jenen Speisen kosten, welche ihm bisher versagt blieben, durfte aus goldenen Kelchen die besten Weine trinken und wahrscheinlich, das schreibe ich jetzt nur zwecks der Anschaulichkeit, waren ihm auch die schönsten Frauen zu Diensten. Nun gut, wird sich der Leser denken, ist doch nicht so schlecht, sich das eigene Fähnchen nach dem jeweiligen Wind zu richten. Nun gut, sage ich, alles schön und gut, wenn da nicht eben jenes Schwert wäre, welches als permanente Bedrohung über dem Kopf des Damokles schwebte. Dionys ließ nämlich, um seinem Untertan zu veranschaulichen, in welchen Gefahren ein Herrscher sich in jedem Moment seines tyrannischen Lebens befindet, ein Schwert mittels eines dünnen Pferdehaares über dem Haupte des Damokles befestigen. Manch einer wird jetzt sagen: Aha, deshalb das Sprichwort, daß etwas am seidenen Faden hängt. Gut beobachtet bzw. kombiniert. Ich habe dazu übrigens noch ein schönes Gemälde von Richard Westall (1765-1812) gefunden, welches sich im Ackland Art Museum in North Carolina befindet. Also, ich habe natürlich nicht dieses Gemälde persönlich gefunden, nicht daß Ihnen nun der Gedanke kommt, es hängt bei mir im Schlafzimmer, bitte lassen Sie die Geheimdienste in Ruhe andere Sachen ausspionieren, aber nicht mich und unser Schlafzimmer.

Richard Westall, The Sword of Damocles, (British) 1812 Artland Art Museum

Richard Westall, The Sword of Damocles, (British) 1812 Ackland Art Museum

Aber das war eigentlich nicht die Millionenfrage, mit welcher ich Sie eingangs dieses Artikels belästigen wollte. Ach ja, bevor Sie jetzt mit der Erwartungshaltung vor mir Platz nehmen, wie ich Ihnen Ihren möglichen Gewinn auszahlen werde, darf ich eines voranstellen. Es handelt sich natürlich nur um eine symbolische Millionenfrage. Also die Frage selbst stelle ich selbstverständlich schon, aber bei der in Aussicht gestellten Million handelt es sich um eine rein hypothetische Million so wie Sie ja nur auf einem völlig hypothetischen Sessel zwecks Beantwortung derselben sitzen. Also bitte nicht schon wieder mit irgendwelchen Geheimdiensten liebäugeln oder, was noch brisanter wäre, mir ein paar freundliche muskelbepackte Herren Ihres Freundes- oder Bekanntenkreises schicken, welche gemeinhin als Schuldeneintreiber bekannt sind. Ich bin ein armer Schreiberling, wie ich immer und immer wieder betonen muß und dementsprechend gibt es bei mir auch nichts zu holen außer einer leichten Grippe, aber die werden Sie kaum wollen.

Nun denn, lassen wir das Nummerngirl ein letztes Mal von rechts erscheinen, möge die „Applaus“-Tafel für die nächsten Momente ihren Dienst quittieren, um der notwendigen Stille ihren Platz einzuräumen, welche notwendig ist, um all Ihre Konzentration auf die eine, die alles entscheidende Frage zu bündeln, die da lautet.

Stop, so geht es nicht ! Da hat noch jemand gehustet. Bitte lassen Sie Ihre Bazillen für einen Moment dort, wo sie nicht stören und lassen Sie sich vom Ratefieber anstecken. Also, wenn sich jetzt alle gesammelt haben, die alles entscheidende Frage, welche da lautet: Wieviele Planeten hat unser Sonnensystem ? A: 6, B: 7, C: 8 oder D: 9.

Atemlose Stille. Die Meute links von Ihnen verharrt in angestrengtem Nachdenken, die Nummerngirls strengen sich an beim nachdenklichen Verharren und der Moderator vor Ihnen schaut sich seine manikürten Nägel an. Und Sie ? Sie thronen vor allen, Sie sind der Nabel der Ratewelt, alle Blicke bohren sich förmlich in Ihre auf Hochtouren laufenden Gehirnwindungen, die komplette Menschheit, zumindest diejenige, welche sich an solchen Quizsendungen ergötzt, sieht in Ihnen bereits den neuen Messias der Millionenfrage. Sie sind die neue Wunderwaffe namens „Schlaues Wunder“. Alle, welche an Ihnen zweifeln, werden ihr blaues Wunder erleben, Sie sind das Inferno der Intelligenz, welches vom Gott aller Ratefüchse auf die Menschheit losgelassen wurde, um zu zeigen, daß auf diesem Planeten Erde doch intelligentes Leben beheimatet ist.

