Das Anthropozän


Es gibt Worte, da verschlägt es sogar mir die Sprache. Da muß man bei näherem Hinschauen noch eine Spur näher hinschauen. Und dieses Verschlagen der Sprache soll hier durchaus wörtlich verstanden werden.

Die Menschen haben seit Erfindung der Sprache, ich nenne es der Einfachheit halber Erfindung, diesselbe immer dazu benutzt, eine bestimmte Relation zwischen dem Zeichen (dem gesprochenen bzw. geschriebenen Wort), dem zu Bezeichnenden (Gegenstand, Objekt usw.) und einer gewissen Vorstellung, welche dieses Zeichen hervorruft, herzustellen. Ich beziehe mich hierbei allerdings nur auf die Interpretion, wie sie von Aristoteles eingeführt wurde. Andere große Semiotiker wie Umberto Eco oder Jan Mukařovský lasse ich einmal außer Acht, einerseits, weil es den Rahmen dieses Artikels sprengen würde, andererseits muß ich Ihnen, aber noch viel mehr mir selbst, eingestehen, daß ich auf dem Gebiet der Semiotik ein absoluter Laie bin und deshalb auch nicht die leiseste Ahnung habe, wie ich mich dieses Mankos entledigen soll, ohne unglaubwürdig dazustehen. Deshalb sage ich, wie es ist: Ich kenne mich nicht aus, dieses aber exzellent !

Aristoteles´Ansatz ist ein Erklärungsversuch, wie Menschen miteinander und untereinander mit Hilfe konventioneller Zeichen in Form allgemein verständlicher und vordefinierter Begriffe, wie sie sich im Laufe menschlicher Interaktionen herausgebildet haben, zu einer intersubjektiven Verständigung über die Wirklichkeit übereinkommen. Vorrang dabei hat immer das gesprochene Wort, da Geschriebenes immer nur eine Folge des Gesprochenen sein kann. Klingt kompliziert ? Ist es auch ! Deshalb wollen wir es dabei bewenden lassen und mit einem abschließenden Beispiel verdeutlichen. Nehmen wir als Grundlage die bereits angesprochene Triade Zeichen – Bezeichneter – Seelenregung oder auch das semiotische Dreieck nach Ogden und Richards. Wenn ich zu Ihnen das Wort „Tisch“ sage, vertritt dieses Symbol ein Bezugsobjekt, d.h. ein Objekt, welches für uns greifbar ist, wobei auch dies wiederum nicht korrekt ist, aber sei´s drum. Das Wort hat also die Aufgabe, einen wirklichen Gegenstand zu vertreten, aber erst diese Verbindung zwischen diesem Symbol und dem Bezugsobjekt löst in uns eine bestimmte gedankliche Assoziation aus, d.h. wir verbinden mit dem Wort „Tisch“ eine gedankliche Interpretation. Was wir im Laufe unseres Lebens geübt und gelernt haben, läßt uns bestimmte Informationen mit dem Wort „Tisch“ abrufen. Um aber genau jene Denkprozesse richtig verstehen zu können, ist es unumgänglich, daß wir jene Verzahnung von Worten, Gegenständen und Begriffen verstehen. Doch gerade hier liegt die Schwierigkeit, denn um erfolgreich und zielgerichtet Sprechen und Denken miteinander verbinden zu können, bedarf es eines langen Lernprozesses. Ein Kind muß den Gegenstand Tisch zuerst einmal aus einer Vielzahl gelernter Begriffe filtern können, d.h. es muߠein bestimmtes Wort einem genau dafür vorgesehenen Objekt zuordnen können, um so in gewünschter und gewollter Weise mit seiner Umwelt interagieren zu können. Möchte ich den Apfel auf dem Tisch haben, muß ich den dafür richtigen Begriff verwenden, um einen bestimmten und zielgerichteten Denkprozess des Partners in Gang zu setzen, um ein gewünschtes Ergebnis zu erreichen, nämlich den Apfel und nicht den Tisch.  

