Bio Natur - Der Weblog

15.10.2009

Das Atom vom Strom

Abgelegt unter: Verkehrte Welt — Paul Boegle @ 23:41

Es wird mir immer wieder vorgeworfen, ich schreibe zu pessimistisch und deprimiere dementsprechend meine Leser mit diesen negativen Gedanken und meiner ewigen Schwarzmalerei. Nun gut, das soll ab heute der Vergangenheit angehören. Vorbei sind die Zeiten, in denen ich immer und immer wieder nur alles angeprangert habe, jeden und alles grundlos niedergemacht habe und nur über Probleme, Krisen und Unglücke berichtet bzw. geschrieben habe. Ich fange hiermit ein neues Leben an, die positiven Aspekte rinnen jetzt schon förmlich von meinen zehn Fingern in die Tastatur. Ich kann richtig spüren, wie ich schon zu einem neuen lebensbejahenden Menschen mutiert bin.Dies also mein erster (und hoffentlich) nicht letzter Bericht über eine glückliche Welt, in welcher wir alle miteinander leben und in der wir uns auch wohlfühlen sollen. Ich will, daß Ihnen beim Anblick des folgenden Bildes so richtig warm um Ihr kleines Herz wird. Mein von tiefster Menschlichkeit durchleuchtetes Herz will, daß Ihnen dieses Foto ein Strahlen in Ihr Gesicht zaubert, ein Strahlen so hell wie sämtliche bisher durchgeführten Atomwaffenversuche auf und besonders unter Mutter Erde nicht leuchtender sein können. Mein innigster Wunsch ist es, daß Sie beim Anblick dieser Strukturen, dieser Formen, dieser modernen Sgraffito-Malereien einfach hin und weg sind. Genießen Sie dieses Stilleben aus nuklearem Restmüll, aus entsorgten Brennelementen, aus radioaktivem Uran, welches umkränzt ist von (atom)kerngesunden Bäumen Endlager Atommüll im sibirischen Sewersk.und Sträuchern, so als wollte Mutter Natur sagen: Laßt Euch ruhig in meinen Armen nieder, ich habe Platz für jedes Atom und sei es noch so radioaktiv!

Google Earth 

Sie sitzen immer noch schweigend und faszinierend vor dieser Bildkomposition, Ihre begehrlichen Blicke bekommen dieses Glitzern, daß Sie immer dann bekommen, wenn es um Ihre nächste Urlaubsplanung geht. Sie wollen endlich einmal weg von All-inklusive-Urlaub mit 17 geregelten Mahlzeiten pro Vormittag ? Sie sind der Meinung, daß Wellness-Urlaub nur etwas für Warmduscher ist ? Die griechische Antike ist sowieso schon lange tot, warum bei 42 Grad im Schatten auf die Akropolis ? Dann habe ich doch das Richtige für Sie, warum nicht einmal 14 Tage All-Radioaktive in Sibirien, genauer gesagt in Sewersk, einem beschaulichen und atomwaffenfreien Städtchen, wo sich dreischwänzige Füchse und siebenohrige Hasen “Gute Nacht” sagen. Sie wollen das Außergewöhnliche, Sie suchen den ultimativen Uran 235 Kick, Sie lieben Stahlfässer, in deren Wänden sich die lieblich am Himmel vorbeiziehenden Wolken spiegeln, malerisch umgeben von pastellfarbenen zarten Rostflecken, welche Ihnen auf geradezu philosophische Weise klarmachen, daß Sauerstoff auch nicht vor Stahl haltmacht.

Sie haben noch Bedenken, sie haben leise Zweifel, daß ich Sie vielleicht in eine für Ihre Gesundheit nicht zuträgliche Urlaubsregion schicken möchte ? Diese Unterstellung muß ich mit tiefster Entrüstung zurückweisen, vertrauen Sie mir ! Nein, vertrauen Sie nicht einem inkompetenten Urlaubsmuffel wie mir, sondern der gültigen Gesetzeslage. Und die sagt ganz klar: Es wird kein  Atommüll transportiert, hierbei handelt es sich, und das sollte doch bitte jedem Zweifler einleuchten, um radioaktives Material. Müll wäre es nur dann, wenn es entsorgt werden müsste, aber bitte schön wir reden hier nicht von Entsorgung, wir sprechen von Wiederaufbereitung. Radioaktive Brennelemente werden recycelt, si werden wiederverwertet. Wir müssen all diesen Verantwortlichen der Atomlobby dankbar sein, schließen wir sie in unser allabendlichen Vater unser im Atommüll-Himmel ein,  daß sie uns von all unseren radioaktiven Ängsten befreien. Es herrscht die von allen überzeugend vertretene Meinung vor, also zumindest in dieser ehrenwerten Branche, daß diese kostbaren Wertstoffe wieder angereichert werden, also möglicherweise, irgendwann einmal, vielleicht nicht sofort, aber in absehbarer Zeit, naja so in etwa absehbarer Zeit, so ganz klar läßt sich dieser Zeitrahmen natürlich nicht bestimmen, aber dann auf alle Fälle zu 100 Prozent, gut, fangen wir zum Üben doch mit 60 Prozent an, okay, nehmen wir anfangs doch 60 Prozent von den 60 Prozent und von denen vielleicht einmal die Hälfte, jetzt weiß ich nicht mehr, wieviel Prozent zum Anreichern wirklich übrig bleiben, aber unterm Strich sicherlich 10 bis 15 Prozent. Ich denke, das ist doch zu vertreten, schließlich wurde Rom auch nicht an einem Tag gebaut und ein Atomkraftwerk schon gar nicht.

