Second-Hand-Spielzeug


Heute sprechen bzw. schreiben wir alle gemeinsam einmal über Kinder. Sie wissen schon, diese menschlichen Wesen, die mehr oder weniger gerne in die Schule gehen, die noch Freude am Entdecken haben, die Spaß am Leben haben, die dem Faktor Zeit noch nicht den bedeutungsschwangeren Stellenwert geben, welcher in der Welt der Großen, also in unserer Welt des Erwachsenendaseins, mit Terminen, Stress, Hektik und anderen geheimnisvollen Faktoren verbunden ist. Wir verschwenden einmal kurz, aber bitte nur ganz kurz, schließlich müssen wir dann schon an unser nächstes Meeting denken,  einen Gedanken an unsere eigene Kindheit, richtig, dieser Zeitraum unbeschwerten In-den-Tag-hineinlebens. Was hat uns diese längst erloschene Welt doch jeden Tag für neue Schätze offenbart, neue Erlebnisse gebracht und neue Freuden, aber auch traurige Erlebnisse bereitet.

So, aber jetzt genug der Schwelgereien, zurück in unser heutiges Leben, wer Spaß haben will, soll gefälligst zu Peter Pan und in sein Nimmerland. Wir wollen uns jetzt an den Spielsachen der heutigen Kinder und Jugendlichen ergötzen. Nein, wir wollen jetzt auch nicht über Playstation, iPhone, Laptop und MTV auf dem 42-Zoll-Flachbildfernseher unseres eigenen Nachwuchses sprechen, das gehört in unserer westlichen Welt mittlerweile zu den elementaren Bedürfnissen, praktisch die unterste Stufe der Maslow´schen Bedürfnispyramide für Industrie-Nationen. Wir begeben uns für einen kurzen, aber bitte nicht allzu langen, Sie wissen schon, die Termine drohen wie das berüchtigte Damokles-Schwert über unseren Häuptern, in das schöne Afrika. Denn man höre und staune, auch dort gibt es Kinder. Und auch diese Kinder sind dem Spielen nicht abgeneigt. Aber wie wir weiter wissen, viele afrikanische Staaten sind nicht unbedingt mit diesen Luxusgütern gesegnet, wie sie in unseren Breitengraden in jeder Shopping-City und Einkaufsstrasse wohlfeil zum Verkauf angeboten werden. Dachten Sie vielleicht bisher und ich sowieso. Aber dem Elektro-Himmel sei Dank, wir alle kümmern uns geradezu rührend darum, daß die sogenannten Entwicklungsländer an unserem Wohlstand auch partizipieren dürfen.

Nehmen wir das schöne Land Ghana, ein sonniger afrikanischer Staat an der Westküste des schwarzen Kontinents. Ghana ist glücklicherweise eines jener Länder, welches durch unsere Industrie-Nationen dazu auserkoren wurde, andere hervorragende Beispiele wären Indien, Nigeria oder auch China, an unserem Wohlstand teilhaben zu dürfen. Begeben wir uns wieter in eine ländliche Idylle mit dem wohlklingenden Namen Agbobloshie, nur ein paar Kilometer außerhalb der Hauptstadt Accra. Dort herrschen paradiesische Zustände, sozusagen ein Garten Eden für Steckdosen. Wir sehen Kinder, die förmlich im Überfluss leben, überall, wohin auch unser digital getrübtes Auge blickt Kinder, die vor lauter Spielsachen gar nicht wissen, wo anfangen mit dem Spielen. Und das haben sie alles uns zu verdanken.

Wer sich erinnert, ich habe schon einmal im Artikel über die westlichen Atommüll-Transporte geschrieben, daß es sich hierbei um keinen Atommüll handelt, sondern um wiederverwertbares Recyclingmaterial. Atommüll ist erst dann Atommüll, wenn dies ausgewiesene Experten sagen, wie dumm von mir, aber ich bin eben kein Recycling-Experte. Und da in diesem Falle niemand etwas von Atommüll sagt, haben wir es folglich mit wiederverwertbarem radioaktivem Material zu tun und das kann ja bekanntermaßen wieder aufbereitet werden.  Und so verhält es sich auch mit den elektronischen Second-Hand-Spielsachen, welche wir liebevoll nach Ghana entsenden. Andere würden jetzt vielleicht sagen: „He, aber das ist ja alles Schrott. Das ist der reine Elektromüll !“ Da sind wir wieder bei den Experten, denn erst wenn der Experte laut und deutlich von sich gibt, daß es sich hierbei um Elektromüll handelt, dann ist es auch Elektromüll. Aber unsere westliche Welt hat glücklicherweise lauter Experten, welche schweigen. Und Schweigen bedeutet: Deklarieren wir den ganzen Dreck nicht als Müll, sondern als recyclefähige Wertstoffe, dann dürfen wir fröhlich alles in große Container verladen, diese Container in noch größere Schiffe und diese noch größeren Schiffe fahren in noch viel größere Entwicklungsländer und dort, ja dort fangen dann die größten Probleme an. Aber das soll nicht mehr unser Problem sein, aus den Augen, aus dem Sinn.  

