Wegwarte - Das ewige Warten am Weg
Seit ewigen Zeiten schon steht ein zartes Geschöpf am Wegesrand, erhebt fragend seinen Blick, schaut aus strahlend blauen Augen den Rastlosen und Vorbeieilenden an. Das Blau des Himmels spiegelt sich in ihrem sternenförmigen Auge wider, doch kein Blick findet sich, die Leichtigkeit und Anmut der sich sanft im Sommerwind wiegenden Gestalt zu würdigen. Je sonniger sich die Sommertage zeigen, um so strahlender lächelt sie aus ihren himmelblauen Augen, blickt morgens der aufgehenden Sonne im Osten entgegen, um am Abend ihre Augen im Westen zu schließen, einen neuen Tag erwartend, auf ihren Liebsten wartend. Der Geliebte, lange schon fort, in einen fernen Krieg gezogen, irgendwo im Niemandsland.
Was wie ein Märchen oder unerfüllte Liebe klingt, ist die Geschichte der Wegwarte, eine unscheinbare Blume, welche oftmals am Wegesrand, auf Baustellen und unbebautem Land oder auch im naturbelassenen Bauerngarten wächst. Viele von uns haben die Wegwarte sicherlich schon gesehen, doch wirklich betrachtet haben sie nur wenige. Und doch sind es gerade diese unscheinbaren Pflanzen, welche unsere Beachtung verdienen. Sie stellt nur wenige Ansprüche, klaglos wächst sie auf trockenen, nährstoffarmen Böden, weder Staub noch verlassene Fabrikgelände stören die Wegwarte, sie begnügt sich mit Schotterwegen, Böschungen, Wiesen oder verfallenen Mauern.
Doch trotz all dieser widrigen Umstände besitzt dieses unscheinbare Pflänzchen erstaunliche Fähigkeiten und Kräfte. So wurden bereits Ende des 17. Jahrhunderts die Wurzeln der Wegwarte zum sogenannten Zichorienkaffee verarbeitet, einem Kaffeeersatz, der ebenfalls in den Zeiten des Zweiten Weltkrieges geschätzt wurde. Daneben findet die Wegwarte in der Naturheilkunde ihre Anwendung, das getrockneten Kraut als Beigabe in Teemischungen hilft gegen Appetitlosigkeit, kräftigt die inneren Organe und wirkt bei Völlegefühl. Das enthaltene Inulin reguliert die Darmflora, fördert die Verdauung und dementsprechend werden diese Inhaltsstoffe der Wegwarte auch bei Diabetes eingesetzt. Es ist nicht notwendig, alle weiteren Vorteile dieses unscheinbaren und doch so herrlichen Sommerschmuckes jetzt aufzuzählen, was mir aber notwendig erscheint, ist die Tatsache, daß selbst solch ein genügsames Pflänzchen mittlerweile unseres Schutzes bedarf.
Immer weniger brach liegendes Land, immer weniger naturbelassene Wiesen, immer mehr betonierte Baustellen und immer breitere Autobahnen zwingen selbst die Wegwarte zum Rückzug. Wer also einmal an einem sommerheißen Nachmittag auf einem staubigen Wegesrand das Gefühl hat, beobachtet zu werden, der möge sich ganz schnell umdrehen. Vielleicht blicken Sie in ein himmelblaues Auge. Und wer ganz genau hinschaut, aber dafür bedarf es viel Zeit, der wird sogar das sanfte Zwinkern bemerken. Und vielleicht, aber dazu bedarf es eines feinen Gehörs, werden Sie diesen blauen Stern wispern hören: “Bist Du derjenige, auf den ich warte ?”
Die Wegwarte ist übrigens die Blume des Jahres 2009, aber dies nur so ganz nebenbei.