Sie kennen die Baseler Konvention ? Nein ! Seltsam, ich dachte eigentlich, die wäre relativ bekannt. Kurz gesagt geht es darin um die auf ein Minimum zu reduzierenden grenzüberschreitenden Transporte von gefährlichen Abfällen. Aber wenn Sie als vielgereister Tourist diese Konvention schon nicht kennen, warum sollen dann schwer beschäftigte und nie Urlaub machende Politiker und Unternehmenssprecher von Atomstromlieferanten dieses lächerliche Papier kennen? Seien Sie tolerant, üben Sie ein kleines bisschen Nachsicht und buchen Sie jetzt endlich Ihren Urlaub. Und wenn Ihnen Sibirien zu kalt ist, ich hätte da ein paar aktuelle Angebote a la “Die Schnellen Brüter Europas in 12 Tagen” oder sehr beliebt ist auch die geführte Rundreise “Die sieben schönsten AKW´s bei Nacht und Nebel”. Und für alle Kleinen und Junggebliebenen empfehle ich das Ferienspiel “Atomstrom - aktiv und kanzerogen”.

Sie interessieren sich für weitere Reiseziele oder besser gesagt nicht für bestimmte Reiseziele ? Weiterführende Informationen zum Thema ”Wie entsorge ich meinen Atommüll richtig ?” finden Sie z.B. hier: Strahlendes Sibirien von Joachim Wille oder Frankreichs Atommüll in Sibirien “entsorgt” von Rudolf Balmer (Die Presse) oder Frankreich lädt Atommüll in Russland ab (Quelle: tagesschau.de).

10.10.2009

Paradiesische Zustände

Abgelegt unter: Tierisches — Paul Boegle @ 22:45

Wenn ich es recht bedenke, geschieht es unserer Fauna und Flora ganz recht ! Dieser vollkommene Blödsinn mit dem Umweltschutz muß jetzt einfach ein Ende haben. Dieser Schwachsinn mit dem Schutz bedrohter oder sogar kurz vor und vielfach schon nach vom Aussterben stehender Tierarten kann so nicht weitergehen.

Wie Sie ja bereits wissen, bin ich ein tief religiöser Mensch. Naja, zumindest war ich es einmal, also vielleicht nicht auf längere Sicht, aber immerhin kurzfristig, sehr kurzfristig. Dieses Bekenntnis meiner Hochachtung für die Kirche können Sie aber auch gerne unter http://weblog.bio-natur.at/2009/10/06/franzvonassisikirchevatikan/ selbst nachlesen. Also, ganz ehrlich, wir könnten es noch so schön haben. Alle miteinander könnten wir im Paradies leben, glücklich bis an unser irdisches Leben Ende. Keiner von uns müsste Lotto spielen, Sozialhilfe wäre ein Privileg derjenigen, die sich einmal so richtig schlecht fühlen  möchten, die Armutsgrenze wäre ein fiktives Konstrukt, sozusagen der Bunjeesprung für den an Langeweile leidenden Adam. Die an Lethargie vor sich hin siechende Eva dürfte zweimal im Jahr eine kleine Autobombe zünden, selbstredend ohne Tote oder Verletzte, schließlich befinden wir uns in der Ursuppe paradiesischen Zusammenlebens.

Es gibt jedoch eben dieses kleine Problem: Wir befinden uns in einem Wäre-Hätte-Sollte-Paradies. Also in einem Paradies des Konjunktivs, einem unerfüllbaren Wünsch-Dir-was der Neuzeit. Und wer ist schuld an dieser ganzen Misere ? Wer hat uns da reingeritten ? Wem haben wir zu verdanken, daß wir jedes Wochenende zwanghaft Lotto spielen müssen mit dieser idiotischen Idee, daß nur sechs Richtige halbwegs den uns zustehenden Lebensstandard verheißen ? Ich sage Ihnen was, im Paradies hätte jeder schon mit einer richtigen Zahl ausgesorgt gehabt, ach was sage ich, mit gar keiner Zahl.

Aber nein, es gab Neider. Bösartige Wesen, welche uns diesen Erfolg einfach nicht gegönnt haben. Ein einziger Baum, wahrscheinlich sowieso ungespritzt, also ohne diese herrlichen Pestizide, ein einziger Apfel, ich bin mir sicher, wurmstichig, weil ja ungespritzt, haben genügt, den Schranken herunterzulassen, das Tor zuzumachen, den Schlüssel umzudrehen. Und dann diese Schlange dazu. Bei dieser Art Lebewesen sehe ich schon auf den ersten Blick: So was kann einfach nur kriechen, hat nicht einmal den Anstand, dem Menschen auf zwei Füßen in die Augen zu schauen. Nein, nein, alles außer dem Menschen gehört ausgerottet.

Wenn ich schon an Äpfel denke ! Hängen faul irgendwo in der Sonne herum, arbeiten den ganzen Tag nichts und lassen sich auch noch tragen. Und dann dieses schleimige Wesen, diese Schlange, ein Kaltblüter, typisch, muß sich wie der Apfel erst mal stundenlang faul in die Sonne legen, um überhaupt irgendwas leisten zu können. Ich verstehe all diejenigen, welche zum Entschluss gekommen sind, daß nur eine Erde ohne Bäume, naturnahe Wiesen und wilde Tiere ein guter Planet ist. Wer will schon mit sowas unter einem Dach leben ? Ich sicherlich nicht. Aber trotzdem bin ich froh, daß es den Apfel und die Schlange gab, welche uns aus dem Paradies vertrieben haben. Stellen Sie sich einmal vor, wir hätten keine Schuldigen gefunden. Dann müssten wir zugeben, daß wir für unseren heutigen Ist-Zustand selbst verantwortlich sind. Und wer will schon Verantwortung übernehmen.

So, jetzt muß ich aber aufhören, mir fällt ein, ich habe noch nicht Lotto gespielt. Und ich habe das Gefühl, dieses Mal kommen meine sechs richtigen Zahlen. Und dann kaufe ich ein neues Paradies. Aber nicht für uns, sondern für all die Äpfel, Schlangen, Würmer und Bäume und was da sonst noch kreucht und fleucht. Wäre gut  möglich, daß die mit unserer Erbsünde gar nichts zu tun haben wollen.

