Paul – Der Kleine 1


Ich hätte gute Lust, meine Eltern zu verklagen. Eigentlich hätte ich sogar die Pflicht, dies zu tun. Alleine, um potentiellen Leidensgenossen diese Schmach zu ersparen, wie ich sie tagtäglich erfahren muß. Aber was hindert mich daran ? Meine sprichwörtliche Bibelfestigkeit selbstverständlich. Mein tiefer Glaube, der mir jeden Tag bereits frühmorgens durch Mark und Bein und sämtliche anderen Glieder fährt, so als würde mich die Dreifaltigkeit persönlich wecken. Und ich stehe ziemlich zeitig auf, meist noch vor dem ersten Hahnenschrei. Das ist jetzt vollkommen an den Haaren herbeigezogen, denn ein lebender Hahn in Wien ist in etwa so oft anzutreffen wie ein Priester im Bordell. Ach, Sie kennen viele lebende Hähne in Wien ? Ja dann, aber ich wasche auf alle Fälle meine Hände in Unschuld, wie dieser Pontius Pilatus damals, ja genau der, der nach der Verkündung des Todesurteils an Jesus demonstrativ seine Hände wusch, wobei ich jetzt ganz ehrlich sagen muß, ein bißchen Körperpflege hat noch keinem geschadet, auch nicht dem Statthalter von Judäa.

Ich bin mir sicher, mir wäre diese peinliche Geschichte, wie sie im Matthäus-Evangelium Kapitel 26 steht, nie und nimmer passiert. Sie wissen schon, dieser Faux-pas meines Namens-Antipoden Peter, damals sagten alle Petrus zu ihm. Sie wissen schon, dieser Dialog, welcher damit endet, daß der Chef, also dieser Herr Jesus zu seinem Vorarbeiter, eben diesem Herrn Petrus am Ende sagt: „In dieser Nacht, noch ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.“ Was lernen wir daraus ? Ganz richtig, nur ein toter Hahn ist ein guter Hahn.

Was glauben Sie, warum alle in einer Großstadt leben wollen ? Wir können schon frühmorgens lügen, daß sich die Balken biegen und kein Hahn würde danach krähen. Ja, wir Stadtmenschen sind schon bevorzugte Wesen, ganz anders wie diese Menschen auf dem Land. Die sagen beim ersten Sonnenstrahl, welcher durch das gemeinschaftliche Schlafzimmer blinzelt, zur eigenen Ehefrau: „Ich liebe Dich !“ Rumms, und der Gockel draußen macht zum ersten Mal seinen Schnabel auf. Die vor Glückseligkeit lächelnde, aber  noch vollkommen verschlafene Gattin, die Augen noch verschwollen und verklebt von den zart im Ehegemach schwebenden Blütenpollen, gibt ein zärtliches Grunzen ob dieser Liebesbezeugung von sich. Dies ist die Aufforderung für den Mann vom Lande, ein „Ohne Dich kann ich nicht leben !“ von sich zugeben. Draußen auf dem Mist wird das verdammte Federvieh zum zweiten Mal aktiv. Petrus läßt schön grüßen, also nicht der Hahn, sondern der mit dem großen Schlüssel, Sie wissen schon, Matthäus Kapitel 26, obwohl er zu dieser Zeit meines Wissens noch keinen hatte, zumindest nicht diesen Generalschlüssel, aber selbst ich weiß nicht alles, trotz meiner sagenhaften Bibelfestigkeit.

Zurück aber nun zum Kollegen aus ländlichen Gefilden, unserem Schlafzimmer-Pinocchio. Sie können sich wohl denken, was kommen muß. Die Dreifaltigkeit persönlich hat Besitz von unserem Helden ergriffen, fährt ihm durch Mark, Bein und ganz besonders andere Glieder, dieses ist jetzt mehr im Singular als im Plural aufzufassen, also aus den Gliedern wird ein einzelnes, dieses aber im Moment mehr drei als faltig. Was tun, um aus dieser Nummer rauszukommen oder besser um diese Nummer reinzubekommen ? Unserem Herkules der Hühnerfarm bleibt nichts anderes übrig, entschuldigen Sie übrigens, daß ich unserem christlichen Protagonisten jetzt auch eine Heldengestalt der griechischen Sage zur Seite stelle, also er wird förmlich dazu gezwungen, die unheilvolle Äußerung „Mit jedem Tag wirst Du begehrenswerter !“ oder so etwas in der Art von sich zu geben, je nachdem, in welchem Stadium sich die Dreifaltigkeit in Mark, Bein und eben besonders dem Rest der frömmigen Gestalt befindet. Die Schallwellen des „-werter“ stehen noch im Raum der ehelichen Pflichterfüllung, der Schwellkörper steht pflicherfüllt daneben, da hebt ein grauenvolles Krächzen unseres zweibeinigen, krallenbewehrten, männlichen Gallus gallus domesticus an, ein drittes Mal ertönt dieses anklagende Kikerki unseres gefiederten Hennen-Begatters.