Apropos Erde, das wäre schon der erste der Planeten, welcher zu unserem Sonnensystem zählt. Aber wieviele sind es denn insgesamt ? Sind es derer 6, 7 oder vielleicht doch acht oder wer weiß, haben wir sogar 9 dieser Planeten, welche unsere Sonne umkreisen ? Ich sage Ihnen jetzt ganz ehrlich, ich hätte die Lösung nicht gewusst. Auf die Frage nach der Anzahl der Planetenanzahl in unserem Sonnensystem hätte ich ohne Zögern die Antwort D, also 9 Planeten genommen. Und ich denke, die meisten von uns wären diesem Beispiel gefolgt. Aber wie heißt es so schön: Man lent nie aus ! Die Antwort ist schlicht und einfach falsch, auch wenn viele wie ich dieses noch in der Schule so gelernt haben.

Meine Welt der Planeten bestand bisher immer aus den 9 Planeten Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus, Neptun und schließlich noch Pluto. Aber leider hat uns Pluto verlassen. Nicht, daß er aufgrund einer kosmischen Katastrophe das Planeten-Zeitliche gesegnet hätte. Nein, der Mensch hat ihm ganz einfach den Status eines Planeten aberkannt, 2006 schon haben die Astronomen in Prag beschlossen, Pluto ist ab sofort nur noch ein Planet zweiter Ordnung, ein sogenannter Zwergplanet.

1930 noch als neuer Stern am Sternenhimmel gefeiert, als letzter der bisherigen Planeten unseres Sonnensystems, benannt nach dem römischen Gott der Unterwelt, fristet er jetzt selbst ein klägliches Dasein in der Planeten-Unterwelt. Das Damoklesschwert hat ihn sozusagen voll erwischt, der seidene Faden wurde, schnipp, schnapp, von den Wissenschaftlern durchtrennt. Aber warum gerade Pluto, diesen sympathischen Namensgeber für den treuesten Begleiter von Micky Maus und Goofy ? Jürgen Kerp vom Argelander-Institut für Astronomie in Bonn bringt es auf einen einfachen Nenner: „Pluto ist ein Opfer der Inflation geworden“. Tatsächlich, dachte ich mir, die Wirtschaftkrise macht selbst vor dem Kosmos nicht halt. Ganz so schlimm ist es nun wiederum auch nicht, Pluto ist aber einfach zu klein, um ein „richtiger“ Planet zu sein. Nach welchen Kriterien die Mitglieder der IAU, der Internationalen Astronomischen Union, entschieden haben, was ein Planet ist und wo ein Kleinplanet oder Zwergplanet beginnt, möge der interessierte Leser im Artikel Planetendefinition der IAU (Prager Resolution 5A) für sich selbst nachlesen.

Tilman Spohn, Direktor des Instituts für Planetenforschung am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Berlin-Adlershof und Professor für Planetenphysik an der Universität Münster bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: „Mit acht Planeten ‚zu leben‘ und in Zukunft den Pluto außen vor zu lassen – das wird für viele unserer Zeitgenossen zunächst sicherlich etwas ungewohnt sein“. Zumindest für mich, verliere ich doch nun wieder mühsam erworbenes und angeeignetes Wissen, welches mich durch die Jahrzehnte meiner ganz privaten Umlaufbahn immer treu begleitet hat wie der Mond Charon seinem ehemaligen Planeten Pluto heute noch zur Seite steht.

So haben wir miteinander wieder einmal eine Frage, vielleicht keine Millionenfrage, aber immerhin eine von Millionen Fragen, welche mich stets wie ein Asteroidengürtel umkreisen, gemeinsam beantwortet. Und welche Gewissheit und Erkenntnis bringt uns dies ? Mit Sicherheit die, daß selbst scheinbar schon lange gelöste Fragen immer und immer wieder neue Fragen aufwerfen und nach neuen Antworten verlangen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine schöne ganz private Umlaufbahn, möge Sie Ihnen noch viele Antworten auf zumindest ein paar Fragen bringen, welche uns jeden Tag aufs Neue umkreisen.            



Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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