Beschleunigte Entschleunigung 1



Zuerst sollten wir einmal klären oder erklären, was das Wort Entschleunigung überhaupt bedeutet, schließlich wird es im alltäglichen Sprachgebrauch nur sehr selten benutzt, ganz zu schweigen überhaupt gebraucht. Dies mag einerseits darin liegen, dass das Wort Entschleunigung an sich sperrig daherkommt, es klingt nicht so vollmundig wie Beschleunigung. Beschleunigung ist in unserer heutigen Gesellschaft positiv besetzt, es steht für potenzierte Männlichkeit bei Autos in Form von PS, es symbolisiert Rasanz, Dynamik und schnellen Wechsel oder Wandel, es bedeutet aber auch Aufstieg, Vorwärtskommen und Weiterbewegung. Raketen beschleunigen, Formel 1-Autos beschleunigen, 100m-Sprinter beschleunigen, Felix Baumgartner beschleunigt. Alles wird dabei assoziiert mit geradlinigen, windschnittigen, kraftvollen Körpern, Formen und Menschen. Aber andererseits kommt das Wort Entschleunigung in unserem heutigen Sprachschatz nicht allzu oft vor, weil es einfach keinen Platz in unserer schnelllebigen Gesellschaft hat. Entschleunigung steht für Langsamkeit, sogar für Rückwärtsbewegung und Rückwärtsentwicklung, für Stillstand und für keinen messbaren Erfolg.

Alles wird in, nein nicht einmal in Minuten, alles wird nur noch in Sekunden, Zehntel und Hunderstel gemessen, zwei Augenblicke sind schon einer zuviel. Wer einmal zuviel zwinkert, ist schon Zweiter und der ist bekanntlich der erste Verlierer. Unser Leben besteht aus Fahrplänen, Terminkalendern, Aufeinander abstimmen von Uhrzeiten. Das vergangene Jahrzehnt wurde als die Revolution des Internets gepriesen, die komplette Vernetzung bietet den Abruf jeder Information zu jeder Tages-und Nachtzeit an jedem beliebigen Punkt unseres Planeten. Alles ist ständig abrufbar, die Ressource Mensch hat sich durch Handy, Laptop und technische Spielereien zum Spielball der permanenten Verfügbarkeit und Abrufbereitschaft degradiert. Wir rennen nicht um unser Leben, wir rennen mit unserem Leben. Atemlos, rastlos und ruhelos koordinieren wir mittlerweile fremde Probleme, welche durch die Globalisierung zu eigenen gemacht werden. Emails werden in Massen verschickt, ein Problemlöser wird sich schon finden. Unsere Städte sind von Beschleunigung umgeben, grell-bunte, schrille und laute Werbung suggeriert uns: „Wir leben noch !“. Sechsspurige Stadtautobahnen geben uns die Richtung vor, drei Spuren Fortschritt nach Westen, drei Spuren Fortschritt nach Osten.

Der Wunsch nach Entschleunigung oder zumindest nach reduzierter Beschleunigung bei mir selbst entstand unlängst wieder einmal im Betrachten und Vergleichen. Die Faszination des jamaikanischen Sprinters Usain Bolt war dabei Auslöser meiner Betrachtungen. Ein junger Mann, welcher in den Sprintdisziplinen 100m und 200m scheinbar raketengleich dahinrast, unfassbar selbst für die sogenannten Experten Weltrekorde und Fabelzeiten aufstellt, welche bisher für unmöglich gehalten wurden. Ich selbst wurde Zeuge dieser menschlichen Höchstleistungen, auch ich ließ mich vor dem Fernseher von dieser Euphorie und Faszination anstecken, welche ein Einzelner auslösen kann. Doch gleichzeitig werden wohl viele hinterfragt haben, ob und wie sich diese Beschleunigung eines Menschen noch steigern ließen, mit welchen Hilfsmitteln auch immer. Dabei soll jetzt nicht einmal das allgegenwärtige Thema Doping im Vordergrund stehen, sondern wieviele Millionen in die Entwicklung neuer Beläge der Tartanbahnen gesteckt werden, wieviele Windkanalmessungen noch notwendig sind, um die optimalen Sprintanzüge, Sprintschuhe und die bestmögliche Startposition zu entwickeln und zu erforschen. Wann ist der Mensch in seiner Gigantonomie endlich zufriedengestellt, wann kann er endlich von sich behaupten, jetzt habe ich die absolut mögliche, menschenmögliche Beschleunigung erreicht. Ich glaube, aufgrund unseres Strebens, uns über jedes andere Lebewesen der Schöpfung stellen zu wollen, wird der Mensch erst dann Ruhe geben, wenn er auch das schnellste Lebewesen des Erdballs ist.