Was sagt uns diese Geschichte ? Relativ einfach zu beantworten, zumindest wenn man sich wie ich die Bibel zu Herzen nimmt. Früher haben die Menschen schon gelogen, bevor der Hahn seinen Schnabel zum ersten Mal aufgemacht hat. Und heutzutage hat der Bauer erst ordentlichen Sex, wenn der Hahn seinen Schnabel endlich zumacht.                 

Aber was hat das Ganze nun mit meiner Absicht, meine Eltern zu verklagen, zu tun ? Ich werde es Ihnen sagen ! Wie bitte schön können Menschen so herzlos sein, ihrem Kind den Namen Paul zu geben ? Paul, was für eine Schmach, ich bin sozusagen gebrandmarkt für mein ganzes Leben. Ich heiße „der Kleine“, ja wirklich, alle Welt ruft mich jeden Tag nur „Hallo, Paul, wie geht´s ?“, gleichbedeutend mit „Hallo, Kleiner, wie geht´s?“ Meine Frau bittet mich: „Paul, kannst Du bitte den Mist raustragen !“ Und was meint sie wirklich ? Sie teilt mir unverblümt mit: „He, Kleiner, bring den Mist weg !“ Jeden Tag werde ich verspottet von den Großen dieser Welt, alle schauen auf mich herab, ich höre Sätze wie „Paul, Du bist großartig !“ oder „Im Großen und Ganzen bin ich zufrieden mit Dir, Paul !“. Ah, Sie wollen mich besänftigen, Sie sagen, im alten Rom stand Paulus auch für den Beinamen „der Jüngere“, Sie glauben wirklich, ich lasse mich dadurch beruhigen. Soll ich Ihnen etwas sagen ! Stimmt schon, die Geschichte mit dem Jüngeren, ja ja, aber ich bin der Erstgeborene. Also vergessen Sie das gleich wieder, ich bin nicht der Jüngere, ganz im Gegenteil, ich bin der Älteste. Ich bin der kleinste Älteste, den die Welt bis dato gesehen hat, ich bin namentlich so klein, daß ich dabei schon wieder alt aussehe.

Ganz schlimm wird es aber, wenn jemand „Paulchen“ zu mir sagt, da wird das Diminutiv für etwas gebraucht, was sowieso schon klein ist. Aus dem Kleinen wird noch etwas Kleineres gemacht, ich werde systematisch klein gemacht, mutiere sozusagen zum Mini-Kleinen. Ich werde quasi verzwergt, aus einem Zwerg wird ein Mega-Zwerg, also nicht Mega im Sinne von groß oder gigantisch, nein ich werde noch kleiner, das Mega wird in sein Gegenteil verkehrt, ich bin sprachtechnisch gesehen kein großer Zwerg, sondern werde zum Mikro-Gnom, das Paulchen ist nichts anderes als ein Mega-Paul, aber eben nicht im Sinne von „großer Kleiner“, sondern ein verkleinerter Sowieso-schon-Kleiner, ein Mega-Mini-Kleiner, eine Paul´sche Supernova. 

Seltsamerweise bin ich von uns Dreien der Kleinste in der Familie, aber das tut hier überhaupt nichts zur Sache. Das konnte ja keiner wissen, damals. Und was viele Menschen auch nicht wissen, leider sowohl damals als auch heutzutage. Kleine Menschen verdienen den gleichen Respekt, egal ob sie Paul, Paolo, Paulus, Pavel, Paulo, Pawel, Pal oder sonstwie heißen. Das gilt entsprechend für Paula, Pauline, Paola usw. Die wahre Größe eines Menschen zeigt sich nicht in dessen Namen, sondern in der Größe seines Herzens.

  


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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