      

Trockengebiete

Abgelegt unter: Verkehrte Welt — Paul Boegle @ 21:25

Die Gesellschaft lehrt uns viele Dinge, während wir langsam unseren Kinderschuhen entwachsen. Je mehr zwischenmenschliche Knotenpunkte wir knüpfen, je größer unser eigenes soziales Netzwerk wird, desto höher werden die Anforderungen, welche an uns als funktionierendes Zahnrad des großen Getriebes mit dem schönen Namen soziales Umfeld gestellt werden. Und spätestens ab dem Zeitpunkt, an dem uns unsere Windeln abgeschnallt werden, werden uns die ersten Restriktionen und Konventionen auf unsere zarten Kinderkörper gegurtet. Kaum wird uns gesagt, daß wir gefälligst unsere körperlichen Exkremente selbständig zu entsorgen haben, wird uns gleichzeitig aufgetragen, uns mit den widerlichen, allgegenwärtig durch Raum und Zeit wabernden Ausdünstungen und den an allen Ecken und Enden abgelagerten Abfällen menschlichen Handelns auseinanderzusetzen.

Es wäre eigentlich zum Weinen. Doch wir haben, wieder einmal rein statistisch gesehen und auf Hochrechnungen gestützt, nur etwa 80 Liter Tränenflüssigkeit zur Verfügung, welche wir für diese verschwenderische Tätigkeit zur Verfügung haben. Der normale Mensch, doch zeigen Sie mir bitte einen dieser Sorte, Sie natürlich ausgeschlossen, schließlich will ich Sie als Stammleser behalten bzw. als Neuleser gewinnen, auf den das Prädikat “normal” zutrifft, dieser Durchschnitts-Tränenvergiesser muß also haushalten mit seinem Tränenvorrat.

Und da kommen wir zu unserem Dilemma der menschlichen Trockengebiete. Erwachsene Menschen haben ihre Tränen in kindlichem Eifer fast immer zur Gänze vergossen. Unser kindliches Gemüt vergiesst zu allen möglichen und unmöglichen Zeiten, Anlässen und Gelegenheiten salzige, wässrige Lösungen, welche über rosafarbene, kindliche, unschuldige Wangen kullern. Es vergiesst und vergisst. Wir, die mitleidlose Welt der Tränenlosen, diese dürre Welt der ausgeweinten, ja abgeweinten dunklen Augenhöhlen haben die Verpflichtung, diese gemachte Erfahrung unserer Folgegenerationen schonungslos beizubringen.

Gnadenlos wird uns beigebracht: “Echte Männer müssen hart sein !” “Ein Mann weint nicht!” “Frauen müssen ihren Mann stehen !” Was ist nun aber die Konklusion dieser drei Sätze ? Richtig: “Echte Frauen weinen auch nicht !” Wir haben uns unser eigenes Wasser abgegraben, in unserem kindlichen Eifer sind wir zu verschwenderisch mit unseren 80 Litern körperlichem Salzwasser umgegangen. Wir selbst haben dafür Sorge getragen, daß die Tränen der Erleichterung, die Tränen der Freude, die Tränen des Leids, die Tränen des Schmerzes, die Tränen der Wut, die Tränen der Enttäuschung, die Tränen der Liebe, ja selbst die Krokodilstränen des Mitleids versiegt sind.

Wir alle miteinander haben den Gang herausgenommen, fahren im Leerlauf ohne den Bremskraftverstärker “Ich möchte am liebsten weinen, kann aber nicht !” den gesellschaftlichen Abgrund hinab. Der Fahrtwind bläst uns auf unserem abschüssigen Weg scharf entgegen, trocknet die letzten Reste in unseren beiden salzverkrusteten Wüsten, läßt uns unseren Nächsten nur noch unscharf erkennen. Presswehen aus Mitleid erschüttern uns, Amplituden aus Welthunger, Krisenherden und Umweltkatastrophen lösen Kontraktionen in unserer verinnerlichten Seelensteppe aus und zerren und ziehen an unserem Gewissen.

80 Liter Tränen sind geflossen, eisige Stille hat sich in uns breit gemacht, 80 Liter Persönlichkeit sind verbraucht. 80 Liter, buchstäblich den Bach hinunter gegangen.

              

6.10.2009

franz.von.assisi@kirche.vatikan

Abgelegt unter: Tierisches — Paul Boegle @ 03:46

Ich habe zum richtigen Glauben zurückgefunden. Wie konnte ich all die Jahre, nein Jahrzehnte, nur so verblendet gewesen sein, mich an den Atheismus zu klammern, mich vom Agnostizismus verführen zu lassen und dessen höchste Stufe, den Ignostizismus als die für mich allgemeingültige Wahrheit zu betrachten ? Wie konnte ich jemals an der römisch-katholischen Kirche zweifeln, warum habe ich nicht begriffen, daß ich vom rechten Wege abgekommen bin ? Es ist zum verzweifeln, mein Zweifeln ! Aber ab jetzt wird alles besser. Ich gelobe Besserung, ich möchte wieder in die Glaubensgemeinschaft aufgenommen werden.  

Ich habe meine Atheismus-für-Fortgeschrittene-Selbsthilfegruppe mit Sack und Pack verlassen, habe ein ketzerisches “Grüß Euch Gott” in diese gottlose Runde geworfen und bin mit dem neuen Alten Testament, also dem Alten Testament, aber das völlig neu, meiner Wege gegangen. Wichtigere Dinge liegen vor mir. Mein neues Leben und ich, mein neues Altes Testament und ich, mein altes Neues Testament und ich, hab ich für diese Zwecke meinem Neffen abgekauft oder besser gesagt gegen einen gebrauchten Talar eingetauscht, weiß der T..fel, also der dunkle Herr von der Opposition,wo ich den gefunden habe. Und so machten wir uns auf den Weg, ein Dreigestirn, das neue Alte Testament, das alte Neue Testament und ich, der alte Neue. 

Mein Entschluss stand fest. Ich glaubte sogar ein mildes Lächeln ob dieser Umkehr, jener Rückkehr in die Herde des Herrn vom Nordturm des Wiener Stephansdomes erkennen zu können, nur ein kurzes Aufblitzen, ein anerkennendes Zunicken als Zeichen für das verlorenen Schaf, oder in meinem Fall eher Bock, aber wer nimmt es schon so genau bei soviel Anti-Atheismus. Und dann galt es zu überlegen, dieses neue gottesfürchtige Leben musste streng nach den Maßstäben des Schöpfers begonnen werden.

