Bio Natur - Der Weblog

6.10.2009

franz.von.assisi@kirche.vatikan

Abgelegt unter: Tierisches — Paul Boegle @ 03:46

Ich habe zum richtigen Glauben zurückgefunden. Wie konnte ich all die Jahre, nein Jahrzehnte, nur so verblendet gewesen sein, mich an den Atheismus zu klammern, mich vom Agnostizismus verführen zu lassen und dessen höchste Stufe, den Ignostizismus als die für mich allgemeingültige Wahrheit zu betrachten ? Wie konnte ich jemals an der römisch-katholischen Kirche zweifeln, warum habe ich nicht begriffen, daß ich vom rechten Wege abgekommen bin ? Es ist zum verzweifeln, mein Zweifeln ! Aber ab jetzt wird alles besser. Ich gelobe Besserung, ich möchte wieder in die Glaubensgemeinschaft aufgenommen werden.  

Ich habe meine Atheismus-für-Fortgeschrittene-Selbsthilfegruppe mit Sack und Pack verlassen, habe ein ketzerisches “Grüß Euch Gott” in diese gottlose Runde geworfen und bin mit dem neuen Alten Testament, also dem Alten Testament, aber das völlig neu, meiner Wege gegangen. Wichtigere Dinge liegen vor mir. Mein neues Leben und ich, mein neues Altes Testament und ich, mein altes Neues Testament und ich, hab ich für diese Zwecke meinem Neffen abgekauft oder besser gesagt gegen einen gebrauchten Talar eingetauscht, weiß der T..fel, also der dunkle Herr von der Opposition,wo ich den gefunden habe. Und so machten wir uns auf den Weg, ein Dreigestirn, das neue Alte Testament, das alte Neue Testament und ich, der alte Neue. 

Mein Entschluss stand fest. Ich glaubte sogar ein mildes Lächeln ob dieser Umkehr, jener Rückkehr in die Herde des Herrn vom Nordturm des Wiener Stephansdomes erkennen zu können, nur ein kurzes Aufblitzen, ein anerkennendes Zunicken als Zeichen für das verlorenen Schaf, oder in meinem Fall eher Bock, aber wer nimmt es schon so genau bei soviel Anti-Atheismus. Und dann galt es zu überlegen, dieses neue gottesfürchtige Leben musste streng nach den Maßstäben des Schöpfers begonnen werden.

Also, was brauche ich, um gottgefällig zu sein ? Richtig, als erstes einmal meine digitale Spiegelreflexkamera. Ich zog kurz, aber wirklich nur für den Bruchteil einer Sekunde in Betracht, die kompakte Kamera meiner Tochter zu verwenden, aber wenn schon ein neues Leben auf den vatikanischen Pfaden, dann gleich mit der vollen Ladung an Megapixel. Wieviele Fotos ? Keine Frage, nach oben gibt es keine Grenzen, der Himmel hat ja schließlich auch keine. Was brauchte ich als nächstes ? Natürlich möglichst viele Vierbeiner, kriechende, hüpfende und wie auch immer sich fortbewegende Geschöpfe aus dem Tierreich. Als erstes war dementsprechend unsere Katze an der Reihe. Ich liebe dieses haarige Knäuel, welches dankenswerterweise nur dann um Aufmerksamkeit fleht, wenn es Hunger hat. Die Fotos wurden sensationell, sie haben mich geradewegs umgehauen, sie waren so vom Glauben durchdrungen, daß man sogar den Heiligenschein unserer vierbeinigen Mitbewohnerin erkennen konnte, bei entsprechender Vergrößerung unter dem Elektronenmikroskop. Und dann erst mein Leopardgecko ! Ein Traum in digital, ich denke, er wusste insgeheim, für welche Mission er sich ins richtige Licht zu stellen hatte. Welch erzkatholischer Ausdruck auf seinem verschlagenen Gesicht, fast schon menschlich. Ich fotografierte, bis die SD-Karte zum Glühen anfing, es war kein satanisches Leuchten dieses Speichermediums, mehr dieses überirdische Wetterleuchten, was sage ich, ein Licht so hell wie der Urknall oder eben kurz danach.

Und dann endlich ich selbst, das verlorene Schaf, oder in meinem Fall der verlorene Bock. Gott sei Dank, ja ich nehme diese drei Wörter mit voller Absicht in meinen sündigen Mund, habe ich mein Stativ immer in Griffweite. In geradezu andächtiger Weise beginne ich, an den kleinen Rädchen zu drehen, die Schrauben zu justieren, diese kleinen Wasserwaagen auszurichten, es erinnert geradezu an den Aufbau eines Hausaltares, ein kleiner digitaler Altar für eine große Mission. Ich mache gleich einmal 467 Fotos, die besten müssen es werden, welche jemals dieses Objektiv verlassen haben.

