Bio Natur - Der Weblog

22.9.2009

Abschied

Abgelegt unter: Garten — Paul Boegle @ 23:53


Es scheint wieder einmal die Zeit gekommen, langsam Abschied zu nehmen. Wieder heißt es, sich von Vertrautem und Neuem zu trennen, leise Lebewohl zu sagen und zu hoffen, daß sich unsere Wege im nächsten Jahr auf wunderbare Weise wieder kreuzen werden. Träge, ja fast gelangweilt fliegt eine Biene an den letzten Farbtupfern vorbei, mißmutig summt sie sich ihren Weg in kleinen Kreisen auf der Suche nach letzten Resten von Blütenpollen, läßt sich für kurze Zeit nieder, um gleich darauf die durch die Sommermonate ausgezehrten Blütenstände zu verlassen und weiterzuziehen. Weit und breit keine summende, fliegende, brummende und hüpfende Konkurrenz, einer der letzten braun-gelben Mohikaner auf dem Weg in die ewigen Bienen-Jagdgründe.

Blätter fallen bedächtig, in teils konzentrischen, dann wieder wiegenden Bahnen lassen sich auf die von Rissen durchzogene Erde nieder, hauchen dem braunen Einerlei der abgeernteten Beete eine letzte Spur von Leben ein, bedecken das vor ein paar Wochen noch vor Kraft strotzende Erdreich mit Grün, Hellbraun, grün-gelb gesprenkelten Tupfern und mit vielerlei Rot- und Orangetönen. Es scheint, als schäme sich die Natur ihrer Verbrauchtheit, ihrer beginnenden Kraftlosigkeit, als wolle sie mit diesem bunt gefärbten Kleid all ihre Unzulänglichkeiten bedecken. Blatt um Blatt fällt, reißt leise erst kleine, dann immer größer werdende Löcher in Hecken, Stauden und Baumkronen, nagt mit scharfen Zähnen am zu Ende gehenden Sommer, um Platz zu machen für den dritten Regenten des ewig gleichen Kreislaufes namens Jahreszeiten.

Eine Spinne sitzt auf in der Spätsommersonne glitzernden hauchdünnen Fäden, im ruhigen Auge ihres Spinnennetz-Zyklons leistet sie keinen Widerstand gegen den unaufhaltsamen Lauf, als wüsste sie in ihrer Gelassenheit, daß ein Davonstehlen nicht in Frage kommt. Letzte Rosenkelche wenden ihre roten und weißen Augen der gelben bereits der Südhalbkugel zustrebenden Sonne zu, eine violette Clematis zeigt noch einmal in einer allerletzten, fast überirdischen Anstrengung all ihre Pracht, um sie zum Bleiben, zum Innehalten zu bewegen. Die warme Nachmittagsluft trägt beschwingt und heiter unsichtbare verführerische Düfte von Oregano, Rosmarin, Basilikum und Zitronenmelisse in alle Ecken und Winkel, ein Potpourri aus Aromen, ätherischen Düften und kurzlebigen würzigen Wellen und süßlichen Strömen.

Riesige Engelstrompeten lassen traurig ihre mit braunen Rändern gefärbten Instrumente hängen, ein welkes Orchester, welches sein kurzes Gastspiel für ein weitere Saison als beendet erklärt und doch zufrieden mit dem Applaus der Nachbarn aus Hibiskus, Petunien, dem von oben herabschauenden Sternjasmin und der selbst als für unschlagbar geltenden Duftkombo aus römischer Laufkamille, welche ihre Geheimnisse erst auf ausdrücklichen Wunsch preisgibt.

Der Abschied fällt schwer, aber er zeigt, wie schön all diese kleinen Tiere, Blüten, Blätter, Hölzer sowie Wind, Wasser und Sonnenlicht zusammenwirken. Also, auf ein Neues, auf ein noch bunteres, noch duftenderes und noch beschwingteres weiteres Jahr, vielleicht mit uns, vielleicht ohne uns, aber hoffentlich in uns.

