Unter Beobachtung 1



Ich sitze in der U-Bahn. Ein gutes Buch in beiden Händen, zumindest jedenfalls ein dickes Buch. Aber viele Menschen sind nun einmal der Meinung, je dicker ein Buch, um so besser muß es sein. Man denke nur an das Buch der Bücher, die Bibel, was für ein Umfang, aber welch Inhalt. Aber sei es drum, ich halte also ein gutes, dickes Buch, nicht die Bibel, in meinen Händen. Doch was mache ich ? Ich starre, nicht auf die Buchstaben, nicht auf die Zeilen, ich starre aus dem fahrenden Waggon. Ich lese sozusagen zwischen den Zeilen.

Ich beobachte meine Mitmenschen, suche in den spiegelnden Fenstern nach Gesichtern, schaue mir essende, schlafende, wirklich lesende, telefonierende, gelangweilt schauende, Musik hörende, kurz gesagt schaue mir all diejenigen Menschen an, welche sich in meinem gespiegelten Blickfeld befinden. Gegenstände verlieren ihre Dreidimensionalität, verkümmern zu Länge x Breite, Fahrgäste verblassen hinter schnell vorbeiziehenden Halbrundungen, verschmelzen mit den schwarzen Tunnelwänden, Augen und Nasen werden stakkatoartig von Neonleuchten durchbohrt, zerreißen für Sekundenbruchteile Strukturen und Formen, um gleich darauf wieder im Spiegel einer verkehrten Wirklichkeit aufzutauchen, um abermals von künstlichen Lichtpfeilen durchlöchert zu werden. Immer und immer wieder, bis zur nächsten Station, bis zum Ende runder Schwärzlichkeit.  

Die U-Bahn verläßt für kurze Zeit ihren eigentlichen Bereich, den Untergrund, taucht auf in der überirdischen Welt, um sich für ein paar hundert Meter ihren Weg im Sonnenlicht zu bahnen. Die Spiegel verblassen, versperren mir die Sicht auf meine 180 Grad-Wirklichkeit, Sonnenlicht füllt die Fenster, verhüllt Schein und Sein mit gleißendem Licht. Der Vorhang fällt, für kurze Zeit werden diese Gesichter hörbar, Musik läßt sich dem eben noch Gesehenen zuordnen, Essensgerüche definieren den Sitznachbarn, das Umblättern einer Seite gehört dem Mann mit Bart und Aktenkoffer, die lachende Stimme der jungen Frau mit dem zweidimensionalen Rucksack. Ich nehme mein Buch fester in die Hände, warte auf das „Türen schließen“ und das Hinabtauchen des Kokons aus Eisen in seine angestammte Welt aus Kunstlicht und Betonröhren. Der eiserne Lindwurm nimmt Fahrt auf, die Projektionen schwimmen schnell und schneller, das Stakkato aus Neon trommelt immer heftiger auf die Köpfe, reißt Loch um Loch in Augen, Münder und Nasen.

Weiter geht die Fahrt. Gerüche und Geräusche werden wieder sichtbar, lassen sich den bereits bekannten Gesichtern zuordnen, neue Zweidimensionalitäten sind hinzugekommen, kurze Spiegelbekanntschaften verschwunden. Und plötzlich ein Augenpaar, nicht lesend, ein Mund, nicht essend, ein Ohr, nicht telefonierend, zwei Hände, ein Buch umklammernd. Ein Mensch, beobachtend wie ich. Ein anderer Voyeur. Ein Konkurrent, ebenfalls auf der Suche nach dreidimensionaler Zweidimensionalität. 

Beobachten und beobachtet werden, Teil unseres Lebens. Wir wollen sehen, ohne selbst gesehen zu werden, wollen schauen, ohne selbst anschauen zu müssen. Wir wollen erkunden, ohne selbst etwas preisgeben zu müssen, wir sind Voyeure in einer voyeuristischen Welt. Aber Vorsicht, es gibt immer einen, der uns bei unseren Beobachtungen beobachtet, auch wenn wir glauben, unerkannt in einem schwarzen Tunnel zu sitzen.           


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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