Und dann das großartige Finale, das Vater Unser der Bildbearbeitung, das erleuchtete Beleuchten selbst dunkelster Ecken. Ich bin sozusagen der Franz von Assisi der Digitalfotografie, ich schreibe Brehm´s Tierleben vollkommen um, ich fühle mich als Camera obscura der gesamten Christenheit, ich bin der wieder auferstandene Louis Daguerre, ein Weitwinkelobjektiv der Nächstenliebe, die neue Tiefenschärfe der 10 Gebote, der Lazarus der Lichtbrechung, ach ich könnte stundenlang so weitermachen.

Der letzte Akt meiner digitalen Wallfahrt bestand im Verfassen und Senden einer Email, im Anhang drei wunderschön herausgearbeitete Fotos der Katze, des Leopardgeckos und des verlorenen Bocks mit der Bitte um Erledigung. Der Bitte wurde entsprochen, zumindest zu zwei Dritteln. Die Katze hat ihren Segen bekommen, ihr Hunger wurde seltsamerweise dadurch aber nicht kleiner. Mein Leopardgecko hat sich mittlerweile seinen eigenen Fischerring bestellt, natürlich im Internet. Nur auf den Bock wurde vergessen.

Meine Glaubensgenossen von der Selbsthilfegruppe, Sie wissen schon, Atheismus-für-Fortgeschrittene, haben mir verziehen, zumindest teilweise. Ich darf zwar wieder mitmachen, aber sie haben mich in die Anfänger-Gruppe gesteckt. Sie glauben mir nicht ? Dann empfehle ich Ihnen einen Besuch in Linz. Wem der Weg dorthin zu weit ist, der möge sich ganz einfach diesen Artikel der Kirchenzeitung der Diözese Linz zu Gemüte führen. Es ist schon interessant mit anzusehen, mit welchen Mitteln eine Organisation arbeitet, welcher die Menschen in Scharen davonrennen. Zwei Fragen bleiben eigentlich offen. Was denken sich eigentlich all die zwangsweise gesegneten Tiere bei all diesen Verzweiflungstaten der Spezies Mensch ? Hoffen wir einmal, nicht allzu viel. Und die zweite Frage, welche mich wesentlich mehr beschäftigt: Hat Franz von Assisi auch einen Laptop und wie lautet seine wirkliche email-Adresse ?

             

Warmduscher

Abgelegt unter: Was nirgends reinpasst — Paul Boegle @ 01:43

Ich habe heute wieder einmal geduscht. Glauben Sie aber bitte jetzt nicht, daß es besonderer Erwähnung bedarf, daß auch ich dusche. Nein, ich dusche eigentlich relativ oft, nicht zu oft, nicht zu wenig, ich denke, ich bin ein sogenannter Durchschnittsduscher. Zumindest habe ich in den Weiten des Internets eine Statistik gefunden, wie oft der Durchschnitts-Deutsche dieser Beschäftigung täglich nachgeht. Und was für Deutschland gilt, sollte doch auch für Österreich eine gewisse Gültigkeit haben, also rein statistisch gesehen natürlich. Wie gesagt, so ca. 70 % der Deutschen duschen also täglich, ergo schließe ich daraus, daß auch um die 70 % der Österreicher sich dieser alltäglichen Form der Körperpflege hingeben. Ich habe also, wie schon erwähnt, geduscht, nicht zu heiß, auch nicht zu kalt, eben gerade richtig, also schön warm. Wer jetzt einwirft, dann handelt es ja in meinem Fall um den klassischen Warmduscher, o.k, die Freude sei Ihnen gegönnt, ich kann es nicht abstreiten, ich bin kein echter Mann, welcher sich bei minus 12 Grad Außentemperatur auch noch mit knapp über der Gefriergrenze temperierten Wasser dem täglichen Ritual körperlicher Reinigung hingibt. Wenn ich in Ihren Augen also der klassische durchschnittliche österreichische Warmduscher bin, gut, so sei es, kein Problem, echte Männer schauen sowieso anders aus, bin ich eben keiner.

