Trockengebiete 1


Die Gesellschaft lehrt uns viele Dinge, während wir langsam unseren Kinderschuhen entwachsen. Je mehr zwischenmenschliche Knotenpunkte wir knüpfen, je größer unser eigenes soziales Netzwerk wird, desto höher werden die Anforderungen, welche an uns als funktionierendes Zahnrad des großen Getriebes mit dem schönen Namen soziales Umfeld gestellt werden. Und spätestens ab dem Zeitpunkt, an dem uns unsere Windeln abgeschnallt werden, werden uns die ersten Restriktionen und Konventionen auf unsere zarten Kinderkörper gegurtet. Kaum wird uns gesagt, daß wir gefälligst unsere körperlichen Exkremente selbständig zu entsorgen haben, wird uns gleichzeitig aufgetragen, uns mit den widerlichen, allgegenwärtig durch Raum und Zeit wabernden Ausdünstungen und den an allen Ecken und Enden abgelagerten Abfällen menschlichen Handelns auseinanderzusetzen.

Es wäre eigentlich zum Weinen. Doch wir haben, wieder einmal rein statistisch gesehen und auf Hochrechnungen gestützt, nur etwa 80 Liter Tränenflüssigkeit zur Verfügung, welche wir für diese verschwenderische Tätigkeit zur Verfügung haben. Der normale Mensch, doch zeigen Sie mir bitte einen dieser Sorte, Sie natürlich ausgeschlossen, schließlich will ich Sie als Stammleser behalten bzw. als Neuleser gewinnen, auf den das Prädikat „normal“ zutrifft, dieser Durchschnitts-Tränenvergiesser muß also haushalten mit seinem Tränenvorrat.

Und da kommen wir zu unserem Dilemma der menschlichen Trockengebiete. Erwachsene Menschen haben ihre Tränen in kindlichem Eifer fast immer zur Gänze vergossen. Unser kindliches Gemüt vergiesst zu allen möglichen und unmöglichen Zeiten, Anlässen und Gelegenheiten salzige, wässrige Lösungen, welche über rosafarbene, kindliche, unschuldige Wangen kullern. Es vergiesst und vergisst. Wir, die mitleidlose Welt der Tränenlosen, diese dürre Welt der ausgeweinten, ja abgeweinten dunklen Augenhöhlen haben die Verpflichtung, diese gemachte Erfahrung unserer Folgegenerationen schonungslos beizubringen.

Gnadenlos wird uns beigebracht: „Echte Männer müssen hart sein !“ „Ein Mann weint nicht!“ „Frauen müssen ihren Mann stehen !“ Was ist nun aber die Konklusion dieser drei Sätze ? Richtig: „Echte Frauen weinen auch nicht !“ Wir haben uns unser eigenes Wasser abgegraben, in unserem kindlichen Eifer sind wir zu verschwenderisch mit unseren 80 Litern körperlichem Salzwasser umgegangen. Wir selbst haben dafür Sorge getragen, daß die Tränen der Erleichterung, die Tränen der Freude, die Tränen des Leids, die Tränen des Schmerzes, die Tränen der Wut, die Tränen der Enttäuschung, die Tränen der Liebe, ja selbst die Krokodilstränen des Mitleids versiegt sind.

Wir alle miteinander haben den Gang herausgenommen, fahren im Leerlauf ohne den Bremskraftverstärker „Ich möchte am liebsten weinen, kann aber nicht !“ den gesellschaftlichen Abgrund hinab. Der Fahrtwind bläst uns auf unserem abschüssigen Weg scharf entgegen, trocknet die letzten Reste in unseren beiden salzverkrusteten Wüsten, läßt uns unseren Nächsten nur noch unscharf erkennen. Presswehen aus Mitleid erschüttern uns, Amplituden aus Welthunger, Krisenherden und Umweltkatastrophen lösen Kontraktionen in unserer verinnerlichten Seelensteppe aus und zerren und ziehen an unserem Gewissen.

80 Liter Tränen sind geflossen, eisige Stille hat sich in uns breit gemacht, 80 Liter Persönlichkeit sind verbraucht. 80 Liter, buchstäblich den Bach hinunter gegangen.

              


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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