Also, was brauche ich, um gottgefällig zu sein ? Richtig, als erstes einmal meine digitale Spiegelreflexkamera. Ich zog kurz, aber wirklich nur für den Bruchteil einer Sekunde in Betracht, die kompakte Kamera meiner Tochter zu verwenden, aber wenn schon ein neues Leben auf den vatikanischen Pfaden, dann gleich mit der vollen Ladung an Megapixel. Wieviele Fotos ? Keine Frage, nach oben gibt es keine Grenzen, der Himmel hat ja schließlich auch keine. Was brauchte ich als nächstes ? Natürlich möglichst viele Vierbeiner, kriechende, hüpfende und wie auch immer sich fortbewegende Geschöpfe aus dem Tierreich. Als erstes war dementsprechend unsere Katze an der Reihe. Ich liebe dieses haarige Knäuel, welches dankenswerterweise nur dann um Aufmerksamkeit fleht, wenn es Hunger hat. Die Fotos wurden sensationell, sie haben mich geradewegs umgehauen, sie waren so vom Glauben durchdrungen, daß man sogar den Heiligenschein unserer vierbeinigen Mitbewohnerin erkennen konnte, bei entsprechender Vergrößerung unter dem Elektronenmikroskop. Und dann erst mein Leopardgecko ! Ein Traum in digital, ich denke, er wusste insgeheim, für welche Mission er sich ins richtige Licht zu stellen hatte. Welch erzkatholischer Ausdruck auf seinem verschlagenen Gesicht, fast schon menschlich. Ich fotografierte, bis die SD-Karte zum Glühen anfing, es war kein satanisches Leuchten dieses Speichermediums, mehr dieses überirdische Wetterleuchten, was sage ich, ein Licht so hell wie der Urknall oder eben kurz danach.

Und dann endlich ich selbst, das verlorene Schaf, oder in meinem Fall der verlorene Bock. Gott sei Dank, ja ich nehme diese drei Wörter mit voller Absicht in meinen sündigen Mund, habe ich mein Stativ immer in Griffweite. In geradezu andächtiger Weise beginne ich, an den kleinen Rädchen zu drehen, die Schrauben zu justieren, diese kleinen Wasserwaagen auszurichten, es erinnert geradezu an den Aufbau eines Hausaltares, ein kleiner digitaler Altar für eine große Mission. Ich mache gleich einmal 467 Fotos, die besten müssen es werden, welche jemals dieses Objektiv verlassen haben.

Und dann das großartige Finale, das Vater Unser der Bildbearbeitung, das erleuchtete Beleuchten selbst dunkelster Ecken. Ich bin sozusagen der Franz von Assisi der Digitalfotografie, ich schreibe Brehm´s Tierleben vollkommen um, ich fühle mich als Camera obscura der gesamten Christenheit, ich bin der wieder auferstandene Louis Daguerre, ein Weitwinkelobjektiv der Nächstenliebe, die neue Tiefenschärfe der 10 Gebote, der Lazarus der Lichtbrechung, ach ich könnte stundenlang so weitermachen.

Der letzte Akt meiner digitalen Wallfahrt bestand im Verfassen und Senden einer Email, im Anhang drei wunderschön herausgearbeitete Fotos der Katze, des Leopardgeckos und des verlorenen Bocks mit der Bitte um Erledigung. Der Bitte wurde entsprochen, zumindest zu zwei Dritteln. Die Katze hat ihren Segen bekommen, ihr Hunger wurde seltsamerweise dadurch aber nicht kleiner. Mein Leopardgecko hat sich mittlerweile seinen eigenen Fischerring bestellt, natürlich im Internet. Nur auf den Bock wurde vergessen.

Meine Glaubensgenossen von der Selbsthilfegruppe, Sie wissen schon, Atheismus-für-Fortgeschrittene, haben mir verziehen, zumindest teilweise. Ich darf zwar wieder mitmachen, aber sie haben mich in die Anfänger-Gruppe gesteckt. Sie glauben mir nicht ? Dann empfehle ich Ihnen einen Besuch in Linz. Wem der Weg dorthin zu weit ist, der möge sich ganz einfach diesen Artikel der Kirchenzeitung der Diözese Linz zu Gemüte führen. Es ist schon interessant mit anzusehen, mit welchen Mitteln eine Organisation arbeitet, welcher die Menschen in Scharen davonrennen. Zwei Fragen bleiben eigentlich offen. Was denken sich eigentlich all die zwangsweise gesegneten Tiere bei all diesen Verzweiflungstaten der Spezies Mensch ? Hoffen wir einmal, nicht allzu viel. Und die zweite Frage, welche mich wesentlich mehr beschäftigt: Hat Franz von Assisi auch einen Laptop und wie lautet seine wirkliche email-Adresse ?

             

Warmduscher

Abgelegt unter: Was nirgends reinpasst — Paul Boegle @ 01:43

Ich habe heute wieder einmal geduscht. Glauben Sie aber bitte jetzt nicht, daß es besonderer Erwähnung bedarf, daß auch ich dusche. Nein, ich dusche eigentlich relativ oft, nicht zu oft, nicht zu wenig, ich denke, ich bin ein sogenannter Durchschnittsduscher. Zumindest habe ich in den Weiten des Internets eine Statistik gefunden, wie oft der Durchschnitts-Deutsche dieser Beschäftigung täglich nachgeht. Und was für Deutschland gilt, sollte doch auch für Österreich eine gewisse Gültigkeit haben, also rein statistisch gesehen natürlich. Wie gesagt, so ca. 70 % der Deutschen duschen also täglich, ergo schließe ich daraus, daß auch um die 70 % der Österreicher sich dieser alltäglichen Form der Körperpflege hingeben. Ich habe also, wie schon erwähnt, geduscht, nicht zu heiß, auch nicht zu kalt, eben gerade richtig, also schön warm. Wer jetzt einwirft, dann handelt es ja in meinem Fall um den klassischen Warmduscher, o.k, die Freude sei Ihnen gegönnt, ich kann es nicht abstreiten, ich bin kein echter Mann, welcher sich bei minus 12 Grad Außentemperatur auch noch mit knapp über der Gefriergrenze temperierten Wasser dem täglichen Ritual körperlicher Reinigung hingibt. Wenn ich in Ihren Augen also der klassische durchschnittliche österreichische Warmduscher bin, gut, so sei es, kein Problem, echte Männer schauen sowieso anders aus, bin ich eben keiner.

