Stur wie ein Esel
Wurden Sie schon einmal mit dieser tierischen Eigenschaft bezeichnet bzw. hat Ihnen schon ein Ihnen wohlgesonnener Artgenosse dieses freundlicherweise gesagt ? Dann gebe ich Ihnen den guten und wohlgemeinten Rat: Seien Sie stolz darauf und bedanken Sie sich für dieses Kompliment ! Denn was gibt es Schöneres als mit dieser hervorragenden Eigenschaft diesen grauen Schreihalses in Verbindung gebracht zu werden.
Sie glauben mit nicht ? Sie sind ebenso der irrigen Meinung, daß diese sprichwörtliche Sturheit des Esels ein Manko dieses vierbeinigen Zeitgenossen ist ? Mitnichten, nein, ganz sicher nicht ! Denn gerade dieses Stursein ist vielmehr ein Zeichen eines vorsichtigen und bedachten Durch-das-Leben-gehen. Ein Esel stellt erst dann auf stur, wenn er der eselhaften Meinung ist, daß dies für sein Eselsleben von Nachteil sein könnte. Und da der Esel und seine Vorfahren schon seit mehr als 6000 Jahren eine Zweckgemeinschaft mit dem Menschen eingegangen sind, werden sie es wohl besser wissen. Ein Esel ist anders wie das Pferd kein typischer Bewohner flacher Steppen, Graslandschaften und Savannen. Er liebt das Gebirge mit all seinen Steinen, riesigen Felsblöcken, schmalen Pfaden, Schluchten und steilen Abhängen. Und deswegen ist ein Esel auch kein Fluchttier, welches durch hohe Geschwindigkeit seinen Fressfeinden zu entkommen versucht. Natürlich, 50 km/h spitze sind auch nicht zu verachten, aber was nützt dies im Gebirge ?
Deshalb wählt Herr und natürlich auch Frau I-A einen anderen Weg, den sprichwörtlich sicheren Weg. Der Mensch nutzt den Esel schon seit Jahrtausenden als Last-, Packtier und Reittier, er dient ihm als Transportmittel und, eine ganz interessante Sache, als Frühwarnsystem gegen Raubtiere. Dieser treue Weggefährte verrichtet klaglos seine Dienste, genügsam in seinen Ansprüchen, solange, ja solange er dem Menschen vertrauen kann. Wie gesagt, solange er dem Menschen dahingehend vertrauen kann, daß dieser den richtigen, den für das Eselsleben sicheren Weg wählt. Aber wehe, er ist der Meinung, der Weg könnte ihn in den Abgrund führen, könnte Schluß machen mit seinem Eseldasein, mit seinem beschaulichen Eselleben. Dann sagt er sich so ganz bei sich und im eselsgeheimen: “So, bis hierher, aber keinen Schritt weiter ! Wie kann dieser Esel auf zwei Beinen glauben, daß ich auf diesem Weg, nein auf diesem Höllenpfad weitergehe. Die Vorsicht ist der Esel der Porzellankiste !” Denn die Vorsicht ist die große Stärke des Esels, nicht die ihm oft nachgesagte Charaktereigenschaft der Sturheit. Der Mensch in seiner unendlichen Arroganz sollte diese beiden Dinge nicht miteinander verwechseln. Esel arbeiten gerne und Esel arbeiten viel, aber nur auf freiwilliger Basis. Und als Grundlage für dieses Miteinander dient das Vertrauen. Fühlt sich der Esel vom Menschen hintergangen, sagt er ganz einfach stopp. Und dann beginnt der Esel mit dem, was er eigentlich vom Menschen erwartet: Er denkt nach. Er sucht sich selbständig Lösungsmöglichkeiten und erst wenn er der Meinung ist, die Lösung läßt sich mit seinem Naturell der Vorsicht vereinbaren, dann sagt er weiter.
Es wäre wünschenswert, wenn sich der Mensch nicht immer um seine eigenen Belange kümmern würde, so manches Mal wäre etwas mehr Respekt vor der Natur, vor der Kreatur, sicherlich angebracht. Es ist zwar wunderschön, wenn sich die Menschen als die höchste Schöpfung Gottes betrachten, aber der Esel als Stellvertreter für Vorsicht und gesundes Mißtrauen denkt in diesem Punkt ein bisschen anders. Wenn Sie also wieder einmal als sturer Esel bezeichnet werden, freuen Sie sich, als vorsichtiger Mensch angesehen zu werden und tun Sie mir einen Gefallen: Sagen Sie ganz einfach “Danke”.



