rot-schwarz-Zero 1


Auch wenn Sie nun den Verdacht haben, die Überschrift deutet auf einen politischen Beitrag hin, kann ich schon jetzt sagen: Weit gefehlt ! Ich bin nicht gerade das, was man einen politischen Menschen bezeichnet und schon gar nicht bin ich ein menschlicher Politiker. Sagen Sie mir doch bitte schön, wo es heutzutage noch menschliche Politiker gibt ? Also ist es schlichtweg unmöglich, ein solcher zu sein. Über den politischen Menschen in mir läßt sich sicherlich streiten, aber hätte ich das mit dem politischen Menschen nicht geschrieben, hätte ich dieses Wortspiel nicht anwenden können. Also werde ich flugs diese Aussage revidieren, ich gebe es nun doch zu, ich bin ein politischer Mensch, aber das mit den menschlichen Politikern lasse ich trotzdem einmal so stehen, auch auf die Gefahr hin, daß ich mich jetzt in der Öffentlichkeit unbeliebt mache und mit Regressansprüchen für diese Verleumdung rechnen muß. Aber andererseits, dies soll natürlich keine verleumderische, allgemeingültige Aussage sein, es ist wie so vieles, was ich von mir gebe und so vor mich hin schreibe, mehr die berühmte, sehr rhetorische Frage. Wenn ich naturgemäß diese besondere Form der Fragetechnik anwende, will ich eigentlich gar keine Antwort von Ihnen, naja, ich will schon eine Antwort, wo eben diese menschlichen Politiker hingekommen sind, aber lassen wir das.

Nein, ich muß doch noch einmal darauf zurückkommen. Ich muߠdoch einmal diese öffentlich gemachte Aussage aufgreifen, ich will schließlich nicht in Teufels Küche kommen. Wer möchte das schon, außer naturgemäß diese Menschen, in deren Adern atheistisches Blut fliesst, aber selbst die kommen weder in den siebten Himmel noch in Teufels Küche, eher noch in besagten Himmel, und dieses auch nur, wenn sie ihre Seele an die Institution der Ehe verkaufen. Und wenn diese abgrundtief bösen Menschen dann das Zeitliche segnen, haben sie jede Möglichkeit auf ein christliches Begräbnis verspielt, sie haben sozusagen Hausverbot auf dem Friedhof, ein „Betreten verboten für Hunde und Atheisten“ Schild verwehrt ihnen den Weg in geweihte Erde, sozusagen eine Verbotstafel ala „Hier dürfen keine kleinen Atheisten spielen „. Aber was gibt es für einen Atheisten Schöneres als Hausverbot auf dem Friedhof ?

Aber zurück zu meiner eingangs gestellten rhetorischen Frage: Wo gibt es heutzutage noch menschliche Politiker ? Es ist doch so, liebe Leser. Wie soll ein heilig-geistig-unterbelichteter Erdenbürger wie ich solch sagenumwobene Wesen kennen können, wenn er sich dem Glauben des Nichtglaubens verschrieben hat, wo doch alle demokratischen Parteien sich dem Gebot christlicher Nächstenliebe verpflichtet haben ? Ich habe mich doch selbst jeder Chancen beraubt, in dem ich mich als Querulanten der christlichen Nächstenliebe hinstelle, wohlgemerkt, der christlichen, nicht der Nächstenliebe. Es ist wie mit der christlichen Seefahrt. Kolumbus hätte mich niemals auf sein Flaggschiff, die Santa Maria gelassen. Die heilige Maria wäre für immer und ewig für mich tabu gewesen, nicht einmal an der geheiligten Takelage hätte ich spielen dürfen, Großmast, Fockmast und Besanmast des hölzernen Kolumbus´schen Ersatzweibes wären für alle Zeiten meinen begierigen Händen verwehrt geblieben. Was ist die Moral dieser Geschichte ? Richtig, ich habe Amerika nicht entdeckt und hätte das gelobte Land von Drive-in und Fastfood niemals entdecken können, weil ich kein christlicher Seefahrer hätte werden können. Und der Antichrist muß auch irgendwo anders zuhause sein, aber das war eigentlich nicht Thema dieser Geschichte.