Aber trotzdem, ich stand also unter wohlig warmem Wasser und was glauben Sie, was ich tat ? Völlig falsch, ich sang sicherlich nicht unter der Dusche. Mein Gesang, oder was zumindest ich für einen solchen halte, klingt, wenn man der besten Ehefrau der Welt, also wieder einmal meiner liebsten Gattin, Glauben schenken darf, eher dem Erste- Hilfe-Flehen eines Pavians. Andere böse Zungen, besonders die sehr perfide und spitze Zunge der besten Tochter der Welt, also unserer Tochter, führen den nicht zu entschlüsselnden Gesang der Buckelwale auf mich und meine Gesangsexperimente zurück. Nachdem ich jetzt aber in Ihren Augen bereits als Warmduscher abgestempelt bin, lassen wir sowohl Paviane als auch Buckelwale außen vor, ich dusche sowieso viel lieber alleine, schon platztechnisch gesehen hat man einfach mehr Freiräume als wenn sich links ein Pavian und rechts ein Buckelwal um die wohlriechenden Essenzen streiten. Um es kurz zu machen: Ich dachte nach. Ich ging dieser wohltuenden Tätigkeit des Nachdenkens nach. Unter der Dusche kommen mir viele Ideen, was glauben Sie z.B., woher all die Themen dieser Artikel stammen ? Die sind mir fast alle beim Duschen eingefallen, sozusagen zugeschwommen, naja nicht direkt geschwommen gekommen, es hat sie eher von oben, aus dem Brausekopf auf mich herabregnen lassen. Geschwommen wären diese Ideen dann schon eher beim Baden, aber beim Baden denke ich nicht, da überfällt mich sehr häufig dieser unbändige Drang des tiefen Nachdenkens, gemeinhin auch als Schlafen bezeichnet. Aber Duschen und Nachdenken, was für eine Kombination ! Wenn einem der Wasserstrahl auf die glatt polierte Glatze prasselt, regt dies richtig gehend meine Gehirnströme an. Man könnte fast glauben, das Wasser spült meine Gehirnwindungen aus, reißt alte, nicht mehr benötigte Gedanken mit sich fort, um Platz für neue Ideen zu schaffen.Unter der Dusche zu denken ist fast so schön wie, naja das überlasse ich nun Ihrer eigenen Phantasie. Wenn ich es recht betrachte, alle großen Erfindungen der Menschheit wurden unter der Dusche gemacht.

Das Rad wurde sicherlich an einem regnerischen Tag erfunden. Wahrscheinlich stand ein tigerfellbehangener, ziemlich bärtiger Vorfahr eines Tages im Regen, waschelnass, wie wir sagen und dachte darüber nach, wie er jetzt wohl am schnellsten in seine Höhle zu Frau und Kind kommen könne. Und da traf ihn der Blitz, nicht derjenige, welcher üblicherweise dem Donner folgt, sondern mehr der Blitz des Geistes, der Geistesblitz. Der Regen massierte sein haariges Haupt, sozusagen sein Haupthaar und gab ihm folgenden Gedanken mit auf den Heimweg: “Beim nächsten Mal nehme ich sicherlich mein Regenschirm aus echtem Fledermaus-Leder mit !” Und als er so alleine und verlassen, die Regentropfen trommelten unentwegt auf sein haariges Haupt, durch den regnerischen Wald, den Regenwald, ja den gab es damals noch, als er also so einsam vor sich hin sinnierte, nie wieder ohne meinen Regenschirm, da stand diese Idee plötzlich im Raume, mitten vor ihm auf der unbefestigten Strasse, quasi einer Wasserstrasse. Warum diese runde Form des Regenschirmes nicht auch für etwas anderes nutzen ? Was tat also unser guter Mann ? Lange Rede, kurzer Schluß: Er erfand ganz einfach das Rad und gründete das erste Taxi-Unternehmen.

Oder denken Sie an Heraklit. Panta rhei - alles fließt. Woher glauben Sie, kommt diese wichtige Erkenntnis dieses griechischen Philosophen, daß alles einem stetigen Wandel und der Mensch einem permanenten Streben nach Weiter- und Höherentwicklung unterworfen ist ? Sie haben es erfasst ! Heraklit stand unter der Dusche, vielleicht auch in einem leise vor sich hin pläschernden Fluß, wusch sich den Staub von Stirn und kleinen Zehen und sah dem davonfließenden Wasser zu. Und dann sagte er zu sich selbst: “Wer in denselben Fluß steigt, dem fließt anderes und wieder anderes Wasser zu.” Und wieder stelle ich die obligatorische Frage: Was tat also Heraklit nach dieser Erkenntnis ? Nein, er gründete sicherlich keinen Sanitär- und Installateurbetrieb, dazu war ihm die Suche nach Erkenntnis viel zu wichtig. Er gab dieses Wissen weiter, verfasste es in Worte, damit nachfolgende Generationen wie ich etwa immer noch davon profitieren können, er übermittelte diese scheinbar elementaren, aber doch so schwierigen Denkprozess ohne das Einfordern einer Gegenleistung.

Es gäbe noch viele hundert und aber hundert Beispiele, wie Duschen und große Erfindungen in scheinbar kausalem Zusammenhang zueinander stehen. Mögen sie sich auch nicht so zugetragen haben, wie ich die beiden oben angeführten Fälle beschrieben habe, der eine stellvertretend für die technische Meisterleistung eines Einzelnen, der andere ein Geniestreich eines großen Geistes einer längst vergangenen Epoche.

