Der Tag danach 1


Zuerst glaubte S., das Handy sei kaputt. Doch das Display leuchtete wie immer, es waren keine Anzeichen füt ein Nichtfunktionieren zu erkennen. Auch das Symbol für den Akku auf der rechten, oberen Seite zeigte noch genug Ladekapazität an. Und das kleine Symbol links oben, welches für die Anzeige des Empfangs zuständig war, ließ ebenfalls keinerlei Zeichen von Schwäche erkennen, sofern man bei einem Zeichen von Schwäche reden konnte.

S. wusste nicht mehr weiter. Zu Silvester hatte er schon desöfteren, eigentlich immer kurz vor Mitternacht bis ca. 1.00 Uhr, erlebt, daß sämtliche Netze unter der Last der Glückwünsche zusammenbrachen. In schöner Regelmäßigkeit, immer am 31. Dezember eines jeden Jahres musste er mit ansehen, wie die Balken des linken, oberen Symbols, jenes Zeichen für den Netzempfang, für ein bis zwei Stunden ihren Dienst quittierten. Nicht, daß er deswegen ärgerlich wurde, er hatte niemanden, welchem er an diesem letzten Tag des Jahres, jedem letzten Tag jeden letzten Jahres, irgendwelche Glückwünsche übermitteln musste geschweige denn daß er auf irgendwelche „Einen guten Rutsch…“-Nachrichten wartete. Für S. gestaltete sich jeder Tag jeden Jahres mit der selben Präzision, er hatte es eigentlich längst aufgegeben, sich nach irgendwelchen Kalendern zu richten, welche überall in seiner kleinen Wohnung hingen, standen oder in einer für den Außenstehenden scheinbaren Unordnung herumlagen. Für S. war weder Sommer- noch Winterzeit von Bedeutung für sein wohlgeordnetes Leben, er stellte seine Uhren dann um eine Stunde vor, wenn es die anderen Menschen auch taten und wenn ihm die Nachrichten oder die Tageszeitung sagte, die Sommerzeit sei zu Ende, stellte er die Uhren wieder um eine Stunde zurück. S. richtete sich schon lange nicht mehr nach der Zeit, er tat nur das, was alle taten, und er machte es dann, wenn dies alle machten. Zeit bedeutet S. schon lange nichts mehr in seinem wohlgeordneten, von Kalendern überhäuften Leben, er hatte seinen eigenen Zeitstrahl, auf dem er sich präzise fortbewegte, Sommerzeit bedeutete für ihn eine Stunde weniger schlafen, Winterzeit hieß für ihn eine Stunde länger schlafen. S. schlief dann eine Stunde weniger, wenn dies die anderen auch taten und wenn die anderen eine Stunde länger im Bett blieben, richtete sich S. nach ihnen.

 Aber wer waren die anderen ? S. hatte schon lange Zeit, die Zeit, in der er selber lebte, keine anderen mehr gesehen. Die Welt von S. war seine eigene Welt, die Welt, in die er sich schon lange zurückgezogen hatte, fern ab von den anderen, welche sich am 31. Dezember jeden Jahres eine „Einen guten Rutsch…“-SMS schrieben. Sie schrieben solange ihre „Einen guten Rutsch…“-Kurznachrichten, bis die Netze zusammenbrachen. S. schrieb keine SMS, wem sollte S. auch schreiben, er hatte niemanden in dieser Welt der anderen, dem er eine SMS schreiben konnte. Die anderen wussten nicht, daß S. existierte, S. existierte in seiner eigenen Welt der eigenen Präzision, in seinen eigenen vier Wänden, in seiner eigenen Zeit, mit seinen eigenen Kalendern, welche in einer für den Außenstehenden scheinbaren Unordnung überall hingen, standen und herumlagen.

S. griff ein zweites Mal zum Handy, er wollte seiner Haushaltshilfe eine SMS schreiben, Frau G. war sein einziger Kontakt, der sich in seinem Telefonspeicher befand. S. hatte Frau G. unter G gespeichert, aber er hätte sie auch unter A wie andere, die Welt der anderen speichern können, denn Frau G. war für S. seine ganze Welt der anderen, sein ganzer Telefonspeicher, seine Welt der anderen bestand nur aus Frau G.

S. schaute ein zweites Mal auf das Display, welches bläulich im dunklen Zimmer, dieser dunklen präzisen Welt von S. schimmerte. S. schickte die mühsam geschriebene SMS „Ich brauche nur pfeferminztee, kommen sie bitte am donnerst. zwischen 10 und 111.“ ein weiteres Mal weg. S. hatte das „pfeferminztee“ nur mit einem f geschrieben, nicht weil er es nicht besser wusste, sondern weil S. nicht wusste, wie er das Wort verbessern sollte. S. wusste nicht, wo die Zurück-Taste war und S. schrieb „donnerst.“ statt „Donnerstag“, nicht weil er Donnerstag nicht schreiben konnte, aber S. hatte seine eigene Vorstellung von den Wochentagen und wie man die zu schreiben hatte. Die Tage von S. waren seine eigenen Tage und sie gehörten ihm, sie waren seine eigenen Tage in seiner eigenen Welt in seinen eigenen vier Wänden mit seiner eigenen Präzision in seinem eigenen wohlgeordneten Leben ohne die anderen. Und deshalb schrieb S. „donnerst.“ und nicht „Donnerstag“. S. drückte  die Senden-Taste und sah nicht, daß er anstatt „11“ „111“ geschrieben hatte, aber vielleicht wollte S. es gar nicht sehen, denn Zeit bedeutete S. schon lange nichts mehr.   

S. wurde am 04.01. gefunden. Auf dem Handy war eine SMS. „Einen guten Rutsch… wünscht Ihnen Frau G.“. S. lag da, das Handy in der rechten Hand, das Gesicht auf dem alten, von der Sonne ausgebleichten Teppich, der Rollstuhl lag neben S., umgekippt. Die anderen standen ratlos um S. herum, in seiner ehemaligen Welt voller Präzision, in seiner ehemaligen Welt der eigenen Sommer- und Winterzeit, schauten auf die vielen Kalender, welche an den Wänden hingen, auf dem kleinen Tisch standen und überall herumlagen, in einer für die Außenstehenden scheinbaren Unordnung. Doch da war S. schon lange in seiner eigenen geordneten Welt, welche er betrat, gerade als die Handynetze wieder einmal zusammenbrachen, so wie jeden 31. Dezember.      


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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