Sehen Sie, es kommt eben immer auf die Sichtweise des Betrachters an. Elektro-Schrott ist es nur dann, wenn der Fernseher nicht mehr flimmert, das Handy nicht mehr tüt-tüt macht und die Playstation keine Geräusche mehr von sich gibt. Aber solange noch ein Tüt-tüt, ein Ding-Dong oder sonstige Geräusche und Bilder zu vernehmen und zu erkennen sind, ist das Ding nicht hin und was nicht hin ist, kann kein Müll sein. Ergo handelt es sich auch nicht um Elektroschrott, sondern um Second-Hand-Ware. Und diese darf ich, also nicht nur ich, sondern auch andere dem Altruismus verfallene Menschen, gemeinhin als Exporteure bezeichnet, transportieren, wohin ich will, also nicht nur ich, Sie natürlich auch, wie das mit den Lizenzen jetzt genau funktioniert, weiß ich allerdings auch nicht, da müssen Sie schon die Second-Hand-Altruisten fragen. Gut, überall hin darf dieser Elektroschrott natürlich nicht transportiert und entsorgt werden, es sollten schon ein paar tausend Kilometer zwischen uns und dem alten Handy liegen, zumindest soviele Kilometer, bis kein Anruf unter dieser Nummer mehr möglich ist. 

Wer jetzt die Frage in den Raum wirft, ob das vielleicht gesundheitliche Schäden nach sich ziehen kann, naja, so explizit ausgeschlossen kann das nicht werden. Denn alles, was von den Kindern nicht zum Spielen verwendet werden kann, wird in dem einen oder anderen Fall verbrannt. Und da Afrikas Kinder selten Zeit für diese Freizeitbeschäftigung haben, verbrennen sie ziemlich viel. Warum verbrennen diese jungen Menschen etwas, was gemeinhin als Müll angesehen wird, zumindest in unseren Breitengraden ? Hintergrund sind die im Elektroschrott, Verzeihung Second-Hand-Ware natürlich, aber Sie wissen, ich bin kein ausgewiesener Recycling-Experte, enthaltenen Kupferkabel und Kupferspulen. Die bringen Geld, nicht viel, aber was heißt nicht viel in einer Welt voller Noch-weniger. Und um an diesen begehrten Rohstoff zu kommen, wird alles verbrannt, was nur irgendwie nach Kupfer riecht. Die schönen Spielsachen werden alle verbrannt, als Brandbeschleuniger dienen alte Autoreifen und anderer Elektromüll. Und jetzt bekommt der von unserer westlichen Welt als Recyclingmaterial deklarierte Elektroschrott seinen wirklich bitteren Beigeschmack.

Wunderschöne Lagerfeuer entstehen, leicht an ihren malerischen schwarzen Rauchfahnen zu erkennen, durchzogen von lieblichen Dämpfen aus Brom, Blei, Quecksilber und chlorierten Dioxinen. Ja, ist denn das wirklich nicht gesundheitsschädlich ? Mitnichten, keineswegs, nie und nimmer, niemals. Außer Sie zählen irreparable Schäden am Gehirn und dem Zentralnervensystem zur Gesundheitsgefährdung. Aber was kümmert uns das Gehirn eines afrikanischen Kindes von 12 Jahren, wenn wir uns unsere strapazierten Gehirne zermartern müssen, was wir uns gegenseitig zu Weihnachten schenken sollen. Weshalb sollen wir uns mit fremden Nervensystemen auseinandersetzen, wo doch der neue Bluray-Rekorder ein viel besseres Klangsystem hat. Klingt seltsam, ist es auch !   

Übrigens, lieben Sie eigentlich Fisch ? Also, ich esse sehr gerne Fisch, alleine schon wegen der natürlichen und im Fisch enthaltenen wichtigen Omega-3-Fettsäuren. Deshalb kommt das Beste jetzt zum Schluß, sozusagen der Nachtisch, welcher uns serviert wird. Ghana hat sich dankenswerterweise dazu bereit erklärt, uns, die wir alle so fleissig Second-Hand-Waren exportieren lassen, an dessen Erfolg teilhaben zu lassen. Ghana exportiert mittlerweile dank seiner fischreichen Gewässer vermehrt Fisch, natürlich auch nach Europa, also zu uns. Betrachten wir nun deshalb den folgenden wunderbaren Kreislauf.

Wir exportieren Elektroschrott nach Ghana. Die Kinder verbrennen den Elektroschrott, um wertvolles Kupfer daraus zu gewinnen. Durch die Verbrennung werden Quecksilber, Blei etc. freigesetzt. Diese Schwermetalle sickern in das Grundwasser. Das Grundwasser mit den gelösten Schwermetallen fließt in die Küstengewässer. Die Fische nehmen diese Gifte auf. Ghana exportiert Fisch nach Europa. Et voila, wir haben das Quecksilber wieder dort, wo es ursprünglich herkommt, nämlich bei uns oder, viel schlimmer, plötzlich in uns. Wohl bekomm´s !

Die Welt ist schön, die Welt ist rund. Und um das Ganze jetzt noch abzurunden, sozusagen der Feinschliff, ein kleines Filmchen mit dem vielversprechenden Titel: Reportage aus Agbobloshie – Computerschrott in Accra, Ghana.

                       


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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