Paul Celan: Die Todesfuge 1



Liebe Leser, ich bin, wie Sie mittlerweile wissen, ein schreibender Mensch, ein menschlicher Schreiberling, der viele Dinge, welche mich beschäftigen und die ich dementsprechend auf diesem, meinem Weblog Bio Natur mit einer gehörigen Portion Sarkasmus, Ironie und vielleicht auch manches Mal mit einem gewissen Hang zur Übertreibung niederschreibe. Allerdings gibt es Themen, welche weder zum Lachen sind noch in irgendeiner Weise zum Lachen anregen sollen geschweige können.

Die meisten von uns können sich an jene Zeiten, welche sich zu Beginn der 40er-Jahre bis Mitte der 50er-Jahre des 20. Jahrhunderts abspielten, sprich in einem sehr kurzen Zeitraum, welcher seinen unsäglichen Anfang mit dem Jahre 1933 nahm und nach 12 dunklen, grauenvollen Jahren jäh endete, nur noch anhand der Geschichtsbücher erinnern, ich selbst habe noch die Erzählungen meines bereits seit langer Zeit verstorbenen Großvaters als immer währendes Mahnmal in meinem Kopf. Es wurde jedoch schon vieles über Hitler und sein Terrorregime geschrieben, deshalb möchte ich auch nicht weiter ins Detail gehen, nicht weil ich nicht will (siehe dazu Das hässliche Ent-lein), sondern weil es ganz einfach weit bessere Literatur darüber zu lesen gibt.

Doch auch wenn ich einer Folgegeneration angehöre, welche die Schrecken des Krieges, vielleicht besser der vielen, unzähligen Kriege, welche auf unserer Erde wüteten und tagtäglich ihren Heißhunger immer wieder auf´s Neue stillen, nie miterleben musste, blieb mir ein Ereignis Zeit meines bisherigen Lebens in Erinnerung. Es handelt sich dabei um ein Gedicht von Paul Celan, welches ich während meiner Schulzeit kennenlernen durfte, nein, eigentlich kennenlernen musste. Es ist ein Gedicht, welches zugleich Klage als auch Anklage ist, es ist ein von solch gewaltiger Intensität verfasstes Mahnmal der Literatur, daß ich jedes Mal, wenn ich es lese, förmlich in einen Schockzustand verfalle. Ich möchte hier auch gar nicht beginnen, eine Interpretation der Todesfuge zu versuchen, denn dieses Gedicht bedarf  keiner Interpretation.

Deshalb bitte ich Sie jetzt, setzen Sie sich für ein paar Minuten ruhig hin und lassen Sie diese Wortgewalt der Todesfuge von Paul Celan auf sich wirken. Hören Sie dieses Gedicht wieder und wieder, glauben Sie nicht, beim ersten Mal alles verstanden zu haben, denken Sie nicht, beim zweiten Hören alles gehört zu haben und beginnen Sie vielleicht erst beim dritten und vierten Mal, über das Gehörte nachzudenken. Und wenn Sie so wie ich  das Gedicht unzählige weitere Male selbst gesprochen haben, sprechen Sie es laut, schreien Sie die Sätze förmlich heraus, wird es Ihnen möglichweise ebenso ergehen wie mir, die Todesfuge wird Sie ein Leben lang begleiten, immer bereit, zu mahnen, nie wieder zu vergessen. Wenn Sie nun bereit sind, folgen Sie bitte dem Link zu Paul Celan´s Die Todesfuge. Und für alle, welche so wie ich von dieser brachialen und geradezu erschütterten Gewalt der Todesfuge immer und immer wieder berührt sind, hören Sie und lesen Sie sich das Gedicht Wort für Wort durch. Im folgenden finden Sie den Text.

 

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr andern spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen
Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus Deutschland

dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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