Also, lieber Wanderfalke und sehr geehrter Gepard: Seid nicht so überheblich und arrogant in eurer Beschleunigung, haltet ein im Geschwindigkeitsrausch. Schließlich soll ja schließlich der Mensch der König der Lüfte und Herr über alle Lebewesen, auch die schnellsten sein. Verderbt uns nicht unsere Freude an unserer Vormachtstellung, vielleicht kehrt dann wieder einmal etwas Ruhe ein in unserer rasanten Welt. Ich habe übrigens in unserem kleinen Garten einen wunderbaren Duftrasen aus römischer Laufkamille angelegt.

Und jeden Tag in der Früh stelle ich mich mit einem großen Häferl Kaffee auf die Terrasse, schaue dem Duftrasen beim Wachsen zu, ganz ohne Stoppuhr. Und jeden Tag wächst die Kamille um einen, manches Mal sogar um drei Millimeter. Zumindet glaube ich das, so ganz ohne Maßband läßt sich das mit bloßem Auge nicht feststellen. Aber eigentlich will ich es auch nicht so ganz genau wissen, denn ich habe unseren Garten zur entschleunigten Zone erklärt, hier beschleunigt jeder, sei es die Ligusterhecke, der Duftrasen, die Lilien, Petunien, Rosen und natürlich auch die Bienen, Wespen, Spinnen, Grashüpfer und Marienkäfer ganz so, wie es im eigenen Ermessen steht. Und wer vom Beschleunigen genug hat, der entschleunigt eben so wie ich jetzt, denn mein Häferl Kaffee ist schon wieder einmal leer.


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.


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Ein Gedanke zu “Beschleunigte Entschleunigung

  • Fritz Dobretzberger

    Darf ich hier einen künstlerischen, wissenschaftlich fundierten Beitrag zum Thema „Entschleunigung“ vorstellen, in das sich der Künstler über sieben Jahre lang (!) vertieft hat: „DIE GEBURT DER SONNENTROMMEL“ von tOM Sonnentrommler.

    Der ursprüngliche Puls des Lebens ist in den Evolutions-Frequenzen zu finden, auf denen unser Dasein beruht: Im Rhythmus unseres Erdentages – des „All-Tags“, wie auch im Takt des Erdenjahres oder in den Zyklen unseres Mondes. Hier pulsieren die Rhythmusgeber unserer inneren Körperuhren. Und auf genau diese Frequenzen ist das CD/DVD-Projekt „Die Geburt der Sonnentrommel“ mit der ruhigen, entschleunigenden Musik des Sonnentrommlers eingestimmt.

    Nach einer Formel des Schweizer Mathematikers Hans Cousto hat der Sonnentrommler die Zyklen der Erde, des Mondes und der Sonne promillegenau in den menschlichen Hörbereich gebracht. Spezielle Tonstudiogeräte – und nicht zuletzt auch Instrumente wie die Sonnentrommel selbst – wurden extra für dieses Projekt entwickelt und hergestellt. Denn auch der mythologisch-ethnologische Hintergrund ist Bestandteil des Gesamtwerkes: So begleitete unter anderem eine Schamanin den Musiker beim Bau der Trommel.

    Die Musik-CD enthält in einem Datenteil ein umfangreiches eBook mit allen künstlerischen, wissenschaftlichen, philosophischen und technischen Hintergrundinformationen (auch online frei verfügbar). Der CD liegt zudem eine Bonus-DVD mit einem Musik- und Kunstfilm bei, der „Die Geburt der Sonnentrommel“ audiovisuell dokumentiert.