Ich werde weiterhin duschen und dabei immer ein kleines bisschen vom großen Baum der Erkenntnis mitnaschen. Die Früchte dieses seit Jahrtausenden in und mit der Menschheitsgeschichte verwurzelten Baumes hängen hoch, weit höher als mein kleiner Geist jemals fliegen kann. Aber warum sollen selbst Warmduscher wie ich nur einmal, ein einziges Mal nicht auch bis in die Krone blicken dürfen.

             

5.10.2009

Geschichte

Abgelegt unter: Verkehrte Welt — Paul Boegle @ 04:55

Seltsam, dachte ich mir wieder einmal unlängst. Das schöne Sprichwort “Die Geschichte wiederholt sich” hat doch mehr Wahrheitsgehalt als wir gemeinhin annehmen. Oder wie es der französische Schriftsteller Henry de Montherlant so treffend umschreibt: “Die Geschichte ? Das gleiche Stück mit unterschiedlichen Rollenbesetzung.” (zu finden in: Tagebücher 1930-1944, Kiepenheuer & Witsch, Köln/Berlin 1961, S.168).

Diese Erkenntnis alleine hat mich jetzt nicht zum Nachdenken gebracht, wobei das auch schon genügt hätte, um zu hinterfragen, ob die Menschheit ihr langes Geschichtsbuch nicht schon nach dem ersten Kapitel hätte ins Eck stellen können, schließlich kommt ja nichts mehr Neues nach. Es hätte doch a la longue genügt, wenn nach dem Prolog ein unbekannter Chronist, nennen wir ihn der Einfachheit halber Geschichtenerzähler Ohne Terrestrische Thronfolger, oder kurz GOTT, einfach nach seinem Erstlingswerk den Vermerk “Ab jetzt kommt nichts Neues mehr” angefügt. Vielleicht noch ein kurzer Aktenvermerk in der Art von “Wegen Langeweile keine Neuauflage” des kongenialen Konkurrenzverlages Terrestrisches Endstadium Und Folgedessen Endgültiges Lesevergnügen, im folgenden als TEUFEL bezeichnet.

Jetzt wissen Sie, ja genau Sie, Sie kleine Leseratte, warum es auch heißt: “Der TEUFEL steckt im Detail ! Denn genau dieses kleine Detail ist es, dieser Aktenvermerk, diese unscheinbare Randnotiz, hingeschmiert mit einer geradezu unleserlichen Schrift, so als hätte ein Arzt ein Rezept für oder gegen Herzrhythmusstörungen aufgeschrieben, je nach dem, mit welchem Verlag man gerade liebäugelt. Der Buchdrucker GOTT hätte natürlich etwas gegen die besagten Störungen aufgeschrieben, wäre da nicht dieses kleine Detail, ganz hinterlistig und vollkommen unscheinbar nachträglich angefügt worden, verschreiben wir doch lieber ein Medikament für die Störungen, je störender, um so besser.

Und da kommen wir endlich zu dem, was in der Überschrift geschrieben steht, wir kommen zur Geschichte, unserer ganz persönlichen, unserer universellen, unserer allgemeinen, völlig absurden Menschheitsgeschichte, welche sich immer und immer in schöner Regelmäßigkeit wiederholt. Es spricht grundsätzlich nichts dagegen, ein gutes Buch ein zweites Mal oder einen schönen Film auch ein drittes Mal anzuschauen respektive zu lesen. Schließlich fallen einem, zumindest geht es mir so, oftmals gewisse Randfiguren, bestimmte Sätze erst bei einer gründlichen Betrachtung auf, welche bei einmaligem Genuss untergegangen wären. Das heißt, Wiederholungen sind ein probates Mittel, um zu lernen, um zu verstehen und um zu erkennen.

Warum gilt dieses aber nicht auch für unsere Menschheitsgeschichte ? Warum wiederholen wir in schöner Regelmäßigkeit gerade die Dinge, von denen wir glaubten und auch immer wieder davon sprachen und sprechen: Daß muß jetzt aber nicht noch einmal geschehen. Warum gab, gibt es und wird es immer wieder des Teufels Generäle geben ? Sie kennen das Stück “Des Teufels General” von Carl Zuckmayr ? Wenn ja, vielleicht wieder einmal lesenswert, wenn nein, dann ganz bestimmt lesenswert.

Wir sagen immer und immer wieder: Die Geschichte darf sich nicht wiederholen ! Welcher Teil der Geschichte denn ? Manchmal denke ich, die Passagen, in denen von Menschlichkeit und Toleranz die Rede war, sind ersatzlos gestrichen worden, die dürfen sich scheinbar nicht mehr wiederholen. Aber die Generäle des Teufels stehen immer wieder auf, werden jeden Tag zu neuem Leben erweckt, dürfen ihr eigenes Programm spielen, so oft und so viel sie wollen, je mehr Wiederholungen, desto besser. Manchmal glaube ich wirklich, nach Kapitel 1 hätte Schluß sein sollen. Aber auch ich bin auf eine bestimmte Art auch nur ein Wiederholungstäter, denn ich wiederhole mich jetzt, wenn ich sage: Generäle sollten zum Teufel gehen. Nicht alle, aber eben derer viele haben den Krieg zu ihrem Lebensinhalt gemacht. Aber wie schon gesagt, der Teufel steckt im Detail. Und der größte Teufel unserer Geschichte steckte im militärischen Gewand eines Gefreiten. Vielleicht hätten die damaligen Verantwortlichen Adolf Hitler gleich zum General ernennen sollen. Warum ? Dann hätte ihn der Teufel wirklich früher geholt !