Aber trotzdem, ich stand also unter wohlig warmem Wasser und was glauben Sie, was ich tat ? Völlig falsch, ich sang sicherlich nicht unter der Dusche. Mein Gesang, oder was zumindest ich für einen solchen halte, klingt, wenn man der besten Ehefrau der Welt, also wieder einmal meiner liebsten Gattin, Glauben schenken darf, eher dem Erste- Hilfe-Flehen eines Pavians. Andere böse Zungen, besonders die sehr perfide und spitze Zunge der besten Tochter der Welt, also unserer Tochter, führen den nicht zu entschlüsselnden Gesang der Buckelwale auf mich und meine Gesangsexperimente zurück. Nachdem ich jetzt aber in Ihren Augen bereits als Warmduscher abgestempelt bin, lassen wir sowohl Paviane als auch Buckelwale außen vor, ich dusche sowieso viel lieber alleine, schon platztechnisch gesehen hat man einfach mehr Freiräume als wenn sich links ein Pavian und rechts ein Buckelwal um die wohlriechenden Essenzen streiten. Um es kurz zu machen: Ich dachte nach. Ich ging dieser wohltuenden Tätigkeit des Nachdenkens nach. Unter der Dusche kommen mir viele Ideen, was glauben Sie z.B., woher all die Themen dieser Artikel stammen ? Die sind mir fast alle beim Duschen eingefallen, sozusagen zugeschwommen, naja nicht direkt geschwommen gekommen, es hat sie eher von oben, aus dem Brausekopf auf mich herabregnen lassen. Geschwommen wären diese Ideen dann schon eher beim Baden, aber beim Baden denke ich nicht, da überfällt mich sehr häufig dieser unbändige Drang des tiefen Nachdenkens, gemeinhin auch als Schlafen bezeichnet. Aber Duschen und Nachdenken, was für eine Kombination ! Wenn einem der Wasserstrahl auf die glatt polierte Glatze prasselt, regt dies richtig gehend meine Gehirnströme an. Man könnte fast glauben, das Wasser spült meine Gehirnwindungen aus, reißt alte, nicht mehr benötigte Gedanken mit sich fort, um Platz für neue Ideen zu schaffen.Unter der Dusche zu denken ist fast so schön wie, naja das überlasse ich nun Ihrer eigenen Phantasie. Wenn ich es recht betrachte, alle großen Erfindungen der Menschheit wurden unter der Dusche gemacht.

Das Rad wurde sicherlich an einem regnerischen Tag erfunden. Wahrscheinlich stand ein tigerfellbehangener, ziemlich bärtiger Vorfahr eines Tages im Regen, waschelnass, wie wir sagen und dachte darüber nach, wie er jetzt wohl am schnellsten in seine Höhle zu Frau und Kind kommen könne. Und da traf ihn der Blitz, nicht derjenige, welcher üblicherweise dem Donner folgt, sondern mehr der Blitz des Geistes, der Geistesblitz. Der Regen massierte sein haariges Haupt, sozusagen sein Haupthaar und gab ihm folgenden Gedanken mit auf den Heimweg: “Beim nächsten Mal nehme ich sicherlich mein Regenschirm aus echtem Fledermaus-Leder mit !” Und als er so alleine und verlassen, die Regentropfen trommelten unentwegt auf sein haariges Haupt, durch den regnerischen Wald, den Regenwald, ja den gab es damals noch, als er also so einsam vor sich hin sinnierte, nie wieder ohne meinen Regenschirm, da stand diese Idee plötzlich im Raume, mitten vor ihm auf der unbefestigten Strasse, quasi einer Wasserstrasse. Warum diese runde Form des Regenschirmes nicht auch für etwas anderes nutzen ? Was tat also unser guter Mann ? Lange Rede, kurzer Schluß: Er erfand ganz einfach das Rad und gründete das erste Taxi-Unternehmen.

Oder denken Sie an Heraklit. Panta rhei - alles fließt. Woher glauben Sie, kommt diese wichtige Erkenntnis dieses griechischen Philosophen, daß alles einem stetigen Wandel und der Mensch einem permanenten Streben nach Weiter- und Höherentwicklung unterworfen ist ? Sie haben es erfasst ! Heraklit stand unter der Dusche, vielleicht auch in einem leise vor sich hin pläschernden Fluß, wusch sich den Staub von Stirn und kleinen Zehen und sah dem davonfließenden Wasser zu. Und dann sagte er zu sich selbst: “Wer in denselben Fluß steigt, dem fließt anderes und wieder anderes Wasser zu.” Und wieder stelle ich die obligatorische Frage: Was tat also Heraklit nach dieser Erkenntnis ? Nein, er gründete sicherlich keinen Sanitär- und Installateurbetrieb, dazu war ihm die Suche nach Erkenntnis viel zu wichtig. Er gab dieses Wissen weiter, verfasste es in Worte, damit nachfolgende Generationen wie ich etwa immer noch davon profitieren können, er übermittelte diese scheinbar elementaren, aber doch so schwierigen Denkprozess ohne das Einfordern einer Gegenleistung.

Es gäbe noch viele hundert und aber hundert Beispiele, wie Duschen und große Erfindungen in scheinbar kausalem Zusammenhang zueinander stehen. Mögen sie sich auch nicht so zugetragen haben, wie ich die beiden oben angeführten Fälle beschrieben habe, der eine stellvertretend für die technische Meisterleistung eines Einzelnen, der andere ein Geniestreich eines großen Geistes einer längst vergangenen Epoche.

Ich werde weiterhin duschen und dabei immer ein kleines bisschen vom großen Baum der Erkenntnis mitnaschen. Die Früchte dieses seit Jahrtausenden in und mit der Menschheitsgeschichte verwurzelten Baumes hängen hoch, weit höher als mein kleiner Geist jemals fliegen kann. Aber warum sollen selbst Warmduscher wie ich nur einmal, ein einziges Mal nicht auch bis in die Krone blicken dürfen.

             

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