 Sie merken, ich habe jetzt innerhalb kürzester Zeit das Wort spielen schon zum zweiten Mal zu elektronischem Papier gebracht. Was möchte dieser Schreiberling damit bezwecken, wird sich der vor Neugier platzende Leser nun die Frage stellen. Gute Frage, die Sie hier an mich stellen. Oder war dies mehr rhetorisch gemeint, damit ich endlich diesen endlos langen Monolog beende und Sie wieder in Ruhe nach neuen Ländereien Ausschau halten lasse, welche es Ihrer Meinung noch zu entdecken gäbe. „Wie lange noch, Catilina, mißbrauchst Du unsere Geduld ?“, Sie wissen schon, Cicero gegen Catilina. Aber ich kann Ihnen in diesem Zusammenhang, und hier komme ich schon wieder auf Kolumbus und seine Santa Maria zu sprechen, versichern ! Bei genauerer Überlegung wäre es manches Mal doch kein Fehler, sein Herz bzw. die eigene Seele der christlichen Seefahrt zu verkaufen. Gut, nicht unbedingt der christlichen, aber zumindest der Seefahrt. Hätte das Cicero damals beherzigt, also wäre er anstatt sich auf seinen Landsitz zu retten gleich auf sein Schiff zu geflüchtet und hätte sich schnurstracks nach Griechenland abgesetzt, hätte er sicherlich ein längeres Leben geniessen können. So kam es, wie es kommen musste. Die Handlanger des Marcus Antonius erwischten ihn, Ciceros Leib und Kopf verloren ihre Einheit und, was vielleicht noch schlimmer war, seine rechte Hand wurde vom kopflosen Leib abgetrennt, die Reihenfolge der Trennungen ist allerdings auch mir unbekannt. Doch trennen wir uns nun wieder von christlicher Seefahrt, von Enthauptungen und von körperlosen Händen und kommen zurück zum eigentlichen Thema.

 Wobei dieses rot-schwarz-Zero genau das ist, um was es hier geht. Das Leben ist ein großes, aber ungerechtes Spiel. Wenn mir jemand sagt, das Leben ist wie eine Hochschaubahn, also so eine Art Achterbahnfahrt, einmal rauf, und dann wieder steil bergab, dem muß ich vehement widersprechen. Das Leben besteht doch in Wirklichkeit weder aus Höhen und Tiefen, zumindest mein eigenes Leben nicht. Mein Dasein ist eine riesengroße grüne Spielwiese, eingeteilt in viele gleich große, um nicht zu sagen gleichförmig monotone Quadrate. Ich bin Teil eines überdimensionierten riesengroßen Glücksspiels, auf welchem mir zu einer bestimmten Zeit ein mir unbekannter Croupier meinen Platz zugewiesen hat.

Roulette   

Irgendwann gingen dem riesengroßen, mir unbekannten Croupier, viele bezeichnen ihn als Herrn Gott, die Mitspieler aus. Es mussten neue Spieler her, die Spielbank hatte keine Gegner mehr, gegen die sie wetten konnte. Rien ne va plus sozusagen, ohne mich ging gar nichts mehr. Also wurden die Karten neu gemischt, eine wurde aufgedeckt und zum Vorschein kam ich, Herz Bube, schreiend an der Nabelschnur hängend, aber doch schon brauchbar, um gleich an den riesengroßen Spieltisch gesetzt zu werden, um meinen ersten Einsatz zu machen. Gut, Herz Bube hat dieses Spiel schnell begriffen, ich setzte auf rot, schwarz kam. Leider verloren, Pech gehabt, ich musste weiterleben. Erstes Spiel gespielt, erstes Spiel verloren, die Kugel rollte, nur leider nicht auf Gewinn, Was soll´s , einmal verloren, aber dann eben beim nächsten Mal. Mein Einsatz ? Natürlich die Nabelschnur.

Ich wurde größer, die Einsätze stiegen. Ich spielte  auf rot, die Kugel fiel auf die schwarze sechs, die Schulzeit begann, schon wieder verloren, aber aller guten Dinge sind drei. Die Bank gewinnt, machen Sie bitte Ihre Einsätze, die Kugel rollt schon wieder. Ich spielte und spielte, ich setze auf die ungerade schwarze 17, die gerade rote 18 kam, ich wurde volljährig, leider wieder verloren, was für eine Pechsträhne ! Doch ich hatte mich nun schon einmal von der Nabelschnur getrennt, mein allererster Einsatz sozusagen, irgendwann musste ich doch gewinnen, bitte nur ein einziges Mal. Ich setze wieder und wieder, ich verlor wieder und wieder, Jahr um Jahr setzte ich gegen die Spielbank, Jahr um Jahr verschwand vom Spieltisch, immer neue Einsätze, immer schneller drehte sich die Kugel, immer schneller verschwanden die Jahre, immer höher türmte sich der Berg vor diesem unfairen Croupier, immer geringer wurde mein Spielkapital.

„Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen !“, schoß es mir durch den Kopf, als ich auf die schwarze 29 setzte und die Kugel lauthals lachend auf die rote 30 rollte. Irgendwo muß es unter dem Spieltisch einen kleinen unscheinbaren Knopf geben, welcher den Mechanismus manipuliert, ja, Manipulation musste im Spiel sein, in diesem grausamen Spiel namens Leben. Ich schaute genau, meine Mitspieler schauten genau, doch es gab keinen Knopf, keinen noch so winzigen Hebel, es gab nichts zu drücken, nichts zu ziehen. Wir verloren alle, ich verlor, mein Sitznachbar verlor, die hübsche Frau gegenüber verlor, es gab keinen, der ein einziges Mal gewann. Manchmal rollte die Kugel auf Zero, dann herrschte plötzlich Schweigen am Tisch, betretene Mienen überall, manche fingen an zu weinen, einige leise, andere laut. Der Croupier deutete mit seinem knochigen Finger auf einen Spieler, wir schauten alle in die Richtung, wohin der Knochenfinger zeigte und sahen, das Spielkapital war aufgebraucht, kein einziges Jahr blieb mehr als Einsatz übrig, der Spieler musste seinen Platz räumen, wurde sofort ersetzt durch ein neues Gesicht. „Machen Sie bitte Ihre Einsätze, und Sie, der Neue, Ihr Einsatz ist Ihre Nabelschnur ! Aber bitte schnell, die Kugel rollt schon wieder !“

Unlängst, es ist noch gar nicht lange her, vielleicht gestern oder vorgestern, mag sein, auch schon ein paar Tage oder Monate oder Jahre länger, da wusste ich: „Heute ist mein Tag, heute gehöre ich zu den Gewinnern !“ Ich wollte den Croupier so betrügen, wie er es mit uns machte. Ich sagte laut in die Spielrunde: „Ich möchte auf die 37 setzen, egal ob schwarz oder rot, aber ich spiele heute nur auf die 37. Auf keine andere Zahl, alle anderen Zahlen habe ich schon gespielt, immer habe ich verloren. Entweder auf die 37 oder ich spiele nicht mehr mit in diesem blöden Spiel namens Leben !“ Es wurde still in der Runde, manche sahen betreten zu Boden, andere beglückwünschten mich zu dieser genialen Entscheidung, jüngere Mitspieler blickten mich verächtlich an, denn sie setzten gerade eines ihrer Jahre auf die schwarze 22, die rote 19 oder schwarze 26 und wollten weiterspielen, die Kugel muß weiterrollen.

Der Croupier blickte mich lange an, sein Blick suchte meinen Blick, sein schwarzes Auge suchte mein vom Spielfieber glänzendes Auge, wanderte dann langsam hinunter, dorthin, wo mein Spielkapital vor mir lag, taxierte mit einem durch die Jahrtausende geschulten Kennerblick mein kleines Häuflein, welches vor mir lag und fing an zu sprechen: „Aber selbstverständlich, mein Herr ! Der Spieltisch für die hohen Einsätze befindet sich gleich links von Ihnen ! Ein Sessel wurde schon für Sie reserviert, schon damals, als Sie Ihre Nabelschnur verspielten. Ich wünsche Ihnen viel Glück !“

Ich sitze am neuen Tisch, der Croupier gleicht dem ersten wie ein schwarzes Ei dem anderen, die gleichen knochigen Finger werfen genau dieselbe Kugel in immer die gleichen Bahnen, nach jedem Spiel ertönt die Stimme aus dem Hintergrund: „Rien ne va plus ! Die Bank hat gewonnen ! Machen Sie bitte Ihre Einsätze !“

Ich spiele mit, meine Mitspieler spielen mit, wir blicken mit jedem neuen Wurf gebannt auf das große Rad, verfolgen mit pochendem Herzen, wie Zahl auf Zahl kommt, immer in der trügerischen Hoffnung, einmal, nur einmal zu den Gewinnern zu gehören. Zero kommt, ein Mitspieler verläßt seinen Platz, wird sofort von einem anderen ersetzt, welcher auf die 37 setzen wollte, egal ob rot oder schwarz. Meine Nabelschnur ist schon lange verdorrt.



Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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