4.10.2009

2009 - Ein Rückblick

Abgelegt unter: Verkehrte Welt — Paul Boegle @ 21:53


Ich habe heute spontan beschlossen, das Kalenderjahr 2009 für beendet zu erklären. Auch auf die Gefahr hin, jetzt sämtliche noch verbliebenen Stammleser zu vergraulen, aber ich lege hiermit, also mit dem jetzigen Zeitpunkt, das Jahr 2009 ad acta. Ich möchte einfach irgendwo, bei irgend etwas einmal der Erste sein, ich will nur ein einziges Mal im Leben behaupten können, so, dieses Ziel habe ich als Nummer 1 erreicht, einmal nur sollen meine Enkelinnen oder Enkel oder vielleicht Enkelinnen und Enkel in unserer Familienchronik, welche natürlich erst noch geschrieben werden muß, lesen können: “Unser Großvater hatte die Nasenspitze vorne, er hat alle anderen Mitbewerber um Längen geschlagen, er hat sämtliche Konkurrenten hinter sich gelassen.

Und deshalb sage ich jetzt, hier und heute, am 04. Oktober 2009: Das Jahr 2009 ist beendet, herzlich willkommen 2010 ! Und so starte ich, wie es sich für einen ordentlichen Rückblick gehört, einen solchen. Was haben wir 2009 nicht alles erlebt, was waren die größten Aufreger und welche Skandale haben uns 2009 am meisten beschäftigt.

Als erstes kommen wir natürlich zu den Katastrophen 2009, schließlich bringt jeder gute, nein jeder erstklassige Privatsender auch diese an erster Stelle. Flugzeuge sind abgestürzt, wollten aus erfindlichen und unerfindlichen Gründen mit der Schwerkraft nichts mehr zu tun haben. Züge sind entgleist, Autobusse über Klippen gestürzt, Millionen von Autos mit Millionen anderer Autos zusammengestossen, die Erde hat 2009 wieder ihr wahres Gesicht gezeigt. Erdbeben, Vulkanausbrüche, Tsunamis, Tornados haben die Menschheit in neuerliches Chaos gestürzt, Millionen wurden ihrer Heimat beraubt, Hunderttausende werden sich auch 2010 noch auf der Flucht befinden. Schlagworte wie Al-Kaida, Terror,Autobomben, Unabhängigkeitskriege, Selbstmord-Attentate, Revolutionen, Umstürze, Glaubenskriege und und und geistern jeden Tag durch die Medien, nicht mehr herauszubekommen aus unseren Köpfen. Aber unsere Köpfe befinden sich vor dem Plasma-Bildschirm, unsere Körper sitzen in bequemen Ledersesseln und unsere Hände beschäftigen sich mit halbvollen Biergläsern und Chips. Wir schauen auf das Jahr 2009, jeden Tag auf´s Neue schütteln wir unser entsetztes Haupt vor soviel Elend, welches uns in 1920×1080 Auflösung entgegenschreit, langsam mit immer den selben Worten träge aus dem Fernseher rinnt und seine Elendsnebelschwaden in unser Hirn wabern, sich ausbreiten, mit anderen gespeicherten Katastrophen-Nebeln zusammenstossen, sich überlagern, um schließlich keinen neuen Platz in unserem Denken mehr zu finden. Mein Gehirn ist jetzt, am 04. Oktober 2009 bereits mit soviel Mitleid, Elend, menschlichem Leid so übersättigt und überladen, daß für neue Unheilsmeldungen einfach kein Platz mehr ist.

Ich muß Platz schaffen, muß 2009 bereits heute als beendet erklären, ich muß neue Kapazitäten freiräumen, die alten Nebel, Schwaden, diese dicke undurchdringliche Suppe des Jahres 2009 aus meinem Gehirn schaufeln, um für 2010 wieder genügend Reserven frei zu haben. Schwarze Flüchtlinge, gelbe Flutwellenopfer, weiße Terror-Tote, alles schwimmt in diesem gedanklichen Katastrophen-Einerlei, in diesem undefinierbaren, weil nicht mehr trennbaren Brei aus Daten, Zahlen, Fakten, aus Nummern und Namen. Ich kann nicht mehr sagen, ob Martha der Name für einen Hurrican oder für ein Flüchtlingskind war, welches beide Elternteile in irgendeinem Befreiungskrieg verloren hat. Einzelne Berichte in den Nachrichten werden grenzenlos, Hungernde lassen sich nicht mehr Staaten und Ländern zuordnen, staatenlose und gesichtlose Nebelgestalten, gefangen in der Anonymität meiner Zellmembranen, Neurotransmitter, Proteine, Synapsen und elektrischen Weiterleitungen.

2009 war kein schlechtes Jahr, es war ein Jahr wie jedes andere. 2010 wird kein schlechtes Jahr werden, es wird ein Jahr wie jedes andere werden. Warum also nicht gleich das Jahr 2010 auch für beendet erklären ? Warum nicht sofort heute nahtlos zum Jahr 2011 oder gleich zum Jahr 2038 weitergehen ? Wenn doch jedes Jahr kein schlechtes Jahr ist, ein Jahr wie jedes andere. Dann hätte ich auf lange Sicht Platz in meinem geistigen Narrenschiff, könnte gleich weiterrudern bis zum Jahre X, in ein Jahr, welches ein gutes Jahr sein wird, kein Jahr wie jedes andere. Aber ich fürchte, die Kraft habe ich nicht, solange zu rudern wird nicht möglich sein. Also lassen wir es bleiben, schauen wir, was 2010 bringen wird.

2010, Flugzeuge sind vom Himmel gefallen, Züge entgleist, Autobusse Klippen hinuntergestürzt. Erdbeben, Vulkanausbrüche, Tsunamis, Tornados, Bombenattentate, Unabhängigkeitskriege, Selbstmord-Attentate usw. Sie haben dies schon einmal gelesen, all dies bereits selbst gespeichert ? Dann will ich es gut sein lassen und wünsche allen: Prosit 2010, auf ein neues, altes, schon dagewesenes, sich immer wieder wiederholendes, ewig gleichbleibendes weiteres Katastrophen-Jahr. Und bevor ich es vergesse, die größten Aufreger und schönsten Skandale kommen 2010 sowieso in gleicher oder ähnlicher Form wieder, also lasse ich es bleiben, darüber auch noch einen Rückblick zu verfassen.       

