Zeichen-Sprache


Sie kennen das sicherlich noch aus Ihrer Kindheit ? Diese wunderschönen bunten Heftchen, gemeinhin als Comic bezeichnet. Ach, was hatte ich damals, in den Zeiten von Schwarz-Weiß-Fernsehen und einem Telefon mit Wählscheibe, welches sich nicht überall hin mitnehmen ließ, für Helden. Einer meiner absoluten Lieblinge war natürlich diese amerikanische Maus, die ihren Siegeszug über den großen Teich mit Ende des 2. Weltkrieges antrat, jenes anthropomorphe Wesen namens Micky Maus. Was hatte diese Maus mit vier Fingern jede Woche für Abenteuer zu bestehen, welche Gefahren auch immer durch den größten Gegenspieler Kater Karlo drohten, stets siegte am Ende das Gute.

Diese Welt voller bunter statischer Bilder und zweidimensionaler Phantasiefiguren war streng reglementiert, dieser Kosmos meiner Kindheit, welcher aus gefüllten Sprechblasen bestand, war überschaubar. Alles schön übersichtlich, hier weiß, dort schwarz, es gab keine Grauzonen, alles wunderbar miminalistisch, perfekt für mein kindliches Verstehen aufgeteilt. Auf der einen Seite standen die im Dienste der Gerechtigkeit kämpfenden Lichtgestalten, altruistisch bis zum Erbrechen, und andererseits eben die dunkle Seite, die ewig verlierenden Schurken. Wöchentlich hatte Kater Karlo neue finstere Pläne, tatkräftig unterstützt von Trudi, seiner übergewichtigen Verlobten. Und wenn dem dicken Kater einmal die Bösartigkeiten ausgingen, stand immer noch die Panzerknacker-Bande mit ihrem genialen, aber doch immer wieder auf der Verliererseite befindlichen Gehirn Opa Knack bereit, lüsterne Gedanken auf den Geldspeicher von Dagobert Duck verschwendend. Von Geldgier getrieben, mit immer wieder neuen Ideen, wie man der alten, aber niemals alternden Ente, welche eine noch größere Geldgier als alle Panzerknacker miteinander besitzt, die Fantastilliarden abspenstig machen kann. Oder Klaas Klever, der zweitreichste Anthropomorphe in der Welt aus Strichen, Punkten und Farbtupfern, welcher uns als Entenhausen bekannt ist. Dieser zu cholerischen Anfällen neigende Milliardär, von Verschwendungssucht und Dekadenz geprägt, welcher seine unvermeidliche Niederlagen immer mit dem Verspeisen seines Hutes kompensierte.

Aber egal ob Dagobert Duck und Micky Maus auf der einen, der guten Seite und Klaas Klever, die Panzerknacker-AG, Kater Karlo, dem vor krimineller Energie strotzenden MacMoneysac, der ewig dem Dagobert Duck´schen Glückszehner hinterher hechelnden Hexe Gundel Gaukeley oder dem Erzschurken Plattnase, welche alle miteinander als die Verkörperung des Bösen zum Verlieren verdammt waren, einer stand immer zwischen den Fronten. Der Verlierer schlechthin, eine Symbiose aus gezeichneter Tollpatschigkeit und auf zwei Ebenen reduzierte Gutmütigkeit. 

Sein Name ? Natürlich Donald Duck, diese Unglücks-Ente, dieser sprichwörtliche Pechvogel, diese watschelnde Gestalt im blauen Matrosenanzug. Wenn einer heute noch mein vollstes Mitleid hat, dann der Neffe von Dagobert Duck, alleinerziehender Onkel der Neffen Tick, Trick und Track. Warum Onkel und nicht alleinerziehender Vater ? Ich glaube, in einer heilen Welt, bestehend aus Gut und Böse, darf es so etwas wie Sex und Geschlechtsverkehr nicht geben. Nein, nein, der Mikrokosmos Entenhausen musste eine Tabuzone hinsichtlich Fortpflanzung und Lust bleiben, Keuschheit war oberstes Gebot, wer wollte sich schon mit Themen wie Scheidung und Alimenten auseinandersetzen, wenn es doch viel bequemer war, geflissentlich darüber hinwegzusehen. Donald war zum Verlieren geboren, wer auch immer ihm das Entenleben geschenkt hat.