Aber lassen wir das, ich wollte Ihnen damit nur zeigen, daß mit bestimmten Begriffen auch bestimmte Verknüpfungen in unserem Denken vorhanden sind. Und eben dieses stellte sich bei mir nicht ein, als ich das Wort Anthropozän zum ersten Mal zu hören bekam. Es regte sich einfach nichts in meinem klitzekleinen Gehirn, alles blieb dunkel, meine Neuronen versagten ihren sonst doch sehr zuverlässigen Dienst. Da half nur noch eines, ich musste mich wieder einmal duschen. Wer das jetzt nicht versteht, das ist mittlerweile schon zu einem running gag auf meinem Blog geworden, ich sage deshalb nur Warmduscher oder Fuchs und Hase. Doch selbst das blieb dieses Mal unerwidert, Milliarden von Nervenzellen versagten weiterhin ihren Dienst, wollten so gar nicht kooperieren, partout weder chemische noch elektrische Weiterleitungen von Informationen, wie auch, wenn ich keine Informationen über den Begriff Anthropozän hatte. Was blieb mir übrig ? Ruhet in Frieden, ihr verdammten Axone, ihr  zu nichts zu gebrauchende, vollkommen unnütze Neurotransmitter.

„Des Menschen Wille ist sein Himmelreich, die Unentschlossenheit die Hölle.“ Ein schönes Sprichwort. Also fing ich wieder einmal an, das zu tun, was Trüffelschweine auch gerne tun. Ich begann nach den Trüffeln zu suchen, ich fing an, unter der Oberfläche zu graben. Ich wollte wissen, wie der Trüffel mit dem unaussprechlichen Namen Anthropozän wirklich aussah. Und siehe da, auch eine kleine Sau wie ich findet ab und zu einmal einen Schlauchpilz, wenn auch nur einen namens Anthropozän.

Aber bevor wir dieses Zeitalter unserer neuesten Menschheits- und Erdgeschichte einläuten, denn um ein solches handelt es sich laut Definition von Prof. Paul J. Crutzen, ein kleiner Witz. Sie werden jetzt aus allen Wolken fallen und entgeistert fragen: „Kann denn dieser Mensch auch etwas Lustiges schreiben ?“ Ich verspreche hiermit hoch und heilig: „Es wird nie wieder vorkommen !“ Also, halten Sie sich fest, trotzen Sie den Fliehkräften, sonst wird es Sie demnächst aus der Umlaufbahn hauen. Aber das wird es sowieso, wenn wir so weitermachen. Aber jetzt zum versprochenen Heiterkeitsausbruch und wehe, ich höre Sie nicht brüllen vor lauter Lachen ! Folgendes hat sich zugetragen:

Zwei Planeten treffen sich weitab unseres bekannten Sonnensystems. Der eine kotzt sich seine Innereien aus dem Leib, hat Waldsterben wie andere die Masern, Ozonlöcher so groß wie der südliche Urkontinent Gondwana zu Zeiten des Prähistoriums. „Was hast Du denn ?“, will der zweite Planet wissen. „Ich habe die Seuche Homo sapiens !“ sagt der kranke Planet. „Ach, mach Dir nichts draus, das geht schnell vorüber, die hatte ich auch einmal !“

Na, habe ich Ihnen zuviel versprochen ? Da sage noch einmal einer, ich hätte keinen Sinn für Humor. Ich höre Sie jetzt noch wiehern. Ja, es ist immer wieder erbaulich, andere zum Lachen zu bringen, fragen Sie doch bitte meine Frau, sie wird ganz weinerlich ob meiner humoristischen Ader. In meinen Adern fließt sozusagen flüssiger Witz, ich bin förmlich durchsiebt von Lachsalven, welche mich immer und immer wieder ob meiner brillianten komischen mit flüssigem Witz erfüllten Ader treffen. Mir wird nachgesagt, ich sei ein wandelnder Witze-Newsletter, eine ganz große Nummer, quasi eine Lachnummer, mir wurde anstatt der Hirnanhangdrüse eine Humoranhangdrüse vom Schöpfer eingebaut. Meine Mitmenschen bezeichnen mich als Cartoonator, als fleischgewordenen Spaßfaktor, als Reinkarnation sämtlicher totgelachter Kabarettisten. Man kann mit Fug und Recht behaupten, wer mich nicht kennt, hat in seinem Leben noch nicht wirklich gelacht. Aber genug der Lobhudeleien, Sie machen mich ja völlig verlegen, schauen wir doch jetzt, wo wir uns wieder alle beruhigt haben, was es sonst noch auf unserem Planeten gibt. Halten wir noch einen kurzen Moment inne, ich höre noch jemanden im Hintergrund brüllen. So, wenn jetzt wieder Ruhe auf unserem ganz privaten Narrenschiff eingekehrt ist, wenden wir uns einem anderen Rotationskörper zu. 