3.10.2009

Und täglich werden es mehr

Abgelegt unter: Was nirgends reinpasst — Paul Boegle @ 23:52


Nein, ich rede hier nicht von meinen Feinden. Wobei diese natürlich auch jeden Tag mehr werden. Wobei, wenn ich es recht bedenke, so wirklich steigt ihre Zahl auch nicht mehr an. Schließlich segnen auch einige meiner Feinde das Zeitliche, je weiter ich mich selbst auf diesen Punkt des finalen Atemzugs hinbewege, um so näher kommen auch die mir nicht ganz so Wohlgesonnenen diesem nicht erstrebenswerten Ziel. Aber wie schon anfangs erwähnt, es soll uns hier nicht kümmern, in welcher Quantität diese noch vorhanden sind.

Ich war heute, an einem herrlich sonnigen Samstagnachmittag wieder einmal im Zimmer der lieben Tochter beschäftigt. Genauer gesagt, beschäftigt mich mehr der liebe Nachwuchs als Arbeitgeber und ich beschäftige mich dann mit der an mich weiter gegebenen Arbeit. Kapitalismus pur, selbst wenn am Wochenende draussen die Sonne lacht. Nun gut, es stand also der Aufbau eines neuen Schreibtisches auf dem Programm, welcher höhnischer lachen konnte als die liebe Sonne scheinen. Fragen Sie mich jetzt nicht, ob dieser, der wahrscheinlich 22. seiner Art in unserem Hause, aus schwedischer Fichte. österreichischem Birkenholz oder vielleicht sogar südkoreanischen Brettern aus Muskatnusskolz hergestellt wurde. Ich weiß nur eines, es werden jedes Mal mehr.

Sie werden jetzt schon die ganze Zeit voller Inbrunst zum Heimwerkerhimmel flehen: “Erzähl uns, was um alles in der Welt täglich mehr wird, damit ich endlich aufhören kann weiterzulesen !” Gut, ich will Ihnen diesen Gefallen tun. Nehmen Sie sich jedoch noch kurz die Zeit und bauen Sie mit mir einen Kasten oder solch einen Schreibtisch auf, von dem ich eingangs sprach. Ich möchte Sie jetzt nicht zwingen, sofort und gleich in eines der bekannten Möbelhäuser zu rennen, zu fahren oder zu fliegen, falls Sie das mit Schweden ernst nehmen. Bauen Sie doch einfach vor Ihrem geistigen Handwerker-Auge solch ein Selfmade-Möbelstück auf. Halt, nicht so schnell ! Bevor Sie natürlich anfangen, benötigen Sie was ? Richtig, jedes gute schwedische, österreichische, südkoreanische oder Woher-auch-immer-Schnellzusammenbau-Mobiliar bringt immer zwei Dinge mit. Erstens, die Montageanleitung, also dieses: “Wie hätte es ausgesehen, wenn ich mich ausgekannt hätte !” Dieses Stückchen Papier voller Hieroglyphen, wir sprechen hierbei keineswegs um die luwische Keilschrift, wie sie z.B. von den Hethitern verwendet wurde, sondern von einer noch rätselhafteren Schrift- und Bildersprache, also diesen kaum zu entschlüsselnden Code werden Sie spätestens dann in die große Rundablage, gemeinhin als Mistkübel bezeichnet, werfen, wenn Sie nicht mehr weiter wissen. Und dieses ist spätestens beim zweiten Bild der Fall. Deshalb gilt eines, der ambitionierte und in den verschiedenen Aufbautechniken bewanderte und erfahrene Ruinenbaumeister wird diesen Zettel erst gar nicht in die Hände nehmen, sondern sofort in die besagte Rundablage legen.

Und jetzt kommen wir zum Wesentlichen, zum Existentiellen, und zwar zu zweitens. Wenn also meine liebe Tochter, dies gilt selbstverständlich auch für die beste Ehefrau der Welt, also meine Ehefrau, wieder einmal mit einem neuen Kleinod unsere Wohnung betritt, nein, auch wieder falsch. Eine der beiden, in den meisten Fällen natürlich beide gemeinsam, betreten den Hort unseres gemütlichen Zusammenlebens immer ohne das entsprechende Kleinod, sondern sagen mir dankenswerterweise, in kurzen und unmißverständlichen Worten, wo sich unser Auto befindet, damit ich entsprechende Schritte in die Wege leiten kann, also mich selbst in Bewegung setze, um die 17 verschiedenen Pakete in unser Domizil zu tragen. Und dann schlägt meine große Stunde. Ich begebe mich sofort auf die Suche nach diesem einen, jenem Paket, welches den wirklichen Schatz beherbergt, auf den ich es abgesehen habe. Ein kleiner Tipp, es ist fast immer das Paket mit den Schrauben, Scharnieren, Gummistoppeln und dem sonstigen Zubehör. Eigentlich nicht fast, sondern immer.

Drei Schritte genügen, ich bin mittlerweile so konditioniert wie die Pawlow´schen Hunde. Paket sondieren, Paket aufreissen und den Inbus-, nicht Imbusschlüssel, finden. Ich bin quasi ein Heimwerker-Eichhörnchen, auf der Suche nach der heiligen Erdnuss, oder besser gesagt dem Inbus, also der geheiligten Inbus-Erdnuss. Ja, lieber Leser, täglich werden sie mehr, die Inbusschlüssel, mit jedem neuen Schreibtisch, jedem Kleiderschrank, jedem Wandregal werden sie mehr. Ich habe mittlerweile eine regelrechte Inbusschlüssel-Sammlung, bin förmlich ein Inbusschlüssel-Kerkermeister, meine Sammlung hat nun solch gigantische Ausmaße angenommen, daß ich demnächst selbst einmal in solch ein Möbelhaus fahren werde, weil jetzt ist die Grenze meiner Lagerkapazität erreicht, ein letzter Kasten noch. Und in dem werden dann all meine Inbusschlüssel gelagert. Und danach baue ich dann meine Möbel selber. Vorausgesetzt, ich muß nicht schon wieder zum Auto, weil dann waren meine beiden Liebsten schneller.         

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