Geschlechtslosigkeit war Trumpf, heile Welt statt geile Welt. Es gab nur Einzelgänger, selbst Minni Maus, die Dauerflamme von Micky Maus, hatte ihre eigene Wohnung, schlafen im gemeinsamen Bett kam nicht in Frage, ein Pinselstrich genügte, um die beiden Mäuse wieder zu trennen und sie ihrem jeweiligen Refugium wieder zuzuführen. Partnerschaften bestanden nicht einmal auf dem Papier, vielleicht in meinen kindlichen Gedanken, aber niemals in dieser Welt aus Kawumm, Tschack, Bumm, Zack, Pardauz. Klack, Zisch, Tsching, Womm, Plamm, Bong und Kabong. Daisy Duck, die erklärte Freundin von Donald Duck, lebte in ewiger Keuschheit, Klarabella, ihre beste Freundin, wandelte auf Solopfaden, Goofy, der beste Freund von Micky Maus, legte nicht einmal selbst Hand an sich an, sogar die Bösewichte lebten nur einzig und allein für ihre Verbrechen, Zeit für Bordellbesuche war nicht eingeplant, wie auch, wenn die Zeichner in Diensten von Walt Disney keine bereitstellten.

Ja, meine Kindheit war eine glückliche, sozusagen sterile. Kommissar Hunter jagte die Panterknacker, er solo, sie ohne Freundinnen. Daniel Düsentrieb erfand Woche für Woche die sinnigsten und unsinnigsten Dinge, aber selbstverständlich alleine, sieht man einmal von seinem treuen Partner, der wandelnden Glühbirne Helferlein ab. Quack, der Bruchpilot, fliegt stets ohne Ehefrau, die drei kleinen Schweinchen hatten keine Schweinereien im Kopf, Ede Wolf plagten keine Gelüste nach einer paarungswilligen Wölfin und Primus von Quack, der begnadete Professor mit akademischen Graden in sämtlichen Disziplinen, lebte nur für Wissenschaft und Forschung.

Ich glaube, ich habe diese Ideale und Idole meiner Kindheit verraten. Ich habe auf unbestimmte Weise einen Treuebruch an Donald, Micky, Daisy und Minni begangen. Ich sollte mich schämen, daß ich auf solch infame und verantwortungslose Weise die Begleiter meiner Kindheit hintergangen habe. Selbst Plattnase, Kater Karlo und Opa Knack sind gegen mich nur Gelegenheitsdiebe, in ganz Entenhausen wird hinter vorgehaltener Hand über mich, den wirklichen Jahrhundertverbrecher, getuschelt. Ich kann förmlich spüren, wie sich Goofy über mich echauffiert, selbst Pluto knurrt mich, Wuff, Wuff, Knurr, Fletsch, Grr, an und Fantomias, das Alter ego von Donald Duck, hat sich gegen mich verschworen. Alle zeigen sie mit dem Finger auf mich und sagen: „Schau, der ist verheiratet ! Der macht dieses böse Wort mit drei Buchstaben, welches mit S anfängt und mit x aufhört !“

Und was soll ich sagen. Ich habe es nicht besser verdient, es geschieht mir vollkommen recht, Mitleid ist völlig fehl am Platz. Ich wurde aus Entenhausen rausgeschmissen, man hat mir von einem Tag auf den anderen meine zweidimensionale Staatsbürgerschaft entzogen, ich darf nie wieder den Geldspeicher von Dagobert betreten noch darf ich von Klarabellas Kuchen naschen. Meine Mitgliedschaft wurde aufgekündigt, Kommissar Hunter hat mich zur Fahndung ausgeschrieben, nicht einmal das Schwarze Phantom läßt mich mehr in seine Parallelwelt und A-Hörnchen und B-Hörnchen haben aus Protest ob meines frevlerischen Tuns schon ihre Streifen abgelegt. Was bleibt zu tun ? Vielleicht finde ich noch meine alten Comics mit den wirklichen Superhelden. Superman und Batman, Hulk und Spiderman, sind zwar auch alle nur Länge mal Breite, aber könnte ja sein, daß die noch nicht wissen, daß ich verheiratet bin. Obwohl, bei den Superkräften ?

Wer bliebe dann noch ? Peter Pan vielleicht und sein Nimmerland ? Nein, dies können Sie ebenfalls vergessen. Ich habe schon vorsichtig angefragt, die haben mich sofort als Captain Hook geoutet, mit der Begründung, meine eskapistischen Tendenzen seien hier unerwünscht. Jetzt bleibt mir noch die Biene Maja, aber leider habe ich keine Email-Adresse von ihr. Wenn also zufällig der dicke Willi diese Zeilen lesen sollte: „Ruf mich an !“

                               


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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