Sie wissen, welchen ich meine ? Vollkommen richtig, wir nennen ihn gemeinhin Mutter Erde. Selbstverständlich können Sie auch sagen: „Gemein, Mutter Erde ist hin !“ Das mit diesem gemeinhin sollten wir alle etwas lockerer sehen, Mutter Erde nimmt es mit der Rechtschreibung schon lange nicht mehr so genau, genauer gesagt, seit wir das erdgeschichtliche Zeitalter des Anthropozän eingeläutet haben. Die Geologen sprechen zwar vom sogenannten Holozän, wenn sie von unserem gegenwärtigen erdgeschichtlichen Zeitalter sprechen, aber da wir uns permanent auf der Überholspur befinden, müssen wir uns für das völlig Neue, so die sinngemäße Übersetzung von Holozän (griech. ὅλος, „völlig“ und καινός, „neu“) schon wieder etwas neues einfallen lassen. Paul Crutzen hat dementsprechend im Jahre 2002 das Konstrukt des Anthropozän geprägt, welches in Anlehnung an das griechische ανθρωποδ = Mensch unsere heutige Epoche meint, welche durch die radikalen Eingriffe des Menschen in das Ökosystem Erde dieses nicht nur regional, sondern global beeinflusst und geradezu beschneidet. Das Anthropozän steht also für das Zeitalter des Menschen, leider.

Der Mensch hat seit Beginn der Urbachmachung von Wald und Boden in zunehmendem Maße in den natürlichen Kreislauf der Erde eingegriffen. Doch während sich diese Eingriffe, deren Folgen schon damals mit Erosion, verändertem Wasserhaushalt und Nährstoffentzug einhergingen, in der Jungsteinzeit vielfach noch auf bestimmte Regionen beschränkten,  hat sich dies mit Beginn der Industrialisierung grundlegend geändert. Das System Erde in seiner Ganzheitlichkeit, welches sich einst aus unzähligen Einzelfaktoren zusammensetzte, wird im Anthropozän von einem einzigen überdimensionierten Faktor, dem Faktor Mensch bestimmt, dominiert und reglementiert, innerhalb eines Zeitraumes von einigen wenigen Jahrhunderten hat der Mensch das beherzigt, was ihm sein sogenannter Gott vorgegeben hat: „Machet Euch die Erde untertan“ (Genesis Mose 1, Vers 28).

Diese irreparablen Schäden an der Natur, welche durch die gedankenlose Ausbeutung und Verschwendung unserer Resourcen, das überproportional ansteigende Bevölkerungswachstum, welches die Erschließung neuer Nahrungsquellen notwendig macht, der Klimawandel, Umwelt- und Luftverschmutzung, die Überfischung der Meere, sind alleine auf die dynamische Größe Homo sapiens zurückzuführen. Der Mensch ist nicht mehr ein Teil von vielen, er hat sich durch seine Vormachtstellung zu einem alles dominierenden Aktivator und Beschleuniger dieses globalen Wandels außerhalb dieses Systems gestellt.

Ich möchte zum Abschluß keine Schwarzmalerei betreiben, ich will nicht pessimistisch in unsere gemeinsame Zukunft blicken und es steht mir keinesfalls zu, da ich selbst Teil einer von vielen unterschiedlichen Kulturen bin, welche dieser Planet beherbergt, andere zu maßregeln bzw. gute Ratschläge zu erteilen. Der einzige Grund für das Verfassen dieses Artikels war, und hier schließt sich dann wieder der Kreis zu Aristoteles, eine Erklärung für ein Zeichen, in diesem speziellen Fall das Wort Anthropozän, zu finden, welches sich in meinem bisher gelernten Wort- und Sprachschatz nicht abrufen ließ. Das semiotische Dreieck lag vor mir, ohne daß ich fähig war, dessen Umrisse zu sehen, zu erkennen oder gar zu interpretieren. Ich hatte zwar einen Ausdruck, einen Begriff vor mir liegen, doch konnte ich diesem keinen Referenten zuordnen geschweige denn diesen Terminus mit Inhalten füllen.

Ich bin wiederum ein Stückchen weiter gekommen, zugegebenermaßen nur einen winzigen Schritt. Ich habe es längst aufgegeben, mich auf die Suche nach Wahrheit zu machen. Ich erhebe ebenfalls nicht den Anspruch, vom Baum der Erkenntnis naschen zu wollen. Da halte ich es doch lieber mit Xenophanes:

Nicht von Anfang an haben die Götter den Sterblichen alles Verborgene gezeigt, sondern allmählich finden sie suchend das Bessere.“                            

      


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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