Wegwarte - Das ewige Warten am Weg

Abgelegt unter: Garten — Paul Boegle @ 03:48


Seit ewigen Zeiten schon steht ein zartes Geschöpf am Wegesrand, erhebt fragend seinen Blick, schaut aus strahlend blauen Augen den Rastlosen und Vorbeieilenden an. Das Blau des Himmels spiegelt sich in ihrem sternenförmigen Auge wider, doch kein Blick findet sich, die Leichtigkeit und Anmut der sich sanft im Sommerwind wiegenden Gestalt zu würdigen. Je sonniger sich die Sommertage zeigen, um so strahlender lächelt sie aus ihren himmelblauen Augen, blickt morgens der aufgehenden Sonne im Osten entgegen, um am Abend ihre Augen im Westen zu schließen, einen neuen Tag erwartend, auf ihren Liebsten wartend. Der Geliebte, lange schon fort, in einen fernen Krieg gezogen, irgendwo im Niemandsland.

Was wie ein Märchen oder unerfüllte Liebe klingt, ist die Geschichte der Wegwarte, eine unscheinbare Blume, welche oftmals am Wegesrand, auf Baustellen und unbebautem Land oder auch im naturbelassenen Bauerngarten wächst. Viele von uns haben die Wegwarte sicherlich schon gesehen, doch wirklich betrachtet haben sie nur wenige. Und doch sind es gerade diese unscheinbaren Pflanzen, welche unsere Beachtung verdienen. Sie stellt nur wenige Ansprüche, klaglos wächst sie auf trockenen, nährstoffarmen Böden, weder Staub noch verlassene Fabrikgelände stören die Wegwarte, sie begnügt sich mit Schotterwegen, Böschungen, Wiesen oder verfallenen Mauern.

Doch trotz all dieser widrigen Umstände besitzt dieses unscheinbare Pflänzchen erstaunliche Fähigkeiten und Kräfte. So wurden bereits Ende des 17. Jahrhunderts die Wurzeln der Wegwarte zum sogenannten Zichorienkaffee verarbeitet, einem Kaffeeersatz, der ebenfalls in den Zeiten des Zweiten Weltkrieges geschätzt wurde. Daneben findet die Wegwarte in der Naturheilkunde ihre Anwendung, das getrockneten Kraut als Beigabe in Teemischungen hilft gegen Appetitlosigkeit, kräftigt die inneren Organe und wirkt bei Völlegefühl. Das enthaltene Inulin reguliert die Darmflora, fördert die Verdauung und dementsprechend werden diese Inhaltsstoffe der Wegwarte auch bei Diabetes eingesetzt. Es ist nicht notwendig, alle weiteren Vorteile dieses unscheinbaren und doch so herrlichen Sommerschmuckes jetzt aufzuzählen, was mir aber notwendig erscheint, ist die Tatsache, daß selbst solch ein genügsames Pflänzchen mittlerweile unseres Schutzes bedarf.

Immer weniger brach liegendes Land, immer weniger naturbelassene Wiesen, immer mehr betonierte Baustellen und immer breitere Autobahnen zwingen selbst die Wegwarte zum Rückzug. Wer also einmal an einem sommerheißen Nachmittag auf einem staubigen Wegesrand das Gefühl hat, beobachtet zu werden, der möge sich ganz schnell umdrehen. Vielleicht blicken Sie in ein himmelblaues Auge. Und wer ganz genau hinschaut, aber dafür bedarf es viel Zeit, der wird sogar das sanfte Zwinkern bemerken. Und vielleicht, aber dazu bedarf es eines feinen Gehörs, werden Sie diesen blauen Stern wispern hören: “Bist Du derjenige, auf den ich warte ?”

 Die Wegwarte ist übrigens die Blume des Jahres 2009, aber dies nur so ganz nebenbei.         

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